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Gegen irdische Widerstände

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„Ein bewundernswerter Ort“: Blick auf den Planeten Erde von der Internationalen Raumstation.
„Ein bewundernswerter Ort“: Blick auf den Planeten Erde von der Internationalen Raumstation. © NASA/Unsplash

In einem Land, in dem Frauen noch oft benachteiligt werden, haben es Chiaki Mukai und Naoko Yamazaki weit gebracht – im wahrsten Sinne: Sie sind Japans einzige Astronautinnen. Eine Geschichte über zwei Wegweisende.

Frankfurt – Ganz nach oben zu kommen, ist für Frauen in Japan nicht leicht. In einem Land, in dem Macht und Geld immer noch hauptsächlich in Männerhand liegen, sind Frauen, die Karriere machen, die Ausnahme. Und noch seltener ist es, dass sie dabei Geschichte schreiben. Zwei Frauen haben es dennoch getan. Die einzigen beiden Astronautinnen Japans. Die Erste von ihnen, Chiaki Mukai, kommt 1952 in Gunma zur Welt, einer Präfektur nördlich von Tokio, bekannt für heiße Quellen und Skigebiete. Ihre Eltern hätten ihr immer gesagt, wie wichtig es sei, eine gute Bildung zu haben, um Geld zu verdienen: „Ich sollte von niemandem abhängig sein.“ Im Japan der 1950er Jahre ist das – ähnlich wie damals in Deutschland – eine eher ungewöhnliche Einstellung.

Schon als Mädchen begeistert sich Mukai für Naturwissenschaften. Sie liebt es, Tiere zu beobachten, fängt kleine Fische und Langusten und zieht sie bei sich zu Hause auf. Sie lernt Skifahren und nimmt als Studentin an Wettkämpfen teil. Da merkt sie, dass sie schneller ist als so manche Männer.

1994 zum ersten Mal im All: Chiaki Mukai.
1994 zum ersten Mal im All: Chiaki Mukai. © JAXA NASA

Oft ist Mukai eine Frau unter vielen Männern. Sie studiert Medizin an der Keio Universität in Tokio und arbeitet anschließend als Ärztin. 1983 erfährt sie, dass Japan erstmals Menschen für die Raumfahrt ausbilden will, und bewirbt sich. „Ich wollte meinen Horizont erweitern und die Erde vom All aus sehen.“ Es folgt ein langes, aufwendiges Auswahlverfahren. Einer der bekanntesten Tests ist die Humanzentrifuge. Dabei dreht sich die Apparatur immer schneller um die eigene Achse, das Blut schießt in die Füße. „Wenn dir da nicht schlecht wird, stimmt mit dir etwas nicht“, scherzt Mukai. Im Sommer 1985, im Alter von 33 Jahren, wird sie schließlich als eine von drei Kandidat:innen ausgewählt. Bis sie tatsächlich ins All fliegt, sollen aber noch neun Jahre vergehen.

Knapp ein halbes Jahr später, am 28. Januar 1986, zerbricht das Space Shuttle „Challenger“ kurz nach dem Start vom Kennedy Space Center in Florida – alle sieben Crew-Mitglieder kommen ums Leben. Es ist das bis dato schlimmste Unglück in der Geschichte der US-Raumfahrt. „Ich war schockiert“, sagt Mukai. Trotzdem habe sie nicht daran gedacht aufzuhören. Denn: Eine hundertprozentige Sicherheit könne es niemals geben.

Astronautinnen in Japan: „Ich bin die Schönste an Bord“

1994 bricht Mukai schließlich zu ihrem ersten Flug ins All auf: mit der internationalen Mission STS-65 – als erste Japanerin überhaupt und als einzige Frau unter sechs Männern. Auf Pressekonferenzen fragen viele, wie das sei, als einzige Frau im Team? „Wundervoll, ich bin die Schönste an Bord“, scherzt sie.

Als Sally Ride 1983 im Alter von 32 Jahren als erste US-Amerikanerin ins All flog, wurde ihr die Frage gestellt, ob der Aufenthalt im Weltall ihre Gebärfähigkeit negativ beeinflusse oder ob sie auf der Mission weinen werde, wenn etwas schiefginge. Mukai sagt, ihr seien solche Fragen nie gestellt worden. Allerdings sei sie bei ihrer ersten Reise auch schon 42 Jahre alt gewesen.

Pionierin – und Mutter: Naoko Yamazaki.
Pionierin – und Mutter: Naoko Yamazaki. © JAXA NASA

Anhand von Fischen untersucht sie, welche Auswirkungen die Schwerelosigkeit auf den Körper hat. Bei ihrer zweiten Mission im Jahr 1998 ist sie erneut die einzige Frau. Bei dem neuntägigen Aufenthalt im All geht es auch darum herauszufinden, welche Auswirkungen die Schwerelosigkeit auf Menschen im hohen Alter hat. Dafür ist der US-Astronaut John Glenn an Bord. Der damals 77-Jährige stellt damit den Rekord als ältester Mensch im All auf. Erst 2021 wird dieser Rekord durch die US-Amerikanerin Wally Funk und schließlich durch den 90-jährigen William Shatner, bekannt als Captain Kirk aus „Raumschiff Enterprise“, gebrochen.

Heute verbringen Astronaut:innen oft mehrere Monate im All. Ihre Körper gewöhnen sich an die Schwerkraft, ihre Muskeln bilden sich zurück. Sie vermissen ihre Familien und ihren Freundeskreis. Und sie richten sich einen Alltag ein, haben Freizeit, die es zu füllen gilt. Bei Mukai war das anders. Ihr längster Aufenthalt dauerte zwei Wochen, und in dieser Zeit hätten sie und ihr Team hunderte Experimente durchgeführt. Meist sei sie so erschöpft gewesen, dass auch das ungewohnte Schlafen in der Schwerelosigkeit sie nicht gestört habe. Doch so oft sie Zeit hatte, habe sie die Erde betrachtet. „Egal, wie lange man schaut, man will immer noch mehr und mehr sehen.“ Am eindrucksvollsten war für Mukai aber die Rückkehr zum Planeten.

Die weibliche Seite der Raumfahrt: Japanerinnen im All

Als sie im Spaceshuttle saß, habe sie gespürt, wie die Schwerkraft wieder einsetzte. Es war, als stehe jemand auf ihren Schultern und drücke sie nach unten, erzählt sie. Zurück auf der Erde kann sie zunächst nicht aufrecht gehen. Alles fühlt sich schwer an, selbst eine Visitenkarte. Dieses Gefühl hält drei Tage an. In der dritten Nacht möchte sie am liebsten gar nicht ins Bett gehen. Sie spürt, sie würde dieses Gefühl am nächsten Tag verlieren. „Es war wie bei der kleinen Meerjungfrau, die aus den Tiefen des Meeres kommt und zum ersten Mal die Sonne sieht“, erzählt Mukai, „alles war sehr neu für mich.“

Nach ihren Reisen ins All arbeitet die heute 69-Jährige in der Forschung und Lehre, unter anderem an der International Space University im Elsass und für die japanische Raumfahrtbehörde JAXA. Seit 2015 ist sie Vizepräsidentin der Tokyo University of Science. Dort leitet sie außerdem das sogenannte Space Colony Research Center – eine vor fünf Jahren gegründete Organisation, deren Ziel es ist, Technologien zu entwickeln, die im All, aber auch auf der Erde nützlich sind, etwa um den Anbau von Gemüse zu ermöglichen, Wasser zu sparen oder Elektrizität zu gewinnen.

Japanerinnen im Weltall: Dort oben gibt es keine Diskriminierung

Während Deutschland bis heute noch keine Astronautin ins All geschickt hat, fliegt 2010 Naoko Yamazaki als zweite Japanerin für 15 Tage mit der Mission STS-131 als Teil eines US-Teams zur ISS. Als Ingenieurin bedient die damals 39-Jährige einen Roboterarm. Anders als Mukai ist Yamazaki Mutter, weshalb ihr von der Presse der Spitzname „Mama-san“ gegeben wird; „San“ entspricht der deutschen Anrede für Herr und Frau. Doch Yamazaki mag den Namen nicht; Männer seien nicht so auf ihr Vatersein reduziert worden. Dabei sei das Weltall ein ziemlich gleichberechtigter Ort, findet Yamazaki. Auch Mukai berichtet, sie habe sich bei ihrer Arbeit im Team nie diskriminiert gefühlt.

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Schon als Kind sieht Yamazaki gerne Science-Fiction-Filme und liest Comics. Dass sie selbst einmal Astronautin werden könnte, kommt ihr damals nicht in den Sinn. Das ändert sich, als die „Challenger“ verunglückt, Yamazaki ist damals 15 Jahre alt. Dabei stirbt auch Christa McAuliffe, die über das Teacher-in-Space-Programm der NASA teilgenommen hatte.

Japanische Astronautinnen: Pionierinnen mit Selbstbewusstsein

Der Gedanke, dass sogar eine Lehrerin Astronautin werden konnte, ermutigt Yamazaki. Sie entschließt sich, Raumfahrttechnik an der Tokyo University zu studieren. Wenn sie damals jemandem von ihrem Berufswunsch erzählte, hätten die Leute gedacht, dass sie einen Scherz machte. „Selbst meine Eltern dachten das“, erinnert sie sich. Doch 1999 wird Yamazaki als Astronautin ausgewählt. Es dauert noch elf Jahre, bis sie tatsächlich ins All fliegt.

Auch diesmal kommt ein tragischer Unfall dazwischen: der Absturz des Space Shuttles „Columbia“. Yamazakis Tochter ist damals noch kein Jahr alt und sie befürchtet, dass die Mission zu gefährlich ist. „Ich wollte ins All, aber ich wollte meine Familie nicht opfern.“ Aber der Wunsch ist schließlich doch stärker als die Sorge.

Wer als Elternteil ins All fliegen will, muss mit den gleichen irdischen Herausforderungen leben wie andere. Was bedeutet, dass die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf meistens dazu führt, dass die Frauen am Boden bleiben. Was viele nicht bedenken: Astronaut:innen sind nicht nur im Weltraum unterwegs, sondern müssen auch lange Trainingseinheiten – oft im Ausland – absolvieren. Beides zu vereinbaren, sei nur möglich gewesen, weil ihr damaliger Ehemann seinen Job gekündigt und die Kinderbetreuung übernommen habe, erzählt Yamazaki. Ein Modell, das nicht nur in Japan sehr ungewöhnlich ist. In den Medien wird sie damals dafür kritisiert – es heißt, sie lasse ihr Kind im Stich. Legt sie eine Trainingspause ein, um sich um ihre Tochter zu kümmern, wird ihr vorgeworfen, dass ihre Ausbildung von Steuergeldern finanziert werde. Was sie auch tut, es hagelt Kritik.

Japans Frauen im All: Mädchen für Naturwissenschaften begeistern

Um es für Frauen einfacher zu machen, müssten vor allem Geschlechterklischees überwunden werden, sagt Yamazaki. Viele Mädchen begeisterten sich für das Weltall, doch es gebe Druck aus der Gesellschaft, dass Naturwissenschaften nichts für Mädchen seien. Yamazaki selbst besuchte eine reine Mädchenschule. Dort sei es normal gewesen, sich für Naturwissenschaften zu interessieren. Und die Lehrerinnen seien ein Vorbild für sie gewesen.

Heute ist Yamazaki Präsidentin des „Young Astronauts Club“, der auch Mädchen dazu ermutigen soll, eine Karriere in der Raumfahrt anzustreben. Außerdem hat sie 2018 die „Space Port Japan Association“ mitgegründet, die Japans erste Startrampe bauen will, um selbst Raketen ins All zu schießen. Als sie auf der Erde war, habe sie gedacht, dass das Weltall sehr besonders sei, sagt Yamazaki. Doch als sie dort ankam, erschien ihr die Erde „in den unendlichen Weiten dieser Dunkelheit als ein sehr bewundernswerter Ort“. (Eva Casper)

Dieser Text ist bereits auf der Plattform „Deine Korrespondentin“ erschienen. Er wird hier als Teil einer Kooperation mit der Frankfurter Rundschau veröffentlicht.

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