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Jan Böhmermann

Rassismus: „Polizistensohn“ Jan Böhmermann fordert Polizei im ZDF heraus

  • vonMirko Schmid
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Polizistensohn und ZDF-Star Jan Böhmermann prangert im „ZDF Magazin Royal“ die „rassistischen Einzelfälle“ in der deutschen Polizei offen an.

  • ZDF-Satiriker Jan Böhmermann geht in seiner Sendung „ZDF Magazin Royale“ hart mit der deutschen Polizei ins Gericht.
  • Der Vorwurf von Jan Böhmermann: In der deutschen Polizei gibt es strukturellen Rassismus.
  • Polizeigewerkschafter Rainer Wendt lacht über rassistische Karrikaturen.

Köln-Ehrenfeld - Jan Böhmermann macht keinen Hehl daraus, Sohn eines Polizisten zu sein. Mit seinem viralen Hit „Ich hab Polizei“ positionierte sich der Satiriker schon 2015 als subtiler Kritiker von Polizeigewalt und strukturellem Rassismus („Polizei heißt Torsten, Melanie und Thomas“) in den Reihen der deutschen Exekutive.

Rassismus: „POL1Z1STENS0HN“ Jan Böhmermann nimmt sich die deutsche Polizei zur Brust.

Jan Böhmermann kritisiert Horst Seehofer und die deutsche Polizei

Im Rahmen seiner nun ins Hauptprogramm des ZDF gewechselten Sendung nahm er sich am Freitag (4.12.2020) nun erneut die deutschen Ordnungshüter zur Brust. Schon die Einleitung hat es in sich: „Meine Damen und Herren, Sie wissen, ich bin ein besonderer Norddeutscher. Aber es gibt zwei Themen, bei denen flippe ich regelmäßig aus. Thema Nummer eins: Wenn es zum Mittagessen Polenta gibt. Polenta ist kein Essen, sondern eine Menschenrechtsverletzung. Und Polente. Die deutsche Polizei liegt mir am Herzen. So sehr, dass ich mich wie eine Bullenmutter vor die Polizei stelle und sie verteidige. Zur Not sogar gegen den Bundesinnenminister.“

Und Jan Böhmermann, einmal in Rage, führt fort: „Ich bin beim Thema Polizei grundsätzlich leidenschaftlich. Aber ganz anderer Meinung als Sie, verehrter Bundesinnenminister. Denn ich bin nicht nur Sohn eines Polizisten, ich habe unter meinem geheimen Rap-Pseudonym „POL1Z1STENS0HN“ sogar die einzige Polizeihymne geschrieben, die Polizisten nur heimlich geil finden dürfen.“ Sarkastisch und vieldeutig fügt er hinzu: „Also neben dem Horst-Wessel-Lied.“

Jan Böhmermann lässt Polizisten zur Sprache kommen, die über Rassismus berichten

Die folgenden Minuten nutzt Jan Böhmermann für eine öffentlich-rechtliche Abrechnung mit dem Thema Rassismus in der Polizei. Er zeigt ein Video, in dem ein junger Polizei-Aussteiger sagt „Es gibt gewisse braune Strömungen in der Polizei, die die Ausnahme sind. Aber leider ist die Masse nicht in der Lage, diesen Ausnahmen entgegenzutreten. Wenn zum Beispiel jemand sagt, dass man einem ‚Kanaken‘ einen Stempel auf die Stirn brennen sollte, um ihn gleich zu erkennen.“ Das Video stammt aus dem Jahr 1994.

Andere Zeiten? Jan Böhmermann stellt dem historischen Dokument ein Video aus dem Jahr 2020 entgegen, in dem ein ehemaliger Polizeischüler erzählt: „Ich habe ganz unterschiedlichen Rassismus erlebt. Aussagen von einem Schießlehrer, der gesagt hat, dass wir gut schießen lernen müssen, weil so viele Geflüchtete nach Deutschland kommen.“ Böhmermann: „Rassismus in der deutschen Polizei - ein Problem seit vielen Jahrzehnten.“ Bundesinnenminister Horst Seehofer kritisiert er dafür, sich einer Studie zu strukturellem Rassismus in der Polizei zu verweigern.

Prof. Dr. Tobias Singelnstein im Programm von Jan Böhmermann: 15 bis 20 Prozent der Polizei rassistisch

Jan Böhmermann zitiert den Polizeiforscher Prof. Dr. Tobias Singelnstein (Ruhruniversität Bochum), der schätzt, dass 15 bis 20 Prozent aller deutschen Polizistinnen und Polizisten „gefestigte rassistische Einstellungen“ mit sich tragen. Er spricht rassistische WhatsApp-Gruppen und das Abrufen von Daten deutscher Moderatoren von Polizeicomputern und die Weitergabe an Neonazis an. Der Satiriker wörtlich: „Klar, man denkt als Laie: Fuck, wir haben riesige rassistische Nazi-Netzwerke bei der Polizei.“ Mit dem Satz „Polizei-Profis und Sicherheitspolitiker wissen“ leitet er daraufhin ein Statement des NRW-Innenministers Herbert Reul ein, der sagt: „Wir haben haben jetzt sechzehn weitere Einzelfälle.“

Satiriker Böhmermann resigniert: „Ab wie vielen Einzelfällen wird ein Einzelfall zum Normalfall?“ Böhmermann stellt fest: „Wir alle übernehmen rassistische Stereotype. Unsere Nachkriegsgesellschaft wurde von Kartoffeln für Kartoffeln gebaut. Unsere deutsche Kultur ist geprägt von Vorurteilen gegenüber all jenen, die nicht Torsten, Melanie und Thomas heißen.“ Einspieler Dieter Nuhr: „Schade.“ Und Böhmermann fährt fort: „Ja. Aber ich habe als Polizistensohn immer beigebracht bekommen: Wenn man Unrecht sieht, dann muss man was machen. Vor allen Dingen, wenn Polizisten Unrecht begehen und zu Tätern werden. “

Jan Böhmermann erklärt Polizei-Spruch „Dein Freund und Helfer“ zur NS-Propaganda

Die daraufhin eingespielte MAZ zeigt auf, dass von mehr als 2.000 angezeigten Polizei-Übergriffen jährlich nur unter zwei Prozent vor einem Gericht verhandelt werden. Böhmermann: „Bei allen anderen Straftaten schaffen es 20 Prozent der Anzeigen bis vor die Richterin. Also zehnmal mehr, wenn es nicht gegen die Polizei geht. Untersuchungen belegen: Die überwiegende Mehrheit der Opfer zeigt Polizeigewalt gar nicht erst an. Bringt ja eh nichts. Wer will schon Ärger haben mit unserem ‚Freund und Helfer‘?“

Apropos „Freund und Helfer“: Jan Böhmermann ruft - hinter ihm ein Plakat der NSDAP - ins Gedächtnis, dass dieser Ausdruck von niemand anderem geprägt wurde, als von den Nazis: „Wir sollten langsam mal anfangen, über diesen Slogan nachzudenken. Dieser Satz ist NS-Propaganda.“ Böhmermann: „Freundschaft ist gut. Aber Freundschaft braucht Vertrauen. Wer kontrolliert denn die Polizei? Ach ja, die Polizei selbst. Das ist, wie wenn man Schüler ihre eigenen Arbeiten kontrollieren lassen würde. Alle haben eine Eins. Und keine Fehlstunden. Und Hitzefrei bis August.“

Polizei: Jan Böhmermann fordert Transparenz und unabhängige Kontrollen

Jan Böhmermann fordert Transparenz und unabhängige Kontrollen. Er vergleicht Rechtsextremismus in der Polizei mit dem Magazin „Guido“ von Modeschöpfer Guido Maria Kretschmer: „Hat bislang keiner mitbekommen, überrascht aber auch niemanden, dass es das seit Jahren gibt.“ Es folgt eine besondere Pointe: „Die Polizei hat den sehr guten Ruf von WhatsApp-Gruppen auf Jahre zerstört.“

Anschließend zeigt Jan Böhmermann einen Fall aus dem Jahr 2015 auf. Ein Beamter war sich nicht zu schade, in einer der WhatsApp-Gruppen einen „Weihnachtsgruß“ mit Hitler-Bildchen mit den Worten „Ho-ho-Holocaust“ abzuschließen. Ergebnis: Versetzung. Allerdings nicht für den „Ho-ho-Holocaust“-Beamten, sondern für denjenigen, der ihn gemeldet hatte. Der „witzige“ Autor der Weihnachtsbotschaft wurde stattdessen gemäß Böhmermann-Recherche: befördert. Böhmermann: „Er hat sich ho-ho-hochgehetzt. Die Polizei Berlin hat ihn vor Kurzem zum Kriminaloberkommissar in einer Brennpunkteinheit befördert.“

Jan Böhmermann: „Die deutsche Polizei hat ein Rassismusproblem“

Jan Böhmermann schließt daraus: „Die deutsche Polizei hat ein Rassismusproblem.“ Er nutzt das Kinderlied „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ als Beispiel für strukturellen Rassismus. Böhmermann: „Wenn drei Weiße friedlich mit dem Kontrabass auf der Straße gesessen und sich was erzählt hätten, wäre bestimmt keine Polizei gekommen. Und hätte gefragt ‚was ist denn das?‘ Das kann ich Ihnen sagen, was das ist. Das ist Racial Profiling.“

Böhmermann pointiert: „Die Polizei kontrolliert lieber drei Chinesen mit dem Kontrabass oder vier ‚Nafris“ mit dem Xylophon oder fünf Schwarze mit dem gläsernen Konzertflügel als sechs Jochens mit dem Butterfly-Messer.“ Anschließend zeigt er verstörend rassistische Karikaturen aus dem Kalender der „Deutschen Polizeigewerkschaft“ Bayerns. In einer wird ein Schwarzer mit Schlauchbootlippen der Polizei vorgeführt. In seiner Sprechblase steht: „...was heiß‘ hie‘ Ve‘dunklungsgefah‘....?!“ (sic).

Polizei-Gewerkschafter Rainer Wendt lacht über rassistische Karikaturen

Jan Böhmermann dazu: „Die ‚Deutsche Polizeigewerkschaft‘, meine Damen und Herren, das ist der Saftladen von Rainer Wendt. Die Kalender waren so rassistisch, dass der Kalender sogar vom Münchener Polizeipräsidenten verboten wurde.“ Den, so Böhmermann „rechtspopulistische Tatütata-Lobbyist und Maischberger-Dauerkartenbesitzer“, zitiert der Satiriker in diesem Zusammenhang mit „die Motive sind für viele Kollegen und Kolleginnen unterhaltsam und da wird auch immer wieder herzhaft drüber gelacht.“

Es mag kaum verwundern, dass dieser Rainer Wendt der Grund für einen Streit in der Sachsen-Anhaltinischen CDU war, der zur schleichenden Entmachtung und zum letztendlichen Rauswurf des dortigen Innenministers und als Kronprinz des Ministerpräsidenten Rainer Haseloff gehandelten Holger Stahlknecht führte, der Wendt zum Staatssekretär machen wollte. Jan Böhmermann zieht ein Fazit: „Die deutsche Polizei ist nicht das Spiegelbild der Gesellschaft. Sie muss besser sein.“ (Mirko Schmid)

Rubriklistenbild: © Matthias Balk/dpa

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