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Aktivisten der Bürgerinitiative "Pro Pödelwitz" und von Umweltverbänden stehen demonstrieren im März am Tagebau "Vereinigtes Schleenhain" in Pödelwitz für den Erhalt des Dorfes.

Braunkohle

700 Jahre Heimat für ein Jahr Feuer

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Das Dorf Pödelwitz bei Leipzig soll geschlossen werden, weggebaggert, damit dort Braunkohle abgebaut werden kann. Eine kleine Gruppe Anwohner will das verhindern.

Wenn er mit der Arbeit fertig ist, dreht er seine Runde durchs Dorf. Jeden Abend, zwei Kilometer, zu Fuß, frische Luft, nachsehen, sich umsehen. Durch sein Dorf oder das, was noch ist: Pödelwitz, 20 Kilometer südlich von Leipzig, ein altes Bauerndörfchen, um 1350 taucht es erstmals in Urkunden auf, die kleine Kirche mit ihrem Glockenstuhl von 1549 steht noch. Alte Eichen und Kastanien, Gärten, die sich in wilde Natur verwandeln, ein paar Wege, ein leeres Bahnhofshäuschen. Ein kleiner Ort, ein großer Sommer, ein schöner Abend, Ruhe, himmlische Ruhe. Manchmal sieht er Rehe, manchmal den Dachs, der zwischen Apfelbäumen herumstreicht. Thilo Kraneis, 50 Jahre alt, Schlosser, gerade von der Arbeit zurück, steht vor seinem alten Haus, er blickt sich um, kleine Pause, er lauscht: „Herrlich, die Ruhe, ein Traum.“

Kraneis will aber nicht. Es gibt noch zwei andere im Dorf, seine Nachbarn Jens Hausner und André Kremkow. Sie sind die „Bleiber“, sie wollen nicht gehen, sie sehen es nicht ein, sie widersetzen sich. „Ich bin mit 16 umgezogen, ich musste, auch das Dorf wurde weggebaggert. Also kamen wir hierher. Das Haus hier ist von 1908, wir haben alles renoviert, wir haben damals die Steine sortiert, Kabelschächte gehackt, alles gemacht. Das ist mein Heim und das soll es bleiben.“ Den Kremkows war es ähnlich ergangen, sie mussten 1983 aus Droßdorf wegziehen. Ihnen war versprochen worden: danach nie wieder.

Kohle statt Pariser Abkommen

Tagsüber baut Kraneis in seiner kleinen Firma Tore, Fenstergitter, Türen. Sein alter Vater hilft mit. Abends liest er sich ein in Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts, in Papiere von Umweltschutzverbänden, sächsische Landtagsdrucksachen, das CDU-Wahlprogramm, das Pariser Klimaschutzabkommen von 2016, Braunkohlepläne oder Mitteilungen des Umweltbundesamtes.

Über die Jahre ist er ein Naturbursche, Fachmann für deutsche Energiepolitik und Heimatkundler geworden. „Niemand braucht die Kohle unter Pödelwitz“, sagt er. „Seit Jahren redet die Bundespolitik vom Kohleausstieg, es gibt das Pariser Klimaschutzabkommen. Aber nichts passiert.“

Tatsächlich haben Kraneis und seine wenigen Mitstreiter allerbeste Argumente für die Rettung ihres Dorfes. Es ist noch nicht allzu lange her, da wurde der Nachbarort Heuersdorf weggebaggert. Der Sächsische Landtag beschloss 1998 per Gesetz den umstrittenen Abriss Heuersdorfs und klassifizierte gleichzeitig den Ort Pödelwitz als „Schutzgut“ ein. Damals hieß es, mit dem Abriss Heuersdorfs ab 2006 und der Nutzung der Braunkohle sei das benachbarte Kraftwerk in Lippendorf, das aus dem Tagebau Vereinigtes Schleenhain täglich mit 35 000 Tonnen gefüttert wird, bis 2040 ausgelastet. Im Braunkohleplan ist Pödelwitz nicht einmal als Abbaugebiet vorgesehen, dort steht es als „Vorbehaltsgebiet“.

Aber das nützt alles nichts, wenn eine Menge Geld ins Spiel kommt. Der Tagebau wird von der MIBRAG betrieben, der Mitteldeutschen Braunkohlegesellschaft, seit 2009 Teil der tschechischen Industrieholding EPHt. Ihr gehören zusammen mit anderen Finanzpartnern mehrere Tagebaue und Kraftwerke in Deutschland. Seit 2010 versucht die MIBRAG, sich Pödelwitz Stück für Stück zu kaufen, die allermeisten Häuser und Grundstücke besitzt sie schon.

„Man muss es so sagen“, meint Kraneis: „Wir hatten eine Bürgerversammlung damals, Umsiedlung ja oder nein. 51 Prozent waren dafür, 17 dagegen.“ Vor drei Jahren (beim letzten Besuch dieser Zeitung im Dorf), seien die meisten noch da gewesen.

Keine Geschäfte, keine Feuerwehr

„Nun sind fast alle, die weg wollten, auch tatsächlich weg.“ Die Freiwillige Feuerwehr gibt es nicht mehr, im November 2015 aufgelöst, weil nicht mehr genügend mitmachten. Der Bäckerwagen kommt auch nicht mehr, Läden gibt es sowieso nicht. Es ist eigentlich nichts mehr da. Zweimal die Woche kommt noch ein Metzgerwagen mit Wurst und Fleisch. Und an der Bushaltestelle steht morgens nur noch ein kleines Mädchen, das in die Schule im Nachbarort Groitzsch fährt. „Es waren mal 18 Kinder“, sagt Kraneis.

Die angebotenen Summen ließen die meisten Pödelwitzer schwach werden: Haus und Grund so berechnet, als drohte kein Wertverlust, plus 75 000 Euro extra. „Manche bekamen jetzt ein Haus mit Keller, Ältere waren froh, ein kleineres Haus zu bekommen und ihren alten Bauernhof los zu sein“, erzählt Kraneis. Und wieder andere, die in den 1990ern neu gebaut hatten und nun erste Reparaturen machen mussten, die hätten einfach ein neues Haus genommen. Für Mieter gab es neue Wohnungen zu billigsten Konditionen. So kam, was kommen musste, zwischen 2014 und heute waren die meisten Pödelwitzer weg. „Wollt ihr wirklich eine Wüste vor der Tür haben?“, habe ihn damals sein Nachbar Siegfried Brummer gefragt, als er aufbrach.

Kraneis zuckt mit den Schultern, während er erzählt. So seien die Leute nun mal. Ihm wird sein Dorf unterm Hintern weggekauft. Zermürbungstaktik: Je weniger Einwohner, desto weniger Widerstand. „Alles nicht so einfach.“ Mit manchen, die wegzogen, redet er noch, manche grüßt er nur. Nun denn.

Unterstützung von Umweltverbänden

Greenpeace, BUND und andere Umweltschutzverbände unterstützen Kraneis und die paar „Bleiber“, wo es geht. Um Pödelwitz zu retten, meint Kraneis, müsste die CDU/SPD-Regierung unter Kanzlerin Angela Merkel nur ihre eigenen Umweltziele und Reden über Klimaschutz ernst nehmen: Das CDU-Programm zur Bundestagswahl, das Öl, Kohle und Gas langfristig ersetzen will. Ein Klimaschutzplan der Bundesregierung gibt bis zum Jahr 2050 weitgehende CO2-Neutralität vor. Bis 2030 soll die deutsche Energiewirtschaft ihre Treibhausemissionen gegenüber dem Wert von 2014 etwa halbieren: Von 358 auf 175 bis 183 Millionen Tonnen. Mit der Braunkohleverstromung, wie sie derzeit betrieben wird, ist das unmöglich zu erreichen.

Für den BUND heißt das: „Große Teile der zum Abbau genehmigten Braunkohle in den Tagebauen werden im Boden bleiben und sächsische Kraftwerksblöcke weit vor 2030 den Betrieb einstellen müssen.“ In Ostsachsen und Südbrandenburg beginnt es schon: Im März teilte die Lausitz Energie Bergbau AG (LEAG) mit: Der Tagebau Jänschwalde Nord soll auffgegeben, die Abbaupläne für Nochten II sollen verkleinert werden. Sechs Dörfer können bleiben.

 Pödelwitz, vermutet der BUND, wäre erst ab 2025 an der Reihe. Warum soll der Ort, der eigentlich „Schutzgut“ ist, trotzdem noch weg? Laut BUND hat die MIBRAG in den vergangenen Jahren sechs Prozent mehr Kohle aus dem Tagebau vor Pödelwitz abgebaggert, als das Kraftwerk Lippendorf jährlich verfeuern kann. Mindestens 1,4 Millionen Tonnen seien nach Tschechien in dortige Kraftwerke exportiert worden. 80 Millionen Euro soll das Unternehmen allein zwischen 2007 und 2015 mit dem Überschuss an Kohle verdient haben. Die komplette Umsiedlung von Pödelwitz sei für 15 Millionen Euro zu haben. Ein Klacks.

Die Schlosserei von Thilo Kraneis ist fast 100 Jahre alt. Sein Großvater gründete die Firma. Kraneis hat selbst als Schlosser für die MIBRAG gearbeitet, bis 2012, dann, sagt er, ging es nicht mehr. „Ich kann doch nicht für ein Unternehmen arbeiten, das meine Heimat zerstört.“ Vor seiner Werkstatt hat er eine Holzbank aufgestellt. Für Pausen. Zum Nachdenken.

Fast dreihundert Jahre lang ist der Leipziger Süden Braunkohlerevier. So wie die Lausitz in Brandenburg und Ostsachsen oder das Rheinische Kohlerevier zwischen Aachen und Köln. Es ging los im Jahr 1669, als der Altenburger Stadtphysikus Dr. Matthias Zacharias Pilling „brennbare Erde“ fand. 1718 entstand der erste Tagebau. Seit vier Generationen wird das Land hunderte Meter tief ausgegraben, Dörfer werden abgerissen, Menschen umgesiedelt. Bis heute: 51 000 aus 126 Dörfern oder Ortsteilen: Schleenhain, Pulgar, Piegel, Droßdorf, Peres, Breunsdorf, Leipen, Heuersdorf – alles Orte, die es nicht mehr gibt. Kleine Rundlingsdörfer mit einer Kirche, Wiesen drumherum und kleinen Bauernhöfen, alle verschwunden zwischen 1964 und 2008, insgesamt 400 Quadratkilometer Land. Zurück blieben staubige Mondlandschaften und Tagebaulöcher, die sich langsam in Steppen und saure Seen verwandeln, aus denen Jahrzehnte später dann vielleicht einmal grüne Naherholungsgebiete werden. Kraneis kennt es zur Genüge: In Droßdorf kam er zur Welt, in Peres stand seine Schule, in Heuersdorf hat er geheiratet. „Hinter mir wurde alles abgerissen“, sagt er.

Kranert weiß immer genau, wer ins Dorf kommt oder wer wegfährt. Er erkennt die Wenigen, die mit ihm geblieben sind, am Klang der Automotoren. Wenn er auf seiner Bank sitzt, hört er sie: „Ach, der Toyota. Ach, der Mercedes, ach, der Mazda.“ Viele sind es nicht mehr.

Neben der Eiche mitten im Dorf spaziert ein Wachmann auf und ab. Er nickt kurz, dann geht er schnell weiter. Er hat den Tagdienst und muss aufpassen, dass niemand die leergezogenen Häuser besetzt. Oder beschädigt. Oder was auch immer. „Es ist ein Witz“, sagt Schlosser Kraneis und erzählt, wie sie im Frühjahr 1000 Osterglocken gepflanzt hatten als Protestzeichen. Und wie Greenpeace-Leute dann loszogen, um einige der Häuser zu reparieren, in welche die MIBRAG kopfgroße Löcher gebohrt habe. „Denkmalgeschützte Häuser“, sagt Kraneis. „Kalter Abriss. So lässt man alles verfallen.“ Dann sei die Polizei angerückt.

Gottesdienste gibt es noch

Seit einem Jahr versuchen Kraneis und sein Nachbar, der Bauer Hausner, herauszukriegen, was die MIBRAG genau vorhat. Am 21. Juli 2016 haben sie Einsicht in die Betriebspläne für die Tagebaue beim Sächsischen Oberbergamt beantragt. Bis heute, so Kraneis, habe er keine Antwort erhalten. Man rede sich auf Datenschutz und Betriebsgeheimnisse heraus, sagt er. „Alles Irrsinn. Welche Geheimnisse verbirgt denn ein alter DDR-Kohlebagger?“ Sein Dorf solle zerstört werden, er schreibe dem zuständigen Amt und das rühre sich nicht? „Wir sind denen wohl nicht wichtig genug?“

Die Kirche steht noch. Es gibt Gottesdienste, eine Pfarerrin betreut die kleine Pödelwitzer Gemeinde mit. Kraneis ist im Kirchenvorstand, er kümmert sich. Die Kirche müsste renoviert werden, sagt er. Farbe, Holz, Mauerwerk, vor allem innen. Hätte er auch schon längst machen können, will er aber nicht.

Kraneis will warten. Er will den großen Streit um sein Dorf gewinnen. 700 Jahre Heimat gegen ein Jahr Kohleverfeuerung, mehr oder weniger. Verkaufen wird er sein Haus nicht. Man muss ihn enteignen, er wird klagen und durch alle Instanzen gehen. Notfalls, sagt er, bis zum Europäischen Gerichtshof. Und wenn er dann gewonnen habe, sagt er, dann erst würde er die Kirche renovieren. Zusammen mit den Neubürgern, die nach Pödelwitz kämen, um sich dort im Speckgürtel Leipzigs niederzulassen. „Zusammen mit den Neu-Pödelwitzern.“ So sieht er aus, sein Traum. Neu-Pödelwitz. „Ausgang offen“, sagt er.

Die Sonne scheint, es ist ein großer Sommertag, es ist ruhig im Dorf, an der Eiche steht der Wachmann und raucht, ein Milan kreist am Himmel. Zeit für einen kleinen Spaziergang. Kraneis wirkt unerschütterlich. „Ich lebe, als ginge es 1000 Jahre weiter so“, sagt er und so wie er es sagt, darf man ihm das auch glauben.

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