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Italienisches Schichtprinzip im Bett

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Von: Regina Kerner

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Unter dem Überwurf verbirgt sich ein kompliziertes Konstrukt.
Unter dem Überwurf verbirgt sich ein kompliziertes Konstrukt. © REUTERS

Die Italiener haben für ihr Nachtlager das Schichtprinzip aus der Antike beibehalten. Paare müssen zusammenrücken. Sich individualistisch in seine eigene Decke einzukuscheln, ist in Italien nicht üblich.

In der Antike hatten die Römer aufwendige Nachtlager – zumindest die wohlhabenden – und bedeckten sich je nach Jahreszeit mit vielen Schichten aus dünnen Decken und Tüchern. So beschreiben es jedenfalls die Historiker. Die Italiener haben das Schichtprinzip beibehalten und perfektioniert. In Millionen Haushalten und Übernachtungsbetrieben zwischen Padua und Palermo wird beim Bettenmachen ein strenges Muster befolgt: 1. Laken Nummer eins wird über die Matratze gelegt und umgeschlagen. 2. Laken zwei kommt darüber, es wird am Fußende und an den Seiten unter die Matratze gestopft und festgezurrt. 3. Eine kratzige, meist dunkelbraune und muffig nach Mottenkugeln riechende Wolldecke folgt, jedenfalls im Herbst und Winter. Sie wird ebenfalls an drei Seiten unter die Matratze geklemmt, ein Stück von Laken Nummer zwei wird am Kopfende darüber geschlagen. 4. Ein riesiger schwerer Bettüberwurf bedeckt alles.

Außerdem galt für italienische Betten früher: A. Das Kopfkissen ist hart wie ein Stein. B. Die Unterlage ist so weich, dass sich der Schläfer unmöglich auf den Bauch drehen kann, weil es sich im Hohlkreuz schwer atmet. Zumindest in diesen beiden Punkten haben sich die Italiener inzwischen eines Besseren besonnen.

Kein Entkommen

Römische Bekannte behaupten, sie könnten überhaupt nur zur Ruhe kommen, wenn alle Laken und Decken sorgfältig um die Matratze geschlagen sind. Ausländern und Touristen bereitet die Schlafkultur südlich der Alpen dagegen häufig Probleme. Um sich zuzudecken, gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder man positioniert sich am Kopfende des Bettes und schlüpft mit den Beinen voran unter die Laken- und Deckenschichten. Danach ist man allseits eingezwängt wie eine Raupe im Kokon und kann Beine und Füße kaum bewegen. Man beginnt unweigerlich zu schwitzen, aber es gibt kein Entkommen. Die Alternative besteht darin, mit etwas Kraftaufwand alles unter der Matratze hervorzuzerren. Dabei gerät die Schicht-Komposition in Unordnung. Während der Nacht verrutschen die Laken, man wird wach, weil die Wolldecke auf dem Bauch oder im Gesicht kratzt und man auf der blanken Matratze liegt. In Hotels und Pensionen ist das auch deshalb unangenehm, weil die Decken selten gewaschen werden. Welcher Gast sie zuletzt auf der Haut hatte, möchte man lieber nicht wissen.

Fast noch schwieriger ist es zu zweit. Sich individualistisch in seine eigene Decke einzukuscheln, das ist in Italien nicht üblich. Paare rücken zusammen und teilen. Das klassische Ehebett ist 1,60 Meter breit und nur 1,90 Meter lang, das „lenzuolo matrimoniale“, das „Ehe-Laken“ zum Zudecken, misst dafür 2,40 Meter auf 2,80 Meter – eine Herausforderung beim Bügeln. Es wird natürlich nach dem geschilderten Prinzip an drei Seiten unter die Matratze geklemmt. Dennoch klagen selbst italienische Paare, es komme häufiger vor, dass im Schlaf einer dem anderen die Decke wegzieht.

Wer beim Urlaub in Italien unbedingt sein eigenes Laken möchte, kann in fast allen Hotels auch ein Doppelzimmer mit getrennten Betten verlangen. Die sind dann allerdings oft so schmal, dass die Gefahr besteht herauszufallen.

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