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Nicht ohne Grund ist diese Aussicht das beliebteste Postkartenmotiv der winzigen Mittelmeerinsel.
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Nicht ohne Grund ist diese Aussicht das beliebteste Postkartenmotiv der winzigen Mittelmeerinsel.

Reisen

Italienische Kulturhauptstadt 2022: Unentdecktes Reiseziel Procida

  • VonMichaela Namuth
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Die Seefahrer von Procida haben ihren Frauen einst die Insel überlassen, als sie aufs Meer hinausfuhren. Die Kultur, die so entstanden ist, macht das Mini-Eiland im Mittelmeer zu einer touristischen Attraktion

Ich bin eine Seefahrertochter und das hat mein Leben geprägt“, sagt Chiara Pisani und knabbert dabei an einer Zitronenscheibe. Sie sitzt in einem der typischen Inselgärten, die ihre Pracht hinter hohen Mauern verstecken. Zwischen pinkfarbenem Bougainvillea und duftenden Rosen wachsen die berühmten Zitronen von Procida, von denen eine einzige auch mal ein Kilo wiegen kann. Vom Garten kann man direkt zum Meer hinuntersteigen und von flachen Felsen ins türkisfarbene Wasser springen.

Chiara hat versucht, der winzigen Insel im Golf von Neapel und auch dem Schicksal der ewig wartenden Seefahrerfrau zu entkommen. Sie hat in Neapel studiert und gejobbt. Schließlich kam sie zurück und hat auf Procida eine Musikschule für Jazz und eine Zimmervermietung geleitet. Am Ende hat auch sie einen Seefahrer geheiratet, der allerdings schon lange nicht mehr hinausfährt. Heute ist Chiara fast 60 und ans Fortgehen denkt sie nicht mehr. „Diese Insel lässt einen nicht los“, erklärt sie. Und jetzt ist sie stolz darauf, dass mit Procida erstmals eine Insel zur italienischen Kulturhauptstadt für 2022 gekürt wurde. Den Ausschlag dafür haben die besondere Lage und die besondere Geschichte der kleinen Welt mitten im Meer gegeben.

Die kleine Insel Procida wurde zur italienischen Kulturhauptstadt 2022 gekürt

Wie das Leben der Insulanerinnen und Insulaner so ist auch die Geschichte Procidas von der Seefahrt geprägt. Seit den Zeiten der Phönizier sind die Männer monate- oder gar jahrelang hinaus aufs Meer gefahren. Die Frauen waren für alles verantwortlich, von der Kindererziehung bis zu den Finanzen. Das war oft ein einsames Leben, aber dafür haben sie ihren Alltag selbst bestimmt und die Männer brachten gutes Geld nach Hause.

Chiaras Mutter erinnert sich noch daran, dass die Frauen der ärmeren Nachbarinsel Ischia mit gefüllten Körben auf dem Kopf nach Procida kamen, um Obst und Gemüse zu verkaufen. Das mussten die Frauen der Schiffsbauer und Seefahrer nicht tun. Ihr traditionelles Gewand ist prunkvoll mit Goldstickerei verziert und ähnelt eher einem Prinzessinnenkleid, als volkstümlichen Schürzentrachten.

Der Wohlstand und die Seefahrertradition haben sich bis heute gehalten. Procida war noch nie eine typische Fischerinsel, auch wenn früher viele Familien von der Fischerei lebten und ein paar dies heute noch tun. Der Fischerhafen Coricella mit den typischen pastellfarbenen Häusern ist dennoch die meistverkaufte Postkarte der Vulkaninsel, die – im Gegensatz zu den berühmten Nachbarinnen Capri und Ischia – bei ausländischen Reisenden weniger bekannt ist.

Chiara Pisani wollte in ihrer Jugend einfach nur weg von Procida. Inzwischen kann sie sich keine andere Heimat mehr vorstellen.

In der Sommersaison platzt sie trotzdem aus allen Nähten, weil dann traditionell die neapolitanischen Urlaubsgäste von der Fähre auf die Insel strömen und ihre angestammten Ferienwohnungen belegen. Das Geschäft mit der Zimmervermietung ist wie vieles andere Frauensache – seit Schriftstellerinnen und Regisseure die Mini-Insel in den 1950ern und 60ern für sich entdeckten. Elsa Morante hat Procida damals ihren Roman „Arturos Insel“ gewidmet.

Die andere italienische Insel: Procida ist vor allem unter einheimischen Reisenden beliebt

Bis heute ist die Anzahl der Ferienwohnungen und Hotelzimmer aber eher übersichtlich, denn 90 Prozent der Wohngebäude werden von den 10 000 Insulanerinnen und Insulanern selbst genutzt. Diese verteilen sich auf einer Fläche von nur 3,7 Quadratkilometern und somit hält Procida den Rekord, die dichtbesiedeltste Insel Europas zu sein.

Das bekommt man zu spüren, wenn man durch die Straßen ohne Gehsteige läuft und von Autos, Rollern und Elektrorädern – auf denen auch Elfjährige herumrasen – an die Hausmauern gedrängt wird. Deshalb ist es Reisegästen auch untersagt, eigene Fahrzeuge mitzubringen. Die Insel ist dicht bebaut und vom Anlegehafen Marina Grande über die mittelalterliche Festung Terra Murata bis zum Touristenhafen Chiaiolella ein einziger Ort, den man zu Fuß durchqueren kann. Allerdings verweisen viele Schilder auch auf Wege, die hinaus aus der verbauten Landschaft zu idyllischen Stränden und einsamen Leuchttürmen führen.

Bürgermeister Raimondo Ambrosino kommt bei der Frage, wo man denn die Besucherinnen und Besucher der künftigen Kulturhauptstadt überhaupt unterbringen wolle, dennoch nicht in Verlegenheit. „Wir schotten uns nicht ab, sondern beziehen das Festland und andere Inseln in die Initiativen, Laboratorien und Veranstaltungen mit ein“, erklärt er. Diese Haltung haben er und sein Team mit dem einprägsamen Slogan „La cultura non isola“ auf den Punkt gebracht und damit die Kulturstadtkonkurrenz geschlagen. Das Wortspiel kann auf Deutsch sowohl mit „Kultur ist keine Insel“ als auch mit „Kultur isoliert nicht“ übersetzt werden.

Als Kulturhauptstadt will Procida das Programm auch aufs italienische Festland ausweiten

Praktisch bedeutet es, dass auch Veranstaltungen auf dem Festland geplant sind, das nur 3,4 Kilometer entfernt liegt und schnell mit der Fähre zu erreichen ist, und dass dort auch ein Teil der Besucher unterkommt. Bereits im 18. Jahrhundert, als die Marine von Procida zur königlichen Flotte der Bourbonen gehörte, wich die Bevölkerung auf das Festland aus, da die damals 16 000 Einwohner auf der Insel keinen Platz mehr fanden. Sie gründeten den Küstenort Monte di Procida, der bis 1907 zum Inselterritorium gehörte. Geologisch gesehen ist Procida auch Teil der ebenfalls aus vulkanischem Tuffstein entstandenen Phlegräischen Felder. Diese einzigartige Natur- und Antikenlandschaft bei Neapel stand bereits auf dem Reiseprogramm Goethes und der Grand Tour seiner Zeit.

„Procida war noch nie eine einsame Insel und soll es auch heute nicht sein“, sagt der Bürgermeister, der mit einer linksdemokratischen Bürgerliste gewählt wurde. Und er erklärt, dass das detaillierte Programm für 2022, das aktuell 44 Kulturprojekte vorsieht, im September vorgestellt wird. Neben Kultur soll es auch gesellschaftliche Inklusion fördern. Symbol dafür sind die mittelalterlichen Gemäuer des ehemaligen Gefängnisses Palazzo D’Avalos, wo ein Kulturzentrum eingerichtet werden soll.

Das Programm, das mit einer Million Euro von der Europäischen Union und drei weiteren Millionen von der Region Kampanien finanziert wird, hat sich neben der Kulturförderung auch „soziale Zufriedenheit“ zum Ziel gesetzt. Eine der ersten Initiativen, die bereits in Angriff genommen wurden, ist ein offenes und selbstverwaltetes Zentrum für Frauen mit psychischen Problemen. Diese waren bislang auf dem Festland untergebracht und sind nun nach Procida zurückgekehrt.

„Wir schotten uns nicht ab“, sagt Bürgermeister Raimondo Ambrosino.

Auch die Flüchtlinge, die auf der Insel leben, nehmen an den Initiativen teil. In einem Musiklaboratorium stellen sie die Instrumente aus ihren Heimatländern vor. Seit 2017 nimmt Procida Immigrantinnen und Immigranten auf, die auf der Insel verteilt, in privaten Wohnungen unterkommen.

Die Insel der Seefahrerfrauen: Heute bringt Procida eine junge Generation von Seefahrerinnen hervor

Das staatlich finanzierte Programm dauert anderthalb Jahre, danach müssen sie sich selbstständig versorgen. Einige von ihnen arbeiten in der Hauptsaison in Hotels, Restaurants oder Strandbars. Das sind Jobs, die in anderen süditalienischen Urlaubsorten von jungen Einheimischen übernommen werden. Nicht so der Nachwuchs auf Procida. „Die jungen Leute verdienen mehr, wenn sie sich bei der Marine oder auf Kreuzfahrtschiffen anheuern lassen“, erklärt der Bürgermeister.

Die Ausbildung dafür erhalten sie am Istituto Nautico, dem Institut für Schifffahrt, das 1833 gegründet wurde und zu den ältesten Italiens gehört. Der Abschluss ist dem Abitur gleichwertig und nicht nur die Jungs, auch viele Mädchen gehen auf die Seefahrtsschule. Auch Chiara Pisani hat hier vor vierzig Jahren das Abi gemacht, aber wie die meisten Frauen ihrer Generation einen anderen Weg eingeschlagen. Sie wollten zwar keine Seefahrerfrauen mehr sein, aber auch keine Seefrauen werden. Heute ist das anders.

Es gibt immer mehr junge Procidanerinnen, die sich für die Schiffskarriere entscheiden, die eine sichere wirtschaftliche Zukunft bedeutet.

Wie die 20-jährige Carmen Trapanese, die auf einem Riesenkreuzschiff als Assistentin für den sogenannten Shop Manager arbeitet. Ihr Ziel ist es, selbst Chefin, also verantwortliche Offizierin für den gesamten Gästebereich zu werden. Um das zu erreichen, muss sie noch oft anheuern. Jede Reise fern der Heimat dauert zwischen drei und vier Monaten. Aber das mache ihr nicht viel aus. „Das ist unsere Welt auf der Insel, wir sind immer mitten auf dem Meer“, sagt sie.

Reiseziel Procida: Die italienische Mini-Insel wird zur Kulturhauptstadt 2022

Fast alle in ihrer Familie fahren zur See. Ihr Vater war Bootsmann und Carmen, die einzige Frau in der Familie, tritt in seine Fussstapfen. Und sie glaubt, dass dies genau die richtige Entscheidung war: „Mir macht es Spaß, fremde Orte kennenzulernen und ich genieße es unabhängig zu sein und mein eigenes Geld auszugeben.“

Das eigene Geld auszugeben war für die Großmütter von Carmen und den anderen Seefahrerfrauen noch kein Thema. Dabei haben sie es oft selbst verdient. Sie haben nicht nur Zimmer an Sommerfrischler vermietet, sondern waren auch dabei, als Procida am Boom der Petrodollars verdient hat – nach der langen Krise der Schifffahrt, die nach der Umstellung von Segel- auf Dampfschiffen bis in die 1950er Jahre dauerte. Die Autorin Elisabetta Montaldo erzählt in ihrem Buch „Procida“, dass damals viele junge, arbeitslose Insulaner auf den Öltankern anheuerten. Die Vermittlung an die Schiffsgesellschaften wurde von einer Gruppe Frauen, meist Mütter von erfahrenen Seeleuten, übernommen. Viele Söhne kamen nach Jahren der harten Schiffsarbeit traumatisiert zurück. Das verdiente Geld wurde in Häuser investiert und so die Insel systematisch zugebaut.

Auch diese historische Episode hat Chiaras Leben geprägt. Ihr Mann ist einer von denen, die von einem der Öltanker zurückkamen und seitdem nie wieder aufs Meer wollten. Aber darüber möchte er nicht sprechen, wie viele Männer. „Die Geschichten der Insel erzählen meistens die Frauen“, sagt Chiara Pisani und sie hofft, dass diese Geschichten auch im Jahr der Kulturhauptstadt erzählt werden.

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