Space Walker: Thomas Reiter bei einem seiner Außeneinsätze an der ISS.
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Space Walker: Thomas Reiter bei einem seiner Außeneinsätze an der ISS.

Interview

Deutscher Astronaut auf der ISS: „Knoblauch schmeckt im Weltraum besonders gut“

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Der deutsche Astronaut Thomas Reiter war im Jahr 2006 auf der Internationalen Raumstation. Ein Gespräch über Schlafen in der Schwerelosigkeit, langwierige Werkzeugsuche und das erhebende Gefühl, 16 Sonnenaufgänge am Tag erleben zu können.

Herr Reiter, Menschen, die nur das Leben auf der Erde kennen, haben keine Vorstellung vom Alltag auf der Internationalen Raumstation. Erlebt man dort oben eigentlich Tageszeiten, gibt es einen Morgen und einen Abend?

Der Tagesablauf auf der ISS richtet sich nach der Greenwich Mean Time. Darauf haben sich die internationalen Raumfahrtagenturen geeinigt, weil man eine gemeinsame Zeit braucht, nach der alle arbeiten und schlafen. Für uns Europäer ist die Greenwich Mean Time angenehm, weil sie fast mit der mitteleuropäischen Zeit übereinstimmt. Typische Tageszeiten, die durch den Rhythmus von hell und dunkel bestimmt sind, laufen dort oben alle 90 Minuten ab. Das heißt, dass man alle 90 Minuten einen Sonnenaufgang und einen Sonnenuntergang erlebt.

Internationale Raumstation (ISS): Sonnenaufgang in einer Minute

Wie lange dauert dann so ein Sonnenaufgang im Orbit?

Wenn man mit fast 28 000 Stundenkilometern um die Erde fliegt, geschieht das ganz schnell, die genaue Dauer hängt auch vom Winkel ab, mit dem die Raumstation die Tag-Nacht-Linie überfliegt. Aber bis die Sonne vom Horizont vorgekommen ist, vergeht maximal eine Minute, meistens eher weniger. Auf jeden Fall ist es unheimlich schön, das im Zeitraffer zu beobachten. Hätte man genug Zeit, könnte man auf der ISS 16 Mal am Tag Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge beobachten.

Wie hell ist es auf der Raumstation, hat man dort immer künstliches Licht an?

Ja, denn es gibt nicht so viele Fenster. Die Cupola, die unten an der ISS angebaut ist und einen wunderschönen Panoramablick bietet, war noch nicht installiert, als ich 2006 oben war. Die sonstigen Fenster sind klein, haben einen Durchmesser von 28 oder 40 Zentimetern und müssen mit Klappen geschützt werden, damit keine Mikrometeoriten reinfliegen. Deshalb öffnet man sie nur dann, wenn man Zeit hat, Foto- oder Videoaufnahmen zu machen oder den Ausblick zu genießen. Wenn man sich dort aufhält, sollte man wegen der starken UV-Strahlung immer eine Sonnenbrille tragen. Insgesamt ist das natürliche Licht auf der ISS aber bei weitem nicht ausreichend, deshalb ist permanent künstliches Licht an, es wird nur während der Schlafenszeit ausgemacht.

ISS: „Ich bin eigentlich nie vor Mitternacht ins Bett gekommen“

Stehen die Astronautinnen und Astronauten alle zur gleichen Zeit auf und gehen auch zur gleichen Zeit schlafen?

Im Prinzip schon. Der Wecker klingelt für alle um 7 Uhr und laut Dienstplan beginnt die Nachtruhe um 22 Uhr. Aber in der Praxis sieht das dann doch oft etwas anders aus. Bei dem sehr gedrängten Tagespensum, bei dem jede Minute verplant ist, bleiben oft Sachen liegen. Und die macht dann oft noch später abends. Ich bin eigentlich nie vor Mitternacht ins Bett gekommen.

Sie sagen „ins Bett“. Wie sieht so ein Bett auf der ISS aus?

Jedes Besatzungsmitglied hat eine kleine Kajüte, eine sehr kleine, mit einer Grundfläche von nicht mal einem Quadratmeter. Dort befestigt man einen Schlafsack an der Wand. Da steigt man hinein, um zu verhindern, dass man in der Schwerelosigkeit herumschwebt und irgendwo anstößt, und man hat es während des Schlafs schön warm.

Hängt man dort quer oder längs?

Das macht in der Schwerelosigkeit keinen Unterschied. Ich habe mich immer senkrecht zum Boden ausgebreitet. Man schwebt sehr angenehm darin!

Internationale Raumstation (ISS): Was gibt‘s zu Essen für Astronauten?

Klingt, als hätten sie gut geschlafen auf der ISS.

Ich habe hervorragend in Schwerelosigkeit geschlafen. Man liegt nicht auf dem Rücken oder Bauch, wälzt sich nicht herum. Ich empfand das als ausgesprochen entspannend und habe sogar etwas weniger Schlaf benötigt als auf der Erde. teilweise nur fünf oder sechs Stunden, Trotzdem war ich morgens immer gut ausgeruht. In der Schwerelosigkeit regeneriert sich der Körper offenbar schneller. Manche Kollegen haben aber auch das Gefühl gebraucht, beim Schlaf gegen etwas gedrückt zu werden. Die spannen dann elastische Bänder über den Schlafsack, welche sie leicht an die Wand pressen.

Haben Sie alle morgens gemeinsam gefrühstückt? Und vor allem: Was gibt es?

Space Worker: Thomas Reiter im Labor.

Ja. Im russischen Servicemodul befindet sich ein Tisch, an dem gemeinsam gegessen wird und eine Anlage für kaltes oder warmes Wasser, das man herauszapfen und in Beutel mit Kaffee- oder Teepulver füllen kann. Getrunken wird dann direkt aus dem Beutel. Zum Essen gibt es beispielsweise dehydriertes Rührei in Tüten, das man mit Wasser versetzt, ähnlich wie bei der Fünf-Minuten-Terrine. Auch Brot gibt es, allerdings nicht in Scheiben, sondern in kleinen Würfeln. Denn man möchte vermeiden, dass Krümel entstehen – diese würden dann herumschweben und wenn man sie einatmen würde, könnte es gefährlich werden. Ein Gericht, das wir alle sehr gerne mochten, war ein Frühstücksquark mit Haselnüssen aus dem russischen Essenscontainer. Den kann man noch mit Rosinen oder Honig aufpeppen.

Astronaut Thomas Reiter auf der ISS: „Knoblauch schmeckt im Weltraum besonders gut“

Auf der Erde mag ich eher keinen Quark zum Frühstück, aber in der Schwerelosigkeit verändert sich der Geschmack, weil sich Gewebeflüssigkeit in den Oberkörper verschiebt und die Schleimhäute in den Nasen anschwellen wie beim Beginn eines Schnupfens. Im Allgemeinen hat man deshalb die Tendenz, dort oben kräftiger zu würzen. Deshalb wird auch Knoblauch gerne für die Versorgungsflüge zur ISS geordert. Der schmeckt im Weltraum besonders gut. Vor dem Abflug zur Raumstation darf sich übrigens jeder seinen eigenen Essenscontainer zusammenstellen, das ist definitiv besser geworden als noch zu den Zeiten, als ich auf der russischen Raumstation Mir war. Auf einen schönen frischen Salat habe ich mich bei der Rückkehr zur Erde trotzdem gefreut.

Zur Person

Thomas Reiter, 1958 in Frankfurt am Main geboren, hat Luft- und Raumfahrttechnik studiert und eine Ausbildung zum Astronauten absolviert. Von September 1995 bis Februar 1996 war er auf der russischen Raumstation Mir, von Juli bis Dezember 2006 auf der Internationalen Raumstation ISS. Bei der europäischen Weltraumorganisation Esa arbeitet Thomas Reiter als Koordinator für internationale Agenturen und als Berater von Generaldirektor Jan Wörner.

70 Prozent der Arbeitszeit sind mit wissenschaftlichen Experimenten belegt. Für jeden Astronauten, jede Astronautin wird vorher ein Forschungsprogramm zusammengestellt. Bei mir waren das mehr als 30 Experimente in den Bereichen Materialwissenschaften, Biologie, Physik und Humanphysiologie. Die medizinische Forschung macht einen großen Teil aus, weil viele Effekte, die in Schwerelosigkeit auftreten, vergleichbar sind mit dem Alterungsphänomen. So verschlechtern sich die Blutdruckregulierung und die Versorgung des Gewebes mit sauerstoffhaltigem Blut, die Knochen verlieren Kalzium, das Immunsystem fährt runter. Deshalb bietet diese Umgebung so hervorragende Möglichkeiten, um Erkenntnisse zu sammeln, die unser Leben auf der Erde verbessern.

ISS: 70 Prozent der Arbeitszeit für Experimente

Wer entwickelt diese Experimente?

Universitäten und Forschungsinstitute, aber auch Schüler. Man ist dort oben der verlängerte Arm dieser Forschungsteams. Ich bin stolz, dass ich so an vorderster Front an der Forschung mitarbeiten konnte. Es war für mich als Luft- und Raumfahrtingenieur auch hochinteressant, von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in die Hintergründe der Experimente aus einem für mich zunächst fremdem Fachbereich wie Medizin oder Biologie eingewiesen zu werden. Sehr positiv finde ich zudem den Trend, dass immer mehr Firmen Interesse haben, Produkte im Weltraum zu testen. Das hat schon zu Weiterentwicklungen geführt, zum Beispiel zu einer Titan-Aluminium-Legierung, die für die Herstellung von sehr leichten Turbinenschaufeln verwendet wird.

Sind Sie beim Experimentieren festgeschnallt?

Man muss den Körper fixieren. Am Boden gibt es dafür kleine Geländer und Schlaufen, in die man mit dem Fuß reinschlüpfen kann. Das ist besonders bei Wartungsarbeiten wichtig. Manchmal muss man etwas reparieren und hantiert dabei mit Schraubenzieher, Schraubenschlüssel und Zange. Wenn man etwa eine festsitzende Schraube lösen will, hilft auf der Erde das eigene Körpergewicht. Auf der ISS muss man sich mit den Beinen fixieren, um die Kräfte, die man auf die Schraube ausüben muss, herleiten zu können.

20 Jahre ISS: Missgeschicke auf der Raumstation?

Sind dabei auch schon Missgeschicke passiert?

Klar. Wenn auf der Erde etwas wegrollt, fällt es auf den Boden und es macht klack. Man weiß, es kommt nur eine bestimmte Fläche in Frage, wo man es wieder finden kann. In Schwerelosigkeit schwebt es lautlos weg in irgendeine Richtung. Da werden dann alle Kollegen aktiviert: „Ich hatte gerade den Achter-Schraubenschlüssel, der muss hier irgendwo sein….“ Manchmal dauert es Tage oder Wochen, bis sich so ein Teil wiederfindet, oft dann in den Luftfiltern, wohin es mit dem permanent zirkulierenden Luftstrom getragen wird.

Was haben Sie in Ihrer Freizeit gemacht? Es gibt ein Bild von Ihnen mit einer etwas merkwürdig aussehenden Gitarre.

Das stammt aus meiner Zeit auf der Mir. Dort, aber auch auf der ISS gab es so eine Dreiviertel-Gitarre. Es war etwas ganz Besonderes, in ruhigen Minuten darauf vor einem der Fenster zu spielen. Allerdings ist es sehr laut auf einer Raumstation und es gibt nur wenige Orte, wo man gut hören kann, was man spielt.

Wodurch ist es so laut?

Die Luft muss ständig umgewälzt werden, Kohlendioxid muss rausgefiltert und die Luft mit Sauerstoff angereichert werden, die Wärme der vielen Computer und Geräte muss abgeleitet werden, eine Vielzahl von Pumpen arbeitet auf der ISS. Der Lärmpegel beträgt durchschnittlich 72 Dezibel, das ist so viel wie an einer stark befahrenen Straße.

Sie waren nicht nur auf der ISS, sondern in den 1990er Jahren auch auf der russischen Mir. Damals wurden im Radio immer Witze gemacht über die vielen Pannen dort. Ging es wirklich so chaotisch zu?

Das muss ich jetzt mal ins rechte Licht rücken: Das Design der Mir stammt aus den 1980er Jahren. Natürlich war die Technik dort nicht so weit entwickelt wie an Bord der ISS. Dort ist es komfortabler, die Geräte lassen sich besser bedienen. Ich habe auf der Mir sehr viel gelernt. Als ich 1995/96 dort war, hatte das erste Modul schon zehn Jahre auf dem Buckel. Da haben die ersten Wehwehchen begonnen. Aber man darf auch nicht vergessen, dass die Station ursprünglich auf sechs Jahre ausgelegt war. Tatsächlich ist die Mir erst 2001 wieder in die Atmosphäre eingetreten – nach 15 Jahren.

Wie lange wird die Internationale Raumstation Ihrer Ansicht nach noch in Betrieb sein?

Eine technische Bewertung der Bordsysteme hat ergeben, dass man die ISS noch mindestens bis 2028, eher sogar noch bis 2030 betreiben kann. Ich gehe davon aus, dass sie auch noch so lange in unserem Orbit fliegen wird. (Interview: Pamela Dörhöfer)

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