US-Schauspielerin Diane Keaton.
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US-Schauspielerin Diane Keaton.

US-Schauspielerin Diane Keaton

Irrungen und Wirrungen

Die Schauspielerin Diane Keaton therapiert sich in ihren Memoiren „Damals Heute“ selbst. Sie folgt damit dem Beispiel ihrer Mutter, die ihrer Tochter 85 Bücher voller Erinnerungen hinterlassen hat.

Von Nina Scholz

Die Schauspielerin Diane Keaton therapiert sich in ihren Memoiren „Damals Heute“ selbst. Sie folgt damit dem Beispiel ihrer Mutter, die ihrer Tochter 85 Bücher voller Erinnerungen hinterlassen hat.

Es gibt Rollen, die verfolgen Schauspieler ihr ganzes Leben lang. So ist es bei Diane Keaton: Ihren Schatten Annie Hall wird sie höchstwahrscheinlich nie wieder los. Also jene Figur, die sie in der gleichnamigen Komödie von Woody Allen (deutscher Titel: „Der Stadtneurotiker“) verkörperte und für die sie 1978 einen Academy Award als beste Hauptdarstellerin gewann. Doch wie sehr Diane Keaton der unsicheren und trotzdem freigeistigen Annie Hall in Wirklichkeit ähnelt, das wird eigentlich erst in ihren gerade veröffentlichten Memoiren „Damals Heute“ deutlich.

Die Gemeinsamkeiten sind nicht zufällig: Zum Zeitpunkt des Drehs war Diane Keaton mit dem Regisseur Woody Allen liiert. Er hat die neurotische, unsichere und humorvolle Annie Hall nicht nur nach Keatons Biografie, sondern auch nach ihren Eigenheiten geschaffen. Und Diane Keaton hat den typischen Annie Hall-Look bestehend aus einem Schlapphut und adretter Herrenbekleidung nach ihrem eigenen Geschmack zusammengestellt.

In „Damals Heute“ berichtet sie mehr assoziativ denn linear von ihrem Leben, ihren Erfahrungen und ihrer Karriere und erzählt auch, wie aus ihr Annie Hall wurde. Das Gesamtbild, das daraus entsteht ähnelt einer Collage, so wie Keaton zwischen den Zeiten hin- und herspringt. Mal erinnert sie sich an die Träume und Hoffnungen ihrer Jugend: „Ich wollte keine Ehefrau sein. Ich wollte ein heißes Date sein... Ich wollte die singende Barbra Streisand sein.“ Wenige Absätze später erzählt sie aus ihrem heutigen Leben, reflektiert den eigenen Scheibprozess.

Der mütterliche Rat

Unregelmäßig webt die 65-Jährige auch Tagebucheinträge und Briefe ihrer Mutter Dorothy Deanne Keaton zwischen ihre eigenen Erinnerungen. Dorothy Keaton, die 2008 im Alter von 86 Jahren, nach langer Alzheimerkrankheit verstorben ist, hat ihrer Tochter 85 Bücher voller Erinnerungen hinterlassen, deren Lektüre Diane Keaton erst zu ihrem eigenen Buch bewogen hat. „Jeder Mensch sollte gezwungen sein, seine Autobiografie zu schreiben. Jeder sollte zurückgehen und all das Zeug, das in sein Leben gestopft wurde, entwirren und preisgeben müssen“ – so zitiert die Schauspielerin den befolgten mütterlichen Rat.

Diane Keaton wurde 1946 als älteste von drei Geschwistern in Los Angeles geboren. Ihre Mutter hat die Kinder als Hausfrau großzogen, obwohl sie seit ihrer Jugend selbst gerne Künstlerin geworden wäre. Der Vater Jack Hall hingegen war ein eher konservativer Angestellter. Keaton berichtet von ihren vielen Minderwertigkeitskomplexen unten denen sie früh gelitten hat: Sie fühlte sich nicht so klug wie ihr Bruder, nicht so hübsch wie ihre Schwestern.

Und dennoch macht sie sich als Anfang Zwanzigjährige auf nach New York, um dort Schauspielunterricht zu nehmen und ihre ersten Karriereschritte zu machen. Nach einem Bühnenengagement im Musical „Hair“, folgten bald die ersten Rollen in Stücken und Filmen von Woody Allen, in den sie sich auch bald verliebt. Später dann entdeckte sie, genau wie ihre Mutter, die Liebe zur Fotografie. Doch während ihre Mutter schon früh eine Familie gründete und erst spät im Leben Zeit für ihre Interessen fand, verlief bei Diane Keaton die Entwicklung genau andersherum: Nach Jahren der Berufstätigkeit und des kreativen Ausprobierens adoptiere sie in ihren Fünfzigern ihre beiden Kinder Dexter und Duke und zieht diese seitdem alleinerziehend auf.

Diane Keatons Buch „Damals Heute“ funktioniert wie eine psychoanalytische Therapiesitzung, von denen Keaton in ihrem Leben schon etliche absolviert hat. Es ist dabei einerseits spannend, wie sie die Mechanismen ihrer eigenen Unsicherheit in den Memoiren offenlegt, andererseits erschreckend wie sehr sie diese Mechanismen auch heute noch nicht durchschaut. Denn „Damals Heute“ ist mitunter nichts weiter als ein andauernder, zermürbender Vergleich mit ihrer Mutter. Genauso erschreckend ist es wie überlebensgroß Diane Keaton die vier wichtigen Männer in ihrem Leben schildert: ihren Vater, Woody Allen, Warren Beatty und Al Pacino. Irritierenderweise lädt sie sich allein alle Schuld am Scheitern und an den Problemen in den Beziehungen auf. Das schockierendste Kapitel allerdings ist eingebettet in die Mitte des Buches: Relativ unvermittelt berichtet sie dort von einer fünfjährigen Bulimie-Erkrankung, mit der sie in ihren Zwanzigern kämpfte.

Sympathisch und neurotisch

Die Bulimie habe sie mit Hilfe einer Therapeutin besiegt, schreibt Keaton, doch die Unsicherheiten bestehen bis heute fort. Selbst die Liebe der Mutter kann sie nicht annehmen, und der Umstand, dass diese alles über ihre Tochter und deren Karriere gesammelt hat, verstört sie: „Warum war Mutter so besessen davon, mein Leben so gewissenhaft zu dokumentieren? Hat sich Mom denn nicht für mich geschämt?“

Während Dorothy Keaton in der Figur Annie Hall durchaus ihre Tochter wiedererkennt: „Ich hatte nur Augen für Diane, ihre Eigenheiten, ihre Ausdrucksweise, was sie trug (...) Sie hatte ihre Kleidung selbst ausgesucht (...) Sie wirkt so echt, Annies Kamera, die immer griffbereit liegt, ihr Kaugummi, ihr mangelndes Selbstvertrauen, Diane durch und durch.“

Während andere Schauspieler ihre Memoiren nutzen, um festgefahrene Vorstellungen über sie aus der Welt zu räumen oder sogar ihr Image aufzupolieren versuchen, geht Diane Keaton auch in dieser Hinsicht wieder einmal ihren eigenen Weg: Nach der Lektüre von „Damals Heute“ hat der Leser nicht nur eine deutliche klarere Vorstellung von ihrem Leben und ihren Erfahrungen, sondern auch das Bild einer gealterten, immer noch sympathischen, aber auch durch und durch neurotischen Annie Hall im Kopf. Zumindest mit diesem Bild scheint Diane Keaton nicht kämpfen zu müssen.

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