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Nur ganz allmählich füllen sich die Strandbars wieder.

Hurrikan in Florida

Was von "Irma" übrig blieb

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Vor drei Monaten verwüstete ein Hurrikan die Florida Keys. Sturm "Irma" hat sich schnell wieder verzogen, die Normalität aber kehrt nur langsam zurück.

Immerhin: Marlene Dietrich geht es gut. Zufrieden räkelt sie sich im schwarz-weißen Pelz unter einer Palme des tropischen Gartens. Auch Audrey Hepburn, Humphrey Bogart und Fred Astaire haben den Horror überstanden – genauso wie die übrigen 50 Katzen im Hemingway-Haus. Drei Nächte harrte Rusty Hodgdon bei ihnen hinter den verrammelten limonengrünen Fensterläden im Obergeschoss aus, während draußen die Welt unterzugehen schien. 4,20 Meter hoch peitschten die Wellen. „Es war beängstigend“, gesteht der Fremdenführer. „Ich würde es nicht noch einmal machen.“

Dabei hat die ungewöhnliche Schicksalsgemeinschaft großes Glück gehabt: Das Kolonialgebäude, in dem der berühmte Autor von „Wem die Stunde schlägt“ in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts mit den Urahnen der heutigen Vierbeiner lebte, ist aus festem Korallenstein gebaut. Es trotzte den Naturgewalten, als Hurrikan „Irma“ am 10. September um kurz nach 9 Uhr morgens mit 215 Stundenkilometern auf der Inselkette der Florida Keys südwestlich von Miami aufschlug. Zwölf Menschen kamen ums Leben. Jedes vierte Haus wurde zerstört, Bäume wurden wie Streichhölzer abgeknickt und Boote mit unvorstellbarer Wucht bis auf die Straßen geschleudert.

Traumziel geschlossen

Drei Wochen war das Traumziel vieler Winterflüchtlinge für Urlauber komplett geschlossen. Die Einwohner, die vor dem Monstersturm aufs Festland geflüchtet waren, kehrten in ein verwüstetes Paradies zurück. „Sechzig Zentimeter hoch stand der Schlamm im Büro“, berichtet Angela Harris. Sie arbeitet als Rezeptionistin beim Lazy-Lakes-Campingplatz auf der Insel Sugarloaf Key, rund 30 Kilometer östlich von Key West. Ein Schild „Now Open!“ an einem Wohnwagen-Wrack am Straßenrand hat den Weg zu ihr gewiesen.

Eigentlich herrscht gerade Hochsaison auf Sugarloaf, aber auf dem Stellplatz parken nur wenige Mobilheime. Viele Trailer von Stammgästen wurden von „Irma“ buchstäblich zerlegt. Als Harris nach dem Hurrikan ins Büro kam, lagen Telefon- und Strommasten quer über dem Gelände. „Schauen Sie hier“, deutet sie auf eine notdürftig ausgebesserte Holzwand unweit ihres Schreibtischs: „Da hat die Flut die Eismaschine nach draußen gedrückt.“

Die Internetverbindung des Trailer-Parks funktioniert bis heute nicht. Ansonsten aber bemüht sich Harris um „business as usual“ – wie fast alle hier auf den Keys. Mit großem Tamtam hat die Tourismusbehörde die Inselkette am 1. Oktober für Urlauber wiedereröffnet und eine Werbekampagne mit dem Titel „We Are 1“ gestartet, die auf den berühmten, 205 Kilometer langen Overseas Highway U.S. 1 Bezug nimmt, der die 40 Inseln wie eine filigrane Perlenkette miteinander verknüpft.

„Wir haben die Scherben zusammengekehrt und sind wieder im Geschäft“, heißt es in dem Fernseh-Spot: „Wir sind stark und unverwüstlich.“ Rund 1,5 Milliarden Dollar tragen die auswärtigen Besucher jedes Jahr auf die Keys. Jeder zweite Arbeitsplatz hier hängt vom Tourismus ab. Das Postkartenidyll muss so schnell wie möglich wiederbelebt werden – notfalls auch mit dem Weichzeichner.

Wer drei Monate nach „Irmas“ Heimsuchung bei angenehmen 26 Grad Celsius den legendären Overseas Highway zwischen Key Largo und Key West entlangfährt, muss extreme Eindrücke verarbeiten. Träume und Trümmer wechseln sich im Minutentakt ab. Auf einer Brücke bei Islamorada sitzt eine Familie und angelt. Die Sonne glitzert über dem Golf von Mexiko, und Pelikane gleiten tief über dem Wasser. Ein paar Kilometer weiter verrottet direkt neben dem Highway das verbeulte Wrack eines Wohnwagens. Der Kühler ist zerstört, der Motorblock rostet, die Seitenwände sind abgerissen. „Irma-Müll“, hat jemand mit grüner Farbe darauf gesprüht.

„Äußerlich wird man einen veränderten Eindruck haben“, hat Andy Newman, der Sprecher der Tourismusbehörde von Monroe County, die Besucher vorsichtig eingestimmt. So kann man es wohl nennen, wenn sich am Straßenrand alle paar Kilometer vor Palmen und türkisfarbenem Wasser meterhohe Berge von Bauschutt auftürmen. Beim Örtchen Marathon muss man die Fenster schließen, um dem unangenehmen Gestank von fauligem Brackwasser, schimmelnden Matratzen und verrottendem Müll zu entgehen. „We are open again“, verkünden trotzig viele Geschäfte. Auch McDonald’s brät wieder Hamburger. Von der großen Leuchtreklame auf der Straße ist aber nur das ikonische gelbe „M“ übriggeblieben.

In Key West am Ende der Inselkette hingegen ist von den Verwüstungen kaum noch etwas zu sehen. Draußen im Meer ankern die Kreuzfahrtschiffe, und abends drängen die Vergnügungssüchtigen durch die Duval Street wie eh und je. Nur ein paar freie Tische in Hemingways einstiger Lieblingsbar Sloppy Joe’s lassen erahnen, dass der Party-Wahnsinn noch recht untertourig läuft. Und wer am feinen Sandstrand von Smathers Beach versonnen auf den Atlantik schaut, dem fallen erst irgendwann ein paar Motorboote auf, die merkwürdig seitwärts im Wasser liegen.

Besonders schlimm wurde der mittlere Teil der Inselkette um die Orte Big Pine Key und Marathon auf den beiden Seiten der Seven-Miles-Bridge von „Irma“ zugerichtet. „Wir freuen uns immer über Berichterstattung“, begrüßt Daniel Samess, der Chef der Handelskammer von Marathon, den Reporter aus Deutschland: „Aber wir mögen einen positiven Ansatz.“ Man kann es ihm kaum verdenken. Viele Häuser in der Gemeinde wurden komplett zerstört.

Die riesige Anlage des Hawks Cay Resort auf dem Inselchen Duck Key, wo die Übernachtung mit Karibik-Feeling normalerweise 315 Dollar kostet, hat für Schlagzeilen gesorgt, weil sie allen 260 Beschäftigten kündigte. Frühestens im Sommer geht es mit dem Betrieb weiter. Und dann ist da immer noch der hässliche graue Schutt an der Straße. „Es ist schon viel besser geworden“, beteuert Samess aber. Unzählige LKW-Ladungen wurden abtransportiert. Doch nun sind die Kassen leer, und das Land streitet mit den Gemeinden über die Kosten.

Gut 30 Kilometer weiter westlich, im Örtchen Big Pine Key, sieht es noch schlimmer aus. Die Shell-Tankstelle unter einem verbeulten Dach ist geschlossen. Vor dem Liquor-Store steht ein Schild: „For sale“. Die Insel ist wegen ihres großen Wild-Schutzparks berühmt. „Fahren Sie hin“, rät Nancy Chatelaine von dem freundlichen Key-Deer-Buchladen neben dem Touristenbüro. Fast alle 800 weißen Hirsche haben den Hurrikan überlebt. Doch in letzter Zeit ist fast täglich ein Verlust zu beklagen. „Die Fahrer der Trucks mit Schutt oder Baumaterial brettern einfach rücksichtslos über den Highway“, so die Tierliebhaberin.

Das Leben hat sich verändert. Und die Hirsche sind nicht die einzigen Opfer. In der „Bucktooth Rooster Eatery“ machen sich mittags jetzt kräftige Männer mit tätowierten Armen über den hausgemachten Hackbraten mit Kartoffelpüree her. Es sind Dachdecker, Bauarbeiter und Elektriker aus anderen Teilen Floridas, die sich derzeit vor Aufträgen auf den Keys nicht retten können. Mit ihren Wohnmobilen bevölkern sie auch die Campingplätze. Auch viele Hotels haben die vergangenen Monate überlebt, weil sie auf Staatskosten zunächst obdachlose Flutopfer und Katastrophenhelfer beherbergt haben. Touristen kamen zuletzt deutlich weniger. Ob sie nun wieder im früheren Umfang buchen, muss sich noch zeigen.

Auf keinen Fall sollen die Gäste nun durch Negativberichte abgeschreckt werden. „We are rebuilding“, steht dezent auf einem kleinen Schild vor dem schicken neuen Postcard Inn in Islamorada, „wir bauen wieder auf“. Das Hotel selbst ist geschlossen. Auf der Webseite im Netz fehlt dieser Hinweis allerdings. Dort sind einfach alle Zimmer bis Ende Mai ausgebucht. Der kleine Hafen und der Bootsverleih neben dem Hotel wurden von dem Unwetter zerstört. Neben der Tiki Bar am Strand kann man durch einen Maschendrahtzaun einen Bauschuttcontainer, verwitterte Bretter und abgerissene Palmwedel erkennen. „Keine Fotos. Das ist ein privates Grundstück!“, brüllt jemand. Die Mitarbeiterin einer privaten Sicherheitsfirma ist auf ihrem Golfwagen herangebraust. „Wenn Sie weitermachen, werden Sie verhaftet“, droht sie.

Wo es ums wirtschaftliche Überleben geht, liegen leicht die Nerven blank. „Eine ganze Reihe von Betrieben wird nie wieder öffnen“, urteilt Ruth Pasquale nüchtern. Die Filialleiterin des Maklers Coldwell Banker auf Big Pine Key weiß, wovon sie spricht. Bei ihr zu Hause stand das Wasser 1,20 Meter hoch. „Erst war da der Schock. Jetzt hadert jeder mit der Versicherung und überlegt, wie es weitergehen soll.“ Keineswegs alle Gebäude waren versichert. Auf jeden Fall dauert es zwei bis drei Monate, ehe ein Schaden reguliert wird. Auf die Handwerker wartet man bis zu sechs Monate. Pasquale musste 60 Prozent der Buchungen für Ferienwohnungen, die über ihr Büro liefen, für die winterliche Hochsaison absagen: Die Appartements waren einfach nicht nutzbar.

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Doch viel gravierender als der kurzfristige Einnahmeausfall werden die langfristigen demografischen und sozialen Folgen sein, glaubt die Maklerin. Rund 15 Prozent der Bevölkerung dürften im Gefolge des Hurrikans die Insel verlassen haben – größtenteils Latinos, die in den Hotels oder Gaststätten arbeiteten. Bezahlbare Mietwohnungen gibt es in dem teuren Feriengebiet nicht. Also wohnten sie in Wohnwagen oder Holzhäuschen.

Nicht nur wurden viele dieser Unterkünfte von „Irma“ buchstäblich zu Kleinholz gemacht. Auch besagen die neuen Bauvorschriften, dass an vielen Stellen aus Sicherheitsgründen nur noch feste Häuser errichtet werden dürfen. „Wir verkaufen jetzt leeres Land mit Baugenehmigungen“, berichtet Pasquale. An wohlhabenden Interessenten mangelt es nicht. Die Arbeiter aus Mexiko oder Venezuela aber können sich das nicht leisten.

Trotzdem ist es ausgerechnet ein Mann mit mexikanischen Wurzeln, der am kleinen Jachthafen von Marathon jenen zähen Durchhaltewillen und trotzigen Optimismus demonstriert, der die Bewohner dieser ebenso schönen wie verwundbaren Inselkette prägt. Als Bernardo Ornelas nach „Irmas“ Abzug die Überreste seines Fischrestaurants Lazydays in Augenschein nahm, musste er mit den Tränen kämpfen. Mehr als 30 Zentimeter hoch stand das schlammige Wasser im Gastraum. Kühlschränke und Küchengeräte waren zerstört. Ein herrenloses Boot war gegen die große Freiluftbar geschleudert worden. Überall in den Räumen klebten Schlamm, Algen und Dreck.

Doch aufzugeben war für den Kleinunternehmer, der nur wenig Englisch spricht und seine Cousine Rocio Velasquez dolmetschen lässt, absolut keine Option. Er trommelte seine 30 Küchenhelfer und Kellner zusammen und begann mit Reinigung und Wiederaufbau. Seit Mitte Oktober ist das Restaurant wieder geöffnet. Anfangs gab es keinen Strom, und die handgeschriebenen Rechnungen mussten bar bezahlt werden. „Bis alles wieder normal ist, kann es ein Jahr dauern“, fürchtet der Gastronom. Bis dahin muss improvisiert werden. Einen neuen Computer und neue Kühlschränke gibt es immer noch nicht. Der frisch gefangene Fisch lagert in der Küche in riesigen Camping-Kühlboxen auf Eis. In den ersten Wochen blieb die Gästezahl noch hinter den Erwartungen zurück. Nun hofft Bernardo Ornelas auf das Wintergeschäft.

Derweil geht draußen auf der hölzernen Terrasse der Tag zu Ende. Majestätisch versinkt der pralle Sonnenball im friedlich schwankenden Ozean. Das Wasser schimmert im warmen Abendlicht. Das Bier ist kühl. Die hölzernen Ventilatoren surren leise. „Es ist nicht leicht“, sagt Velasquez trotzig: „Aber wir werden wieder auf die Füße kommen.“

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