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Ein Abtreibungsgegner protestiert im Oktober 2019 vor dem Paralamentsgebäude in Belfast.

Referendum von 2018 

Abtreibung: Der neue Glaubensstreit in Irland 

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Seit dem Referendum von 2018 sind Abtreibungen in Irland legal, inzwischen hat auch Nordirland Schwangerschaftsabbrüche erlaubt. Und während die Gegner noch immer vor Praxen und Kliniken protestieren, warten die Befürworter auf bessere Aufklärung.

  • Seit 2018 sind Abtreibungen in Irland legal. 
  • Inzwischen hat auch Nordirland Schwangerschaftsabbrüche erlaubt. 
  • Befürworter warten auf bessere Aufklärung.

Dublin – Auf den ersten Blick scheint es, als könnten sich die Befürworter des Abtreibungsverbots in Irland bestätigt fühlen: Die Zahl der Abtreibungen auf der Insel ist gestiegen. Andererseits waren vor Inkrafttreten der Gesetzesänderung im Jahr 2018 nicht Hunderte, sondern „nur“ 32 Schwangerschaftsabbrüche gezählt worden. Offizielle Zahlen liegen noch nicht vor – aber jede Abtreibung im vergangenen Jahr war eine, die irische Frauen nicht mehr im Ausland oder mit online bestellten Tabletten zu Hause, heimlich und nicht ohne Risiko vornehmen (lassen) mussten. Zur Verdeutlichung: Bis Ende 2018 verließen neun Frauen pro Tag Irland, um etwa in England oder den Niederlanden abzutreiben, wie aus den Adressangaben in den Fragebögen der Kliniken hervorgeht. Neun Frauen pro Tag.

Abtreibung: Der neue Glaubensstreit in Irland 

Der Grund dafür war eines der strengsten Abtreibungsgesetze der Welt. „Selbst eine Minderjährige, die von ihrem Vater vergewaltigt wurde, war in Irland per Gesetz gezwungen, das Kind auszutragen“, erklärt Kelly Mackey von der Nichtregierungsorganisation „Amnesty International Irland“. Entschieden sich die Frauen oder Mädchen für eine Abtreibung, drohten ihnen laut Gesetz bis zu 14 Jahre Haft. Denn mit der Befruchtung der Eizelle genoss diese das gleiche Lebensrecht wie die Mutter. Das Gesetz griff auch bei Vergewaltigung, Inzest, Gefährdung der Gesundheit und schweren oder lebensbedrohlichen Fehlbildungen des Fötus. Das Recht, eine Schwangerschaft abzubrechen, hatten nur Frauen, deren Leben bedroht war. Laut „Amnesty International“ verstieß Irland deshalb gegen fundamentale Rechte der Frauen und gegen internationale Menschenrechtsstandards.

Abtreibung: Referendum von 2018 veränderte alles 

Mit dem Referendum am 25. Mai 2018 wurde das anders. Nach dem Aufruf #hometovote reisten zuvor Tausende von emigrierten Iren und Irinnen zur Abstimmung in ihre Heimat und wurden am Flughafen von Unterstützern und Gegnern mit Plakaten empfangen. Sie trugen nicht nur zu einer ungewöhnlich hohen Wahlbeteiligung von rund 64 Prozent bei, sondern halfen auch, die 36. Änderung der Verfassung Irlands auf den Weg zu bringen: Knapp 1,5 Millionen irische Wähler stimmten dafür, Abtreibungen in der Republik zu legalisieren – das entspricht 66 Prozent. Ende Oktober trat schließlich auch in Nordirland – zeitgleich mit der Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe – eine entsprechende Gesetzesänderung in Kraft.

Die Ärztin Cliona Murphy ist für das Recht auf Abtreibung.

Im Süden des Landes kam das Gesetz schon vor Jahren ins Wanken, als die Geschichte von Savita Halappanavar weltweit Schlagzeilen machte: Das medizinische Personal des Universitätskrankenhauses Galway hatte ihren Antrag auf Abtreibung nach einer partiellen Fehlgeburt mit der Begründung abgelehnt, dass die Erteilung ihres Antrags nach irischem Recht illegal sei. 2012 starb sie an einer Sepsis.

Im Anschluss daran begannen irische Frauen immer lauter ihre eigenen Geschichten zu erzählen. „Ich bin nicht euer Brutkasten“ schrieben sie bei Demonstrationen auf Banner, oder: „Wickelt eure Rosenkränze von unseren Eierstöcken“. Die Journalistin Róisín Ingle sorgte in ihrer Kolumne in der Tageszeitung „Irish Times“ für hitzige Diskussionen, als sie schrieb: „Meine Erfahrung ist nicht etwas Seltsames, Einzigartiges oder Ungewöhnliches. Sie ist etwas, was viele andere Frauen in Irland und auf der ganzen Welt nachvollziehen können: Ich hatte eine Abtreibung. Ich bin froh, dass ich das getan habe.“

Abtreibung in Irland: „Viele Befürchtungen in Hinblick auf die Gesetzesänderung sind nicht eingetreten“

Oder Tara Flynn. Die Comedienne und Schauspielerin wurde mit 37 Jahren ungeplant schwanger und reiste nach Amsterdam – mit einer für sie nicht leichten, aber klaren Entscheidung im Gepäck. „Das war alles richtig. Abgesehen davon, dass ich das Kind aus genetischen Gründen vermutlich verloren hätte – in meiner Familie gab es schon so viele Fehlgeburten –, wusste ich, dass ich nicht schwanger sein wollte.“ Dabei habe ihr ihr Alter geholfen. „Besonders für jüngere Frauen ist die umfassende Beratung und die medizinische Betreuung ohne Stigmata und Schuldzuweisungen enorm wichtig. Die aktuelle Entwicklung hat lange gedauert, aber zeigt auch, wie stark Frauen Macht gemeinsam einfordern können. Das gibt mir Hoffnung.“

Auch Cliona Murphy ist zuversichtlich: „Viele Befürchtungen in Hinblick auf die Gesetzesänderung sind nicht eingetreten“, sagt die Frauenärztin und Vorsitzende des Instituts für Geburtshilfe und Gynäkologie in Dublin. Sie hat die Abschaffung des Abtreibungsverbots mit vorangetrieben. Heute betont sie: „Niemand steht Schlange, um abtreiben zu lassen.“ Es gibt Schulungen und finanzielle Anreize, um Hausärzten den Zugang zum Thema zu erleichtern – bis jetzt stand an keiner medizinischen Fakultät in Irland Abtreibung auf dem Lehrplan. „Es gibt bei weitem noch keine flächendeckende Betreuung, viele Frauen müssen für eine Abtreibung in die nächstgrößere Stadt fahren“, sagt die 50-Jährige.

Abtreibungen: Bis zur zwölften Schwangerschaftswoche erlaubt 

Erlaubt sind heute Abtreibungen bis zur zwölften Schwangerschaftswoche, im Falle von lebensbedrohlichen Missbildungen auch später. Bis zur neunten Woche finden die durch zwei Tabletten eingeleiteten Eingriffe in Hausarztpraxen, zwischen der neunten und zwölften Woche in einem Krankenhaus statt. Unabhängig von ihren Gründen können sich Frauen an alle Einrichtungen wenden, die ‚abortion services‘ anbieten. Ärzte, Praxisgemeinschaften und Kliniken, bei denen es aus verschiedenen Gründen keine Abtreibungen gibt, dürfen dennoch niemanden ab-, sondern müssen die Patientin überweisen. Auf einer eigens eingerichteten Website und via Hotline können alle Frauen und Mädchen erfahren, an wen sie sich wenden können. In den ersten acht Monaten kontaktierten den Service mehr als 9300 Betroffene.

Auch die Zahlen in England sprechen für sich: In den ersten neun Monaten des Jahres sind 75 Prozent weniger Frauen in eine Abtreibungsklinik ins Ausland gereist. 2016 fuhren noch mehr als 3000 Irinnen nach Großbritannien, 2001 sogar 7000, um eine legale Abtreibung vornehmen zu lassen. Für viele irische Frauen ein teures Unterfangen – erst recht in wirtschaftlich schwierigen Zeiten.

Überhaupt war die Verhütung ungewollter Schwangerschaften lange nicht möglich. Im katholischen Irland war bis 1980 Verhütung komplett verboten, Kondome gab es bis 1985 nur auf Rezept, frei im Handel erhältlich sind sie erst seit 1992. Und noch eine Zahl gibt zu denken: In Irland berichten 42 Prozent der Frauen, mindestens eine Form des sexuellen Missbrauchs erlebt zu haben. Das heißt, häufig ist Sex alles andere als einvernehmlich.

Irland: Jede vierte Frau erlebt eine ungeplante Schwangerschaft 

Außerdem erlebt laut der Irish Family Planning Association (IFPA) jede vierte Frau in Irland eine ungeplante oder Krisen-Schwangerschaft. In einer Studie von 2017 gaben 38 Prozent der irischen Paare an, keine Verhütungsmittel zu verwenden, 30 Prozent verließen sich auf die Coitus-interruptus-Methode. Kondome sind bei 25 Prozent der Befragten die beliebteste Form des Schutzes, gefolgt von der Anti-Baby-Pille.

Diese Zahlen belegen nicht zuletzt, dass es einen großen Bedarf an Aufklärung und Wissen über zuverlässige Verhütungsmethoden gibt. Frauenärztin Cliona Murphy gibt zu Bedenken: „Der Ruf nach besserer Aufklärung bedeutet eine große kulturelle Veränderung.“ In Irland liegt die Erziehung der Kinder und die Bildung für die Heranwachsenden in mehr als 90 Prozent der Schulen in kirchlicher Hand. Somit dürfte der Umgang mit Sexualität immer noch stark von religiösen Ansichten geprägt sein.

Zwar sei die Vehemenz, mit der direkt vor den Eingängen der Krankenhäuser protestiert würde, seit dem Referendum zurückgegangen, dennoch gebe es noch zu viele und zu unsachliche Demonstrationen. „Mit weißen Kindersärgen und Baby-Herztönen aus Lautsprechern stehen sie vor Hausarztpraxen oder Kliniken“, berichtet Cliona Murphy. „Das ist eine psychische Belastung – nicht nur für die Frauen, die tatsächlich eine Abtreibung benötigen, sondern auch für die, die eine Fehlgeburt und deren Folgen verarbeiten müssen. Auch das Personal fühlt sich von diesen Protesten stark belästigt.“ Laut Murphy seien viele der Demonstranten zudem gar keine Iren, sondern rechtspopulistische US-Amerikanerinnen. „Wir haben noch einen langen und beschwerlichen Weg vor uns, aber der Anfang ist gemacht.“

Polen hat eines der restriktivsten Abtreibungsgesetze der EU. Doch Frauen, die eine Abtreibung planen, können künftig auf ein EU-weites Netzwerk zählen - auch finanziell.

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