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Interview

Pro und Contra Corona-Impfung: Ein Mediziner klärt auf

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Der Medizinprofessor Herwig Kollaritsch hat ein Buch zum Thema Corona-Impfungen verfasst. Im Interview klärt er über die Hintergründe des Impfens auf.

  • Zur Eindämmung des Coronavirus haben in Deutschland und Europa die ersten Impfungen begonnen.
  • Derzeit sind in Deutschland und Europa zwei unterschiedliche Impfstoffe zugelassen.
  • Der Medizinprofessor Herwig Kollaritsch erklärt die Vorgänge rund um die Corona-Impfung.

Wien – „Für die hanebüchenen Theorien der Impfkritiker habe ich kein Verständnis“, sagt Herwig Kollaritsch. Andererseits weiß der Professor der Medizin mit Schwerpunkt Impfwesen, Epidemiologie, Mikrobiologie und Reisemedizin, dass ein Corona-Vakzin „kein Hustenzuckerl“ ist. In seinem Buch beleuchtet der Epidemiologe die Pros und Contras der Corona-Impfung.

Herr Kollaritsch, in Ihrem Buch „Pro & Contra Corona-Impfung“ schreiben Sie, oberstes Ziel müsse sein, dass möglichst viele Menschen ihre Impfentscheidung auf sachlicher und nicht auf emotionaler Basis treffen. Haben Sie Verständnis, dass manche Menschen sich Sorgen machen, weil die jetzt in der EU zugelassenen mRNA-Impfstoffe so neuartig sind?

Dafür habe ich sehr viel Verständnis. Schließlich handelt es sich um Technologien, die man noch nicht lange kennt und die für Laien relativ schwer verständlich sind. Das ist natürlich etwas Anderes als zum Beispiel der Tetanus-Impfstoff, den man seit 100 Jahren kennt, den schon die Eltern und Großeltern bekommen haben. Wofür ich allerdings kein Verständnis habe, sind die hanebüchenen Theorien von Impfkritikern, was angeblich alles passieren könnte. Zwar lässt sich das alles ganz leicht widerlegen, aber wenn erst einmal so ein Körnchen gesät ist, geht es heute oft schnell viral.

Medizinprofessor Kollaritsch über Corona-Impfungen: Imitation eines natürlichen Vorgangs

Vielen dürfte im Zusammenhang mit den neuen Vakzinen vor allem das Attribut „genbasiert“ Angst machen. Was entgegnen Sie diesen Menschen?

Man muss wissen: Bei der Impfung machen wir nichts anderes, als einen natürlichen Vorgang zu imitieren. Dieser besteht darin, dass das Immunsystem Keime, die in unseren Körper eindringen, bekämpft. Das lässt sich unter kontrollierten Bedingungen künstlich nachbauen, ohne dass man krank davon wird. Bei der mRNA-Impfung gehen wir her und geben dem Organismus in Form von RNA die Anweisung: Bitte baue das Antigen und bilde dann gleichzeitig eine schützende Immunantwort dagegen. Das ist etwas, das natürlicherweise ständig passiert, seit Millionen Jahren. Es wäre völlig irrational zu denken, dass so etwas unser Immunsystem überfordern könnte. Dann würde jedes Kind sterben, wenn es mit Fremdkeimen konfrontiert würde, mit denen es vorher noch keine Berührung hatte. Unser Immunsystem ist ein hochkomplexes System und mit der Impfung greifen wir in dieses System nicht ein, sondern benutzen es, um eine Immunität zu erzeugen.

Manche zweifeln auch, dass die Sicherheit der Impfstoffe gewährleistet sein kann, weil die Entwicklung viel schneller als sonst gegangen ist. Sie selbst führen in Ihrem Buch als ein „Contra“-Argument auf, man könnte das Impfen für einen großen Feldversuch halten.

Am Verfahren selbst hat sich nichts geändert. Tatsächlich gab es so große Zulassungsstudien wie für diese Impfstoffe in den letzten 30, 40 Jahren nur für wenige andere Impfstoffe, etwa gegen das Humane Papillomvirus oder gegen das Rotavirus. Dass es sonst oft so lange dauert, hat außerdem damit zu tun, dass die Impfstoffentwicklung extrem teuer ist. Dieses Mal haben viele Firmen massive Hilfen und somit kaufmännisch den Rücken freigehalten bekommen.

„Man muss wissen: Bei der Impfung machen wir nichts anderes, als einen natürlichen Vorgang zu imitieren“, sagt Herwig Kollaritsch (Symbolbild).

Für und Wider Corona-Impfungen: Medizinprofessor Herwig Kollaritsch klärt auf

Sind die hohen Kosten auch der Grund, warum vor der Coronakrise trotz jahrelanger Forschung noch kein anderer mRNA-Impfstoff zugelassen wurde? Sie selbst haben ja an der Entwicklung eines mRNA-Vakzins gegen die Tollwut mitgearbeitet.

Bei den anderen Impfstoffen fehlte oft auch das kaufmännische Interesse. Wenn Firmen in ein solches Vakzin investieren, muss es sich irgendwann rechnen. Bei Tollwut zum Beispiel haben wir einen hervorragenden Totimpfstoff, der aber relativ teuer in der Herstellung ist und auch nicht unbegrenzt herstellbar ist. Deshalb suchen wir nach einer kostengünstigeren Alternative, können uns aber dafür Zeit lassen. Aber die Forschung an einem mRNA-Tollwut-Impfstoff hat bei der Entwicklung der Covid-Impfstoffe enorm genutzt, weil man die nötige Technik schon kannte.

Es wäre völlig irrational zu denken, dass so etwas unser Immunsystem überfordern könnte. Dann würde jedes Kind sterben, wenn es mit Fremdkeimen konfrontiert würde, mit denen es vorher noch keine Berührung hatte.

Herwig Kollaritsch

Medizinprofessor Kollaritsch zum Corona-Impfstoff: Impreaktionen sind gute Zeichen

In der „New York Times“ haben Menschen, die bereits die erste Dosis des mRNA-Impfstoffs von Biontech/Pfizer oder Moderna bekommen haben, von ihren Erfahrungen damit berichtet. Einige erzählen von schweren Kopfschmerzen, Fieber und davon, die Impfung erheblich gespürt zu haben. Sie selbst schreiben, mRNA-Impfungen seien relativ „reaktogen“. Warum ist das so?

Diese Impfstoffe sprechen das Immunsystem ganz besonders gut an und rufen eine sehr hochwertige Immunantwort hervor. Das ist ja auch ihr Vorteil. mRNA-Impfstoffe führen dazu, dass verstärkt Botenstoffe ausgeschüttet werden. Diese Botenstoffe steuern die Interaktion der einzelnen Immunzellen, haben aber eben auch physiologische Wirkungen im Organismus, sind beispielsweise entzündungsfördernd. Derartige Impfreaktionen sind nur ein Zeichen, dass die Immunantwort voll angelaufen ist. Und das ist ja etwas, das wir uns wünschen.

Warum das?

Auch wenn ich ein Mittel gegen Kopfschmerzen nehme, muss ich damit rechnen, dass die Substanz im Organismus möglicherweise noch eine andere Wirkung hat. Es gilt der alte Grundsatz: Wenn ein Medikament keine Nebenwirkung hat, hat es mit hoher Sicherheit auch keine Hauptwirkung. Eines wird allerdings sehr oft versäumt: Man muss die Menschen darauf aufmerksam machen, dass sich nach der Impfung etwas tut. Viele dürften nicht glücklich darüber sein, eine Beeinträchtigung ihres Zustandes in Kauf nehmen zu müssen, weil sie zum Zeitpunkt der Impfung völlig gesund sind. Wenn man Kopfschmerzen hat und dagegen etwas einnimmt, ist die Situation eine ganz andere. Bei einer Impfung dagegen ist das Krankheitsrisiko eher abstrakt. Aber je mehr das Bewusstsein der Menschen um die Gefährlichkeit von Covid-19 zunimmt, desto mehr werden bereit sein, die Impfreaktionen in Kauf zu nehmen.

Aus den Reihen der skeptischen Menschen wird oft das Risiko von Autoimmunerkrankungen durch die Impfung angeführt.

Das ist eine Killerfrage, weil man es nicht mit hundertprozentiger Sicherheit ausschließen kann. Aber 60 Jahre Forschung zu diesem Thema haben stets das Gleiche ergeben: Es gibt keinen belegbaren Zusammenhang zwischen Impfungen und Autoimmunerkrankungen. Viele Impfgegner beziehen sich außerdem auf Lebendimpfstoffe, die irgendwann in grauer Vorzeit zugelassen wurden, zum Beispiel den alten Pockenimpfstoff. Derartige Vakzine waren sicher problematischer.

Herwig Kollaritsch.

Zur Person:

Herwig Kollaritsch ist Professor der Medizin mit Schwerpunkt Impfwesen, Epidemiologie, Mikrobiologie und Reise-medizin. Er ist Mitglied des nationalen österreichischen Impfgremiums und hat eigenen Angaben zufolge in den letzten 40 Jahren rund 600.000 Impfungen gegeben. (pam)

Herwig Kollaritsch zum Corona-Impfstoff: Infektionsverstärkende Antikörper bislang unbekannt

Ein weiteres Stichwort lautet infektionsverstärkende Antikörper. Im Internet kann man auf die Befürchtung stoßen, dass solche infektionsverstärkenden Antikörper nach einer Impfung gebildet werden und bei einer Konfrontation mit dem echten Virus dann zu einem besonders heftigen Krankheitsgeschehen führen können.

Das ist ein rein theoretisches Risiko. Weder aus den präklinischen noch aus den klinischen Daten gibt es die geringsten Anhaltspunkte dafür, dass es passieren könnte. Dagegen spricht auch: Wenn die Impfung zur Bildung von infektionsverstärkenden Antikörpern führen sollte, müsste es in viel größerem Ausmaß für die natürliche Infektion gelten. Bei Dengue-Fieber kann es zum Beispiel dazu kommen. Aber bei Covid-19 hat man noch keine infektionsverstärkenden Antikörper gesehen.

Um das Stichwort natürliche Infektion aufzugreifen: Was ist mit Menschen, die bereits eine Infektion mit Sars-CoV-2 durchgemacht haben, vielleicht auch, ohne es selbst zu wissen? Können sie sich bedenkenlos impfen lassen?

Wir wissen von anderen Krankheiten, dass das kein Problem ist, zum Beispiel bei FSME, Keuchhusten oder Grippe. Das wäre es nur beim Auftreten von infektionsverstärkenden Antikörpern. Für Menschen, die bereits mit dem Coronavirus infiziert hatten, bedeutet das Impfen ein Auffrischen des Immungedächtnisses, mit dem die Immunantwort verbessert wird.

Zum Buch

Herwig Kollaritsch: Pro & Contra Corona-Impfung. Tipps für die persönliche Impfentscheidung. Edition a. 128 Seiten, 18 Euro.

Natürliche Immunität versus Corona-Impfung: Mediziner Kollaritsch mit eindeutiger Aussage

Besteht eigentlich ein Unterschied zwischen einer natürlichen Immunität und der Immunität durch eine Impfung?

Ein großer sogar. Bei der Impfung verwenden wir als Antigen fast ausschließlich das Spike-Protein des Virus, mit dem es an die Zellen bindet. Nur dagegen werden dann auch Antikörper gebildet. Wenn man hingegen infiziert ist, bilden sich auch Antikörper gegen andere Proteine des Virus. Sie sind aber – zumindest teilweise – was den Schutz betrifft nutzlos.

Bedeutet das, ein natürlicher Schutz ist nicht besser als der durch eine Impfung?

Das Gegenteil ist eher der Fall. Die hochspezifische Immunreaktion durch die Impfung ist hochwertiger.

Haben Sie eine Vermutung, wie lange die Immunität nach der Impfung anhalten könnte?

Die Daten, die wir haben, reichen bis zu einem Zeitraum von vier Monaten. Wir sehen anfangs einen sehr starken Anstieg der Antikörper, der dann absinkt, allerdings einige Monate deutlich über der schützenden Grenze bleibt. Es bleibt allerdings eine Unsicherheit, ob darüber hinaus und vor allem wie lange ein Schutz besteht. Wir werden das aber bereits in einigen Monaten recht genau wissen, da die Teilnehmenden der Zulassungsstudien weiter diesbezüglich beobachtet werden.

Medizinprofessor Herwig Kollaritsch zu Corona-Impfungen: Mit idiotischem Gerücht aufräumen

Unsicherheit herrscht auch hinsichtlich der Frage, ob die Impfung zu einer sterilen Immunität führt, also dazu, dass man andere Menschen nicht mehr anstecken kann.

Diese Frage beschäftigt uns in der Wissenschaft sehr, und es gibt noch keine schlüssige Antwort darauf. Es deutet sich an, dass man durch die Impfung bei einer Infektion nur über einen kürzeren Zeitraum infektiös ist und das auch nicht mit einer so hohen Viruslast. Das wäre dann schon die halbe Miete.

Gibt es Menschen, denen Sie raten würden, sich nicht impfen zu lassen?

Allgemein lautet die Empfehlung, dass sich immunsupprimierte Menschen, deren Abwehrsystem nicht richtig arbeitet, und Patienten, die gerade eine schwere Krebserkrankung durchmachen, nicht ohne umfassende Beurteilung des individuellen Zustandes impfen lassen sollten. Letztlich ist es aber immer eine Einzelfallentscheidung, die jeder Patient mit seinem Arzt treffen sollte. Mir wäre es aber auch noch wichtig, auf ein idiotisches Gerücht einzugehen. Die Impfung nimmt keinen Einfluss auf die Fertilität von Frauen. Es wird behauptet, das könne passieren, weil Übereinstimmungen bestehen zwischen Sequenzen der Aminosäuren des Spike-Proteins und einem Hormon, das für die Anlage der Plazenta wichtig ist. Dabei geht es gerade mal um vier Sequenzen von 1200 des Spike-Proteins und 600 des Hormons. Abgesehen davon, dass dann auch alle Frauen, die sich mit dem natürlichen Virus infizieren, Probleme mit der Fertilität bekämen, ist das ein völliger Unsinn.

Interview: Pamela Dörhöfer

Rubriklistenbild: © Mareen Fischinger/imago

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