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Insektenheilkunde

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Von: Johannes Dieterich

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Soziales Verhalten ist überlebenswichtig: In der Gruppe in Gabun leben 45 Schimpansen, darunter auch Suzee, Sassandra und Olive. Tobias Deschner/Ozouga chimpanzee project/dpa
Soziales Verhalten ist überlebenswichtig: In der Gruppe in Gabun leben 45 Schimpansen, darunter auch Suzee, Sassandra und Olive. Tobias Deschner/Ozouga chimpanzee project/dpa © dpa

Erstmals kann ein Forschungsteam belegen, dass Schimpansen sich medizinisch versorgen. Aber ob die Mittelchen Schmerzen lindern oder die Heilung beschleunigen, bleibt vorerst deren Geheimnis

Äskulap hatte nicht nur menschliche Schülerinnen und Schüler: Am Heilkunde-Unterricht der griechischen Gottheit nahmen offenbar auch Schimpansen teil. Das geht aus den Beobachtungen von Forschenden der Universitäten von Osnabrück und Leipzig hervor, die diese in den vergangenen Jahren im Loango-Nationalpark des zentralafrikanischen Staates Gabun sammeln konnten.

Das Team um den Primatologen Tobias Deschner und die Kognitionsbiologin Simone Pika beobachtete eine Gemeinschaft von rund 45 Schimpansen. Sie entdeckten, dass Schimpansen zur Behandlung von Wunden Heilmittel einsetzen: Die Primaten fangen Insekten, zerdrücken sie und schmieren die „Salbe“ auf offene Wunden – vermutlich, um ihren Schmerz zu lindern oder die Heilung zu beschleunigen. Die Beobachtungen der Forschenden wurden jetzt in der Fachzeitschrift „Current Biology“ veröffentlicht.

Als erste Heilerin fiel der Gruppe Suzee auf. Während die Schimpansen-Mutter eine Wunde ihres Sohnes inspizierte, fing sie plötzlich mit der Hand ein Insekt aus der Luft, zerdrückte es zwischen ihren Lippen und verstrich das so gewonnene Insektenmus mit der Fingerspitze auf der Wunde ihres Sprösslings. Ohne sich zu beschweren, ließ der Kleine die Prozedur gleich dreimal in Folge über sich ergehen: Offensichtlich verschaffte ihm die medizinische Behandlung Linderung.

Über 15 Monate hinweg fanden die Primatenforscherinnen und -forscher diese Behandlungspraxis gleich 22 Mal bestätigt. In den meisten Fällen wandten Schimpansen das Insektenmus an sich selbst an – doch immerhin dreimal trat auch ein Dr. Chimp in Aktion. Es ist das erste Mal, dass im Tierreich die Praktizierung von Heilkunde beobachtet wurde.

Man kennt es von Hunden oder Katzen, die Gras essen, um sich übergeben zu können: Eine instinktive Art des Einsatzes von Medikamenten. Auch von Bären und Elefanten ist bekannt, dass sie zur Heilung von Magenbeschwerden gewisse Pflanzen essen. Doch dass ein Elefant den anderen medizinisch behandelt, wurde bislang noch nicht beobachtet.

Zwar kümmern sich auch andere Tiere um ihre Art- oder Familiengenossen, aber keines so sorgfältig wie Schimpansen. Für sie ist soziales Verhalten überlebenswichtig: Nur in einer gut organisierten Gruppe haben sie gegen Leoparden eine Chance oder können kleinere Affen umzingeln, zerreißen und fressen. Weil verletzte Schimpansen dafür kaum infrage kommen, müssen sie möglichst schnell geheilt werden: Der Selektionsvorteil einer Primatenbande mit Hausarzt. „Wir haben bei jedem unserer Besuche wieder etwas Neues über die Schimpansen erfahren“, schwärmt Simone Pika, die auch Co-Autorin der Studie ist: „Sie stecken voller Überraschungen.“

Was dem Forschungsteam bislang allerdings vorenthalten blieb: Die Insektenart, derer sich die Schimpansen-Ärzte bedienen. Bisher hätten sie noch nichts von der Salbe ergattern oder das verwendete Insekt identifizieren können, räumt Pika ein. Das sei jetzt dringend nachzuholen. Erst dann lässt sich feststellen, ob das Insekt tatsächlich eine schmerzlindernde oder heilungsfördernde Substanz in sich trägt – was wiederum die Pharmakonzerne interessieren wird.

Jemand sollte den Schimpansen bei der Anmeldung eines Patents behilflich sein: Sonst werden ihnen nicht nur ihr Lebensbereich und ihre Nahrungsgrundlage weggeschnappt, sondern auch ihr heilsames Wissen.

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