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Reportage aus Mosambik

Inklusion ist kein Luxus: José Diquinssone kämpft in Mosambik für Menschen mit Behinderung 

Die Inklusion von Menschen mit Behinderung ist kein Luxus reicher Länder. Ein Blinder aus Mosambik studiert in Europa, kehrt in sein Heimatland zurück und verhilft seither Behinderten zu Bildung und Jobs.

Mosambik - Heute ist Cremildo an der Reihe, das Lied vom Hahn anzustimmen. Aber der Junge vorn an der Tafel zögert, die übrigen Kinder in der Klasse blicken ihn erwartungsvoll an. Und dann singt Cremildo leise „Der Hahn, der kräht“, zu leise für das große Zelt mit dem löchrigen Dach, in dem die rund 40 Jungen und Mädchen unterrichtet werden.

„Sing lauter, Cremildo!“, ermuntert ihn die Lehrerin, „sing lauter!“ Das Knattern von Motorrädern und die Rufe von Snackverkäufern auf der Straße vor dem Zelt drohen Cremildo zu übertönen. Der Siebenjährige holt tief Luft, wendet dabei seinen Blick nicht von seinen Mitschülern und hebt nochmals an: „Der Hahn, der kräht, Kikiriki!“

„Kikiriki!“ jubeln die anderen Kinder und klatschen in die Hände. Auch Cremildo will klatschen, gibt seinem Oberkörper einen Ruck, schmeißt die Schultern nach vorne, seine Handflächen streifen sich nur, sie schlagen nicht aufeinander. Seine Arme sind zu kurz, seine Hände in einem zu spitzen Winkel verwachsen, beide Daumen fehlen; auch Cremildos rechtes Ohr ist deformiert. Er kam so zur Welt – und es schien, als wäre er zu einem Leben in Isolation und Untätigkeit verdammt. Aber vor zwei Monaten wurde er eingeschult, in einem der ärmsten Länder der Welt.

Jose Diquisson Tole, blinder, ehemaliger Regierungsbeamter, der sich für die Rechte behinderter Menschen einsetzt. In seinem Gartenhaus.

Mosambik: 45 Prozent der Erwachsenen können weder lesen noch schreiben

Rund die Hälfte der rund 30 Millionen Menschen in Mosambik leben unter der Armutsgrenze. 45 Prozent der Erwachsenen können weder lesen noch schreiben. Besonders betroffen sind Menschen mit Behinderung. Noch immer glauben viele, dass auf ihnen ein Fluch liegt. Kinder werden aus Scham von ihren Familien versteckt oder in ihren Gemeinden gemieden. Und immer wieder werden sie von überforderten Lehrerinnen oder Lehrern nach Hause geschickt. Später im Leben sind Menschen mit Behinderung vier Mal häufiger arbeitslos als der Rest der Bevölkerung.

Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge haben 15 Prozent der Weltbevölkerung eine körperliche oder geistige Behinderung. 80 Prozent davon leben in Entwicklungsländern. Infektionskrankheiten wie Malaria und Masern töten noch immer viele Menschen und führen wie Polio häufig zu Behinderungen. Krankheiten, an die wir uns in Europa kaum noch erinnern. Während in vielen westlichen Ländern Brillen und Hörgeräte ganz selbstverständliche Hilfsmittel sind, bleibt in Mosambik den meisten Menschen, die nicht oder nur sehr schlecht sehen oder hören können, nur ein Leben in Stille und ewiger Nacht.

Anders in der mosambikanischen Provinz Sofala und dessen Hauptstadt Beira: Hier gelingt die Inklusion von Menschen mit Behinderung in Schule und Arbeitsmarkt auffallend gut. Zu verdanken haben Cremildo und die vielen anderen, die mancherorts verstoßen oder gar getötet werden, diese Chance einem stämmigen Mann mit einer erstaunlichen Lebensgeschichte.

José Diquinssone empfängt Mitte Mai in seinem kühlen Gartenhäuschen am Rande Beiras. Der 57-Jährige sitzt auf einem opulenten Stuhl, dessen verzierte Rückenlehne sich über seinem Kopf wölbt wie eine Krone. Unter seiner goldumrandeten Sonnenbrille: ein offenes Lächeln. An den pink gestrichenen Wänden hängen Zeichnungen von Giraffen, Wasserbüffeln und Elefanten. In Beira nennen sie ihn voller Respekt „Dr. Diquinssone“, weil er studiert hat. „An heißen Tagen wie heute ziehe ich mich gerne hierher zurück“, sagt Diquinssone. „Dann schreibe ich Gedichte oder spiele ein paar Stunden auf der Gitarre.“

Wenn er über die Steinplatten läuft, die durch den Garten seines Hauses führen, dann bewegt er sich zielstrebig und sicher, auf seinem Grundstück braucht er keine Hilfe, weder von seiner Frau und noch von seinen beiden Töchtern. Aber jenseits der Mauern, die sein kleines Reich umgeben, braucht er andere, die für ihn sehen. Aber das war nicht immer so.

José Diquinssone wird 1964 als eines von sieben Kindern in einem Dorf rund 200 Kilometer westlich von Beira geboren. Die Familie ist arm, José hilft seinen Eltern auf dem Feld, spielt in der Freizeit Fußball mit seinen Geschwistern und den Nachbarskindern. Bis zu jenem November 1974, als er an Masern erkrankt. Nach einer Woche kann er nicht mehr sehen. Gerade in Entwicklungsländern, wo viele Kinder unter Vitamin-A-Mangel leiden, kann die Infektion zur Erblindung führen.

Das nächste Krankenhaus ist 60 Kilometer entfernt, Josés Familie kann sich den Transport nicht leisten, die Eltern müssen sich das Geld von anderen im Dorf leihen. Als sie den Jungen endlich ins Krankenhaus bringen können, ist es zu spät: sein Augenlicht kann nicht gerettet werden. Seine Mutter weint tagelang. Dass ihr Sohn plötzlich blind ist, das ist für sie, als sei er gestorben.

Cremildo Cosmo, 7 Jahre, Schüler einer inklusive Grundschule in Beira

Eine Privatschule für Blinde in Beira, bis heute die einzige in ganz Mosambik

Doch die Klinik, der Ort, an dem seine Kindheit so abrupt endet, wird für den damals Elfjährigen zum Ort des Neuanfangs. „Nichts ist verloren! Ihr musst an euren Sohn glauben, wie Gott es tut!“ – es sind die Worte einer katholischen Krankenschwester und Nonne, die den Eltern neue Hoffnung geben. „Ich höre noch heute ihre Stimme“, sagt José Diquinssone. Warm und freundlich war sie – und doch so bestimmt, dass Josés Familie die Zweifel ablegen kann. „Nichts ist verloren! Du musst an dich glauben, so wie Gott es tut!“

José Diquinssone ist sich ganz sicher: Ohne die Nonne Filomena wäre sein Leben anders verlaufen. Sie ist es, die seinen Eltern von einer Privatschule für Blinde in Beira erzählt, bis heute die einzige in ganz Mosambik. Dort lernt José Diquinssone die Blindenschrift Braille lesen und schreiben, findet neue Freunde. Er genießt die Zeit in der Schule, blüht auf im Laufe der Jahre. Und wenn er in den Ferien zuhause bei der Familie ist, vermisst er die Jungen und Mädchen aus seiner Klasse. Denn „zuhause wusste niemand richtig mit mir und meiner Behinderung umzugehen. Wie sie mit mir Zeit verbringen und spielen sollten“, erinnert er sich. „Ich fühlte mich allein.“

José Diquinssone spricht langsam, wählt seine Worte mit Bedacht. Sucht er nach dem passenden Ausdruck, zucken seine Zehen, die in schwarzen Flipflops stecken. Er hält sie so lange in der Luft, bis ihm die richtige Formulierung einfällt.

Die Geborgenheit unter Seinesgleichen endet für ihn nach der vierten Klasse. Höhere Jahrgänge werden zu dem Zeitpunkt an der Blindenschule nicht unterrichtet. José Diquinssone wechselt an eine staatliche Schule. Keiner seiner Lehrer hatte je zuvor ein sehbehindertes Kind unterrichtet. Der Junge fürchtet, ausgeschlossen zu werden. Doch die anderen Kinder in der Klasse lesen ihm aus Arbeitsheften vor, die Lehrer erzählen ihm, was an der Tafel steht.

Cremildo Cosmo, 7 Jahre, (mitte) Schüler einer inklusive Grundschule in Beira

José Diquinssone will Stigmata aufbrechen

Seine Noten sind gut. So gut, dass es zum Studieren reicht. Doch keine Universität in Mosambik möchte ihn aufnehmen. Ein Blinder? Studieren? Man wisse nicht, wie das gehen soll. José Diquinssone bewirbt sich um ein Stipendium für ein Studium in Portugal. Und kämpft wieder mit der Angst: Wie wird er sich in dem fremden Land zurechtfinden? Wie werden die Lehrenden und die anderen Studierenden auf seine Behinderung reagieren?

Während in seiner Heimat der Bürgerkrieg tobt, der fast 16 Jahre dauern und eine Millionen Menschen das Leben kosten wird, beginnt Diquinssone 1986 in Lissabon sein Studium der Soziologie. Nach drei Jahren hängt er einen Master in Afrikanistik an. Obwohl er gezeigt hat, dass er trotz seiner Einschränkung lernen und studieren kann, ist die Leitung der Fakultät skeptisch: Wie soll ein Blinder forschen können? Wie die Literatur verstehen? Auch in dem europäischen Land fehlt es an Hilfsmitteln, keines der Bücher in der Unibibliothek gibt es in Braille. José Diquinssone bezahlt Assistenten, lässt sich von ihnen die wichtigsten Texte und Notizen auf einem Recorder aufnehmen – und besteht die Prüfungen.

Während sich draußen in der prallen Mittagssonne zwei Eidechsen über die Fensterscheibe jagen, surrt über Diquinssone im Gartenhaus der Ventilator. Er klappt das Glas seiner Armbanduhr hoch, ertastet die Uhrzeit in Braille. Er wirkt zufrieden mit sich und der Welt, ein Mann, der in sich ruht – ganz anders als der Junge und Student vor dem Versagen fürchtete. Sein Erfolg hat ihm Selbstvertrauen gegeben. „Bildung war mein Sprungbrett“, sagt er.

Nach seinem Studium will er seinem Land etwas zurückgeben, für eine inklusive Gesellschaft kämpfen. Dafür, dass andere Kinder mit Einschränkungen eine Schule besuchen oder behinderte Menschen eine Ausbildung machen können. Er will aufklären, die Stigmata aufbrechen und der Diskriminierung Behinderter ein Ende bereiten. Ein kühner Plan, für dessen Umsetzung José Diquinssone 1995, drei Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs, nach Beira zurückkehrt.

Jose Diquisson Tole, blinder, ehemaliger Regierungsbeamter, der sich für die Rechte behinderter Menschen einsetzt, mit Frau und Tochter

José Diquinssone steigt in die Politik ein

Er arbeitet zunächst für seine alte Blindenschule, im Jahr 2001 wird er Präsident der Blindenvereinigung Mosambiks. Er organisiert Schulungen in Blindenschrift für die Lehrkräfte der Pädagogischen Universität in Beira, unterrichtet als Gastdozent an zahlreichen Universitäten im Land, und erreicht, dass sich immer mehr von ihnen gegenüber blinden Studentinnen und Studenten öffnen.

Und er steigt in die Politik ein. Zehn Jahre leitet er das Ministerium für Frauen, Kinder und Soziales der Provinz Sofala. In dieser Zeit arbeitet er eng mit Hilfsorganisationen zusammen, etwa „Licht für die Welt“ aus Österreich, aber auch lokalen Initiativen. Deren Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter suchen in Gemeinden der Provinz, die etwa so groß ist wie Bayern, nach Menschen mit Einschränkungen, um sie zu fördern und ihnen den Zugang zu Schul- oder Erwachsenenbildung zu ermöglichen. Mehr als 5300 Menschen, darunter rund 1500 Kinder unter 18 Jahren, wurden bisher von den Programmen unterstützt. Der Grundschüler Cremildo ist einer von ihnen.

Einmal, so erinnert sich José Diquinssone, bekam er Besuch von einer Ministerin aus der Hauptstadt Maputo. Nach einer Stadtführung fragte sie ihn, warum es in Beira so viel mehr Behinderte gäbe als anderswo in Mosambik. José Diquinssone grinste, schwieg ein paar Sekunden – und sagte dann: „Menschen mit Behinderung fühlen sich bei uns wohl.“ Sie kommen, erzählte er der Ministerin, sogar aus anderen Städten und Provinzen, gehen hier zur Schule, machen eine Ausbildung. Etwa an den zwei Berufsbildungszentren der Organisation „Young Africa“ in Beira und in der nahgelegen Stadt Dondo.

Dort können junge Menschen mit und ohne Behinderung in mehrmonatigen Kursen ein Handwerk lernen, darunter das Tischlern, Schneidern, Kochen oder Backen. Und die Auszubildenden, die im Rollstuhl sitzen, gelangen über Rampen in jedes Gebäude, Unterrichtsmaterialien gibt es in Braille-Schrift, mehrmals im Jahr werden die Ausbilderinnen und Ausbilder in Gebärdensprache geschult. In der Schlosserei arbeitet ein gehörloser Absolvent als Hilfslehrer und motiviert andere Gehörlose: An dem aktuellen Kurs nehmen 17 von ihnen teil. Außerhalb des Zentrums haben schon etliche, die hier eine Ausbildung gemacht haben, einen Job als Handwerker oder Schneider gefunden. Und in mehreren Restaurants in der Stadt arbeiten gehörlose Köchinnen.

Joaquim Jose Chicova, gehörloser Hilfslehrer in der Schlosserei des Berufsausbildungszentrum Young Afrika

Die zehn Jahre als Politiker waren für José Diquinssone Erfüllung und Enttäuschung zugleich. Oft musste er sich den Entscheidungen der Regierung in Maputo beugen, konnte viele seiner Ideen nicht umsetzen. „Es fehlte an Budget und dem Willen zur Veränderung“, sagt er. Es reiche nicht aus, Menschen mit Behinderungen ausfindig zu machen und sie ins Schulsystem zu integrieren. Man müsse sie auch mit adäquaten Hilfsmitteln wie Brailledrucker oder Computersoftware ausstatten. „Doch viele in diesem Land denken noch immer, dass Investitionen in behinderte Menschen verlorenes Geld seien“, sagt er – und macht dabei aus seiner Wut keinen Hehl.

Die Reportage-Reihe


Die Magazin-Reportage aus Mosambik ist der Auftakt einer Serie zum Thema „Wie Bildung Leben verändert“ – Ausgehend von dieser Frage wird die FR in Kooperation mit „Zeitenspiegel Reportagen“ ein Jahr in zwölf Ländern der Welt vor Ort recherchieren und Geschichten von Menschen erzählen, denen Bildung ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht hat. Die Reporter:innen und Fotograf:innen wollen mit ihren Geschichten auch zeigen, wie wichtig Bildung für die Entwicklung ganzer Gesellschaften sein kann.

Die Serie ist Teil eines internationalen Projektes, für das acht Medien in Deutschland, Frankreich und England ausgewählt wurden. Das European Journalism Center und die Bill & Melinda Gates Stiftung fördern die acht Projekte zur Berichterstattung über die Herausforderung globaler Entwicklung mit insgesamt 900 000 Euro.

Im vergangenen März räumte José Diquinssone schließlich seinen Posten im Ministerium. Doch zur Ruhe gesetzt hat er sich noch lange nicht, er will sich weiter für Aufklärung einsetzen, will den jungen Menschen klar machen, welche sie Chancen sie haben, wenn sie sich bemerkbar machen, auf ihr Recht auf Förderung pochen.

An einem Mittwochabend, kurz vor halb acht. sitzt José Diquinssone in einem kleinen Radiostudio im Zentrum Beiras. Von den Wänden blättert die Farbe, im Flur steht der Geruch von Knoblauch und Moder. Neben Diquinssone im Studio sitzt Anástacio Joao Tijó. Er ist Moderator des „Rádio Moçambique“ und Diquinssones ehemaliger Student.

„Seja bem-vindo a la Hora do cidadão“ – Seid willkommen zur Bürgerstunde, ruft er in das Mikrofon vor sich. Jede Woche sind die beiden auf Sendung, Menschen im ganzen Land hören ihnen zu. Für eine halbe Stunde sprechen sie über die Inklusion behinderter Menschen, das Zusammenleben in Städten und wie es in Afrika um die Menschenrechte steht. „Vergangene Woche ging es um das Schicksal eines behinderten Mädchens in der Nachbarprovinz Imhabene“, erklärt Diquinssone. Die Eltern seien mit der Betreuung überfordert gewesen. Ohne Unterstützung der Regierung hätten sie keinen anderen Ausweg gesehen, als ihre Tochter zu töten. „Das darf nicht passieren!“ sagt Diquinssone. „Wir dürfen nicht schweigen“.

Auch die Polizei soll Gebärdensprache lernen

Aber nicht nur das Schweigen muss gebrochen werden – es müssen auch mehr Menschen in Mosambik die Gebärdensprache lernen, um etwa mit Gehörlosen kommunizieren zu können. Das haben auch die Polizeibehörden erkannt und beginnen damit, erste Schulungen zu organisieren.

In einem klimatisierten Konferenzsaal mitten in Beira zeigt eine junge Frau in einem cremefarbenen Rock mit ihren Daumen nach oben, führt dann ihre rechte Handfläche von unten nach oben. Es ist die Gebärde für „Bom dia“ – Guten Morgen. Die 18 uniformierten Polizistinnen und Polizisten, die an den Tischen im Raum sitzen, machen es ihr nach. Statt auf Streife zu sein, lernen sie an diesem Tag die Grundlagen der Gebärdensprache. Es ist der erste Tag ihres zehntägigen Trainings.

Die Einsatzkräfte aus Beira sind die ersten, die in Mozambik ein solches Training absolvieren, weitere Beamte in anderen Städten und Bezirken der Provinz Sofala werden folgen. Am Ende sollen 50 von ihnen in der Lage sein, mit gehörlosen Menschen zu kommunizieren. Bisher mussten die Polizistinnen und Polizisten dafür immer Menschen zu Hilfe holen, die die Gebärdensprache beherrschen. Aber was, wenn es schnell gehen musste oder die Dolmetscher:innen verhindert waren? „Wir haben dann oft nicht verstanden, was genau passiert ist“, sagt Sididi Paulo, Leiterin der Abteilung für häusliche Gewalt. Gehörlose Frauen seien besonders verletzlich, da sie sich ohne Übersetzer nicht mitteilen können und nicht verstünden, was ihre gewalttätigen Männer den Beamtinnen und Beamten erzählen.

Sididi Paulo hat das Training daher Initiiert, der Verein „Licht für die Welt“ hat es organisiert. Auch nach dem Kurs werden Gebärdensprachentrainer die Polizeiwache einmal die Woche besuchen, um das Gelernte zu vertiefen. Und auf diese Weise auch Toleranz und Verständnis zu fördern.

Aber während in Beira junge Polizistinnen und Polizisten in Gebärdensprache unterrichtet werden, sind nicht weit von der Provinzhauptstadt entfernt die alten Vorurteile noch ganz lebendig.

Im Dorf Nhamayabwe, etwa 35 Kilometer von Beira entfernt, stehen zwei Dutzend Jungen und Mädchen um eine Frau herum. Der Körper der Frau zuckt, unkontrolliert schmeißt sie ihre Arme in die Höhe, wankt von einem Bein aufs andere, nach vorne, nach hinten, wirft sich zu Boden. Es scheint als würde sie tanzen, zu einer Musik, die nur sie hört. Plötzlich reißt sie ihre Augen auf, verzieht ihren Mund zu einer Grimasse. Die Kinder und Jugendlichen äffen sie nach. „Geh nach Hause“, grölt eins der älteren Mädchen. Niemand in Nhamayabwe kennt diese Frau. Keiner weiß um ihre Geschichte oder um die Krankheit, die sie quält. Eine halbe Stunde lang greift niemand ein, auch kein Erwachsener.

Öffentliche Debatte bricht Tabus rund um Behinderung auf

Doch dann eilt ein schmächtiger Mann auf die Gruppe zu und ruft: „Würdet ihr eure Mutter so behandeln?“ Die Kinder zucken zusammen, einige laufen weg. „Ich habe euch etwas gefragt!“, schnaubt der Mann. „Würdet ihr?“. „Nein“, murmeln die Kinder. „Glaubt ihr nicht, dass sie ein Mensch ist, wie du und ich auch?“ fragt der Mann. Und wartet eine Antwort erst gar nicht ab: „Jeder und jedem von euch kann so etwas passieren.“

Damiao Manhacha Nacimento weiß wovon er spricht. Er ist stark sehbehindert. Mit elf Jahren erkrankte er an einer besonders aggressiven Form von Malaria. 15 Tage lag er im Fieber-Delirium, war kaum ansprechbar. Ob es die Krankheit war oder die starken Medikamente, die seine Augen irreparabel schädigten, weiß er nicht. Er sieht nur noch Konturen, und in der Ferne gar nichts mehr. „Ich war am Boden zerstört“, erinnert sich der 36-Jährige. Zuvor war er der Klassenprimus, wollte Ingenieur werden, er wollte helfen, das Land nach dem Krieg wiederaufzubauen. Ohne sein Augenlicht kam ihm nicht nur die Schule, sondern sein Leben selbst sinnlos vor. Sein bester Freund wandte sich von ihm ab, die eigenen Eltern und Geschwister waren überzeugt, Hexen hätten ihn verflucht.

Zweimal wiederholte Nascimiento die siebte Klasse, schmiss schließlich die Schule ganz. Bis ihm jemand von der Blindenschule in Beira erzählte. Dort lernte er José Diquinssone kennen, der das Institut besuchte, Vorträge hielt, die Jungen und Mädchen motivierte. „Er glaubte an uns“, sagt Nascimento. „Das hat mir neue Hoffnung gegeben.“

José Diquinssone verdankt er auch seinen heutigen Beruf: In seiner Funktion als Präsident der Blindenvereinigung setzte sich Diquinssone dafür ein, dass die blinden Schülerinnen und Schüler so umfassend ausgebildet werden, dass sie selbst an Grundschulen unterrichten können. So wie Damiao Nascimento, der seit 14 Jahren als Lehrer in Nhamayabwe arbeitet. Einige der Jugendlichen, die er auf dem Dorfplatz zur Rede gestellt hat, waren in seiner Klasse. „Ihr Verhalten macht mich traurig“, sagt Nascimento. Vor allem geistige Behinderungen seinen noch immer ein Tabuthema in Mosambik. „In der Politik, in Schulen, in der Kirche, zuhause in den Familien.“

Aber auch in Mosambik zeigt sich, wie Tabus aufbrechen, sobald sie öffentlich thematisiert werden. So konnte sich auch Cremildos Großmutter bis vor wenigen Monaten nicht vorstellen, dass der Junge jemals zur Schule gehen würde. Zu groß war ihre Angst und Sorge, die Hänseleien könnten ihn noch zusätzlich belasten. Umso größer ist ihre Erleichterung, wenn sie Cremildo von der Schule abholt und er ihr fröhlich erzählt, was er heute alles erlebt hat. Oder von seinen Plänen erzählt, so wie eben gerade, als er auf den wuchtigen braunen Ledersessel im Wohnzimmer geklettert ist und seiner Oma, die hinter der Lehne steht, feierlich verkündet: „Wenn ich groß bin, werde ich Polizist. Dann habe ich eine Pistole!“ Sie presst die Lippen aufeinander, man sieht ihr an, dass sie froh ist, dass Cremildo Zukunftspläne schmiedet – auch wenn ihr diese nicht gefallen. Sie blickt ihn streng an. „Das finde ich nicht gut!“, sagt sie. „Werde doch lieber Arzt oder Lehrer!“ Cremildo drückt seinen Rücken durch, wächst ein paar Zentimeter in die Höhe. Fast so als wolle er seinem Plan noch etwas mehr Nachdruck verleihen. „Nein!“, ruft er. „Ich werde Polizist!“

Er wäre jedenfalls nicht der erste in Mosambik, der sein Ziel erreicht, weil er fest daran glaubt. (Rike Uhlenkamp)

Rubriklistenbild: © Rainer Kwiotek/Zeitenspiegel

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