Dürre

Bis auf den letzten Tropfen

Ein Kind steht mit seiner Mutter für Trinkwasser an.
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Ein Kind steht mit seiner Mutter für Trinkwasser an.
Hitzewelle in Indien
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Eine Frau schläft bei 45 Grad Celsius im Schatten eines Ladens.
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Mehreren indischen Millionenstädten droht das Wasser auszugehen.

In den Dörfern von Marathwadi rund 300 Kilometer südlich der indischen Wirtschaftsmetropole Mumbai leben nur noch alte und kranke Menschen. Die Äcker liegen brach. Der Boden ist aufgeplatzt. Die Dörfer sind weitgehend leer. „Warum soll hier noch jemand bleiben“, sagt ein alter tauber Mann, der einsam in einer Hütte auf seine letzten Tage wartet, „hier gibt es kein Wasser mehr.“ Seit dem Jahr 2014 brachte der lebensspendende Monsun zu wenig Wasser. Auch die Niederschläge im restlichen Teil des Jahres blieben weit unter dem Durchschnitt.

Die Folge: Rund 600 Millionen Indern, etwas weniger als die Hälfte der Bevölkerung, mangelt es gegenwärtig an Wasser. Seit 65 Jahren regnete es nicht mehr so wenig wie in diesem Jahr. Weite Teile Indiens glühen aktuell zudem mit Temperaturen um 50 Grad Celsius wie ein gigantischer Backofen. Hausfrauen prügeln sich mit ihren Plastikkübeln um das Wasser, das von Tanklastwagen beim Straßenbau vergossen wird. Vier Passagiere, die auf dem Dach eines überfüllten Zugs reisten, kamen tot am Ziel an. Im Bundesstaat Madhya Pradesh verendete eine Truppe von 15 Affen an Hitzschlag, nachdem sie im Kampf um Wasser gegen eine andere Gruppe verloren hatten.

Ältere Inder fühlen sich angesichts der verheerenden Dürre an die Hungersnot von 1975 erinnert. Sie war Anlass zu der „grünen Revolution“, bei der die damalige Regierung unter Premierministerin Indira Gandhi die Landwirtschaft des Landes modernisierte und den Subkontinent mit einem Netz von Wasserkanälen überzog. Doch eine knappes halbes Jahrhundert später geht Indien nun das Wasser aus.

Die 91 Wasserreservoirs des Landes sind gegenwärtig nur zu 20 Prozent gefüllt. Einige Stauseen im Süden des Landes haben sogar weniger als acht Prozent. Die vier Seen, die Chennai im Bundesstaat Tamil Nadu versorgen, schrumpften bereits auf ein Prozent ihrer Kapazität. Bewohner der Stadt wurden aufgefordert das Wasser abzukochen. Laut dem Thinktank Niti Ayok der indischen Regierung wird der Millionenmetropole im kommenden Jahr zudem das Grundwasser ausgehen. Das gleiche Schicksal blüht insgesamt 21 indischen Großstädten, darunter die Hauptstadt Delhi und das internationale IT-Zentrum Bangalore, das jetzt Bengalaru genannt wird.

Eine Frau schläft bei 45 Grad Celsius im Schatten eines Ladens.

Ein Grund neben der wachsenden Bevölkerung: In etwa 6000 Fabriken werden landesweit stündlich zwischen 5000 und 20.000 Liter abgepumpt, um Millionen von Plastikflaschen zu füllen, die landesweit verkauft werden. Über die Wassermengen, die Indiens Bierbrauer verbrauchen, gibt es derzeit ebenso wenig Angaben wie über die Mengen, die etwa Autohersteller verbrauchen. Die Industrie setzt auf Grundwasser, weil sie damit unabhängiger von der öffentlichen Versorgung ist.

Indien deckt laut Thinktank Niti Ayok rund 40 Prozent seines Verbrauchs mit Grundwasser. Die 1,3 Milliarden Menschen umfassende Nation stellt etwa 16 Prozent der Weltbevölkerung. Das Land nutzt jährlich sagenhafte zwölf Prozent des weltweiten Grundwasservorrats.

Trotz der prekären Lage betreibt Indien einen schier unverantwortlichen Raubbau mit dem kostbarer werdenden Nass. Denn nur 30 Prozent des Oberflächenwassers in Indien ist für den Konsum als Trinkwasser oder bei der Bewässerung geeignet. Der Rest ist so verdreckt, das er nicht benutzbar ist. Ein Grund: Etwa 63 Prozent der indischen Abwässer gehen ungeklärt in die Flüsse.

Umweltverschmutzung gehört wohl ebenso wenig zu den Neuigkeiten in Indien wie die nun schon seit acht bis neun Jahren andauernde Dürre des Landes. Aber laut einer Studie der beiden Elite-Universitäten Indien Institute of Technology in den Städten Indore und Guwahati haben bislang drei von fünf Distriktsverwaltungen des Landes keine Vorbereitungen für den Krisenfall getroffen.

Stattdessen lancierte der hindunationalistische Premierminister Narendra Modi die neue Kampagne Nal se Jal‘: Bis zum Jahr 2024 soll jeder Haushalt des Subkontinents an ein funktionierendes Trinkwassernetz angeschlossen sein. „Das erste große Problems des Vorhabens wird sein, woher das nötige Wasser kommen soll“, wundert sich ein Experte. Palagummi Sainath, Betreiber der Webseite „Peoples Archive of Rural India“ und Autor mehrerer Bücher zum Thema Wasser in Indien warnt angesichts der gegenwärtigen Krise: „Wir stehen vor einem explosiven Problem.“

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