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Bange Blicke aufs Wasser: Bei der Tuti-Insel in Khartum treffen der Weiße und der Blaue Nil zusammen.

Überschwemmungen in Afrika

In Zukunft Geschichte?

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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100 Tote, eine halbe Million Betroffene: Nach starkem Regen kämpfen die Menschen im Sudan gegen Überflutungen. Experten behaupten, der Nil-Staudamm könne solche Katastrophen verhindern.

Der Sudan erlebt derzeit die schlimmsten Überflutungen des Nils seit mehr als 100 Jahren. Ein Umstand, der sich auch auf die hitzig geführte Debatte um das Auffüllen des äthiopischen Staudamms „Grand Ethiopian Renaissance Dam“ (Gerd) auswirkt. Experten verweisen darauf, dass derartige Überflutungen nach der Fertigstellung des Staudamms verhindert werden könnten: „Solche Katastrophen werden in Zukunft der Geschichte angehören“, ist der Chefmanager des Technischen Regionalbüros des Ost-Nils in Äthiopien (Entro), Fekahmed Negash, überzeugt. „Wir werden das Wasser des Blauen Nils in Zukunft wesentlich besser regulieren können.“

In der sudanesischen Hauptstadt Khartum hat der Blaue Nil inzwischen einen Höchststand von 17,58 Meter erreicht – ein Rekord seit dem Beginn der Aufzeichnungen des Wasserstands im Jahr 1912. Nach Angaben der sudanesischen Sozialministerin Lena el-Sheikh haben die Wassermassen bereits einen Damm im Osten des Sudans überschwemmt und vor allem in Khartum 100 000 Häuser beschädigt. Mehr als 100 Menschen sollen getötet und eine halbe Million geschädigt worden sein. Die Vereinten Nationen sprechen von mehr als 2500 zerstörten oder beschädigten Gesundheitszentren und mehr als 40 Schulen. Außerdem seien „Hunderte von Trinkwasserquellen“ verunreinigt worden. Sudans Regierung rief den Notstand über den 42 Millionen Einwohner zählenden Staat aus, der zunächst drei Monate lang gültig ist.

Dies sei gewiss nicht das erste Mal, dass der Nil über die Ufer trete, berichtet Al-Jazeera-Korrespondentin Hiba Morgan aus Khartum: „Aber der schlimmste Fall, den die Bevölkerung der Hauptstadt in ihrem Leben je gesehen hat.“

Ein Mann steht in Shaqilab vor den Trümmern eines Hauses.

Vertreter Äthiopiens, des Sudans und Ägyptens streiten sich bereits seit Jahren um das Auffüllen des Gerd-Staudamms, der schließlich 74 Milliarden Kubikmeter Wasser umfassen soll. Ägyptens Regierung befürchtet, dass das fast vollständig vom Nilwasser abhängige Land während des Auffüllens und im Fall lang anhaltender Dürren nicht genug Wasser bekommen könnte. Dagegen verweist die Regierung in Addis Abeba auf den Strombedarf, den sie zur Entwicklung Äthiopiens braucht und der zu mehr als der Hälfte von Gerds Wasserkraftwerk produziert werden soll.

Ohne eine sich immer weiter hinauszögernde Einigung der Verhandlungspartner abzuwarten, begann Äthiopien im Juli mit dem Auffüllen des Staudamms, was wütende Reaktionen in Kairo und Khartum auslöste. Die US-Regierung setzte deswegen sogar ihr Hilfsprogramm für Äthiopien in Höhe von 130 Millionen Dollar aus.

In einer ersten Auffüll-Stufe hielt Äthiopien im Juli lediglich knapp fünf Milliarden Kubikmeter Wasser zurück. Genug, um Probeläufe der ersten beiden Triebwerke des Kraftwerks zu ermöglichen. Mehr Wasser kann erst im kommenden Jahr zurückgehalten werden, weil dazu die Bauarbeiten am Staudamm weiter fortgeschritten sein müssen. Wäre Gerd bereits fertiggestellt, hätten die Überschwemmungen im Sudan verhindert werden können, heißt es in Addis Abeba. Dort hofft man nun, dass sich zumindest die Haltung des Sudans bei den festgefahrenen Verhandlungen um das Nilwasser aufweichen wird.

In der gegenwärtigen Regenzeit ist es im äthiopischen Hochland zu außergewöhnlich heftigen Niederschlägen gekommen, die für das Anschwellen des Blauen Nils verantwortlich sind. Er führt gewöhnlich viermal so viel Wasser wie der aus dem Viktoriasee kommende Weiße Nil mit sich – die beiden Ströme fließen in Khartum zusammen. Die Erklärungen für die heftigen Regenfälle im äthiopischen Hochland sind unterschiedlich: Wissenschaftler verweisen auf den Klimawandel aber auch auf Hunderte Millionen von Bäumen, die die Regierung seit dem vergangenen Jahr dort pflanzen ließ, sowie auf die immer zahlreicher werdenden Dämme, die wegen der Verdunstung ebenfalls Auswirkungen auf die Niederschlagsmenge hätten.

Da die Regenzeit in der Region noch bis in den Oktober anhält, muss mit einem weiteren Steigen des Nil-Wasserstands gerechnet werden.

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