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Smartphones auf den Tisch – die Konzentration auf das Wesentliche richten.

Konzentration

In der Höhle

Die Welt ist vernetzt – und das Leben geprägt von Ablenkung. Ein New Yorker Start-up setzt auf einen Arbeitsalltag ohne Smartphones.

Okay, es geht los. Arbeiten. Noch einmal auf die Nachrichtenseiten: Huch, Facebook sendet fünf Benachrichtigungen, WhatsApp blinkt. Kollegen schreiben Mails. Die Zeit vergeht und die moderne Welt lässt uns nicht los. Dabei wollte man doch an etwas arbeiten. Hier kommt das New Yorker Start-up „Caveday“ ins Spiel. „Wir haben Caveday geschaffen, um der Welt beizubringen, wie man sich fokussiert“, erklärt Mitbegründer Jake Kahana.

Deshalb stehen fünf Männer und 15 Frauen im Kreis um einen Metalltisch im neunten Stock eines Bürogebäudes in Midtown Manhattan. Kahanas erste Ansage: Handys auf den Tisch. Da bleiben sie dann auch. „Unsere Smartphones machen uns nur dümmer“, sagt er. 80 Mal pro Tag würde man sie entsperren. Tausende Male das Display berühren. Am Stück konzentriere man sich durchschnittlich 40 Sekunden lang auf die eigentliche Arbeit, bis die nächste Ablenkung komme. „Das führt zu oberflächlicher Arbeit.“ Damit könne man kein Buch schreiben, keine neuen Kampagnen entwerfen, keinen Podcast produzieren.

Und auch keine neue Firma gründen, so wie Kahana und seine Partner es machten. Zusammen mit Jeremy Redleaf und Molly Sonsteng hatte der Designer vor einigen Jahren erkannt, wie viel produktiver sie waren, wenn sie sich von den Versuchungen der digitalen Welt wie in einer „Cave“ – einer Höhle – abschotteten. Also veranstalteten sie 2017 den ersten „Caveday“. „Die Leute haben es geliebt“, erinnert sich Kahana.

Von links: Jeremy Redleaf, Molly Sonsteng und Jake Kahana.

Arbeitspsychologe Tim Hagemann von der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld sagt, das Problem der Ablenkung in der Arbeitswelt ist durch das Smartphone größer geworden. Das habe mit dem uralten menschlichen Bedürfnis nach sozialen Kontakten zu tun. „Wenn dreimal am Tag der Postbote käme, würde ich auch dreimal am Tag an den Briefkasten gehen. Sowas triggert uns schon sehr.“ Doch durch solche Ablenkungen werde der Mensch aus seiner Konzentration gerissen. Wenn man zum Beispiel eine Mail beantworte, brauche man bis zu fünf Minuten, um an die unterbrochene Arbeit wieder anzuknüpfen.

Einen „Caveday“ muss man sich deshalb vorstellen wie eine Mischung aus Coworking Space und Gruppentherapie. Im Kreis stehend fragt Kahana reihum nach den Namen der Teilnehmer und dem Ziel ihrer Arbeit. Einige schreiben, andere zeichnen, wieder andere lernen. Dann sollen sie sagen, was sie heute ignorieren wollen. Die Worte Instagram, YouTube und E-Mails fallen. Nach einem gemeinsamen, motivierenden „Donnerklatschen“ geht jeder an die Arbeit. Es wird still an den Holztischen.

Was „Caveday“ von anderen Coworking-Büros wie „WeWork“ oder dem New Yorker „Writers Room“ für (angehende) Schriftsteller unterscheidet, ist die aktiv geförderte Gruppendynamik. „Das menschliche Element, von anderen umgeben zu sein, das macht Caveday besonders“, sagt Kahana. Das Startup baut dabei geschickt einen subtilen Druck auf die Teilnehmer auf. Wenn diese erzählen, was sie heute schaffen wollen, entstehe eine Verantwortung, das auch zu erreichen, erklärt Kahana.

Und wenn alle um einen herum konzentriert arbeiten, fällt es tatsächlich leichter, das ebenfalls zu tun. Das bestätigt auch Experte Hagemann, denn Menschen orientierten sich als soziale Wesen oft an ihren Mitmenschen. „Wenn 15 Leute um einen konzentriert arbeiten, ja, das ist ansteckend“. Pro Session kostet das umgerechnet 22 Euro, es gibt aber auch günstigere Zehnerpacks und eine monatliche Flatrate für 99 Dollar.

Nach der ersten Arbeitsphase von 40 bis 45 Minuten schlägt Kahana bei „Caveday“ eine kleine Glocke zur 5-Minuten-Pause. Dann wird sich zunächst gestreckt, es folgt ein kleiner Auftrag: Mit jemand Fremdem kurz darüber reden, was man an der eigenen Arbeit mag.

Daye Hwang ist heute das erste Mal dabei. Die New Yorkerin kommt frisch von der Uni und hat verschiedene Mittel probiert, um Struktur in ihren Arbeitsalltag zu bringen. Caveday, glaubt sie, könne ihr da helfen. Eine andere Teilnehmerin erzählt der Gruppe, dass sie schon lange ein Projekt im Kopf habe. „Heute war der erste Tag, an dem ich tatsächlich etwas geschafft habe“. Die Höhlenbewohner klatschen.

Es ist doch eigentlich so simpel: Die Welt verbannen und nur das eigene Ziel in den Blick nehmen. Braucht es dafür überhaupt ein Startup? Für die grundlegende Einstellung wohl nicht. Helfen können auch Apps, die Handy und Computer für Benachrichtigungen sperren und die eigene Produktivität dokumentieren – dazu gehören „RescueTime“ oder der „Cold Turkey Blocker“. Bei „Caveday“ aber finde man eben auch eine Gemeinschaft, glaubt Kahana. „Hier fühlst Du Dich beachtet dafür, wer Du bist und woran Du arbeitest“. (Benno Schwinghammer, dpa)

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