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In der Cyber-Hölle

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Von: Jörg Michel

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Legte sich mindestens 22 virtuelle Identitäten zu: der Angeklagte Aydin C. im Prozess Anfang Juni. Imago Images
Legte sich mindestens 22 virtuelle Identitäten zu: der Angeklagte Aydin C. im Prozess Anfang Juni. Imago Images © Imago Images

Amanda Todd wehrt sich in ihrer Verzweiflung mit einem Video gegen einen Stalker. Kurz darauf nimmt sich die 15-Jährige das Leben. Nun steht ihr mutmaßlicher Peiniger in Kanada vor Gericht

Die Leidensgeschichte von Amanda Todd beginnt mit einem unbedachten Moment im Internet. Die damalige Siebtklässlerin aus Kanada sang und tanzte im Videochat, als sie von einem Teilnehmer aufgefordert wurde, ihre Brüste zu zeigen. Im jugendlichen Überschwang zog sie kurz ihr T-Shirt hoch und langte sich in den Schritt. Danach war für sie nichts mehr wie zuvor.

Einer der Nutzer nahm die Szene auf und erpresste sie – drei Jahre lang. Bis es Amanda Todd nicht mehr aushielt und sie auf Youtube ein schwarz-weißes Video postete. „Ich habe niemanden“, schrieb sie in kugeliger Mädchenschrift auf eine Karteikarte. „Ich brauche Hilfe.“ Dahinter ein trauriges Smiley-Gesicht. Dann hielt sie den nächsten Zettel in die Kamera: „Mein Name ist Amanda Todd.“

Das Video vom Herbst 2012 war der letzte Hilferuf der 15-Jährigen aus der Nähe von Vancouver, bevor sie ein paar Tage später Suizid beging. Stumm, nur mit beschriebenen Karteikarten in der Hand, ließ sie die Öffentlichkeit zuvor neun Minuten lang teilhaben an ihren täglichen Qualen – und wurde so weltweit zum Gesicht der Opfer von Cyber-Mobbing.

Knapp zehn Jahre sind vergangen, seit Amanda Todd ihr Video ins Netz stellte. Millionen Menschen haben seitdem online Karteikarte für Karteikarte mit ihr gelitten und auf so etwas wie Gerechtigkeit gehofft. Nun könnte es so weit sein. In Kanada hat der Prozess gegen den mutmaßlichen Stalker begonnen, der die Jugendliche erpresste, ihr das Leben zur Hölle machte und sie in den Suizid trieb.

Angeklagt vor einem Geschworenengericht in New Westminister ist der Niederländer Aydin C., der im Dezember 2020 von Europa nach Kanada ausgeliefert wurde. Die kanadischen Staatsanwälte werfen dem heute 44-Jährigen unter anderem den Besitz von pornografischem Material mit Jugendlichen, kriminelle Belästigung, Verführung von Minderjährigen und Erpressung vor.

C. ist den Ermittlungsbehörden bekannt: 2017 wurde er in den Niederlanden zu zehn Jahren und acht Monaten Haft wegen Cyber-Mobbing verurteilt. Laut niederländischem Gericht hatte der Mann 34 Mädchen mit Fotos erpresst und zu sexuellen Handlungen vor der Webcam gedrängt. Der Fall Amanda Todd wurde dabei nicht verhandelt – das passiert jetzt in Kanada.

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Wegen der hohen Nachahmerquote berichten wir über Suizide nur in ausgewählten Fällen. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, können Sie sich an die Telefonseelsorge wenden. Unter der Hotline 0800/111 0 111 beziehungsweise 0800/111 0 222 und online unter telefonseelsorge.de erhalten Sie Hilfe.

In ihrem Plädoyer zum Prozessbeginn sagte die Staatsanwältin Louise Kenworthy, der Angeklagte habe sich 22 virtuelle Identitäten zugelegt, um Todd zu erpressen und zu verführen. Mit immer neuen Nachrichten soll C. dem Mädchen zwischen 2009 und 2012 gedroht haben, kompromittierendes Material an Eltern, Schulkamerad:innen, Lehrer:innen oder die Presse weiterzuleiten.

„Hast Du mich verstanden, Du Miststück? Zehn private Shows, dann verschwinde ich für immer“, soll C. dem Mädchen laut Staatsanwaltschaft im Dezember 2010 geschrieben haben. Einen Tag vor Weihnachten verschickte ihr Peiniger schließlich Dutzende Foto-Links an mehr als 100 User aus ihrem Umfeld und behauptete, Amanda Todd habe sich entblößt vor Hunderten Männern gezeigt.

„Hahaha, was für eine H--- sie doch ist“, heißt es in einer der mutmaßlichen Nachrichten C.s, die die Staatsanwaltschaft den Geschworenen in New Westminster vorlas. Freunde der Schülerin reagierten auf den Text, schrieben beleidigende Kommentare im Internet, bezeichneten sie als Schlampe. „Ich hoffe, sie stirbt“, lautete ein Kommentar. Verzweifelt wechselte Amanda Todd die Schule, hoffte auf einen Neuanfang.

Vier Monate später bekam sie erneut eine Mail: „Ich bin zurück… Hast Du mich vermisst? Wie geht es Dir in der neuen Schule? Überraschung… Ich habe ein neues Video von Dir.“ Später meldete sich C. laut Anklage per Mail bei der Schulleitung. Er gab sich als Sozialarbeiter aus, warnte die Lehrerschaft vor dem angeblich zügellosen Verhalten des Mädchens – und schwärzte sie erneut an.

„Amanda hatte Angst, sie fühlte sich verfolgt, sie hat nach Hilfe gesucht. Mit jeder Nachricht wurde es schlimmer“, berichtete Mutter Carol Todd im Gerichtssaal. Ihre Tochter habe geschrien, als sie erstmals ein Facebook-Profil mit einem entblößten Foto von sich entdeckte. Die Mutter schilderte auch, wie sie selbst ein Foto ihrer Tochter auf einer Pornoseite entdeckte: „Mein Herz stand für einen Moment still.“

In einem getrennten Verfahren hatten sich die Eltern des Mädchens dafür eingesetzt, dass trotz des strengen Jugendschutzes in Kanada über die Details der Anklage berichtet werden darf. Damit wollen sie ihrer Tochter posthum eine Stimme verleihen und andere Jugendliche vor den Gefahren des Cyber-Mobbings warnen. „Dieser Prozess hat Vorbildcharakter“, sagte Carol Todd.

Im Verfahren muss die Anklage beweisen, dass die Texte tatsächlich von C. stammen. C. bestreitet das, plädiert auf „nicht schuldig“. Seine Anwälte halten die vor Gericht verlesenen Texte zwar für authentisch, sehen aber keine zwingende Verbindung zu ihrem Mandanten, der 2014 in den Niederlanden festgenommen worden war. Selbst hat sich C. bisher nicht geäußert.

Vor ein paar Tagen legten als Zeug:innen geladene niederländische Ermittlerinnen und Ermittler nach drei Wochen Prozess erstmals Dateien von C.s Festplatte vor, in denen der Name Amanda Todd konkret auftaucht. Videos oder Fotos, die das Mädchen zeigen, konnten auf den Computern des Angeklagten offenbar nicht geborgen werden. Mit einem Urteil in Kanada wird in einigen Wochen gerechnet.

Mutter Carol Todd (links) will andere vor Cyber-Mobbing warnen. Imago Images
Mutter Carol Todd (links) will andere vor Cyber-Mobbing warnen. Imago Images © Imago Images

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