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Mit Maske auf Nummer sicher: Schulweghelferin Hannelore Scharnagl in Gauting bei München. 

Corona-Fälle „pumperlgsund“

Immer mit der Ruhe

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Die acht mit dem Coronavirus infizierten Menschen seien gut versorgt, sagen die zuständigen Ärzte – und sehen deutsche Kliniken für weitere Fälle gerüstet. Und nicht nur auf Schloss Neuschwanstein werden die chinesischen Touristen vermisst.

Das Coronavirus und Bayern – seit acht Tagen ist daraus eine spezielle Beziehung geworden, denn alle in Deutschland bisher bestätigten acht Infizierungen wurden aus dem Freistaat gemeldet. Das hat Auswirkungen. In München laufen viele der – augenscheinlich weniger gewordenen – Touristen aus China mit Atemschutzmasken durch die Fußgängerzonen und die Altstadt. Warum? Manche glauben, in Bayern sei das Infektionsrisiko durch die Fälle hoch. In vielen Apotheken sind die Masken ausverkauft, von chinesischen Kunden. Andere meinen, dass sie sie für ihre Heimat benötigen: „In China gibt es keine mehr“, wird eine Frau in den Medien zitiert. „Doch ohne Maske lässt man uns am Flughafen nicht mehr rein ins Land.“

Was stimmt davon, was ist Legende, was Panikmache? In Bayerns Gesundheitsministerium ist man rund um die Uhr im Einsatz, jeden Abend wird das tägliche Coronavirus-Bulletin verschickt, manchmal am Morgen noch eins. „Alle acht Fälle sind in gesundheitlich stabilem Zustand“, heißt es am Sonntagmittag. Das gelte auch für den derzeit zuletzt positiv getesteten 33-jährigen Münchner vom Samstagabend. Wie die anderen auch – mit Ausnahme eines Kindes -, ist er beim Gautinger Automobilzulieferer Webasto angestellt. Er musste ebenso ein Isolationszimmer im Klinikum Schwabing beziehen, in welche das Pflegepersonal und Ärzte nur mit Schutzkleidung und durch Schleusen gelangen.

Zumindest die vier ersten dort eingelieferten Corona-Fälle seien „pumperlgsund“, sagte der behandelnde Chefarzt Clemens Wendtner. Keine Krankheitssymptomatik, kein Fieber, kein Husten. Doch müssen sie solange bleiben, bis das Virus nicht mehr im Körper nachweisbar ist. Sollte es in den kommenden Tagen weitere bestätigte Corona-Fälle geben, so sieht sich die Schwabinger Klinik dafür gut gerüstet, sagte Wendtner der Deutschen Presse-Agentur. Im Bedarfsfall stünden bis zu 30 Betten zur Verfügung. „Diese Betten sollten aber ausschließlich für bestätigte Coronavirus-Patienten vorgehalten werden.“

Die Ansteckungskette aller Fälle zur Firmenzentrale von Webasto vor den Toren Münchens ist ganz offensichtlich. Eine chinesische Mitarbeiterin aus Schanghai, die zu Schulungen anreiste, hatte das Virus in der Vorwoche nach Gauting eingeschleppt. Sie hatte es von ihren Eltern in Wuhan eingefangen und es weitergegeben, als sie selbst noch keine Krankheitssymptome verspürte. Zusätzlich zu den sieben Fällen hat sich auch ein Kind eines infizierten Webasto-Mitarbeiters im Landkreis Traunstein angesteckt. Von Mittwoch an wurden die Angestellten auf den Coronavirus getestet – laut Gesundheitsministerium sind bisher 139 negativ und zwei positiv.

Und doch zieht sich wegen der unterschiedlichen Wohnorte die Spur des Virus quer durch das südliche Bayern. Von Landsberg im Westen über München bis nach Traunstein, 167 Autokilometer sind das. „Einen möglichen finanziellen Schaden können wir aktuell nicht beziffern“, sagt eine Webasto-Sprecherin am Wochenende gegenüber dieser Zeitung. Man verstehe, dass die aktuelle Situation die Bevölkerung verunsichere und auch ängstige, meint der Vorstandsvorsitzende Holger Engelmann. Allerdings könne es nicht sein, „dass Personen, die nicht zur Risikogruppe zählen, kein normaler Alltag mehr möglich ist“. Das bedeutet: Auch die nicht infizierten Webasto-Mitarbeiter werden in manchen Fällen im Alltag kritisch beäugt, ja, mitunter sogar ausgegrenzt.

Der Freistaat ist ein Lieblingsreiseziel von Chinesen, vor allem München und Füssen im Allgäu mit dem Schloss Neuschwanstein. Schon jetzt spürt die Tourismusbranche deutlich, dass diese Urlauber wegbleiben – weil in China Reisen stapelweise storniert, Flugverbindungen gekappt werden. In München gibt es Restaurants, die auf chinesische Reisegruppen spezialisiert sind – die Tische dort sind nun leer, die Speisekarten werden jetzt für ein deutsches Publikum geändert.

Auch manche Hotels in Füssen etwa leben von asiatischen, speziell chinesischen Gästen. Sie alle wollen das Märchenschloss vom „Kini“ besuchen, von König Ludwig II. Jetzt bleibt es ziemlich leer dort. Ebenso wie zumindest am Montag in der Webasto-Zentrale in Gauting-Stockdorf. Dort wollte man am Wochenbeginn eigentlich wieder zum Arbeitsalltag zurückkehren, doch hat die Firmenleitung nun entschieden, den Betrieb zumindest an diesem Tag weiterhin geschlossen zu lassen.

Meldungen zum Coronavirus

Italienische Forscher haben das Coronavirus isoliert. „Das ist international eine wichtige Nachricht. Sie bedeutet, dass es mehr Möglichkeiten gibt, es zu verstehen und zu studieren, um es eindämmen zu können“, sagte Italiens Gesundheitsminister Roberto Speranza am Sonntag. Die Ergebnisse der Wissenschaftler vom nationalen Institut für Infektionskrankheiten Lazzaro Spallanzani in Rom würden der internationalen Gemeinschaft für weitere Forschungen zur Verfügung gestellt. Australische Forscher hatten bereits vor einigen Tagen im Labor das Coronavirus nachgezüchtet.

In ganz China wurden bis Sonntag mehr als 14 300 Infektionen mit dem Virus bestätigt. 304 Patienten in der Volksrepublik starben an der Atemwegserkrankung. Am Wochenende wurde in China eine Millionenmetropole außerhalb der schwer betroffenen Provinz Hubei stillgelegt. Für die neun Millionen Bewohner von Wenzhou wurde beschränkt, wie oft sie vor die Tür gehen dürfen. So könne jede Familie ein Mitglied auswählen, das alle zwei Tage zum Einkaufen könne.

Erstmals ist außerhalb Chinas ein Mensch an den Folgen des neuartigen Coronavirus gestorben. Auf den Philippinen erlag am Samstag ein 44 Jahre alter Chinese aus Wuhan der von dem Erreger ausgelösten Lungenkrankheit, wie das Gesundheitsministerium des Inselstaates am Sonntag mitteilte.

Weil die Ausbreitung des Coronavirus immer stärkere Auswirkungen auf die bereits schwächelnde chinesische Wirtschaft hat, kündigte die chinesische Zentralbank am Sonntag eine Finanzspritze in Höhe von umgerechnet 156 Milliarden Euro an, um das Bankensystem mit ausreichend Geld zu versorgen. Die zunehmende internationale Isolierung Chinas und das deutlich schwächere Reiseaufkommen innerhalb des Lands während des chinesischen Neujahrsfests trafen die Tourismusbranche schwer. Ausländische Unternehmen, darunter Volkswagen, setzten ihre Produktion in China aus oder schlossen vorübergehend Filialen.

Taiwan ging am Wochenende gegen eine vermeintlich falsche Einstufung durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Hoch-Risiko-Land für das neue Coronavirus in China an. Taiwanesische Diplomaten redeten mit verschiedenen Ländern, deswegen nicht in Flugverbote eingeschlossen zu werden, die eine Einschleppung des Virus verhindern sollen, wie Außenminister Joseph Wu am Sonntag sagte. (afp/dpa)

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