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Obdachlosigkeit hat meist nichts mit Freiheit oder Freiwilligkeit zu tun. Es ist ein Absturz, der für viele Betroffene unerwartet kommt.

Obdachlosigkeit

Immer mehr Wohnungslose

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Gabi und Reinhold sind wohnungslos – so wie bundesweit Hunderttausende andere auch, Tendenz steigend. Doch wie verlieren Menschen ihre Wohnung? Und wird ihnen genug geholfen?

Das Kalb ist eigentlich ein Hund. Reinhold Kreuzig muss schmunzeln, wenn er die Geschichte zum Foto erzählt, auf dem er neben einem riesigen französischen Hirtenhund zu sehen ist. „Der hat über 50 Kilo gewogen, deshalb habe ich ihn Kalb genannt.“ Es ist ein Foto aus einer anderen Zeit, das dort im Bilderrahmen auf dem Holzregal steht. Einer Zeit, aus der bis auf Erinnerungen nicht viel geblieben ist. Fast alles hat Reinhold Kreuzig im Laufe der vergangenen Jahre verloren. Zuerst die Arbeit als Gerüstbauer, schließlich seine Beziehung und kurz darauf auch die Wohnung. 25 Jahre lang hat er im Frankfurter Stadtteil Eschersheim gewohnt, dann kam „plötzlich“ die Kündigung wegen Eigenbedarfs. Das war vor drei Jahren, seither ist der Mann mit der Baseballmütze wohnungslos.

Nachdem die Zahl der Wohnungslosen in der Bundesrepublik ab Mitte der 1990er rückläufig war, steigt sie seit 2008 an, von etwa 227 000 auf nun 284 000 Menschen, die über keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügen. Weil es eine von Sozialverbänden seit Langem geforderte offizielle Statistik nicht gibt, beruhen diese Zahlen auf Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW), in der etliche Kommunen sowie die freien Träger der Wohnungslosenhilfe vertreten sind.

Laut diesen Schätzungen aus 2013 befinden sich unter den Wohnungslosen mindestens 24 000 Personen, die ohne jede Unterkunft auf der Straße leben. Besonders diesen Obdachlosen, die in Großstädten zum Stadtbild gehören, haftet das Stigma des Scheiterns an – denn Obdachlosigkeit gilt für viele Menschen als selbstverschuldeter Zustand. Reinhold Kreuzig zuckt mit den Achseln. „Es war mies“, sagt er und macht eine lange Pause. „Ich hätte nie damit gerechnet, meine Wohnung zu verlieren.“ Auf der Straße schlafen, das wollte er nicht. Doch seine Anträge beim Wohnungsamt blieben erfolglos. „Es kam eins zum anderen.“

Obdachlosigkeit hat meist nichts mit Freiheit oder Freiwilligkeit zu tun. Es ist ein Absturz, der für viele Betroffene unerwartet kommt. Oft entsteht durch Schicksalsschläge wie Trennung, Gewalterfahrung oder Jobverlust ein Teufelskreis, Hilflosigkeit macht sich breit. Und wer einmal wohnungslos ist, findet schwer in ein geregeltes Leben zurück: Ohne Wohnung bekommt man keinen Job, ohne Job kaum eine Wohnung. Und ein Bankkonto auch nicht. „Diese Probleme sind nicht in erster Linie auf persönliche Defizite zurückzuführen, sondern haben soziale Ursachen“, sagt Thomas Specht, Geschäftsführer der BAGW. „Steigende Mietpreise bei gleichzeitig schrumpfendem Bestand an Sozialwohnungen sowie eine Verarmung breiter Bevölkerungsschichten führen zu einem dramatischen Anstieg der Wohnungslosigkeit.“

Reinhold Kreuzig kam nach dem Wohnungsverlust zunächst bei Freunden und seinen Eltern unter, wo er auch sein Hab und Gut deponierte. Doch den Freunden wurde es irgendwann zu viel, die Eltern verstarben. Aus ihrer Wohnung hat der heute 60-Jährige nicht viel mehr als einen Koffer mitgenommen. „Ich wusste nicht weiter.“ Seine nächsten Stationen: eine Tiefgarage, Parkbänke, der blanke Asphalt. Wie das funktioniert, auf der Straße zu schlafen? „Man legt sich einfach irgendwo hin.“ Unter Obdachlosen heißt das „Platte machen“. Oft hilft dabei der Alkohol. Er betäubt und macht die Kälte erträglich, die seit der Wiedervereinigung fast 300 Obdachlose in Deutschland das Leben gekostet hat. Aber es ist nicht nur die Kälte des Winters, es ist auch die der verächtlichen Blicke. Obdachlose werden zu Außenseitern, sie haben keinerlei Rückzugsräume. Verwahrlosung und psychische Probleme nehmen zu. „Menschen, die lange auf der Straße leben, wollen nichts mehr mit anderen zu tun haben“, sagt Reinhold Kreuzig und zündet sich eine selbstgedrehte Zigarette an. Der Qualm steigt in die Luft und hüllt das Foto auf dem Holzregal in einen leichten Dunst.

„Zum Glück habe ich das nicht erlebt.“ Reinhold Kreuzig konnte dem Negativsog entkommen. Seit gut anderthalb Jahren bewohnt er ein Zimmer mit eigenem Bad in der Weser 5, einer Unterkunft für wohnungslose Männer im Frankfurter Bahnhofsviertel. Ein Übergangswohnheim mit 39 Schlafplätzen gibt es hier, außerdem betreibt die Diakonie eine Beratungsstelle sowie einen Tagestreff, wo bis zu 200 Menschen täglich essen und duschen. Für Notsituationen stehen zudem acht Betten zur Verfügung. Doch das reicht nicht mehr. „Unser Haus ist fast immer voll“, sagt die Leiterin der Weser 5, Renate Lutz. „So geht es nicht nur uns, in ganz Frankfurt sind Plätze knapp geworden.“

Seit Jahren steigt die Zahl der wohnungslosen Menschen auch in der Mainmetropole an, sie hat sich seit 2008 auf aktuell knapp 3700 mehr als verdoppelt. Schuld sei vor allem der angespannte Wohnungsmarkt, sagt Renate Lutz. Tatsächlich sind die Nettomieten in Hessens größter Stadt in den vergangenen zehn Jahren um ein Viertel gestiegen, während der Bestand an Sozialwohnungen um rund zwölf Prozent zurückgegangen ist, bundesweit gar um ein Drittel. Das trifft besonders die, die nicht viel haben: Arme Familien müssen in Frankfurt laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahre 2013 durchschnittlich mehr als die Hälfte ihres Einkommens für die Miete zahlen – deutschlandweit ein Spitzenwert.

Aber auch anderswo sieht es nicht viel besser aus: Einkommensschwache Familien haben in 60 der 100 größten deutschen Städte nach Abzug der Miete im Schnitt weniger als den Hartz-IV-Regelsatz. Gleichzeitig gibt es in Deutschland so viele arme Menschen wie noch nie: Laut dem aktuellen Armutsbericht des Wohlfahrtsverbandes leben in der Bundesrepublik 12,5 Millionen Arme, die weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung haben. Thomas Specht nennt das „die ungelöste Armutsfrage“. Er macht dafür neben der europaweiten Sparpolitik und einem Ausdehnen des Niedriglohnsektors „schwerwiegende sozialpolitische Fehlentscheidungen bei Hartz IV“ verantwortlich. In der Kritik stehen vor allem Kürzungen bei den Kosten der Unterkunft und strenge Sanktionen für unter 25-Jährige.

Auch Gabi lebt seit Langem von Hartz IV. Sie hat Glück gehabt, Glück im Unglück. Gabi wohnt in einem Wohnwagen. Es ist ein besonderes Projekt, das die Caritas in Frankfurt auf die Beine gestellt hat. Im ganzen Stadtgebiet hat der katholische Sozialverband auf kircheneigenen Grünflächen 28 alte Wohnwagen aufgestellt. Das betreute Wohnen soll eine Zwischenstation für Wohnungslose sein auf dem Weg zurück in ein normales Leben. Anfang Juli ist es für Gabi soweit, sie wird mit ihrem Hund und dem Wellensittich eine Einzimmerwohnung beziehen. „Endlich“, wie die 57-Jährige sagt. Im Wohnwagen gibt es kein fließendes Wasser, Gabi hat es mit einem Kanister aus dem benachbarten Gemeindehaus im Stadtteil Nied geholt, um Kaffee zu machen. Sie holt das mit gelb-grünen Blumen verzierte Kaffeeservice aus dem kleinen Schrank im Wohnwagen. „Das habe ich von zu Hause mitgebracht.“

Über viele Jahre hinweg bekam Gabi vom städtischen Wohnungsamt eine Wohnung vermittelt und bezahlt. „Früher war das auch schwierig, aber es hat geklappt.“ Doch dann zog sie zu einer Bekannten, um diese zu pflegen. Gabi stand nicht im Mietvertrag, und als die Bekannte starb, musste Gabi die Wohnung räumen. Das war Anfang 2014, als der Wohnwagen Gabi vor dem Schlimmsten bewahrte: der Obdachlosigkeit. Frauen bleiben auf der Straße oft unsichtbar, das ist ihr Schutz. „Obdachlose, und besonders Frauen, sind oft sexuellen und gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt“, sagt Renate Lutz. Im Tagestreff der Weser 5 war keine der anwesenden Frauen bereit, mit einer Zeitung über die eigene Situation zu sprechen. Laut Schätzung der BAGW sind zehn Prozent der Obdachlosen weiblich.

Wieder fehlen offizielle Zahlen. Warum eigentlich? Ein Sprecher des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) sagt, dass solche Zahlen „mehr als schwierig“ zu erheben seien. Dem widerspricht BAGW-Geschäftsführer Specht und verweist auf Nordrhein-Westfalen, wo es seit Jahrzehnten eine amtliche Statistik gibt. „Der Grund für diesen Blindflug ist, dass die Bundesregierung das Problem nicht am Hals haben will.“

Von einem „Abschieben der Verantwortung“ spricht auch der Offenbacher Bundestagsabgeordnete Wolfgang Strengmann-Kuhn. Als sozialpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion hat er Anfang des Jahres eine kleine Anfrage zum Thema Wohnungslosigkeit gestellt. Die Antwort der Bundesregierung unter Federführung des BMAS fiel ernüchternd aus. Die Zuständigkeit wird an Länder und Kommunen abgeschoben, ein „Bundesprogramm gegen Wohnungslosigkeit“ sei nicht geplant. Und zur Forderung der BAGW nach einer „Nationalen Strategie zur Überwindung von Wohnungsnot und Armut“ habe man sich „keine Meinung gebildet“.

„Das muss Ziel sein, dass kein Mensch auf der Straße schläft“, fordert Strengmann-Kuhn. Und Thomas Specht sagt: „Die Notwendigkeit einer gemeinsamen Vorgehensweise ist so groß wie nie.“ Denn während der Bund die Sozialgesetzgebung verantwortet, ist Wohnungspolitik Sache der Länder, um die Unterbringung von Wohnungslosen kümmern sich die Kommunen. Diese seien aber trotz Defiziten bei der Prävention besonders in der Notversorgung „insgesamt recht gut aufgestellt“, so Specht.

Die Stadt Frankfurt etwa investiert jährlich 40 Millionen Euro in die Wohnungslosenhilfe und finanziert gemeinsam mit dem Landeswohlfahrtsverband Hessen Angebote wie die Weser 5 und die Wohnwagen der Caritas. Doch Frankfurt kämpft wie viele Kommunen bereits mit einem neuen Problem: den hohen Flüchtlingszahlen sowie einer verstärkten Armutszuwanderung aus Osteuropa. Viele dieser Menschen brauchen eine Unterkunft, gestritten wird auch um die Finanzierung. „Bund und Länder dürfen uns nicht im Regen stehen lassen“, forderte der Deutsche Städtetag unlängst.

„Es gibt immer häufiger eine ungute Konkurrenz zwischen diesen verschiedenen Gruppen von Wohnungslosen“, sagt Thomas Specht. Im Tagestreff der Weser 5 etwa sind bis zu 70 Prozent der Menschen Zuwanderer aus Osteuropa, berichtet Renate Lutz. „Das stellt uns vor neue Herausforderungen in Bezug auf die Kapazitäten, aber auch wegen der Sprachbarrieren.“ Die Stadt indes will die Osteuropäer am liebsten wieder loswerden. Das Ordnungsamt vertreibt sie aus Parks und der Innenstadt, und während für Asylbewerber zumindest die festgeschriebene Unterbringungspflicht gilt, ist das bei EU-Zuwanderern anders. Wenn diese keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben, zahlt die Stadt ihnen auch keine Notunterkunft. „Dann bekommen die Menschen eine Fahrkarte in ihre Heimat bezahlt“, sagt der Büroleiter des städtischen Sozialdezernats.

Diese Praxis ist umstritten, Thomas Specht hält sie gar für „rechtswidrig“. Der 64-Jährige verweist darauf, dass Wohnen ein Menschenrecht ist und Kommunen zudem nach dem Ordnungsrecht verpflichtet sind, Menschen eine Unterkunft zu gewähren. Dennoch handhaben es viele Kommunen wie Frankfurt, sie stehen in einem negativen Wettbewerb und fürchten einen Zuwanderungssog. Die Gangart gegen Obdachlose wird härter – europaweit. Freek Spinnewijn, Direktor der europäischen Dachorganisation der Wohnungslosenhilfe (Feantsa), berichtet: „Das Vorgehen gegen Menschen auf der Straße wird in ganz Europa aggressiver.“ Besonders zeigt sich das in Ungarn, wo Obdachlose ganz aus den Städten vertrieben werden sollen, indem ihnen das Übernachten auf den Straßen verboten wurde.

Der Kampf gegen Obdachlosigkeit und Armut scheint zu einem Kampf gegen Obdachlose und Arme zu werden. Doch die Probleme werden nicht kleiner – im Gegenteil. Laut Feantsa ist die Zahl der Wohnungslosen in den letzten Jahren in allen EU-Ländern bis auf Finnland gestiegen, in Frankreich sogar um 50 Prozent. 2012 ging die EU von europaweit 4,1 Millionen Menschen ohne festen Wohnsitz aus.

Seit Menschen ein Dach über dem Kopf haben, besteht das Risiko, es zu verlieren. Doch heute gibt es zumindest in Europa genug Möglichkeiten, dies in den meisten Fällen zu verhindern. Die Aussichten sind dennoch düster, auch im reichen Deutschland. Die BAGW plant für den Spätsommer ihre nächste Schätzung. Schon jetzt rechnet Thomas Specht mit einem weiteren Anstieg der Zahl der Wohnungslosen auf 380 000 bis zum nächsten Jahr. Der Platz am Rande der Gesellschaft wird nicht größer, die Zahl der Menschen, die sich dort drängen, aber schon.

„Ich muss irgendwie weiterleben“, hat Reinhold Kreuzig während des Treffens in der Weser 5 immer wieder gesagt. Drei Wochen später hat er gute Nachrichten: Er habe einen Mietvertrag unterschrieben, erzählt er. Mit Unterstützung des Sozialamtes und der Helfer in der Weser 5 bekommt der Frührentner ab August eine eigene Wohnung im Frankfurter Norden. Seine Sachen hat er schon gepackt.

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