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Frauen, die als „La Llorana“ - „Die Weinenden“ - verkleidet sind, erinnern am 04.03.2017 in einem Straßentheater in Mexiko-Stadt an die 43 verschwunden Studenten.
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Frauen, die als „La Llorana“ - „Die Weinenden“ - verkleidet sind, erinnern am 04.03.2017 in einem Straßentheater in Mexiko-Stadt an die 43 verschwunden Studenten.

Mexiko

Viele Kinder sind Opfer des Drogenkrieges

Täter sind manchmal auch Opfer im sogenannten Drogenkrieg in Mexiko - und beide bisweilen sehr jung. Nur wenige kommen lebend da raus.

Es war Mitternacht und die Straßen im Zentrum von Mexiko-Stadt fast menschenleer. Ein Mann transportierte einige Kisten mit einer Sackkarre. Eine davon fiel ihm hinunter und öffnete sich einen Spalt. Polizisten, die herbeikamen, um zu helfen, machten einen grausigen Fund: die zerstückelten Leichen von zwei Jungen im Alter von 12 und 14 Jahren. Selbst im so sehr von Gewalt gebeutelten Mexiko sorgte der Fall für Entsetzen. Er führte vielen einen besonders schrecklichen Aspekt des sogenannten Drogenkriegs vor Augen: die Rolle von Kindern.

Die beiden Jungen hießen Alan und Héctor, waren Freunde und beide indigener Herkunft. Vier Tage vor dem Fund am 31. Oktober waren sie verschwunden. Sie wohnten in alten, heruntergekommenen Häusern im historischen Zentrum der mexikanischen Hauptstadt, wo lokale Kartelle Kinder als Späher, Drogenverkäufer, Schutzgelderpresser und auch als Auftragskiller anheuern. Alan und Héctor wurden auf einer Dachterrasse in der Straße República de Cuba - in einem Haus, das das lokale Kartell Unión Tepito nutzt - gefoltert und in Stücke gehackt. Von dort sind es nur wenige Gehminuten bis zu Touristenattraktionen wie dem Nationalpalast, wo Mexikos Präsident lebt, und dem für seine Mariachi-Musiker bekannten Garibaldi-Platz. Als Motiv wird Rache vermutet. Nach Medienberichten sollen die Kinder Hinweise zum Aufenthaltsort des Sohnes von „Big Mama“ - einer Anführerin der Unión Tepito - gegeben haben. Ihr Sohn Raúl war am Tag, bevor Alan und Héctor verschwanden, ermordet worden.

Ever Yohsimar Martínez war als Kind ein Sicario - ein Auftragskiller. Mit zwölf fing er mit Diebstahl an, zwei Jahre später mordete er zum ersten Mal. „Ich habe 17 Menschen getötet“, sagt er der Deutschen Presse-Agentur. Der heute 28-Jährige hat den Ausstieg geschafft, seine Kindheit im Hauptstadtviertel La Merced war aber seiner Darstellung zufolge sehr hart - voller Gewalt und Entbehrungen. Sein Vater war ein drogenabhängiger Dieb, der seinen Sohn misshandelte. Eines Tages lud ein Freund Mártinez ein, sich der „Firma“ anzuschließen. Bald machte er dort Karriere: Er schlug Leute zusammen, die sich weigerten, Schutzgeld zu zahlen; er verkaufte Drogen, und er tötete.

„Das hat bei mir viel Adrenalin freigesetzt, und das gefiel mir“, erzählt Martínez. „Eine emotionale Belastung habe ich nicht gespürt, denn ich hatte viel Wut gegen meine Eltern, gegen die Gesellschaft. Die habe ich mir da abreagiert.“ Als Mexikos damaliger frischgebackener Präsident Felipe Calderón Ende 2006 den Drogenbanden den Krieg erklärte, begann eine Epoche des Blutvergießens, die bis heute andauert. Derzeit gibt es in dem nordamerikanischen Land jeden Tag im Schnitt knapp 100 Morde.

„In jedem Krieg werden Soldaten gebraucht“, sagt der Chef der Kinderrechtsorganisation Redim, Juan Pérez. Die Kartelle hätten daher angefangen, mehr junge Leute zu rekrutieren. Wie sie behandelt werden, kommt laut Pérez der Sklaverei gleich. Wenn sich ein Kind einer Bande anschließe, lebe es im Schnitt noch drei Jahre. In einem Bericht von 2011 schätzte Redim, dass um die 30 000 Unter-18-Jährige für Kartelle arbeiteten. Vor zwei Jahren sprach der damalige designierte Minister für öffentliche Sicherheit, Alfonso Durazo, sogar von 460 000. Verlässliche Zahlen gibt es nicht. Es gibt auch Kinder, die in dem Krieg auf der anderen Seite kämpfen - in Bürgerwehren gegen die Kartelle. Manche derjenigen, die für die Banden arbeiten, werden dazu gezwungen. Andere fühlen sich vom Lebensstil der Gangster angezogen. Sie wollen Geld, teure Autos, Waffen, schöne Frauen, Status und Macht.

„Sie streben nach dem iPhone, den Jordan-Turnschuhen“, meint der Journalist Óscar Balderas, der an einem Dokumentarfilm über Kinder-Sicarios arbeitet. Ein Grund, warum Gangs gerne Minderjährige rekrutieren, sei, dass diese nach dem Jugendstrafrecht nur für relativ kurze Zeit hinter Gitter müssen, wenn sie erwischt werden.

„Viele dieser Kinder wollen sogenannte Corregeros sein“, sagt Balderas. Der Name „Corregero“ leitet sich vom Wort „Correcional“ für Jugendstrafanstalt ab. Wer nach abgesessener Strafe zurückkommt, erklärt Balderas, sei im Viertel ein Held. Auch Ever Yohsimar Martínez wollte als Kind so sein, wie die Gangster in seinem Viertel mit ihrem Geld, ihren Autos, ihren Partys. Für seinen ersten Auftragsmord bekam er als Zahlung ein schickes Auto, wie er erzählt. Er wurde mehrmals verknackt und dadurch zu einem „Corregero“. Mit 17 wurde er zum letzten Mal in eine Strafanstalt geschickt - für fünf Jahre wegen Mordes.

Dort fiel ihm eher zufällig eine Bibel in die Hände, als er in Isolationshaft saß. Eine Passage im Buch der Sprichwörter imponierte ihm. Danach habe er begonnen, Reue zu spüren, sagt Martínez. Er bekam ein Stipendium an einer renommierten technischen Hochschule, lernte in Kanada einige Monate Englisch und studiert derzeit Mechatronik. Außerdem gründete er eine Organisation, die Kindern hilft, den Fängen der Kartelle zu entkommen. In die Jugendhaftanstalten kehrt er nur noch zurück, um den Insassen zu sagen, dass ein anderes Leben möglich ist. (dpa)

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