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Ali Mitgutschs Wimmelbücher haben den Zeichner berühmt gemacht.

Wimmelbuch-Zeichner

Für immer Kind

Neben Janosch und Tomi Ungerer ist er der einer der großen Kinderbuchzeichner Deutschlands. Nun wird Ali Mitgutsch 75. Ein Besuch beim Erfinder der Wimmelbücher.

Von Judith Kessler

Neben Janosch und Tomi Ungerer ist er der einer der großen Kinderbuchzeichner Deutschlands. Nun wird Ali Mitgutsch 75. Ein Besuch beim Erfinder der Wimmelbücher.

Es wimmelt im Atelier. Auf dem Bord an der Wand liegen Papiere und Stifte, an der Pinnwand hängen kleine Zettel mit Telefonnummern, Notizen, vergilbte Kassenbons, Briefe, Postkarten, eine Auszeichnung der amerikanischen Büchergilde, daneben liegt ein abgewetztes Patchworkdeckchen. „Schauen Sie, dieses Tuch habe ich in Indien einer Müllsammlerin vor zig Jahren für 50 Pfennig abgekauft“, sagt der Herr des Chaos und es klingt ein bisschen so, als würde ein kleiner Junge seiner Mutter stolz vom Muschelfund am Strand erzählen. „Und sehen Sie hier, dieser herrliche Becher aus Baumrinde, und hier diese kleine Götzenstatue aus Holz, die hat der Holzwurm schon fast ausgehöhlt, ganz leicht ist sie geworden.“ Ali Mitgutsch, Kinderbuchillustrator und Erfinder der Wimmelbücher, strahlt. Leuchtend blaue Socken, himmelblaues Hemd, darauf ein roter Marmeladenfleck, so steht er in seinem Atelier, einem kleinen Zimmer unter dem Dach eines Münchner Altbaus. Auf dem buschigen weißen Haar thront eine Kappe aus Afghanistan, die blauen Augen hinter der winzigen, kreisrunden Hornbrille suchen bereits den nächsten kleinen Schatz. Zu jedem weiß er eine Geschichte zu erzählen.

Nach demselben Prinzip funktionieren auch die Bilder in den Wimmelbüchern mit denen Ali Mitgutsch bekannt wurde: Dort oben stolpert ein kleiner Junge und verliert sein Eis, daneben trinken langhaarige Hippies ein Bier und spielen Gitarre, da fällt jemand ins Wasser und hier geht ein anderer zum Angeln. Überall wuselt und – ja, wimmelt es. Ganze Kindergenerationen suchten den kleinen pinkelnden Jungen, der immer wieder in Mitgutschs Bildern auftaucht. An diesem Samstag wird Ali Mitgutsch 75 Jahre alt. Neben Janosch und Tomi Ungerer ist er einer der großen alten Kinderbuchzeichner des Landes. Bücher mit seinen Illustrationen sind in über 19 Sprachen erschienen. Am bekanntesten sind die Wimmelbilder.

Die Idee zu den riesigen Illustrationen kam Mitgutsch vor über 40 Jahren, als ihn der Münchner Pädagoge Kurt Seelmann bat, ein Bild zu entwerfen für die Kinder, die er in seiner Praxis behandelte. Ein Bild sollte es sein, das die Kinder bei jedem Praxisbesuch wieder gern anschauten, weil sie in dem schon Bekannten immer Neues entdeckten. Mitgutsch erinnert sich an die Guckkästen, die ihn als Kind so faszinierten – und malt das erste Wimmelbild.

Seine Kindheit bringt ihn auch auf die Idee mit den Wimmelbüchern. Eine Kindheit, in der Alfons Mitgutsch zu Ali Mitgutsch wurde, weil der schwarzgelockte Alfons immer so verdreckt vom Spielen kam, dass er seine Mutter an Ali Baba erinnerte. Mitgutsch ist Kriegskind, die Familie wird evakuiert, von München aufs Land, wo er den Landjungen als Prügelknabe dient. Ali flieht in den Wald, baut Baumhäuser und trifft sich mit imaginären Freunden. „Einem dicken Starken, der mir immer geholfen hat, wenn sie mich überfallen wollten, und einem kleinen Spitznasigen, der hat immer die besten Ausreden erfunden.“

In der echten Welt ist Mitgutsch Legastheniker. Er macht den Hauptschulabschluss, beginnt eine Lithografenlehre und bricht sie ab. Weil ihm ein Berufsschullehrer von seinem Bruder, einem Grafiker erzählt. Wie der im Sommer, einen Eimer Wasser unter den Tisch stellt und die Füße eintaucht. Einfach so. Diese Freiheit fasziniert Mitgutsch. Er wird Grafiker und bald von einem Lektor entdeckt. Der meint, so wie Mitgutsch aussähe, würden ihm doch sicher gute Kindergeschichten einfallen. Und so wird aus dem Gebrauchsgrafiker Mitgutsch der Kinderbuchzeichner Ali Mitgutsch.

Ein Kinderbuchzeichner, der nur für Kinder malen will, sich über „Erwachsenenkinderbücher“ ärgert, jene Bücher, deren Ästhetik Erwachsenen gefällt, aber Kindern nichts sagt. „Ich könnte auch so grafische Brillantfeuerwerke abziehen. Aber ich sehe immer das Kind.“

Als er die Wimmelbücher erfindet, sieht er das Kind Ali. In seinem Baumhaus, mit dem Starken und dem Spitznasigen, wie es sich wünscht, ganz in ein Bild einzutauchen. Mitgutsch schlägt seinem Verleger vor, die Wimmelbilder in einem Riesenbilderbuch herauszugeben, einem Bilderbuch, „in das sich ein Kind richtig reinlegen und hineinsetzen kann“. Der Verlag ist erst skeptisch, kein Buchhändler habe Platz für ein so überdimensioniertes Buch. Erst als der Vertriebsleiter den Verkauf von 500 Exemplaren garantiert, läuft das Projekt. „500.000 Stück wurden seither verkauft!“

Die Ideen für seine Wimmelbücher gehen ihm nicht aus. Denn er wimmelt durch die Welt. 17 Jahre lang, jedes Jahr, reist er monatelang durch Indien, Ägypten, Lappland, Marokko oder Mexiko. Mit einer alten Hebammentasche unterm Arm. Seine Frau Karin bleibt mit den zwei Söhnen und der Tochter in der Altbauwohnung in Schwabing zurück. 1990 trennen sie sich, nach 30 Jahren Ehe. Er verliert sie im Gewimmel.

Waren Sie ein guter Vater, Herr Mitgutsch? „Ich habe immer so wahnsinnig viel Zeit für mich selbst gebraucht.“ Stille. „Wenn ich aber da war, habe ich versucht, den Kindern die Augen für die Welt zu öffnen.“ Und dann erzählt er, wie sein Sohn Oliver von einem Kirschenverkäufer angeschrien wurde und sich nicht einschüchtern ließ, sondern das Komische an diesem alten Mann erkannte, der da geifernd einen kleinen Jungen anbrüllt. „Das fand ich sehr schön, das war ein Highlight in meiner Erziehung.“

Die schimpfenden alten Männer haben es auch in die Wimmelbilder geschafft. Immer dort wo die Kinder im Bild auf Brückengeländern balancieren, sich ins Wasser schubsen oder anderen Streiche spielen, steht ein alter verbitterter Opa oder eine streng drein blickende Frau und hebt den Zeigefinger. „Es hat mir immer Spaß gemacht, die Spießer zu provozieren.“ Auch mit dem kleinen Jungen, der auf vielen Wimmelbildern irgendwo in der Ecke steht und pinkelt.

Trotzdem wurde ihm immer wieder vorgeworfen, seine Wimmelbilder würden nur heile Welt zeigen. Mitgutsch schüttelt den Kopf, brummt: „Das ist ein großer Schmarrn. Ich zeige eine heilbare Welt, eine, die ich verändern kann, wenn ich mich nur genug dafür einsetze.“ Kinder bräuchten ein positives Weltbild, damit sie sich engagierten.

Mitgutsch selbst engagiert sich seit Jahren für den Erhalt seines Stadtviertels. Eigentlich wollte er längst damit aufhören, wollte lieber die Schätze seiner Reisen in kleine Guckkästen für Erwachsene einsetzen. Oder das Märchenbuch fertig stellen, an dem er seit Monaten arbeitet. Aber dann kauften Spekulanten sein Mietshaus, wollen jetzt den Altbau kernsanieren: zweistöckige Tiefgarage, Dachterassen – die Miete würde sich vervierfachen. „Das sind richtige Wohntermiten, die fressen die gesunde, interessante Wohnstruktur von innen auf und zurück bleiben schöne Fassaden – unbezahlbar.“ Ali Mitgutsch muss nochmal raus aus dem Buch und kämpfen. Um seine Schwabinger Wimmelwelt.

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