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„Es gibt viele unterschiedliche Mechanismen, die das Altern beeinflussen.“

Ewige Jugend

Für immer jung

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Lässt sich das Altern aufhalten? Kann eine 60-Jährige wieder wie 30 werden? Die Forschung entschlüsselt die Geheimnisse eines langen Lebens.

Menschen altern. Ihre Haut bekommt Falten, das sichtbarste Zeichen des Alterns. Aber auch die Knochen werden brüchiger, Muskeln verlieren an Kraft, Gefäße an Elastizität, Organe an Leistungsfähigkeit, oft lässt auch das Gedächtnis nach. Spätestens ab Mitte sechzig dann die ersten Zipperlein, chronische Leiden häufen sich. Der Verfall ist so unvermeidlich wie der Tod, in den er mündet. Das ist der Lauf der Dinge, für alle Zeit. Oder sollte man eher sagen: noch?

Ebenso wie die Endlichkeit des Daseins ist der Traum von der ewigen Jugend in der DNA unserer Spezies verankert. Ein Stoff für Mythen seit Jahrtausenden. Einige Wissenschaftler wollen sich mit dem bisher als unabänderlich Geltenden nicht abfinden und forschen, wie sich das Altern hinauszögern – oder sogar umkehren – und die Lebensspanne verlängern lässt. Ihnen geht es dabei nicht zuvorderst um die bekannten Empfehlungen, sich gesund zu ernähren, ausreichend zu bewegen, auf das Rauchen zu verzichten, Alkohol allenfalls nur in Maßen zu genießen und ausgedehnte Sonnenbäder zu vermeiden. Sie suchen nach Ansätzen auf zellulär-molekularer Ebene, um gezielt in Mechanismen des Alterungsprozesses einzugreifen. Einige solcher „Anti-Aging“-Substanzen hat man bereits gefunden. Eine Wunderpille ist bislang indes noch nicht dabei; dazu sind die Vorgänge, die es auszubremsen gilt, zu komplex.

Forscher renommierter Universitäten und Institute sind mit diesem uralten Menschheitsthema beschäftigt, ebenso etliche Firmen, darunter viele Start-Ups, aber auch der Internetriese Google mit seinem 2013 eigens zum Zweck der Überwindung des Alterns gegründeten Unternehmen „Calico“. Das gleiche Ziel verfolgt die seit 2009 bestehende „SENS Research Foundation“, eine Non Profit-Organisation, an der unter anderem die Universitäten Yale, Harvard und Cambridge beteiligt sind. Wissenschaftlicher Leiter und Mitgründer ist der in Kalifornien lebende Biogerontologe Aubrey de Grey. Der 56 Jahre alte Brite, der optisch an einen Wiedergänger von Rasputin erinnert, ist eine der schillerndsten Figuren der Alternsforschung. Er geht davon aus, dass ein Mensch irgendwann seinen 1000. Geburtstag (nein, hier ist keine Null zu viel) feiern kann – und dass dieser Mensch möglicherweise bereits geboren ist. Um das zu erreichen, müsste nichts weniger geleistet werden als Krebs, Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes und Demenz zu verhindern. Wie andere Krankheiten treten sie zwar nicht zwingend jenseits der Lebensmitte auf, stehen jedoch eng mit dem Alterungsprozess in Verbindung.

Was genau spielt sich in unserem Körper ab, wenn wir altern? „Es gibt viele unterschiedliche Mechanismen, die das Altern beeinflussen“, sagt Lenhard Rudolph, Professor für Molekulare Medizin an der Friedrich Schiller Universität Jena und Leiter einer Forschungsgruppe am Leibniz-Institut für Alternsforschung. Im Kern geht es darum, dass sich bei der Aktivität von Zellen Ermüdungserscheinungen und Fehler häufen und es dadurch irgendwann zu nicht mehr reparablen Schäden sowie in der Folge zu Funktionseinbußen kommt. So kann es Probleme bei der Kommunikation zwischen Zellen oder bei der Synthese von Proteinen geben. Im Zellkern häufen sich Defekte im Erbgut, was sich umso fataler auswirken kann, da die Selbstzerstörung von nicht mehr intakten Zellen immer öfter versagt. Deren Verbleib im Körper sorgt für chronische Entzündungen, die eine wichtige Rolle im Alterungsprozess und beim Entstehen von Krankheiten spielen. Hinzu kommt: Arbeiten Zellen nicht mehr richtig, geht allmählich auch eine bestimmte Funktion verloren, die an diesen Zelltyp gekoppelt ist und von einem anderen nicht ersetzt werden kann.

„Es wäre unmoralisch mit Blick auf die kommenden Generationen, diese Forschung nicht zu betreiben.“

Ihr Augenmerk richten Forscher verstärkt auf drei Akteure: die Mitochondrien, die Telomere und die Stammzellen. Die Mitochondrien versorgen unsere Zellen mit Energie, wofür sie Sauerstoff benötigen. Diese Minikraftwerke arbeiten im Alter schlechter, es bilden sich vermehrt freie Radikale als Abfallprodukte, die Erbgut, Organe und Bindegewebe (Falten….) schädigen.

Die Telomere sind die schützenden Kappen an den Enden der Chromosomen. Bei jeder Zellteilung werden sie ein Stück kürzer – und je kürzer sie sind, desto schlechter geraten die Kopien. Die Länge der Telomere gilt als Marker für das biologische, nicht das chronologische Alter. Beide können stark voneinander abweichen. Heißt: Ein fitter Mensch, der laut Geburtsdatum 70 Jahre alt ist, kann biologisch jünger sein als ein 60-Jähriger. Studien deuten darauf hin, dass Telomere sich aber auch wieder verlängern können.

Die Stammzellen schließlich sind das Reservoir, aus dem sich frische Zellen entwickeln. Das ist nötig, weil die Zahl der Teilungen, die eine Zelle durchlaufen kann, begrenzt ist. Doch irgendwann sind auch die Stammzellen erschöpft, es kommt kein Nachschub mehr. Zudem können blutbildende Stammzellen im Alter mutieren und dann als entzündungsfördernde Klone im Blut verbleiben.

„Irgendwann sind so viele Schäden entstanden, dass der Körper es nicht mehr tolerieren kann. Das führt zu pathologischen Veränderungen“, erklärt Aubrey de Grey. „Deshalb müssen wir verhindern, dass es überhaupt erst zu Schäden kommt. Und wenn es doch geschieht, müssen sie schnell beseitigt werden.“ Der Alternsforscher zieht als Vergleich das Auto heran: „Wenn man es gut wartet und immer gleich repariert, kann ein hundert Jahre altes Auto noch genauso gut laufen wie ein neues. Das funktioniert auch beim menschlichen Körper.“ De Greys Konzept: frühzeitig die Probleme beheben, die später Krankheiten auslösen können und damit die Zeitspanne des gesunden Lebens erheblich verlängern. Seine Vorstellung ist es, die Uhr regelmäßig zurückzudrehen und etwa einen 60-Jährigen wieder auf den Stand eines 30-Jährigen zu bringen.

Aubrey de Grey gehört zu jenen Wissenschaftlern, die das Alter weniger als natürlichen Zustand, sondern vielmehr als medizinisches Problem betrachten. „Wir arbeiten nicht an Langlebigkeit, wir arbeiten an Gesundheit. Langlebigkeit ist ein Nebeneffekt“, erklärte de Grey im Herbst 2019 bei der Veranstaltung „me Convention“ in Frankfurt. Die Kritik, Forschung für Reiche zu betreiben, die sich, so die Vermutung, Anti-Aging einmal als einzige werden leisten könnten, weist er von sich. „Dass jeder Zugang hat, ist im Interesse der Gesellschaft.“ De Greys Logik: Ältere kranke Menschen kosten viel Geld, während ältere gesunde Menschen immer noch „funktionstüchtig“ sind. Wenn künftig alle so viel länger leben, könnte es eng werden auf der Erde. Der Brite sagt dazu: „Würde jemand sagen, es wäre eine schlechte Idee, Krebs zu besiegen? Menschen sterben heute oft nach langem Leiden. Es wäre unmoralisch mit Blick auf kommende Generationen, diese Forschung nicht zu betreiben.“

Diese Sichtweise des Alters als Krankheit ist umstritten. Die Uneinigkeit in dieser Frage offenbart zugleich, wie unvollständig das Wissen über das Altern bis heute ist. „Wir kennen längst noch nicht alle Mechanismen“, sagt Lenhard Rudolph. Warum altern Lebewesen überhaupt und warum so unterschiedlich? „Eine Theorie lautet, dass Lebewesen funktionieren müssen, so lange sie sich fortpflanzen können. Auf diesen Prozess hin sind sie optimiert“, erklärt der Jenaer Alternsforscher: „Weil es beim Menschen viele Jahre dauert, bis das Gehirn ausgereift ist, kam in der Evolution den Großeltern eine wichtige Rolle bei der Aufzucht der Jungen zu. Deshalb können Frauen noch lange leben, wenn ihre reproduktive Phase vorbei ist.“ Ein extremes Gegenbeispiel ist der afrikanische Killifisch, der „im Zeitraffer altert“, wie Rudolph sagt. „Diese Fische leben in Tümpeln in Afrika, die nach der Regenzeit austrocknen. Deshalb muss alles schnell gehen, und so dauert es nur wenige Wochen bis zur Geschlechtsreife.“ Während wiederum bestimmte Plattwürmer überhaupt nicht sterben. Ihr Schlüssel zum ewigen Leben: Sie vermehren sich nicht geschlechtlich. „Ist Nahrung im Überfluss vorhanden, werden sie groß und können einen Teil von sich abstoßen. Dieser Klon lebt dann eigenständig weiter.“

Ein begehrtes Forschungsobjekt für Gerontologen ist auch der Süßwasserpolyp Hydra. Dauerhaft aktive Stammzellen verleihen diesen Tieren die Fähigkeit, alte Zellen immer wieder zu ersetzen. Die Jenaer Forscher um Lenhard Rudolph arbeiten daran, wie auch menschliche Stammzellen „länger haltbar“ bleiben. Die Idee ist es, die Mechanismen des Funktionsverlustes der Stammzellen im Alter zu entschlüsseln, um diese dann mit neuen Therapien hemmen und so den Organerhalt im Alter verlängern zu können.

Auch der Stoffwechsel spielt eine Rolle dabei, wie lange ein Geschöpf auf der Erde weilt: „Es gibt Schwämme im antarktischen Ozean, die älter als tausend Jahre werden. Die niedrigen Wassertemperaturen dort bremsen den Stoffwechsel extrem“, berichtet Rudolph. Bei Tieren kann ein verlangsamter Stoffwechsel den Alterungsprozess bremsen. Ob das ebenso für den Menschen gilt, weiß man indes noch nicht.

Als lebensverlängernd wird zudem eine langfristig eingehaltene schmale Kost diskutiert. Zwar führe Kalorienreduktion zur Bildung von freien Radikalen, sagt Rudolph, gleichzeitig würden dadurch aber „Stressantworten aktiviert“, die Schäden in den Zellen entgegenwirkten und deren Widerstandskraft erhöhten. Eine wichtige Rolle kommt dabei bestimmtem Proteinen, den Sirtuinen, zu. Sie wehren Stress ab und setzen Reparaturmechanismen in Gang, nicht nur bei einer Diät. Damit sie das leisten können, benötigen diese Proteine Nicotinamid, erläutert der Wissenschaftler – „eine Substanz, die im Alter messbar reduziert ist“. An dieser Stelle kommt ein Anti-Aging-Wirkstoff ins Spiel: Niacin, auch bekannt als Vitamin B3. Er wirkt nicht nur auf Sirtuine, sondern ist auch ein Booster für die im Alter nachlassenden Mitochondrien. Niacin ist rezeptfrei erhältlich. Gleichwohl mahnt Lenhard Rudolph zur Vorsicht: „Es bleibt bei all diesen Mitteln die Frage, welche Nebenwirkungen sie haben und ob sie nicht sogar kontraproduktiv sein können.“

Das gelte auch für die so einfach klingende – wenngleich nicht leicht durchzuhaltende – Idee von der lebensverlängernden Diät: Zum einen müsse Mangelernährung vermieden werden: „Es darf nur eine milde Belastung sein.“ Zum anderen wisse man nicht, ob Kalorienreduktion in jedem Alter gleich gut wirke: „Es gibt Hinweise, dass die beste Wirkung im mittleren Lebensalter erzielt wird, dass eine Diät im Alter aber an Wirkung verliert.“ So könne als unerwünschter Nebeneffekt die Zahl der Abwehrzellen sinken – im Alter doppelt schlecht, da das Immunsystem ohnehin nicht mehr so gut arbeitet.

Zu den Substanzen, die positive Stressantworten von Zellen auslösen, zählt neben Niacin auch Metformin, ein Mittel, das die Kalorienbeschränkung nachahmt und seit vielen Jahren bei Diabetes Typ 2 eingesetzt wird. Es verlangsamt den Prozess, mit dem die Mitochondrien Nährstoffen ihre Energie entziehen. Einige Wissenschaftler drängen bereits darauf, Metformin als erstes Medikament gegen das Altern zuzulassen.

Eine andere Substanz, in die viele Erwartungen gesetzt werden, ist Rapamycin, ein Wirkstoff, der aus Bakterien von der Insel Rapa nui extrahiert wurde. In Versuchen mit Mäusen verlängerte er das Leben um 25 Prozent. Als Medikament wird Rapamycin nach Organtransplantationen gegeben, um Abstoßungsreaktionen zu verhindern. Forscher haben herausgefunden, dass es auch das Wachstum von Krebszellen hemmen kann und in den Fettstoffwechsel eingreift. Als Nebenwirkungen können allerdings die Infektanfälligkeit und der Blutdruck steigen.

Eng verknüpft ist die Suche nach Anti-Aging-Mitteln zudem mit der nach „Langlebigkeitsgenen“ und konkreten äußeren Einflüssen, die das Erreichen eines hohen Alters begünstigen. Von besonderem Interesse sind dabei die „Blauen Zonen“, in denen auffällig viele Hundertjährige leben. Sardinien und die japanische Insel Okinawa gehören dazu. Vergleiche förderten vor allem Erwartbares zutage: Die Hochaltrigen hatten sich ihr Leben lang gesund ernährt, nicht allzu fleischlastig, jedoch nicht vegetarisch, sich regelmäßig, aber moderat bewegt – und sie waren in eine Gemeinschaft eingegliedert. Tatsächlich hat eine große Studie bestätigt, dass das Fehlen sozialer Bindungen einen Risikofaktor für einen früheren Tod darstellt. Auch Langzeitstress lässt schneller altern, weil dann verstärkt schädigende Stresshormone ausgeschüttet werden.

Einige genetische Langlebigkeitsfaktoren wurden bereits gefunden, wahrscheinlich jedoch nur ein Bruchteil der tatsächlich existierenden. So kommt eine spezielle Variante des sogenannten FoxO-Gens besonders häufig bei Menschen vor, die ein Alter von hundert Jahren und mehr erreicht haben.

Alternsforscher gehen heute davon aus, dass die Lebensspanne eines Menschen zu etwa 30 Prozent von seinem Erbgut bestimmt wird und äußere Einflüsse 70 Prozent ausmachen. Beides zusammen führe dazu, dass Menschen sehr unterschiedlich altern, sagt Lenhard Rudolph. Bislang bieten die Gene indes wenig Ansatzpunkte, um den Alterungsprozess gezielt zu manipulieren. Dass das theoretisch möglich sein könnte, dafür liefert ein nach menschlichen Maßstäben eher bemitleidenswert hässliches Tierchen Hinweise: der Nacktmull, ein in Afrika beheimateter, unter der Erde hausender Nager mit runzliger Haut und skurril langen Zähnen. Die Kleinsäuger können mit bis zu 30 Jahren ein für Nagetiere biblisches Alter erreichen und scheinen gegen bösartige Tumore immun. Anders als Menschen, die im Alter kontinuierlich abbauen, sind Nacktmulle bis kurz vor ihrem Tod meist kerngesund. Im Erbgut der Tiere fanden Wissenschaftler Besonderheiten, die mit Langlebigkeit zusammenhängen könnten. Tatsächlich wurden Mäuse, denen man ein Gen der Nacktmulle einpflanzte, älter als ihre Artgenossen. Dem Vernehmen nach soll man sich bei „Calico“, dem von Google gegründeten Biotechnologie-Unternehmen, intensiv mit Nacktmullen beschäftigen.

Beim Menschen haben vor allem äußere Faktoren wie bessere Hygiene, Ernährung und medizinische Versorgung zu einem deutlichen Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung in den Industrienationen geführt. Einige Alternsforscher bezweifeln allerdings, ob sich die maximale Lebensspanne von Homo sapiens ausdehnen lässt. Ihr Argument: Anders als die mittlere Lebenserwartung hat sich die maximale kaum erhöht, wenn überhaupt. Denn bereits in früheren Zeiten gab es Menschen, die sehr alt geworden sind. „Das deutet darauf hin, dass es eine biologische Grenze gibt“, sagt Lenhard Rudolph. Der Mensch mit dem höchsten dokumentierten Lebensalter war die 1997 gestorbene Französin Jeanne Calment. Sie wurde 122 Jahre und 164 Tage alt. „120 plus ein paar Jahre, das könnte das biologische Limit unserer Spezies sein.“

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