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Ralf König, der 1987 mit seinem Schwulencomic "Der bewegte Mann" bundesweit bekannt wurde, hat etwas gegen betonte Tuntigkeit.

Ralf König im Interview

"Immer nur hei-tei-tei"

Am Sonntag ist Christopher Street Day - dem schwulen Comiczeichner Ralf König schwant nichts Gutes. Dass Drag Queens von der Botschaft ablenken, nervt ihn ebenso wie die Tuntigkeit von Dirk Bach und Thomas Hermanns.

Herr König, wir wollen mit Ihnen über das klischeehafte Bild von Schwulen in den Medien sprechen. Jetzt ist wieder Christopher Street Day, und es werden massenhaft lebende Stereotypen durch die Straßen ziehen.

Mich nervt schon eine ganze Weile, dass fast nur Paradiesvögel und Exoten das Kamerafutter liefern. Das ist aber eine Sache der Medien, die halten mit der Kamera nur auf die Drag Queens drauf, was verständlich ist: Schräge Transen sind natürlich fotogener als die überwiegend ganz normalen Schwulen, die den CSD nicht als bizarren Karneval begreifen.

Der Christopher Street Day soll an die New Yorker Stonewall-Krawalle von vor 40 Jahren erinnern. Wird der Schwulenkarneval zum runden Jahrestag wieder politischer?

Generell ist es ja schon politisch, auf die Straße zu gehen und sich zu zeigen. Als Stoiber vor ein paar Jahren Bundeskanzler werden wollte, hatte ich mit einem Freund eine CSD-Aktion gestartet, eine "Entstoiberung". Wir hatten eine Putztruppe aufgestellt, mit rot-grünen Latzhosen, Bürsten und Sprühfläschchen, die eine Art Aktionstheater mit den Passanten machte. Das fanden die Kameras aber nur so lange interessant, bis hinter uns so eine eitle Supertranse mit ihren meterhohen Pumps daherstolzierte. Die hatte keine politische Botschaft, aber die volle Aufmerksamkeit.

Und da waren Sie und Ihre Truppe ein bisschen eingeschnappt.

Ich finde, eine Message sollte schon dabei sein beim CSD. "Seht her, wie toll ich aussehe", das reicht nicht. Der CSD ist nach meinem Verständnis immer noch eine Demo, keine Love Parade. Ich sage ja nicht, dass sich alle vernünftig anziehen sollten, ich bin früher auch als unmögliche Transe beim CSD mitgestöckelt. Aber die Zeiten ändern sich auch; wenn ich mir anschaue, wie das Wort "schwul" auf Schulhöfen verwendet wird, oder die neue Schwulenfeindlichkeit, die da so hochkommt bei den Jungmännern, egal ob mit Migrationshintergrund oder ohne.

Ernste Töne beim CSD wären also wieder mehr als notwendig?

Und das Bedürfnis nach ernsteren, politischen Tönen ist durchaus da, in Köln und Berlin gibt es ja nicht umsonst diese CSD-Gegenveranstaltungen, wo die Leute hingehen, die nicht Karneval feiern wollen, die angepisst sind vom Kommerz. Denn bei den Paraden gibt es ja geradezu abstoßende kommerzielle Entwicklungen. Im letzten Jahr wollte ich mich mit ein paar Freunden hinter einem Wagen in den Kölner CSD-Zug einreihen, da wurden wir allesamt von irgendwelchen Body-Guard-Typen zurück auf den Bürgersteig gedrängt. Unseren Platz nahmen dann zwei Models ein, die im Glitzerkostüm Werbung für irgendeinen Energy-Drink machten - die hatten die Fläche rund um den Wagen wohl mitgemietet.

Haben Sie eigentlich etwas gegen Tunten? Wenn Sie gegen die gängigen Medienklischees wettern, ist von "Dummtunten" oder "albernen Tunten" die Rede, von "Schwuchtelei" und "super-transigem Herumtucken".

Ich habe ganz und gar nichts gegen Tunten, in meinem Freundeskreis wird zuweilen aufs Herzlichste getuckt. Aber unterschwelliger, nie so blöd und unoriginell, wie das in den Medien rüber kommt. Wenn in Sitcoms oder in Komödien Schwule auftreten, dann sind das immer nur Tunten, nur selten ganz normale Männer, die einfach so lustig sind. Schwule müssen anscheinend immer erst Hei-ti-tei machen, damit sie als solche erkennbar sind. Wie vor einigen Jahren in dieser Iglu-Werbung mit dem Schwulenpaar. Da hatte man das Gefühl, seit "Charleys Tante" ist nichts passiert. Viele in den Medien machen es sich leicht, da wird immer nur auf den Tuntenknopf gedrückt - und das auch noch schlecht.

Denken Sie bei Ihrer Kritik auch an schwule TV-Stars wie Dirk Bach, Ralph Morgenstern und Thomas Hermanns?

Meine Sorte Fernsehen ist das generell nicht, aber man sieht in den Privaten ja auch jede Menge unmögliche heterosexuelle Moderatoren oder Komiker, nur bringt das keiner in einen generell heterosexuellen Zusammenhang.

Bleiben wir noch mal kurz bei den prominenten TV-Schwulen. Was stört Sie an denen?

Es mangelt an schwulen Vorbildern, die nicht so die Schrillgänse sind. Es wäre gut, wenn man mehr Schwule sehen würde, die diesem Klischee nicht entsprechen - nicht nur im Komik-Bereich. Eine größere Bandbreite an Identifikationsfiguren: Leute wie Klaus Wowereit, die einfach ihren Job machen. Aber die sind vielleicht nicht so medienkompatibel.

Da Sie eben von homophoben jungen Männern und ihren schwulenfeindlichen Sprüchen gesprochen haben. Könnte es wie folgt sein: Die Präsenz von Schwulen im Fernsehen suggeriert, dass das Medium tolerant ist. Die Art und Weise, wie sich Bach, Morgenstern & Co. präsentieren, könnte aber fatalerweise TV-Konsumenten in ihren Vorurteilen bestätigen.

Genau, fatal und ambivalent. Aber wirkliche Toleranz bei den Sendern könnte ja auch bedeuten, nicht dauernd unreflektiert Futter für Vorurteile zu bieten! Die Medien wissen das, es gibt alle möglichen Sorten schwuler Männer: Schlagfertige, Spaßige, Seriöse, Langweilige, Charmante, Derbe, Laute, Leise, ganz Normale und - auch - Tuntige. Diese Vielfalt ist bei Heteros selbstverständlich, Thomas Gottschalks Outfit finde ich auch reichlich aufgetufft; wenn der schwul wäre, würde der Homophobe auch denken: Na bitte! Aber so wünsche ich mir auch das Bild des Schwulen im TV. Einfach mehr von der ganzen Vielfalt!

Sie haben vom Tuntenknopf gesprochen, auf den die Medien gern drücken. Wie finden Sie Bully Herbigs Kinofilm "Traumschiff Surprise"?

Dieser Film ist ein endloser Detlev-Witz in High-Tech. Erkläre mir einer den Unterschied zu den diskriminierenden Schwulenwitzen der 70er Jahre! Bei "Traumschiff Surprise" tucken drei Schwuchteln 90 Minuten durch den Weltraum, und Til Schweiger gibt den Hetero. Natürlich darf man sich über Tunten, über Schwule lustig machen. Das mache ich ja selbst seit 28 Jahren! Aber doch nicht so eindimensional.

Komiker wie Herbig können sich immer darauf berufen, dass sie die Parodie eines Klischees abliefern, für das schwule TV-Stars die Vorlage bieten.

Mir ist die Tunten-Vorlage von schwulen TV-Komikern ja auch nicht sympathischer! Ich wünsche mir einfach, die Jahrzehnte würden es bringen und der schwule Humor mal endlich ausbrechen aus dem ewigen verschnarchten Käfig voller Narren.

Ohne Klischees geht es nicht. Sie selbst arbeiten in Ihren Comics damit.

Klar, Klischees sind sehr okay, aber es kommt doch auf die Zwischentöne an. Und da ich selbst schwul bin, kommt Selbstironie ins Spiel. Als ich das Drehbuch zu "Wie die Karnickel" geschrieben habe, habe ich darauf bestanden, dass darin keine Tunte als komische Figur vorkommt. Da waren die Produzenten erst mal ratlos. Aber man kann sich doch auch über einen Lederkerl lustig machen, die aufgepumpte Männlichkeit, die arg gewollte Macho-Oberfläche.

Auch der neue Comedy-Film "Brüno" von "Borat"-Star Sacha Baron Cohen setzt auf Stereotypen. Cohen spielt den österreichischen Modemacher Brüno und will so angeblich die gesellschaftlichen Vorurteile gegenüber Schwulen entlarven. Schwulengruppen in den USA warnen bereits, dass der Film an einigen Stellen problematisch sei und Vorurteile eher bestärke. Ist diese Forderung nach politischer Korrektheit nicht überzogen, wenn es um Humor geht?

Ich kenne diesen Film noch nicht.

Aber auch "Traumschiff Surprise" fanden viele Schwule toll. Die gehen eben davon aus, dass heute jeder weiß, dass Schwule so dooftuntig nicht sind.

Mag ja sein, trotzdem ist dieser Film eine Feindseligkeit. Humor darf nicht politisch korrekt sein, aber etwas Intelligenz und Reflektion schadet nicht. Abgesehen davon ist Humor ja nun keine Frage von schwul oder nicht. Da geht's um gute Dialoge und Timing, das können Schwule genauso gut vergeigen.

In der BBC-Comedy "Little Britain", die im TV-Sender Comedy Central zu sehen ist, stellen die schwulen Komiker David Walliams und Matt Lucas absolut lächerliche Typen dar. Zum einen den dicken Homo vom Dorf, der sich fälschlicherweise für den einzigen seiner Art in der Gemeinde hält. Und zum anderen den ebenso zickigen wie geilen Assistenten des Premierministers, der in seinen Chef verliebt ist. Wie finden Sie diese Figuren, diesen Humor?

Den Briten nehme ich überhaupt nichts übel.

Was ist an deren Humor besser als an dem eines Dirk Bach?

Der britische Humor ist so drastisch, komplett rücksichtslos und politisch unkorrekt - nicht nur wenn es um Homos, auch wenn es um Migranten oder Behinderte geht. Das ginge in Deutschland nie. Hut ab vorm britischen Humor!

Der schwule Komiker Hape Kerkeling hat diesen tuntigen "Konditorei"-Sketch im Programm, wo sämtliche Klischees aufgefahren werden. Gibt es da einen Qualitätsunterschied - und wenn ja welchen?

Hape Kerkeling ist ein Guter, aber mit dem Sketch sind wir wieder beim Anfang; er setzt beim Publikum viel voraus: dass es weiß, dass Kerkeling selbst schwul ist und darum Schwulenwitze reißen kann, die eigentlich ambivalent wären, kämen sie von einem heterosexuellen Komiker. Aber ich hab gelacht, der Sketch ist doch gelungen, verglichen mit den unterkomplexen Bully-Sachen.

Das Unterkomplexe ist also das Problem?

Noch ein Beispiel: Mein Comic "Der bewegte Mann" - und was sich im Kino und im Fernsehen später daraus entwickelt hat. Das wurde immer heterosexueller. Ursprünglich war meine Geschichte die eines Schwulen, der einen Hetero kennen lernt und sich in ihn verliebt. Als Kinofilm war es dann die Geschichte eines Heteros, der in die Schwulenszene gerät. Die Schwulen waren zwar sympathische, aber schräge Typen, die Heteros eher bieder normal. Und dann gab es schließlich die TV-Comedy-Serie "Bewegte Männer". Das war nur noch grottenschlecht, schwulenfeindlich, regelrecht humorfeindlich. Damit hatte ich auch nichts mehr zu tun, weder inhaltlich noch finanziell.

Was war daran so schlecht?

Ich hab nur zwei oder drei Folgen davon gesehen, ich fand die Dialoge vollständig unlustig und die schwulen Charaktere total verzerrt und missverstanden. Wieder mal die unerträglich überzeichnete Dummtunte und der tragische Verlierer.

Herr König, gibt es eigentlich so etwas wie schwulen Humor?

Ich denke, dass Schwule untereinander offener mit ihren Schwächen umgehen - gerade wenn es um Sex geht. Da bricht man sich keinen Zacken aus der Krone, es gibt einen gewissen Hang zur Selbstironie und zur Drastik. Heterosexuelle Männer geben Schwächen nicht so schnell zu.

Warum mögen Schwule Ihre Comics - und warum Heteros?

Ich denke, die Schwulen schätzen die gewisse Ehrlichkeit. Die sehen, der weiß, wovon er redet. Da wird eben nicht feindselig über Schwule gelacht, da kann man mitlachen, auch über sich selbst lachen. Und ich hoffe, dass auch die Heteros nicht feindselig über Schwule lachen, sondern den amüsanten Einblick in eine andere, vielleicht fremde Szene schätzen.

Manche Pracht-Heteros, die mit realen Homos nicht umgehen können, weil sie geradezu homophob sind, stehen auf König-Comics. Können Sie sich das erklären?

Schwer zu sagen. Vielleicht wird da was sublimiert, vielleicht findet über den Humor Entspannung statt? Homophobie kann ich mir ja auch nur so erklären, dass jemand Angst hat, selber auch schwule Anteile in sich zu entdecken. Sonst könnte man bei dem Thema doch ganz gelassen bleiben.

Interview: Hans-Hermann Kotte

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