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Im Verborgenen

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Von: Eckart Roloff

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Warum bei der Suche nach „Geheimakte“ dieses Foto vorgeschlagen wird, das wird wohl das Geheimnis des Algorithmus bleiben. imago images
Warum bei der Suche nach „Geheimakte“ dieses Foto vorgeschlagen wird, das wird wohl das Geheimnis des Algorithmus bleiben. imago images © Imago

Warum es nicht nur zur Weihnachtszeit gut ist, dass wir Geheimnisse haben. Ein Streifzug

Was verbinden wir mit Weihnachten? Was prägt diese Tage, was ist das Besondere? Ist es das Essen, ob mit oder ohne Gänsebraten? Der Weihnachtsbaum oder die geschmückte Wohnung? Die Kerzen, Besuche von Verwandten, die freien und doch ausgefüllten Tage? Die Gottesdienste mit Krippenspielen, Festpredigten und Chorälen?

Die Aufzählung wäre lückenhaft, käme nicht Grundsätzliches dazu – das Geheimnis. Es hat zu der Zeit für viele einen ungewöhnlichen Geheimnisträger: den Weihnachtsmann. Auch wenn von seinen Berufsgeheimnissen in keinem Gesetz etwas steht, in keiner Berufsordnung – seine Verschwiegenheit mit dem Zeigefinger vor dem Mund, das geflüsterte „Psst!“ ist entscheidend.

Ein schillernder Begriff, das Geheimnis, den erstmals Martin Luther, der den Deutschen reichlich Worte schenkte, statt des lateinischen „Mysterium“ einsetzte. Es kommt hinzu, dass vieles an das Wort „geheim“ anknüpft, zum Beispiel Geheimdienst, Geheimsprache, Geheimagent. Auf Geheimtipps trifft das nicht zu. Die leben geradezu davon, dass andere von ihnen erfahren. Stets dreht es sonst sich um Verborgenes, Kryptisches, womöglich Verbotenes. Das ist dann geheimnisumwittert.

Alles, was dieses Etikett bekommt, erscheint für die Medien und alle, die mehr wissen wollen, als eine spannende Sache, als verlockend und abgründig. Da findet sich sogar die dubiose Botschaft einer Firma: „Wir haben ein geheimes Geschenk – nur für Sie!“ Manchmal ist ein Geschenk so geheim, dass jemand vergessen hat, wo er oder sie es versteckt hat.

Aber: Woher kommt das Wort Geheimnis, was liegt darin verborgen? Es hat sich, eher kurios, aus dem mittelhochdeutschen „heim“ entwickelt, also aus dem Nahen, Familiären und Verwandten, dem Vertrauten, von dem nicht alle wissen können – und sollen. Deshalb spricht man ja auch von einem Familiengeheimnis. Worte wie heimlich und Heimlichkeit zeigen, wohin das mit dem „heim“ geführt hat. Die eher negative Bedeutung kam erst im 18. Jahrhundert auf.

Man kann ein Geheimnis lüften, einem anderen anvertrauen, ihn einweihen, es für sich behalten und, sehr anschaulich, mit ins Grab nehmen. Damit etwas – wenigstens auf Zeit, bis zum Heiligen Abend – geheim bleibt, ist das Einpacken sehr verbreitet. Man kann aber auch kein Geheimnis aus etwas machen. So gibt es das offene, kaum verborgene Geheimnis. Das süße Geheimnis berührt das, was der Storch demnächst bringen wird.

Von ganz anderer Art sind Geheimbünde. Sie haben eine lange Geschichte. Das „Wörterbuch für Soziologie“ von 1968 definiert sie als „relativ geschlossene, exklusive, klubartige Verbände innerhalb einer größeren Gesellschaft mit begrenzter und gesteuerter Zulassung neuer Mitglieder“. Verwiesen wurde darauf, wo es solche Bünde bei ganz unterschiedlichen Mustern überall gab: in der klassischen Antike, in Polynesien, in Ost- und Westafrika, auf den Neuen Hebriden, bei den Indigenen in Amerika, in China und anderswo. Zudem gab und gibt es sie unter Namen wie Mau-Mau, Ku-Klux-Klan, Illuminaten, Rosenkreuzer, Camorra und Mafia. Man merkt: Geheimbünde verbinden, auch wenn sie andere ausschließen.

35 Jahre sind vergangen, seit der Medienforscher Joachim Westerbarkey in der Fachzeitschrift „Publizistik“ (Heft 4/1987) einen gehaltvollen Aufsatz zum Thema „Das Geheimnis als Forschungsgegenstand. Hinweise auf ein vernachlässigtes publizistisches Phänomen“ veröffentlichte. Er schreibt über die Defizite, die das Thema vor allem für Sozialwissenschaftler:innen gleichsam zu einer Geheimsache machten. Dabei steckt darin so viel Stoff – und so viel Widerspruch. Hier Geheimes, dort Publizistisches, Öffentliches, kann das zusammengehen?

Einerseits, so Westerbarkey, waren Geheimbünde „Keimzellen der Aufklärung, aber ebenso Brutstätten der Konspiration“. Schon immer sei das Geheimhalten ein probates Mittel politischer Raffinesse und mancher Intrige gewesen, nicht nur unter Goethe, dem weltberühmten und doch Geheimen Rat in Weimar. Bereits aus dem 4. Jahrhundert vor Christus sind Zeugnisse absichtsvoller Diskretion bekannt, etwa die Kryptogramme aus dem griechischen Sparta als chiffrierter Nachrichtenverkehr.

Schon die Phönizier, Karthager und Inder erfanden Zeichen, die abseits der normalen Buchstaben und Ziffern nicht alle verstehen sollten. Um 1200 nach Christus kam dergleichen bei Staat und Kirche groß in Mode. Auch enthält ein Buch des Persers Abu al-Qalqaschandi (1355–1418) ein Kapitel über Geheimschriften. Geheimnisvoll waren jahrtausendelang die Hieroglyphen der alten Ägypter, bis Jean-François Champollion vor 200 Jahren nach höchst mühsamer Arbeit der Durchbruch bei deren Entzifferung gelang.

Heute sieht es mit dem Thema anders aus, aber nur etwas. In der Politik, auch in der Demokratie, spielt Geheimniskrämerei immer noch eine Rolle. Doch es gibt Grenzen. Damit nicht allzu vieles geheim bleibt, gelten etwa in Deutschland Informationsfreiheitsgesetze. Sie sollen helfen, Geheimes zu lüften. Selbst Bundeskanzleramt und Bundesministerien mussten nach verlorenen Prozessen Journalist:innen etwas offenbaren, das nicht bekannt werden sollte.

Zudem sorgen Whistleblower, oft gefürchtet, mal bewundert dafür, dass Verdecktes enthüllt wird. So war es im November 2022. Da machte Hildegard Dahm, früher beim Kölner Erzbistum beschäftigt, publik, dass Kardinal Woelki schon 2015 eine von ihr zusammengestellte Liste mit 14 Missbrauchsfällen erhalten habe. Woelki bestreitet Details dazu. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Sicher ist, dass es in der katholischen Kirche den Titel Päpstlicher Geheimkämmerer gibt. Was die wohl alles wissen?

Der Philosoph und Soziologe Georg Simmel hat vor gut 100 Jahren über das Geheimnis nachgedacht. In seinem grundlegenden Werk „Soziologie“, 1908 erschienen, hält er zu dessen positiven Werten fest, dass das Verbergen bestimmter Aspekte der eigenen Persönlichkeit für das Erhalten sozialer Beziehungen von größter Wichtigkeit sei. Simmel sagt es deutlich: Das Geheimnis ist „eine der größten Errungenschaften der Menschheit“, durch das Geheimnis werde eine ungeheure Erweiterung des Lebens erreicht“. Es biete die Möglichkeit einer zweiten Welt neben der offenbaren.

Was wäre im Übrigen, wenn auch nur die nächsten Verwandten und Freunde nur insgeheim wüssten, wie es mit anderen Beziehungen ausschaut, mit abweichendem Verhalten, mit lässlichen oder auch anderen Sünden, mit Wahlpräferenzen, Versagen, Mauscheleien, Misserfolgen? „Völlige Kenntnis voneinander ist der Tod jeder sozialen Beziehung“, wusste Simmel.

Das Geheime hat etwas Attraktives; auch kann es die Kassen klingeln lassen. Nicht nur zur Weihnachtszeit. Unzählige Buch- und Filmtitel setzen darauf, siehe „Geheimakte Odessa“, „Die geheimnisvollsten Orte der Welt“ oder „Das Geheimnis eines Sommers“. Mark Twain hatte verfügt, dass seine Lebenserinnerungen erst 100 Jahre nach seinem Tod öffentlich werden dürfen. 2012 erschienen sie unter anderem im Aufbau-Verlag und wurden wohl auch dank des Titels „Meine geheime Autobiographie“ sehr beachtet.

Nachdem die Schriften des Försters Peter Wohlleben über die Welt des Waldes kaum Beachtung fanden, half dieser Dreh: Er nannte ein Buch „Das geheime Leben der Bäume“ – und schon wurde daraus ein Bestseller. Sein Band „Das geheime Netzwerk der Natur“ verkaufte sich ebenso gut – und Wohlleben wurde bald ein umtriebiger, durchaus umstrittener Autor, gefragter Gast vieler Medien und Publikumsliebling.

Auch wenn Wissenschaft im Prinzip dafür da ist, öffentlich zu wirken und andere daran teilhaben zu lassen, kennt man Heimlichkeiten über die Militärforschung hinaus. Dazu dieses Beispiel: Es gibt Doktorarbeiten, die Unternehmen gegen großzügige Summen in Absprache mit Professoren in Auftrag geben. Doch daraus darf später nicht zitiert und veröffentlicht werden. Ein klarer Verstoß gegen die Wissenschaftsfreiheit, wie der Münchner TU-Professor und Fahrzeugtechniker Markus Lienkamp in einer Schrift für den Deutschen Hochschulverband festgestellt hat. Er wendet sich strikt gegen solche Geheimhaltungsklauseln.

Ganz öffentlich ist, wenn man von älteren Menschen wissen will, warum sie 100 Jahre oder älter geworden sind. „Was ist das Geheimnis Ihres langen Lebens?“ wurde der Japaner Jiromeon Kimura (1897–2013) gefragt. Kimura war sich sicher: „Früh aufstehen und Zeitung lesen!“ Das gilt bestimmt stets, nicht nur an Weihnachten.

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