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Ohne Essen kann man nicht leben. Wenn man gesund werden will, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich jeden Tag mehrmals mit dem Suchtmittel zu konfrontieren.
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Ohne Essen kann man nicht leben.

Essstörung

Im Klinik-Kreislauf

Mit 14 erkrankt Laura Jungk an einer Essstörung, mit 16 wird sie wegen Magersucht in eine Klinik eingewiesen. Zeitweise wiegt sie noch 39 Kilo, bei einer Körpergröße von 1,75 Meter. Es folgen Depressionen, Panikattacken, Selbstverletzung. Wie sie ihren Weg aus der Krankheit fand, hat sie nun in einem Buch veröffentlicht. Ein Auszug.

Leere

September 2016 bis Mai 2017

I know what it’s like to want to die. How it hurts to smile. How you try to fit in but you can’t. How you hurt yourself on the outside. To try to kill the thing on the inside.

Susanna, Girl, Interrupted

Der Unterschied zwischen Magersucht und anderen Süchten ist, dass man von dem Suchtmittel nicht abstinent werden kann. Man kann das Essen nicht einfach weglassen, so wie man auf Alkohol verzichtet. Stattdessen muss man lernen, damit umzugehen.

Ohne Essen kann man nicht leben. Wenn man gesund werden will, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich jeden Tag mehrmals mit dem Suchtmittel zu konfrontieren. Immer und immer wieder. Man kann versuchen, die Waage wegzustellen, aber Nahrungsmittel, Spiegel, Schaufenster … All das sind Dinge, die man nicht aus seinem Leben verbannen kann.

Als ich aus der Klinik kam, hatte sich mein psychischer Zustand in einigen Punkten tatsächlich gebessert. Meine Ticks waren weniger geworden, einige sogar ganz verschwunden, andere weniger ausgeprägt. Nach wie vor brauchte ich lange zum Essen, allerdings keine Stunden mehr. Mein Bewegungsdrang hatte sich etwas reduziert, und einige Lebensmittel, die zuvor auf meiner verbotenen Liste gestanden hatten, aß ich wieder, auch wenn es immer noch eine ganze Reihe an Nahrungsmitteln gab, die ich unter keinen Umständen essen würde.

Auf der anderen Seite hatte die Klinik meiner Krankheit jedoch auch Schwung gegeben. Noch nie in meinem Leben habe ich mich so dick gefühlt wie nach meiner Entlassung, und auch meine Wahrnehmung anderer Leute war extrem verzerrt, nachdem ich in den letzten neun Wochen fast ausschließlich mit abgemagerten Menschen zu tun gehabt hatte.

Meine Mutter war voller Hoffnung, als ich nach Hause kam. Sie hatte Blumen für mich gekauft und schleppte mich, kaum nachdem ich angekommen war, in den nächsten Supermarkt, wo ich alles, worauf ich Lust hatte, in den Wagen stapeln durfte. Ständig nahm sie mich in den Arm und sagte mir, wie stolz sie auf mich war.

Das Buch

Laura Jungk: Wie ich verschwand. Mein Weg aus der Magersucht. Ullstein 2020. 432 Seiten. 12,99 Euro.

Angesichts ihrer Hoffnung verstärkte sich mein schlechtes Gewissen. Wie gern hätte ich sie erfüllt und wäre einfach gesund geworden! Ich fühlte mich wie eine Lügnerin, während ich die hoffnungsvollen Worte hörte und gleichzeitig der Stimme in meinem Kopf und deren Anweisungen lauschte, die sich in den letzten Monaten leider kaum verändert hatte.

Schon in der ersten Woche zurück zu Hause nahm ich zwei Kilo ab. Aus der Klinik hatte ich meinen Plan mitgebracht, an den ich mich halten sollte und der mir 2.900 Kalorien täglich vorschrieb, damit ich weiterhin an Gewicht zulegte. Ich hatte nie vorgehabt, dieser Aufstellung zu folgen. Stattdessen aß ich bereits nach einem Tag nur noch etwa die Hälfte des Vorgesehenen. Vollfettprodukte hatte ich sofort gestrichen, indem ich mir einredete, fettreduzierte Produkte würden mir besser schmecken. Ich wünschte mir, gesund zu werden, war allerdings nicht in der Lage, die Krankheit loszulassen. Zu lebensnotwendig schienen mir ihre Regeln geworden zu sein, zu wichtig der Halt, den die Magersucht mir zu geben vortäuschte.

Verzweifelt versuchte ich, meine Gedanken in seitenlangen Tagebucheinträgen zu sortieren, aber es gelang mir nicht.

Vier Tage nach meiner Klinikentlassung ging ich zum ersten Mal wieder in die Schule. Noch nie hatte ich mich so fehl am Platz gefühlt – nicht mal zu Beginn in der Klinik als vermeintlich fette Kuh unter lauter Hungerhaken. In der Zeit vor der Klinik hatte ich mich in der Schule kaum blicken lassen, und davor war ich für fünf Monate in den USA gewesen. Mir fehlte ein ganzes Jahr, und das machte sich bemerkbar. Ich schlich hinter meinen Freunden her und versuchte verzweifelt, irgendwie an ihre Themen anzuknüpfen, was mir jedoch kaum gelang. Innerhalb der Klinik hatten sich die meisten Gespräche um Gewicht, Essen, die Therapeuten oder unsere individuellen Probleme gedreht, und nun wusste ich einfach nicht, was Leute in meinem Alter machten. Hinzu kam, dass mich meine Kameraden zuletzt in einem völlig desolaten Zustand erlebt hatten, wodurch sie vorsichtig geworden waren. Niemand lud mich irgendwohin ein. Stattdessen saß ich nach der Schule zu Hause auf der Couch, sah Filme oder las Bücher, machte Work-outs und hatte wieder genug Zeit, meine Gedanken um Nahrung, Kalorien und Gewicht kreisen zu lassen.

Auch im Unterricht fehlte mir jegliche Konzentration. Ich hockte auf meinem Platz, während die Lehrer über die Pest, Nathan den Weisen oder Algebra redeten, lernte neue Nährstofftabellen auswendig und stellte Berechnungen darüber an, was ich an diesem Tag noch essen könnte und was ich schon gegessen hatte.

Dazu kam meine Unsicherheit. Ich traute mich nicht, mit meinen Mitschülern zu reden, da ich ständig Angst hatte, etwas falsch zu machen. Ich machte mir riesige Sorgen, dass mich jeder nervig oder unpassend finden könnte, und interpretierte das Verhalten anderer dahingehend. Über jeden einzelnen Satz, den ich sagte, dachte ich so lange nach, bis er in meinem Kopf komplett lächerlich klang und ich mich am liebsten vor Scham irgendwo versteckt hätte.

Ich vermisste die Klinik. Die Menschen, die ich dort kennengelernt hatte, das Gefühl, zugehörig zu sein. Sprach ich dort über meine kranken Gedanken, sah mich niemand mit diesem tief besorgten Blick an, niemand behandelte mich wie ein rohes Ei oder wie eine Bombe, die jeden Moment hochgehen konnte. Dort waren wir alle eine große Gruppe gewesen, wir hatten uns verstanden und konnten die Gedanken des anderen nachvollziehen, ohne ihn zu verurteilen, denn unsere eigenen Gedanken waren ja ähnlich krank.

Es dauerte nicht lange, bis Schule erneut zu einer eher seltenen Veranstaltung wurde. Nach drei Wochen, von denen ich acht Tage gefehlt hatte, wurde schließlich beschlossen, dass ich zurück in die zehnte Klasse gehen sollte. Von meiner Psychiaterin bekam ich eine Bescheinigung ausgestellt, dass es aufgrund meines psychischen Zustandes zu vermehrten Fehlzeiten kommen könne, und wurde für die nächsten fünf Wochen komplett krankgeschrieben.

Regelmäßig telefonierte ich mit Frau Beck, da ich zu Hause momentan keinen Therapieplatz hatte. Die Gespräche taten mir gut, jedoch appellierte sie jedes Mal an mich, zurück in die Klinik zu kommen, was ich beharrlich ablehnte. Zusätzlich fuhr ich alle sechs Wochen zu einer Therapeutin nach Berlin, die meine Mutter ausfindig gemacht hatte auf der Suche nach etwas Neuem, einem Ansatz oder Prinzip, das an mir noch nicht probiert worden war, und mit der ich ebenfalls wöchentlich telefonierte.

Verzweifelt versuchte ich, irgendeinen Sinn darin zu finden, Nahrung in mich aufzunehmen, aber alles, was ich sah, war die Zahl auf der Waage, mein Spiegelbild, das mich für jeden Bissen, den ich getan hatte, verspottete, und die Kalorien, die als bedrohliche Einheit über jeder Mahlzeit schwebten.

Als beim Wiegen bei meiner Psychiaterin Frau Sijan herauskam, dass ich auf knapp 49 Kilo abgenommen und damit gegen meinen „Entlassungsvertrag“ aus der Klinik verstoßen hatte, ging es schließlich um die erneute Einweisung.

Auf der einen Seite wollte ich zurück in dieses sichere Umfeld, wo mein Tagesablauf von anderen geplant worden war, wo ich essen konnte, weil ich es musste, und mich nicht ständig aus eigener Verantwortung meiner größten Angst stellen musste. Ich hatte mich dort zuletzt so viel mehr zugehörig gefühlt, als ich es jetzt tat. Nicht in Bezug darauf, dass ich mich dünn gefühlt hätte (tatsächlich war dies einer der Punkte, der mich von einem erneuten Klinikbesuch zurückscheuen ließ, da ich befürchtete, nach wie vor die Dickste dort zu sein), aber ich hatte endlich Freunde gehabt.

Sagte ich in der Klinik, ich hätte Angst vor Nudeln, sah mich niemand schräg an. Meine Ticks, meine Sorgen und meine Krankheit, die mich zu Hause zum Außenseiter machten, hatten mich dort integriert, und da ich es offenbar nicht schaffte, meine Macken abzulegen, wollte ich dahin zurück, wo sie Teil der Normalität waren.

Gleichzeitig erkannte der Teil in mir, der leben wollte, der einst mehr oder weniger verschwunden gewesen war und der sich mittlerweile wenigstens wieder flüsternd zu Wort meldete, die Gefahr, die sich hinter der vermeintlichen Sicherheit versteckte: den Klinikkreislauf.

Ich habe sehr viele Patienten kennengelernt, die darin gefangen sind, weil sie aufgrund dieser Sicherheit, dieser Blase, in der man sich während seines Aufenthaltes befindet, immer wieder in die Klinik zurückmüssen. Während sie dort sind, gelingt es ihnen relativ problemlos zu essen, denn dort sind sie fernab von ihren Problemen und Sorgen, und der eigentliche Alltag, an den man sich zu Hause anpassen muss, wirkt weit entfernt. Sobald sie die Klinik verlassen, merken sie, dass sie in der friedlichen Klinikzeit lediglich die Pausentaste gedrückt hatten, ihre Probleme damit jedoch nicht gelöscht sind. Und in dem Moment, in dem sie nach Hause kommen, werden die Strukturen der Essstörung erneut zur Notwendigkeit, um sich zurechtzufinden und den inneren Schmerz auszuhalten. Das mühsam zugelegte Gewicht schwindet von Neuem, bis es zurück in die Klinik geht und alles von vorn beginnt.

Bei meinem Aufenthalt gab es nicht wenige Mitpatienten, die ihre Entlassung immer wieder durch ein Zurückfallen in essgestörte Verhaltensmuster hinauszögerten. Kurz vor ihrer Entlassung hörten sie auf zu essen, begannen von Neuem, sich zu erbrechen, oder verfielen jeglichen Ernährungs- und Bewegungsticks, die sie überwunden zu haben schienen. Die meisten dieser Mädchen und Frauen, mit denen ich mich unterhielt, taten dies einzig aus einem Gefühl der Verzweiflung heraus, weil die Angst vor dem, was sie zu Hause erwartete, zu überwältigend war.

Auch ich wünschte mich zurück in die Seifenblase des Kliniklebens. Denn auch mir wurde plötzlich klar, dass sich während meines Aufenthaltes keines meiner Probleme in Luft aufgelöst hatte. Ich war weiterhin mit meinem Vater zerstritten, meiner Mutter ging es nicht besser, ich wollte immer noch nicht erwachsen werden. Die Streitereien, Lügen und Verletzungen, die in den letzten Jahren in unserer Familie gewuchert hatten, waren immer noch da, nach wie vor vermisste ich Berlin, ich war unendlich einsam, fühlte mich ausgeschlossen. Mein Selbsthass hatte sich nicht gebessert, und ich wollte nichts verzweifelter, als jemand anderes zu sein, da ich immer noch fest davon überzeugt war, nichts und niemandem zu genügen. Ich sehnte mich nach der Ruhe der Klinik, und doch war meine Angst, in den beschriebenen „Kreislauf“ zu geraten, riesig. Die Vorstellung, die nächsten Jahre oder sogar mein ganzes Leben unfrei und gebunden an Krankenhäuser zu verbringen, erschreckte mich. Zudem kam mir ein Zurückkehren in die Klinik wie ein Eingestehen meines eigenen Versagens vor. Besonders, da das gesamte Therapeutenteam meinen Rückfall prophezeit und ich trotzig dagegengehalten hatte. Ich wollte nicht erneut im Unrecht sein.

Also begann ich zu essen. Ich versuchte, es als eine Art Experiment zu sehen: Falls es mir wirklich besser ginge, dann würde ich dabei bleiben, falls nicht, stand es mir frei, jederzeit damit aufzuhören und wieder abzunehmen.

Das Problem war, dass ich im Grunde meines Herzens – oder besser Kopfes – nicht gesund werden wollte. Ich wollte das Leben meiner Freunde leben, Spaß haben, auf Konzerte und Partys gehen, ohne dafür jedoch auf all die Gesetze der Krankheit verzichten zu müssen. Ich wollte essen, ohne Kalorien zu mir zu nehmen oder Gewicht zuzulegen. Ich wollte frei sein, ohne mein Gefängnis zu verlassen.

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