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Sichergestellte Beweismittel: Der Festgenomme schweigt bisher zu den Vorwürfen.

Golden State Killer

Ihre Worte und seine Taten

Jahrelang war Michelle McNamara dem Golden State Killer auf der Spur, heute erscheint ihr Buch über seine grausamen Taten. Dass der Mörder endlich festgenommen wurde, erlebte die Autorin selbst nicht mehr.

Er trug eine Skimaske und schreckte seine Opfer mit einer grellen Taschenlampe auf. Bei seinen nächtlichen Streifzügen durch ruhige Vororte in Kalifornien hatte er Messer, Pistolen, Seile, Schnürsenkel dabei. Oft fesselte er die Ehemänner, vergewaltigte die Frauen, brachte nach langen Quälereien beide um. Häufig verweilte er an den Tatorten, bediente sich am Kühlschrank und ließ Gegenstände mitgehen.

Mit seiner Kaltblütigkeit versetzte der Täter den Westküstenstaat rund zehn Jahre lang in Angst und Schrecken, mit Dutzenden Vergewaltigungen fing es 1976 im Raum Sacramento an, bis 1986 folgten brutale Morde im Süden Kaliforniens. An den vielen Tatorten hinterließ er DNA-Spuren, die ihm aber erst viel später zum Verhängnis wurden.

Michelle McNamara erspart ihren Lesern nichts. Auf mehr als 400 Seiten schildert die amerikanische Krimiautorin in ihrem Buch „Ich ging in die Dunkelheit. Eine wahre Geschichte von der Suche nach einem Mörder“ die Gewalttaten des Mannes, der sich gut 40 Jahre dem Zugriff der Ermittler entzog. Dabei bekennt die Autorin sich zu ihrer Besessenheit, den Killer aufzuspüren.

Schon 2006 hatte McNamara auf der Webseite „True Crime Diary“ damit angefangen, über Cold Cases, also ungeklärte Verbrechen zu schreiben. Dem nicht gefassten Serienmörder in Kalifornien verpasste sie den Namen „Golden State Killer“. In den USA erschien ihr Buch „I’ll Be Gone in the Dark“ schon im Februar 2018. Es wurde ein Bestseller.

Zwei Monate später schlug die Polizei in einem Vorort von Sacramento zu. Der zu diesem Zeitpunkt 72 Jahre alte Joseph James DeAngelo wurde als mutmaßlicher Serienmörder festgenommen. Fündig wurden die Ermittler am Ende durch DNA-Spuren bei einer Plattform für Ahnenforschung, die genetische Informationen eines Verwandten enthielten.

Zu seinem ersten Gerichtstermin erschien der gebrechlich wirkende Mann in einem Rollstuhl, 13 Morde werden ihm zur Last gelegt, der Prozess steht bevor. Die Autorin McNamara erlebte seine Festnahme im April 2018 nicht mehr. Mit 46 Jahren war sie zwei Jahre zuvor überraschend an einer Arzneimittelwechselwirkung gestorben.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sie den Fall auf eigene Faust akribisch recherchiert, Kisten von Polizeiakten durchsucht, Ermittler und Zeugen interviewt, ihr Wissen in Blogs und Artikeln geteilt. Ihr Buch wurde posthum beendet, dabei halfen ihr Witwer, der US-Komiker Patton Oswalt, der Journalist Bill Jensen und der Rechercheur und Autor Paul Haynes mit.

„Michelles Buch spielte eine große Rolle bei der Festnahme, auch wenn wir DeAngelo zunächst nicht fanden“, erzählt Haynes. McNamara habe die Ermittlungen in dem Cold Case am Laufen gehalten und den Fall immer wieder ins Rampenlicht geholt. Sie beschreibt Haynes in ihrem Buch als „der Kleine“.

Sie hatte den deutlich jüngeren Fan von Kriminalfällen in einem True-Crime-Forum kennengelernt und mit ihm Theorien gewälzt. Vier Jahre recherchiert er für sie, erstellt geografische Profile der Tatorte, gleichermaßen besessen wie McNamara. „Man will dieses Puzzle einfach lösen“, sagt der heute 37-Jährige.

Als eine Nachbarin beim Joggen brutal ermordet wird, packt es McNamara schon mit 14 Jahren. „Ungelöste Mordfälle wurden für mich zur Obsession“, schreibt sie in dem Buch. Diese Besessenheit spürt man, wenn sie schonungslos die blutverschmierten Tatorte beschreibt, doch sie ist nicht sensationslüstern.

Die Autorin hat Empathie für die Opfer und die Angehörigen. Unter den vielen Mordopfern, deren Leben und Sterben sie beschreibt, ist auch eine gebürtige Frankfurterin, die 1981 im südkalifornischen Irvine in ihrem Bett erschlagen aufgefunden wurde.

McNamara hat auch ein packendes Gespür für den Zeitgeist und die beschaulichen Orte, in denen der Golden State Killer auf perfide Weise Angst und Panik verbreitete. Der Buchtitel „Ich ging in die Dunkelheit“ lehnt sich an den Terror an, mit dem der Mörder seine Opfer einschüchterte. „Du sagst nie wieder etwas, und ich verschwinde in die Dunkelheit“, drohte er einer Frau, in der sicheren Annahme, dass er wieder unerkannt entkommen werde.

Der geschiedene DeAngelo hatte vor seiner Festnahme bei einer seiner drei Töchter unauffällig gelebt. In den 70er Jahren arbeitete er als Polizist, später als Mechaniker. Haynes hat keine Zweifel daran, dass der 73-Jährige durch die DNA-Proben schuldig befunden wird. Bisher schweigt der Festgenommene, ein Prozesstermin steht noch nicht fest. Doch Haynes hat sich den Mann bei einer Anhörung im Gericht schon angeschaut.

„Da sitzt dieser unauffällige Knirps, ein grauer Niemand“, erzählt Haynes. „Unvorstellbar, welchen Terror er jahrelang verbreitete, Kontrolle und Macht über seine Opfer ausübte, und das Leben so vieler Menschen veränderte.“ Der Autor, der im Auftrag des Senders HBO an einer Doku-Serie zum Buch mitarbeitet, bedauert nur eines. „Es ist traurig, dass Michelle nie die Identität des Killers erfahren hat und ihren Erfolg auskosten konnte.“ (dpa)

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