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Trainiert wird morgens – vor der Schule. Und der Platz ist ein stoppeliger Rasen auf dem Schulgelände. Diese Mädchen spielen trotzdem Rugby. Veronika Eschbacher
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Trainiert wird morgens – vor der Schule. Und der Platz ist ein stoppeliger Rasen auf dem Schulgelände. Diese Mädchen spielen trotzdem Rugby.

Afghanistan

Ihre Hoffnung liegt auf dem Platz

An Mädchenschulen in Afghanistan wird Rugby zunehmend populär. Die Spielerinnen wollen der erzkonservativen Gesellschaft trotzen und Vorbilder für andere junge Frauen werden – wäre da nicht eine Entwicklung, die alle Fortschritte zunichte machen könnte

Mina Fedayi lächelt. „Drei oder vier Mal habe ich das Bewusstsein verloren“, sagt die 18-jährige Afghanin. Beim Rugby geht es eben auch mal ruppig zu. So wie jetzt gerade auf der Rasenfläche, an deren Rand die zierliche junge Frau steht.

Der Rasen befindet sich auf dem Gelände einer Mädchenschule in Kabul. Und Mina Fedayi ist sichtlich genervt von den ganzen Fragen, die sie beantworten soll. Immer wieder läuft sie Richtung Spielgeschehen und treibt ihr Team mit Rufen und geballten Fäusten an. Und kehrt im Laufschritt zurück, sobald der Klang der Trillerpfeife des Trainers die kalte Winterluft schneidet und das Spiel kurz unterbricht.

Rugby ist die jüngste Sportart, die an Mädchenschulen in Afghanistan Einzug gehalten hat. Das zweite Jahr trainieren an vier Kabuler Schulen rund 200 junge Frauen jene Sportart, die nichts für Zimperliche ist. Viele Spielerinnen waren schon vorher in Sportteams ihrer Schulen – und spielten Fußball, Volleyball oder Basketball. Eines haben alle gemeinsam: Sie finden Rugby ziemlich aufregend.

Dabei hatten die Sportverantwortlichen in Afghanistan zuletzt auf Sportarten gesetzt, die nicht so aufregend sind, um nach Jahren der Flaute wieder mehr Frauen in die Teams zu bekommen: Tischtennis, Federball oder Volleyball. Alles eher Sportarten ohne viel Körperkontakt. So sollen Kontroversen in der sehr konservativen Gesellschaft vermieden werden. Es gibt wohl wenige Länder, in denen Mädchen und Frauen größere Hürden überwinden müssen, um Sport zu treiben.

Dreimal in der Woche packt Rugby-Spielerin Mina Fedayi ihre Sportsachen noch im Dunkeln, um rechtzeitig gegen halb sieben Uhr morgens – vor Schulbeginn – auf dem Feld zu stehen. „Ich bin so glücklich, wenn ich trainieren kann.“ Die Verantwortung für den Haushalt zu Hause liege bei ihr. „Aber egal, wie müde ich bin, ich will immer trainieren“, sagt sie und sprintet erneut in Richtung Spielfeld.

Das Training ist fordernd: Ausdauer gepaart mit anspruchsvoller Technik. Die Sportlerinnen beginnen zu schnaufen, wenn es ans sogenannte Tackling geht – wenn also die Ballträgerin der gegnerischen Mannschaft aufgehalten werden soll, indem sie mit den Armen umfasst wird. Bei einem erfolgreichen „Tackle“ gehen beide Spielerinnen zu Boden.

Die Einführung des Frauen-Rugbys in Afghanistan hat der Präsident der nationalen Rugby-Föderation, Haris Rahmani, vorangetrieben. Ihm sei es wichtig, dass es auch Frauenteams gebe. Dass Mina Fedayi und ihre Teamkolleginnen sich damit auseinandersetzen können, ist aber keine Selbstverständlichkeit.

Viele der Erschwernisse für Sportlerinnen entstammen den gesellschaftlichen Normen. Manche Afghan:innen betrachten jeglichen Sport für Frauen als unangemessen. Bei anderen liegt die rote Linie bei Kontaktsportarten oder wenn der Sport nur im öffentlichen Raum ausgeführt werden kann – etwa Rennradfahren. Oft erlauben es die Eltern ihren Töchtern, werden aber von Brüdern, Onkeln oder Nachbar:innen unter Druck gesetzt, es ihnen wieder zu verbieten. Dahinter steht vor allem bei Mädchen und jungen Frauen die Angst, sie könnten beim Sport ihr Jungfernhäutchen verletzen. Andere sehen in Frauensport insgesamt ein Symbol des westlichen Imperialismus.

Als einer der sichersten Orte für Sport gelten Mädchenschulen, die neben der normalen Sportstunde, in der oft nur auf dem Schulgelände spaziert wird, professionellere Teams betreiben. Die Schulen sind von hohen Mauern umgeben, die vor unerwünschten Blicken schützen. Nicht wenige Mädchen verschweigen es daheim, wenn sie sich in eines der Teams einschreiben.

Doch spätestens, wenn sie an Turnieren teilnehmen wollen, um etwa in die Nationalmannschaft aufgenommen zu werden, müssen sie mit der Wahrheit rausrücken. Als junge Frau der engmaschigen Kontrolle der Familie für ein paar Stunden zu entschwinden, ist unmöglich. Immer wieder wird über diese Turniere zudem in den Medien berichtet.

In Afghanistan sind trotz laufender Friedensgespräche zwischen den aufständischen Taliban und der Kabuler Regierung Anschläge, Gefechte und gezielte Tötungen alltäglich. Sportlerinnen und auch Sporteinrichtungen wurden von Extremisten angegriffen, weil sie sich den gesellschaftlichen Standards widersetzen würden. Die Sicherheitslage, die zweifellos angespannt ist, wird oft auch als Vorwand verwendet, um die Aktivitäten von Frauen außerhalb des Hauses einzuschränken. Gleichzeitig werden Frauen in der Öffentlichkeit verbal und sexuell belästigt. Für öffentlich Sport treibende Frauen gilt dies umso mehr.

Andere Hürden haben mit der Infrastruktur zu tun. Vor allem in den Provinzen fehlt es an geeigneten Orten oder Ausrüstung. Auch die Einrichtungen für Rugby sind bescheiden. In Fedayis Schule ist das Einzige, das an Rugby erinnert, der Ball. Gespielt wird auf dem Volleyballplatz. Immerhin – Trainingskleidung gab es von der nationalen Rugby-Föderation.

Jedes Mal, wenn Fedayi ihren pechschwarzen Trainingsanzug anzieht, erinnert sie sich daran, was sie vom Sport bisher gelernt hat: einen guten Umgang, Mut und Selbstvertrauen, wie sie erklärt. „Ich bin vielleicht klein, aber ich bin richtig schnell“, sagt sie. Sie plane, Journalismus zu studieren. Wettkämpfe zu gewinnen gefalle ihr, eine Karriere im Sport könne sie sich ebenso vorstellen. Viel wichtiger sei ihr aber, anderen Frauen ein Vorbild zu sein – jenen, die keinen Sport machen dürfen. Ihr Mantra: „Ich will anderen Frauen Selbstbewusstsein schenken.“

Für sie selbst sei ihr Vater ihr größtes Vorbild, „weil er mich immer in allem unterstützt“. Ihr Vater ist ein Beispiel für jene Männer in Afghanistan, die Sportlerinnen und ihre Erfolge – und weitergehend auch eine Veränderung und Öffnung der Gesellschaft – voll und ganz unterstützen. Fedayi will so lange mit dem Sport weitermachen, wie ihre Familie hinter ihr steht.

Laut einer Analyse der Kabuler Denkfabrik „Afghanistan Analysts Network“ zu Frauensport in Afghanistan macht sich Beharrlichkeit bezahlt: Jene Sportlerinnen, die ausharren und sich auszeichnen, würden als Vorbilder dienen, die für ihren Mut, ihre Stärke und körperlichen Fähigkeiten durchaus anerkannt würden. Dennoch sind Frauen im Sport ein Randphänomen. Belastbare Zahlen sind in dem kriegszerrissenen 33-Millionen-Einwohner:innen-Land aber nicht zu erhalten.

Laut dem „Generaldirektorat für Leibeserziehung und Sport“, einer unabhängigen Regierungsorganisation, ist ihre Zahl in den vergangenen Jahren gesunken. Eine aktuelle Umfrage unter nationalen Sportföderationen habe gezeigt, dass von allen bei den Verbänden registrierten Sportteams und Clubs im Land 98,5 Prozent der Mitglieder Männer seien.

Dabei war nach der US-Invasion 2001, die das Taliban-Regime zu Fall brachte, Frauensport schnell von den Geberländern gepusht worden. Frauen sollten durch Sport gestärkt werden. Geschichten über die ersten Skateboard fahrenden Mädchen, Frauen-Radteams oder Taekwando-Kämpferinnen wurden von Medien im Westen aufgegriffen und als Erfolg gefeiert.

Im Laufe der Zeit seien die Sportlerinnen, analysiert „Afghanistan Analysts Network“ weiter, zu einem Symbol des Wandels geworden, das für die Hoffnung auf eine egalitärere Gesellschaft mit größeren Chancen für Mädchen und Frauen stünde. Gleichzeitig folgten aber Skandale: Aus Frauen-Sportteams kamen teils spektakuläre Korruptionsvorwürfe. Offizielle sollen sich an den Fördertöpfen bedient oder versucht haben, aus gespendeter Ausrüstung Profit zu schlagen. An einer Entwicklung des Frauensports waren sie wenig interessiert.

Einen Tiefpunkt erreichte der Frauensport 2018, als Spielerinnen des Frauen-Fußball-Nationalteams den Fußball-Chef Keramuddin Karim des sexuellen Missbrauchs und körperlicher Misshandlungen beschuldigten. Karim wurde wenig später vom Fußball-Weltverband Fifa lebenslang gesperrt. Der Fall wurde auch in afghanischen Medien breit diskutiert. Fedayis Kolleginnen sagen, sie hätten danach in ihren Familien Probleme bekommen und seien aufgefordert worden, den Sport wieder sein zu lassen. Sie hätten viel mit ihren Familien reden müssen, um ihr Vertrauen zurückzugewinnen.

Aktuell sehen Offizielle den Frauensport wieder im Aufwind. Eine Sprecherin des afghanischen Olympischen Komitees sagt, dass die Zahl der Sportlerinnen zuletzt gestiegen sei. „Wir haben nun mehr Frauen in mehr Sportarten“, erklärt Benafsha Faizi. Das Olympische Komitee unterstütze Programme, um Talente zu finden, darunter Turniere an Schulen und Universitäten.

Keine Angst vor rüdem Rempeln: Mina Fedayi kämpft für ihre Liebe zu dem harten Sport.

Auch die Rugby-Föderation hielt im November 2020 erstmals ein Turnier zur Auswahl für die Frauen-Nationalmannschaft ab. Offiziell wurde noch nicht verkündet, wer ins Team aufgenommen wird – Mina Fedayi, sagen die Nationaltrainer, sei aber eine der besten Spielerinnen gewesen. Wann das Training mit der Nationalmannschaft beginnen soll, ist wegen der Pandemie noch offen. Eine Profiliga für Frauen gibt es ohnehin nicht. Vielmehr solle erst das Angebot in Mädchenschulen ausgeweitet werden, heißt es von der Rugby-Föderation.

Wie lange der Ausbau des Frauensports andauern wird und Mina Fedayi sich mit ihren Teamkolleginnen gegenseitig tackeln kann, ist ungewiss. Im Golfemirat Katar laufen Verhandlungen zwischen der Regierung in Kabul und den Taliban. Es geht um einen Friedensschluss nach 20 Jahren blutigen Konflikts und auch darum, wie das Leben in Afghanistan in Zukunft aussehen soll. Viele haben Angst, das Rad der Zeit könnte zurückgedreht werden und sich die Errungenschaften um Frauenrechte in Luft auflösen.

„Ich erhoffe mir von den Verhandlungen, dass sie nicht die jungen Frauen und Sportlerinnen vergessen“, sagt Mina Fedayi. Die Konfliktparteien sollten berücksichtigen, wie diese in den vergangenen Jahren gelebt hätten. Sollten die Islamisten an der Regierung beteiligt werden, sieht Mina Fedayi schwarz. Ob sie glaube, dass sie dann weiter Sport machen könne? Sie schnalzt ablehnend mit der Zunge. „Nein“, sagt sie, und steht zum ersten Mal kurz still, bevor sie zurück auf ihre Position sprintet.

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