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"Wir sind alle eins", sagt der bekennende Buddhist Richard Gere. Das Foto zeigt ihm bei einem Besuch des buddhistischen Tempels Jogye in Seoul.

Interview mit Richard Gere

"Ihr Schmerz ist mein Schmerz"

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Der Hollywoodstar Richard Gere spricht über die Transzendenz des Seins, sein Image als Sex-Symbol und die schwärzeste Stunde als Amerikaner.

Beim Interview zu seinem neuen Film „The Dinner“ (ab 8. Juni im Kino) im Berliner Regent-Hotel gibt sich Richard Gere herzlich, für seine Antworten lässt er sich Zeit. Oft fasst er sich beim Nachdenken an seine randlose Brille oder nippt an einer Tasse Grüntee. Statt seinen Celebrity-Status genüsslich auszuweiden, gibt er einem dann sogar noch einen Crash-Kurs in Sachen Buddhismus. Und sagt beim Abschied. „Das habe ich vorher noch keinem erzählt.“

Mr. Gere, Sie müssen schon lange keinen Film mehr wegen des Geldes machen. Was also hat Sie gereizt, in „The Dinner“ mitzuspielen?
Sie haben Recht. In diesem Leben muss ich mir tatsächlich keine finanziellen Sorgen mehr machen. Für mich und die Meinen ist gesorgt. Deshalb wähle ich seit langem meine Filmprojekte sehr sorgfältig danach aus, ob sie mir künstlerisch und spirituell etwas bringen. Bei „The Dinner“ war mit ein Grund der Regisseur Oren Moverman, mit dem ich vor drei Jahren schon den Film „Time Out of Mind“ gemacht habe. Mit ihm arbeite ich sehr gerne zusammen. Wir liegen total auf einer Linie. Wir haben sogar schon ein weiteres Projekt in der Pipeline. Außerdem fand ich in „The Dinner“ natürlich das Thema sehr interessant. Der Film ist ja nichts anderes als eine Studie in Schuld und Sühne, Humanität und Menschlichkeit. Oder der anderen Seite der Medaille: Lüge, Verrat und soziale Barbarei.

Zwei Elternpaare versuchen beim Abendessen die Tragödie aus der Welt zu schaffen, die ihre beiden Söhne verursacht haben: den Tod einer Frau.
Mir hat ganz besonders die Dynamik gefallen, mit der diese Geschichte erzählt wird, und aus welchen unterschiedlichen Perspektiven die beiden Familien beleuchtet werden. Nicht zu vergessen die moralische Ambivalenz, mit welcher der Film den Zuschauer zurück lässt.

Sie spielen einen einflussreichen Politiker, der mit allen Wassern gewaschen scheint …
… so sieht es an der Oberfläche aus. Aber der Film geht natürlich viel tiefer …

… Sie spielen ihn fast wie eine Karikatur.
Ich wollte ganz bewusst das Klischee des aalglatten Politikers bedienen. Er ist ein Machtmensch, ein Womanizer, der sich nimmt, was und wen er will. Der Zuschauer soll denken: „Wir kennen diese narzisstischen, arroganten, selbstbezogenen Typen zur genüge!“ Es war also wirklich sehr spannend zu zeigen, dass er doch einen viel komplexeren Charakter hat, als man zunächst für möglich hält. Er sieht als Einziger, was für die Kids wirklich gut ist. Für ihre Zukunft. So hart der Weg für sie auch sein würde. Er versteht, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen. Er kennt die Konsequenzen.

So mit den Erwartungshaltungen des Publikums zu spielen, hat – wenn man es auf Ihre eigene Person bezieht – eine Meta-Ebene.
(Lacht) Ich weiß, was Sie damit meinen: Dieser ganze „Sexiest-Man-Alive“-Quatsch, dieses reduziert werden auf Erfolg und Geld. Aber diese oberflächliche Betrachtungsweise meiner Person hat mich nie wirklich tangiert. Ich habe mich nie als Star empfunden oder fand mich gar besser als andere. Für mich gab und gibt es viel Wichtigeres im Leben. Zum Beispiel ein nützliches Glied der Gesellschaft zu sein. Gutes zu tun. Empathie für die Mitmenschen zu haben, denen es nicht so gut geht auf dieser Welt.

Glauben Sie, dass man den Wert einer Gesellschaft daran messen kann, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht?
Ja, das denke ich schon.

Aber als Individuum ist man dem Staat doch meist machtlos ausgeliefert.
Wir sind nur machtlos, wenn wir unsere Machtlosigkeit zulassen und uns nicht dagegen wehren. Eine meiner schwärzesten Stunden als US-Staatsbürger war die Amtseinführung von Donald Trump. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass er tatsächlich der Präsident der Vereinigten Staaten ist! Aber schon am nächsten Tag haben eine Millionen Frauen – Arm in Arm – vor dem Weißen Haus gegen ihn protestiert. Das hat mich schwer beeindruckt. Diese Frauen haben ihren Protest nicht mit Gewalt, sondern friedlich gezeigt und eine positive Botschaft ausgesendet. „Wir sind nicht auf Trumps Seite. Wir stehen für ein anderes Amerika.“ Da kann ich mich nur aus ganzem Herzen anschließen.

Trumps Wahl zum Präsidenten hat Amerika wieder stärker politisiert.
Das ist doch die große Chance: Dass jemand, der so inkompetent ist, unser Land zu führen, nun unser politisches Gewissen geschärft hat. Ich hoffe sehr, dass dadurch schon bald Veränderungen kommen werden. Nur müssen wir mit den Protesten durchhalten. Sie dürfen keine Strohfeuer sein. Wir müssen weiter dranbleiben und Trump kritisch unter die Lupe nehmen. Und wir müssen uns alle noch viel stärker organisieren. Schließlich geht es um unsere Zukunft.

Sie sind ein Mensch, der meist positiv denkt?
Ich denke immer positiv. Ich glaube, wir alle sind mit einer großen positiven Kraft beseelt. Die kann man zwar unterdrücken, aber nicht vernichten. Wir fühlen uns doch alle zu Güte und Liebe hingezogen. Stellen Sie sich vor, Sie betreten ein Zimmer mit fremden Menschen, die Sie alle anlächeln und freundlich zu Ihnen sind. Dann gehen Sie in ein anderes Zimmer voller düsterer und feindseliger Gesichter, die alle zu sagen scheinen: fuck you! Wo werden Sie sich lieber aufhalten?

Sie meinen, wenn ich die Wahl habe?
Aber hat man die nicht immer? Okay, nicht immer, aber was ich damit meine ist, dass wir uns doch alle nach Zuneigung, nach Empathie, nach Liebe sehnen.

Haben Sie an Ihrem Arbeitsplatz in Hollywood viel Empathie und Liebe gefunden?
(Lacht) Nicht nur da. Überall auf der Welt.

Glauben Sie, dass sich Hollywood unter Trump verändern wird?
Das glaube ich nicht. Die Leute in Hollywood sind traditionell immer eher links und progressiv eingestellt. Wenn jemand Hollywood verändern wird, dann China. China ist mittlerweile der größte Absatzmarkt für amerikanische Filme geworden. Das wird mit der Zeit sicher großen Einfluss auf die Mainstream-Filme haben. Denn in Hollywood steht Gewinnmaximierung immer an erster Stelle. Ich hoffe nur, dass Independent-Movies noch eine Weile davon unbehelligt bleiben.

Sie sind Schauspieler und praktizierender Buddhist. Gibt es da Gemeinsamkeiten?
Oh, ja – sogar sehr viele. Die Schauspielerei ist ein kreativer Prozess. Um den herstellen zu können, braucht es Freiheit, Vertrauen, Abenteuer, Magie, Weisheit, Empathie, tief empfundene Gefühle, Leidenschaft, Mut, Selbsterkenntnis, die Fähigkeit Zugang zu seinem Inneren zu finden, die Fähigkeit sich selbst positiv motivieren zu können, was dann wiederum positive Energie freisetzt. Ich betreibe die Schauspielerei ja nicht nur für mich selbst. Diese Art von Narzissmus ist mir völlig fremd. Ich bin Schauspieler, um etwas aufzuzeigen, etwas zu veranschaulichen, etwas zu erzählen, das für andere Menschen vielleicht nützlich sein kann. Zusammen mit meinen Schauspieler-Kollegen versuchen wir, kollektiv etwas zum besseren Verständnis der Welt, des Lebens, der Menschen auf diesem Planeten beizutragen. Gerade bei diesem Film – „The Dinner“ – haben wir viele dieser Prozesse gemeinsam durchlebt. Und diese Erfahrungen haben uns als Darsteller und auch als Personen in andere Sphären geführt. Ich spreche von Transzendenz. Um all das geht es ja auch im Buddhismus. Wir kreisen doch ständig um so zentrale Fragen wie: Was ist das wahre Selbst? Bin ich, Richard, tatsächlich von Ihnen (deutet auf mich) getrennt? Oder sind wir alle eins?

Und was ist Ihre Antwort darauf?
Buddha hat in seiner Weisheit gesagt, dass es kein klares, eindeutiges, fest umrissenes Selbst gibt. Mein wirkliches Selbst ist immer in Bewegung. Ich kann es nie endgültig festmachen. Je tiefer ich nach Richard in mir suche, desto mehr verflüchtigt er sich. Aber es lohnt sich sehr, immer wieder erneut auf diese Suche zu gehen. „Ich“ ist eine Idee, ein Konzept. Und wenn wir damit anfangen, dieses Konzept zu analysieren und es auseinander pflücken, sehen wir, was es eigentlich eine Illusion war zu glauben, das ich ich bin. Was wir tun können, ist, die Ecken und Kanten unserer Persönlichkeit abzurunden. Und kreativ damit umzugehen. Als Schauspieler. Als Mann, als Frau, als Mensch. Das habe ich zuvor noch niemandem gesagt.

Sie trennen also nicht zwischen Subjekt und Objekt.
Nein, wie gesagt: Wir sind alle eins. (Es entsteht eine Pause, in der ich ihn ungläubig anschaue) Natürlich gibt es große Unterschiede zwischen Menschen: Ich bin in meiner Kapsel eingeschlossen. Sie sind in Ihrer Kapsel. Wir können zwar versuchen, uns gegenseitig mitzuteilen, aber letztlich sind wir – wenn wir so denken – immer voneinander getrennt. Das ist für viele Menschen leider der Zustand der Welt. Wenn Sie aber diese Position der Trennung – hier Sie, hier ich – aufheben, dann ist alles eins. Ihr Schmerz ist mein Schmerz. Alles geschieht spontan. Dann können wir unser Bewusstsein öffnen und auf eine anderen Ebene gelangen. Was ich aus meinen religiösen Lehren gelernt habe, ist: komplette Inklusion – die Einbeziehung aller Menschen.

Waren Sie eigentlich darauf gefasst, als Sie sich öffentlich zum Buddhismus bekannten und sehr positiv über den Dalai Lama sprachen, dass Sie deshalb zur Zielscheibe von Andersdenkenden wurden? Und in China sogar als persona non grata Einreiseverbot haben?
Ich habe diesbezüglich in der ganzen Welt eigentlich nur positive Reaktionen bekommen. Bis auf China, natürlich. Aber es sind nicht die Menschen, die mich dort so vehement ablehnen – sondern die kommunistische Regierung. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Wenn diese faschistische, totalitäre Diktatur sich durch mich angegriffen fühlt, ist das völlig okay. Aber nicht ich bin auf Konfrontation mit dem Regime aus, genauso wenig wie der Dalai Lama. Es ist die Partei. Es gibt eben Menschen, die schlechte Dinge machen – aber das sind Leute, die das unter dem Einfluss einer Krankheit tun. Doch niemand ist durch und durch böse. Jeder kann geheilt werden.

Sie sind, neben Ihrer Tätigkeit als Filmschauspieler, auch als Philanthrop tätig, arbeiten aktiv bei vielen Hilfsorganisationen mit und setzen sich natürlich sehr für die Freiheit Tibets ein. Eine ketzerische Frage sei an dieser Stelle erlaubt: Warum drehen Sie eigentlich immer noch Filme?
(Lacht) Weil ich die Schauspielerei nach wie vor sehr mag. Damit meine ich natürlich „das Zen des Filmemachens“, also die Dreharbeiten. Wie schön war es zum Beispiel, bei „The Dinner“ mit so großartigen Schauspielern wie Steve Coogan, Laura Linney und Rebecca Hall gemeinsam vor der Kamera zu stehen. Der menschliche Faktor ist mir immer sehr wichtig. Hatte ich eine gute Zeit? War da genügend kreative Energie? Haben wir zusammen etwas Gutes erreicht? Diese Dinge sind für mich entscheidend. Wie der Film später tatsächlich aussieht, darüber habe ich ja meist sehr wenig Kontrolle. Ebenso über die Kräfte des Universums, die bedingen, dass Leute den Film sehen wollen – oder eben nicht.

Sie haben Ihrem Sohn den tibetischen Beinamen Jigme – das bedeutet „Furchtlos“ – geben. Sind Sie ein furchtloser Mann?
Ich glaube schon. Aber das war nicht der Grund. Zumal nicht ich meinem Sohn diesen Namen geben habe, sondern der Dalai Lama.

Interview: Ulrich Lössl

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