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„Heute träume ich davon nicht mehr. Es ist nichts übrig geblieben“, sagt Marc Wallert.

Marc Wallert

„Die Idylle brach in sich zusammen“

An den 23. April 2000 erinnert sich Marc Wallert zwar noch minutiös, jenen Abend, an dem er und seine Eltern verschleppt wurden. 20 Jahre später aber hat er die Geiselnahme längst verarbeitet. auch in einem Buch.

Es sollte ein Traumurlaub werden – doch es wurde ein Alptraum. Im Frühjahr 2000 begleitete Marc Wallert seine Eltern Renate und Werner in einen Tauchurlaub nach Malaysia. Auf der Pazifikinsel Sipadan wollte der damals 27-Jährige sich von seinem stressigen Job als Berater erholen. Am Abend des 23. April hatte es sich die Familie noch gemütlich gemacht.

Es war der Ostersonntag, die Wallerts lagen mit Cocktails in der Hand auf Liegestühlen ihres Hotels und blickte aufs Meer. „Plötzlich ertönten panische Schreie hinter uns“, erinnert sich Marc Wallert. „Die Idylle brach in sich zusammen.“ Schwer bewaffnete Männer stürmten das Restaurant. „Ich blickte in das Rohr einer Bazooka und versuchte zu verstehen.“

Vor Angst habe ihm das Herz bis zum Hals geklopft, sagt Marc Wallert. Er, seine Eltern und 18 weitere Touristinnen und Touristen wurden von etwa 20 Mitgliedern der radikal-islamischen Terrorgruppe Abu Sayyaf zum Strand getrieben. Dort wurden die Geiseln von den Männern mit vorgehaltenen Maschinenpistolen in Boote gedrängt.

In einer 20-stündigen Bootsfahrt wurden die Geiseln über das offene Meer auf die philippinische Insel Jolo transportiert. Dort wurden die Entführten dann in wechselnden Dschungelverstecken gefangen gehalten. Die Terroristen und ihr als „Commander Robot“ bekannt gewordener Anführer wollten mit der Geiselnahme die Forderung nach einem unabhängigen islamischen Staat auf den Philippinen durchsetzen.

Tagtäglich bangten damals Millionen Menschen um das Schicksal der Entführten. Regierungen richteten Krisenstäbe ein. Über Monate beherrschte das Thema die internationalen Schlagzeilen. „Es ist eine schreckliche Situation, vom Tod bedroht und einer gewalttätigen Terroristengruppe völlig ausgeliefert zu sein“, erinnerte sich Renate Wallert später.

Die Musiklehrerin kam nach gut einem Monat als erste Geisel frei. Nach und nach ließen die Entführer auch weitere Opfer gehen. Dafür wurden hohe Geldbeträge gezahlt, die angeblich aus dem damals noch vom Diktator Muammar al-Gaddafi beherrschten Libyen stammten. Am 20. August kam Werner Wallert frei, am 27. August schließlich auch sein Sohn Marc.

„Ich habe die 140 Tage in der Hand der Geiselnehmer körperlich unbeschadet überstanden“, sagt der 47-Jährige heute. Und rückblickend seien die Geschehnisse auch psychisch keine Last mehr. Er habe in der ersten Zeit nach der Entführung zwar wiederholt Alpträume gehabt, vor allem von den Feuergefechten zwischen den Terroristen und dem philippinischen Militär, erinnert sich Marc Wallert.

„Dabei wurden wir von

den Entführern als menschliche Schutzschilde benutzt“, erinnert sich Wallert. Diese düsteren Träume hätten aber schon bald aufgehört. „Heute träume ich davon nicht mehr. Es ist nichts übrig geblieben“, sagt der studierte Wirtschaftswissenschaftler, der lange als Führungskraft bei großen Unternehmen gearbeitet hat und heute als Berater und Coach tätig ist.

Im Gegenteil: 20 Jahre nach der dramatischen Entführung kommt Wallert in einem Buch mit dem Titel „Stark durch Krisen“ zu dem Schluss, dass ihm die Geiselhaft wichtige Einsichten beschert habe. „Während meiner Zeit im Dschungel und der Entführung konnte ich das aktivieren, was heute als Resilienz in aller Munde ist.“ Beim Schreiben des Buches habe er immer wieder seine Tagebuchaufzeichnungen von damals gelesen.

Die Resilienz – also eine psychische Widerstandsfähigkeit, die hilft, Krisen zu bewältigen - sei während der Geiselhaft gewachsen. Das Geschehene sei eine extreme Erfahrung von Belastung und Unsicherheit gewesen. „Wir wussten nicht, wie es endet.“ Belastende und unsichere Situationen – wenn auch nicht in so extremer Ausprägung – erlebten viele Menschen, meint der 47-Jährige.

Ein aktuelles Beispiel sei etwa die Corona-Krise. „Man weiß nicht, wie das Ganze ausgeht“, sagt Wallert. In seinem Buch lege er nun dar, was ihm nach seinen persönlichen Erfahrungen im Umgang mit Stress und Krisen sinnvoll erscheine.

„In der Geiselhaft habe ich gemerkt, dass es eine gute Strategie ist, nicht den Kopf zu verlieren“, sagt Wallert. „Man darf sich nicht im Gefühl von Angst und Panik verlieren. Das entzieht einem die Kraft.“ Es helfe hingegen, sich ein positives Bild von der Zukunft zu machen. „Das ist eine Kraftquelle in belastenden Zeiten“, so Wallert.

Er selbst habe für sich auch festgestellt: „Dabei können allerdings übertriebener Optimismus und Euphorie gefährlich sein. Wer euphorisch ist, nimmt Gefahren nämlich nicht ernst.“ Der Autor rät daher: „Optimistisch denken und fühlen, sich ein positives Bild von der Zukunft machen, aber zugleich realistisch bleiben und besonnen handeln.“

Er wünsche zwar niemandem, über einen langen Zeitraum in der Hand von Terroristen zu sein, sagt Wallert. Aber er habe damals eine große Wertschätzung entwickelt für etwas, das ihm vorher gar nicht bewusst gewesen sei: „Dass wir in Europa in Frieden und Freiheit leben, war mir vor der Entführung selbstverständlich. Heute sehe ich das als Geschenk – als europäische Errungenschaft, die ich sehr zu schätzen weiß.“

Trotz der monatelangen Geiselhaft vor 20 Jahren gehe es ihm heute gut, so Marc Wallert. „Und nicht nur mir, auch meinen Eltern“, sagt er. Für die Familie war es im übrigen eine Genugtuung, als der Chef der Entführer und mehrere seiner Komplizen vier Jahre nach der Geiselnahme gefasst wurden. „Commander Robot“ kam wenig später bei einem Gefängnisaufstand in der philippinischen Hauptstadt Manila ums Leben. (dpa)

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