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Kräfte einteilen am K2: Anja Blacha auf dem Weg zum Gipfel des zweithöchsten Berges der Welt, der an der Grenze von Pakistan und China liegt. 

K2

„Ich würde mich als Bergtouristin bezeichnen“

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Aber was Anja Blacha macht, ziehen nur wenige Frauen so konsequent durch. Ein Gespräch über die kurze Ruhe auf dem Gipfel des K2, die Männerdomäne Bergsteigen und die Kunst, sich richtig einzuschätzen.

Frau Blacha, Sie haben das Bergsteigen erst vor einigen Jahren für sich entdeckt – und dann gleich auf den K2?
Das hat sich tatsächlich erst spät ergeben. Ich bin 2013 in Peru mit meiner Schwester den Salkantay-Trek zum Macchu Picchu gelaufen. Das war meine erste große Tour. Das Draußensein und das Bewegen in der Natur hat mir viel Spaß gemacht. Eineinhalb Jahre später habe ich mich bei einem Backpackingtrip in Argentinien für eine Expedition auf den Aconcagua angemeldet, den höchsten Berg Südamerikas. Das war total super. Ich war mit einem Bergführer und einem weiteren Bergsteiger unterwegs. Die haben mir viel Inspiration und Ideen mitgegeben, weil die sich auch mit anderen Bergen gut ausgekannt haben.

Von Null auf Hundert haben Sie also gleich die großen Gipfel ins Visier genommen?
Was die Höhe angeht, ja. Der Aconcagua ist schon sehr hoch, aber technisch nicht schwierig. Da muss man kein ausgebildeter Bergsteiger und Kletterer sein. Man braucht eine gute Grundfitness. Wichtig ist, dass der Körper gut auf die Höhe reagiert – und das ist bei mir der Fall.

Man braucht vor dem Aufstieg eine gewisse Zeit, um sich zu akklimatisieren.
Wenn ich auf 4000 Meter will, muss ich mich nicht akklimatisieren, damit komme ich klar. Wenn ich auf 8000 Meter will brauche ich viel mehr Zeit, den Körper daran zu gewöhnen.

Konzentriert bleiben: Die Expedition beim Abstieg.


Hat der Aufstieg zum K2 direkt beim ersten Versuch geklappt?
In dieser Saison wollten 120 bis 200 Leute hoch, die Angaben variieren. 31 haben es auf den Gipfel geschafft. Unseren ersten Anstieg mussten wir wegen der Schneebedingungen abbrechen, da waren wir schon auf über 8000 Meter. Danach haben fast alle gesagt, „das wird nichts mehr“. Mein Team ist auch gegangen, dann habe ich mich einer anderen Expedition angeschlossen. Nur wenige unabhängige Teams hatten noch nicht aufgegeben. Und es wurde tatsächlich noch was.

Wie läuft der Aufstieg konkret ab?
Im Basislager richtet man für die Expeditionsdauer eine permanente Infrastruktur ein. Von dort geht es über vier Lager bis zum Gipfel. Da bin ich Tag für Tag von einem zum nächsten Lager aufgestiegen – von Lager 4 ging es dann zum Gipfel und zurück.

Wieviel Zeit bleibt einem auf dem Gipfel und was ist es für ein Gefühl, dort oben zu stehen?
Wir haben rund 25 Minuten oben verbracht. Es ist zunächst eine Riesenerleichterung, weil man weiß, jetzt kommt nichts höheres mehr, keine schwierige Etappe mehr, die man noch nicht bewältigt hat. Aber es ist nur eine teilweise Erleichterung, denn es steht noch der Abstieg bevor. Ich war einfach glücklich, froh und stolz darauf, dort oben stehen zu können und die Aussicht zu genießen. Wir hatten gutes Wetter und das Karakorum-Gebirge ist echt beeindruckend.

Wie sehr kamen Sie an Ihre Grenzen?
Am K2 ging es. Ich war vorher am Broad Peak, einem anderen 8000er. Dort hatten wir uns kaum vorher akklimatisiert. Ich war am Gipfel wirklich erschöpft. Der Abstieg war dann entsprechend lang und ermüdend, weil ich schon so ausgelaugt war. Das war aber super als Akklimatisierungsvorbereitung für den K2. Ich habe mich zum Glück auch beim ersten Gipfelanstieg am K2, den wir abbrechen mussten, nicht so sehr verausgabt.

Was ist schwieriger – der Auf- oder der Abstieg?
Technisch gesehen der Aufstieg, da man verschiedene steile Kletterstellen überwinden muss. Beim Abstieg kann man sich häufig gut abseilen und benötigt weniger Kraft und kommt recht schnell runter. Man geht über mehrere Tage hoch und ist in ein paar Stunden wieder unten. Trotzdem passieren die meisten der tödlichen Unfälle, gerade am K2, beim Abstieg. Auch, weil man nicht mehr so konzentriert ist. Entsprechend war ich beim Abstieg darauf fokussiert, die Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten. Ich wollte nicht sterben.

Schwieriges Gelände: Die Etappe zwischen dem Basislager und Camp 1.


Was macht es mit einem, zu wissen, wie gefährlich das ist?
Als ich die Expedition wechselte, hat mir ein Bekannter geschrieben: „Pass auf, ich kenne nicht eine Expedition von denen, bei der nicht mindestens einer gestorben ist.“ Das ist zwar nicht ganz richtig, aber ich dachte beim Abstieg darüber nach. Es gibt zwei mögliche Routen, ich bin über die Cesen-Route gegangen, fast alle anderen über die Abruzzi-Route. Auf der Cesen-Route war ich dann, bis auf einen Sherpa, der noch nachfolgte, alleine und dachte, ich wäre die letzte am Berg. Und dann erinnerte ich mich, „bei diesen Expeditionen stirbt immer jemand“ – ich wollte nicht diese Person sein. Das ging mir die ganze Zeit durch den Kopf.

Trifft man in diesen hohen Regionen auf viele Frauen?
Nur auf sehr wenige, aber es werden mehr. Dieses Jahr waren wir vier Frauen auf dem Gipfel, im Basislager waren noch mindestens zwei oder drei andere, die abgebrochen haben.

Warum sind es so wenige?
Ich denke, Bergsteigen ist eine klassische Männerdomäne. Männer verspüren mehr diesen Abenteurer-Reiz. Abenteurer, Bergsteiger – das ist ein stereotypes Vorbild, das Männer mehr anspricht. Vielleicht fehlt Frauen auch das Selbstvertrauen – zu wissen, dass sie das mindestens genauso gut können, auch weil es wenige Vorbilder gibt. Würden es mehr Frauen ausprobieren, würden sie feststellen, dass sie es können.

Würden Sie sich selbst als Abenteurerin bezeichnen?
Ich würde mich, wie es Reinhold Messner nennt, als Bergtouristin bezeichnen. Ich bin ein Stadtmensch. Mein Lebensschwerpunkt und das, womit ich mich am meisten identifiziere, ist eher das Stadtleben. Vom Profi bin ich weit entfernt. Aber ich merke umgekehrt, dass mir Dinge, für die andere lange trainieren, recht leicht fallen, etwa, dass mein Körper sehr gut auf Höhe reagiert. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich aus Ostwestfalen komme und stur genug bin.

Am Mount Everest gab es in dieser Saison viele Tote. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie Bilder von den Warteschlangen vor dem Gipfel sehen?
Zwei Dinge: Mit diesen Schlangen macht es überhaupt keinen Spaß mehr. Ich will mich ja frei bewegen und die Tour genießen können. Wenn ich in einer Schlange stehe und nur auf meinen Fototermin auf dem Gipfel warte, dann hat das nur noch wenig damit zu tun. Natürlich will keiner diese Schlange, aber welche Instanz darf entscheiden, wer zum Gipfel darf und wer nicht? Stichwort Tote: Hier spielen verschiedene Verantwortungen rein. Zum Einen die Expeditionsanbieter, die jeden unabhängig von seiner Erfahrung, Eignung und Fitness zulassen und in die Gefahr laufen lassen. Das andere sind übertriebene Egos und der Unwille, aufzugeben. Ich habe auch selbst schon miterlebt, dass Menschen nicht auf gute Ratschläge oder ihren Körper hören wollten. Andere wollen unbedingt noch ein Gipfelfoto ohne Brille machen – dann werden sie schneeblind und können nicht mehr absteigen. Natürlich passieren immer wieder Unfälle, das gehört dazu, wie auch mit dem Auto Unfälle passieren. Aber es gibt viele vermeidbare Todesfälle.

Anja Blacha ist 29 Jahre alt und wohnt in Zürich. Die gebürtige Bielefelderin hat jüngst, sogar ohne Flaschen-Sauerstoff, den zweithöchsten Berg der Welt bestiegen – den K2 im Norden Pakistans. Nach eigenen Angaben war sie die erste deutsche Frau auf dem Gipfel, eine offizielle Bestätigung dieser Statistik durch den pakistanischen Alpinclub steht noch aus.


Begegnen Sie auch am K2 Menschen von denen Sie sagen würden, die haben dort nichts verloren?
Ein Bergführer, der am K2 dabei war, meinte, 90 Prozent der Leute gehörten hier nicht hin. Weil sie seinen technischen Bergsteigerstandards nicht entsprachen. Er war dann derjenige, der sich im Aufstieg über Lager 4 zweimal übergeben musste und nicht genug Essen dabei hatte. Ich finde es sehr schwer, über andere zu urteilen. Oft sieht man Menschen nicht an, welche Fähigkeiten sie mitbringen.

Sie haben eine neue Expedition geplant: Alleine mit einem Schlitten durch die Antarktis.
Genau. Ich will von Berkner Island an der antarktischen Küste 1400 Kilometer zum Südpol. Keine Berge, aber ein steter Aufstieg. Das wird die erste Expedition, die ich komplett alleine und ohne Fremdhilfe machen werde. Ich plane rund 60 Tage ein. Im November soll’s losgehen. Ich bin sehr gespannt.

Mit Hunden oder wollen Sie den Schlitten selbst ziehen?
Ich bin der Schlittenhund.

Wie bereiten Sie sich dafür vor?
Ich muss viel an Muskeln und Fett aufbauen. Ich kann nicht so viel Essen mitnehmen, wie ich an Kalorien verbrauchen werde. Außerdem muss ich einen 100 Kilo schweren Schlitten ziehen – und Fett wärmt.

Interview: Andreas Sieler

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