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„Ich wollte lieber aufs ,Bravo‘-Cover“

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Von: Fabian Böker

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Nach 25 Jahren im Geschäft hat Sasha auf der Bühne einiges zu erzählen.
Nach 25 Jahren im Geschäft hat Sasha auf der Bühne einiges zu erzählen. © Marco Meister

Dieser Wunsch aus jungen Jahren hat sich für Sänger Sasha mehrfach erfüllt. Mit seiner aktuellen Bühnenshow kommt er nach Frankfurt und schaut in einer Art Las-Vegas-Revue auf sein Leben zurück.

Sascha Schmitz aus Soest kommt nach Frankfurt und erzählt aus seinem Leben. Klingt, ehrlich gesagt, jetzt nicht so spannend. Aber jener Sascha Schmitz, der seit seiner Hochzeit Röntgen-Schmitz heißt, nennt sich Sasha – und ist seit nunmehr 25 Jahren im Musikgeschäft erfolgreich. Er hat also viel zu erzählen, und das macht er in Form einer ganz besonderen Bühnenshow. Unter dem Titel „This is my time – die Show“ blickt er in einer Art Las-Vegas-Revue auf sein Leben zurück, spielt Musik, die ihn geprägt hat, erzählt Geschichten und Anekdoten und versucht nachzuzeichnen, wie aus Sascha Schmitz aus Soest einer der erfolgreichsten Popsänger Deutschlands wurde.

Sashas Leben bietet tatsächlich zahlreiche Geschichten. Das fängt schon in seiner Kindheit an, „die garantiert nicht einfach war“, wie er erzählt. Seine Mutter war früh mit ihm schwanger, heiratete seinen Vater, ließ sich scheiden, heiratete wieder – alles innerhalb von zehn Monaten. Sasha, sein Bruder und seine Mutter zogen 25 mal um, immer innerhalb von Soest oder in der Umgebung, „das weiteste war mal Lippstadt, das sind so 30 Kilometer“. Geld war nie viel vorhanden, Familie Schmitz wohnte in eher nicht so gut beleumundeten Gegenden, „wo es aber immer einen tollen Nachbarschaftszusammenhalt gab“. Aber eben auch Probleme. Sasha weiß, was es bedeutet, mit einem Schein vom Sozialamt zur Kleiderkammer zu gehen und sich dort Klamotten auszusuchen. „Aber ich hatte trotz allem eine ganz tolle Kindheit“, sagt er rückblickend.

Und da war immer schon die Musik. In Soest spielt er in einer Schulband namens „Bad to the bone“, in Dortmund, wo er nach dem Abi hinzog, gründete er „Junkfood“. Die fünf Jahre in dieser Band bezeichnete er einmal als die schönste Zeit seines Lebens. Als die Band sich auflöste, „war ich kurz davor, das mit der Musik sein zu lassen“. Doch das tat er nicht. Stattdessen wagte er zwei „am Ende eher unerfolgreiche Versuche im Pop-Business“. Unter dem Namen H.I.M. veröffentlichte er die Single „Looking out 4 luv“, als Sir Prize sang er „Don’t go away“. Beide Songs sind heute noch bei Youtube zu finden, Sasha muss schmunzeln, wenn er darauf angesprochen wird.

Und dann kam die folgenschwere Begegnung mit Fatima Napo. Die kam aus dem nahe gelegenen Arnsberg im Sauerland, Sasha hatte ein paar Demos aufgenommen, ein Produzent brachte beide zusammen. Napo veröffentlichte zwei Tracks als Young Deenay, Sasha sang die Refrains. Im Video zur zweiten Single „I wanna be your lover“ tauchte er erstmals in Öffentlichkeit auf. Ein Mitte 20-jähriger Sunnyboy, längere, gegelte Haare, Typ Frauenschwarm, einprägsame Stimme. Bei einem Besuch von Young Deenay im Viva-Studio schwenkte die Kamera irgendwann auf den ahnungslosen Sasha, der da ja noch Sascha Schmitz hieß – danach liefen die Telefone beim Sender heiß. „Das war dieser eine magische Viva-Moment, der alles verändert hat“, erinnert sich der 50-Jährige.

Danach startete er durch. 1998 kam seine zweite Solo-Single „If you believe“ raus – und Sasha wurde schlagartig berühmt, auch über Deutschland hinaus. Plötzlich ging es auf Promo-Tour in die USA, er spielte Konzerte in Thailand, war in Italien, Portugal und Skandinavien in den Charts. „Ich habe damals anscheinend einen Nerv getroffen“, sagt er ganz unprätentiös. Und das nicht nur musikalisch. Er erzählte mal in einem Interview, dass Musiker damals wollten, dass die „Spex“ über sie schreibt. „Ich wollte lieber, dass die ‚Bravo‘ mein Bild auf dem Cover hat. Für mich ging damit ein Kindheitswunsch in Erfüllung.“ Ganze 17 Mal hat er es auf das Cover der Jugendzeitschrift geschafft, so steht es in einer Pressemitteilung, die sein Konzertveranstalter zur Bühnenshow verschickt. Dort steht ebenfalls die Frage: „Wie lebt es sich als Sex-Symbol?“ Sasha muss lachen, als er darauf angesprochen wird. „Da habe ich den Pressetext wohl nur überflogen. Aber lassen wir es einfach mal so stehen. Gibt Schlimmeres.“

Aber zurück zur Musik. Während Young Deenay nun also noch einmal als Feature-Gast auf Sashas erster Single „I‚m still waitin‘“ mitmachte, danach der Popmusik den Rücken kehrte, Psychologin wurde und immerhin in Form einer Verballhornung ihres Künstlernamens durch einen gewissen Jan Delay ihre Spuren hinterlassen hat, startete Sasha richtig durch. Er brachte bisher neun Alben raus, das letzte 2018. Im kommenden Jahr wird das zehnte folgen, quasi der Soundtrack zur aktuellen Bühnenshow.

Unter den Alben ist auch das namens „Dick this“, am Mikro dabei sein Alter Ego Dick Brave, eine Kunstfigur, die er während einer musikalischen Schaffenspause eher durch Zufall erfunden hat. Und die auch bei seiner Show eine Rolle spielen wird. Zuletzt kam dann ein Album auf Deutsch heraus, „Schlüsselkind“. Der Titel ist eine Anspielung auf seine Kindheit, in einem Interview hat er sich selbst mal als „heimatloses Schlüsselkind“ bezeichnet. Dass es 20 Jahre gedauert hat bis zu einem Album auf Deutsch, findet Sasha ziemlich normal. „Das war ein Reifeprozess.“

Sasha

Sasha tritt gleich zwei Mal in Frankfurt auf, in der Jahrhunderthalle in Höchst. Beide Shows am Montag, 24. Oktober, und Dienstag, 25. Oktober, beginnen um 20 Uhr. Karten sind unter www.eventim.de noch zu erhalten, sie kosten zwischen 50,40 und 90,40 Euro. Infos zur Tour gibt es unter www.sasha.de

Schon zu „Junkfood“-Zeiten gab es Lieder auf Deutsch, auch 2001 – als Sasha – hat er mal ein Lied in dieser Sprache aufgenommen. „Aber um ein ganzes Album zu machen, musste es sich gut anfühlen.“ Das tat es dann 2018. Etwa zehn Jahre vorher hatte er es bereits einmal versucht, heraus kamen aber „eher witzige Lieder, irgendwas zwischen ‚Die Doofen‘ und ‚Die Ärzte‘“. Durch seine Teilnahme an der Fernsehsendung „Sing meinen Song“ 2014, als er unter anderem auf Deutsch Lieder von Gregor Meyle oder dem mittlerweile verstorbenen Roger Cicero interpretierte, kam er so richtig auf den Geschmack. Vier Jahre später dann das Album, ein Reifeprozess eben.

Was allen Alben gemein ist: zu hören ist Popmusik. Es gab Zeiten, da hatte dieses Genre nicht den besten Ruf. Zu seicht, zu banal, zu oberflächlich, nicht tiefgründig genug, nicht ehrlich. Sehen bestimmt heute noch Menschen so, „das sind dann vor allem die B-Seiten-Nischen-Hörer“, wie es Sasha formuliert. Ihm ist das, nun ja, zu banal, zu oberflächlich. „Schubladendenken und Einschränkungen sind nicht so mein Ding.“ Er sieht sich zwar ganz klar im Pop zu Hause, „ich liebe Prince und Goerge Michael“, fragt aber auch, wer überhaupt definiert, was Popmusik sei und was nicht. Er erinnert sich an eine Anekdote mit seinem Schwiegervater. Der habe ihn gelobt mit den Worten: „Du bist ein toller Schlagersänger!“ Das habe ihn erst einmal irritiert. Aber gemeint war Schlager als erfolgreicher Hit. Und dem ist wohl nicht zu widersprechen.

Popmusik sei nicht zu pauschalisieren, so Sasha, es gebe große Unterschiede. Nicht nur zwischen einzelnen Künstlern und Künstlerinnen, sondern auch innerhalb der eigenen Werke. Ja, er könne auch ganz einfach Songs schreiben, die unterhalten. Aber eben auch welche mit Message. Er nennt sein Album „Open Water“, das 2006 erschien. „Das war wirklich ein ernsthaftes Album, auf dem ich textlich unter anderem mit meiner Vergangenheit abgerechnet habe.“ Dazu passt auch eine Aussage seiner Frau Julia, die auch seine Managerin ist. Sie habe sich im Radio in das Lied „Please please please“ vom Album „Good news on a bad day“ verliebt, „weil es mir genau meine Situation beschrieben hat zu der Zeit, da ich nie schlafen konnte“. Und laut ihres Ehemanns sei sie eine der wenigen Personen gewesen, die den Text verstanden habe.

Überhaupt spielt seine Frau eine große Rolle für Sasha. Und das nicht nur, weil sie früher seine Single „We can leave the world“ auf CD hatte, wie sie schmunzelnd erzählt. Mit ihr hat er mit fast 50 eine Familie gegründet, 2018 kam Sohn Otto auf die Welt. Mögliche Nachteile, so spät erst Vater geworden zu sein, sieht er nicht. Klar, er werde bestimmte Entwicklungsschritte seines Sohnes dann anders begleiten können als wenn er noch jünger wäre. Aber in diesen Kategorien denkt er nicht. Sasha sieht eher seine Erfahrung, glaubt, dass er wesentlich entspannter ist als früher. Er empfindet vor allem Demut und Dankbarkeit, sieht sein Kind als Geschenk. Und erinnert sich, „dass ich während der Schwangerschaft von Julia erstmals nach vorne gezählt habe“. Es ging also plötzlich nicht mehr darum, wie viele Jahre er schon hinter sich hatte, sondern wie viele noch vor ihm liegen.

In diesen wird er weiter daran arbeiten, „kein Rasenmäher-Vater zu sein.“ Das seien Väter, die ihrem Kind sämtliche Unwägbarkeiten vorab aus dem Weg räumen wollen. „Das muss ich noch lernen.“ Er wird weiterhin Musik machen und auf Tour gehen. Wird dabei vielleicht auch mal wieder einen Stopp in der Stadthalle Soest einlegen, so wie vor einigen Wochen. Er war begeistert von diesem „Heimspiel“. So wie er generell immer noch enge Bindungen nach Westfalen hat. Viele seiner Freunde wohnen dort noch, seine Mutter ist kürzlich wieder nach Soest gezogen.

Sasha wirkt in vielen Interviews und Fernsehauftritten oft wie der gute Kumpel von nebenan, ohne Allüren, mit viel Bodenhaftung. Die Vorstellung, dass man ihn daher auf der Soester Allerheiligenkirmes am Bierstand mit seinen Kumpels trifft, wäre dann aber doch zu romantisch. „Das ging in den letzten Jahren einfach nicht“, gibt er zu. Aber nicht, weil er das nicht wollte. Ganz im Gegenteil. „Aber das wäre für die anderen zu anstrengend geworden, mit den ganzen Fotowünschen und der Aufmerksamkeit, die ich dann auf mich gezogen hätte.“ Oder, anders ausgedrückt: „Uncool.“ Aber wenn er so darüber nachdenkt, „dann könnte ich da eigentlich mal wieder vorbeischauen“. Denn Soest, seine Heimat, das sei „so ein Herzensding“.

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