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"Es war ein erhebendes Gefühl, als die Person, die bis dahin nur in meiner Fantasie existiert hatte, aus Fleisch und Blut vor mir saß."

Greta Gerwig

"Ich wollte es immer allen recht machen"

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US-Schauspielerin und Regisseurin Greta Gerwig über ihre allzu braven Teenagerjahre, unbändigen Wissensdurst und was sie von Philosophen wie Michel de Montaigne fürs Leben gelernt hat.

Für Greta Gerwig könnte es nicht besser laufen: Für ihr Regiedebüt „Lady Bird“ hat sie Anfang des Jahres den Golden Globe als Beste Komödie bekommen. Außerdem war der Film für fünf Oscars nominiert, darunter für die Beste Regie und das Beste Originaldrehbuch. Bekannt wurde die US-amerikanische Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin als Darstellerin in Filmen wie „Greenberg“, „Frances Ha“ und „Mistress America“. Vor dem deutschen Kinostart ihrer Coming-of-Age-Komödie „Lady Bird“ am 19. April haben wir mit Greta Gerwig in Berlin gesprochen.

Miss Gerwig, in Ihrem Film „Lady Bird“ treffen sehr komplexe und ambivalente Charaktere aufeinander. Vor allem die Mutter-Figur sieht man in US-amerikanischen Filmen selten so vielschichtig porträtiert.
Nun, Mütter im Film sind entweder Engel – oder Monster. Und dem wollte ich ganz bewusst ein Mutter-Bild entgegensetzen, das nuancierter ist und dadurch hoffentlich auch lebensechter. Lady Birds Mutter macht sicher viele Fehler, aber gleichzeitig weiß man, dass sie ihre Tochter wirklich liebt. Diese Dualität war mir sehr wichtig. Das gilt übrigens auch für die Figur Lady Bird selbst. Sie hat auf der einen Seite diese wunderbare Selbstsicherheit, aber eben auch Zweifel und Ängste.

Wie haben Sie Saoirse Ronan für die Rolle gewinnen können?
Die richtige Schauspielerin für diese Rolle zu finden hat mir viele schlaflose Nächte bereitet. Ich habe Saoirse dann 2015 während des Filmfestivals in Toronto getroffen und wir haben das „Lady Bird“-Drehbuch gemeinsam gelesen. Da hat sie mich total begeistert. Sie hatte genau das richtige Feeling für die Rolle. Und ich wusste: Endlich hatte ich meine Hauptdarstellerin gefunden! Es war ein erhebendes Gefühl, als die Person, die bis dahin nur in meiner Fantasie existiert hatte, plötzlich aus Fleisch und Blut vor mir saß. 

Ihr Film ist inspiriert von Ihren Teenager-Jahren, die Sie in Sacramento verbrachten, wo Sie 1983 geboren wurden. Ist „Lady Bird“ autobiografisch?
Vieles in „Lady Bird“ ist autobiografisch, aber nicht in dem Sinn, dass man alles eins zu eins auf mich übertragen könnte, schon gar nicht auf meine Familie. Es ist eine Mixtur aus Menschen, die ich kannte. Aus der Schule, aus meinem Bekanntenkreis und natürlich auch – im weitesten Sinne – aus dem Kreis meiner Onkel und Tanten. Aber ich war als Teenager das krasse Gegenteil von Christine, also: Lady Bird. Ich war weit davon entfernt, rebellisch oder gar wild zu sein. Ich habe mir meine Haare nie rot gefärbt. Ich wollte es als Teenager immer allen recht machen. 

Mit Blick auf die Kritiker kann man sagen: Das ist Ihnen mit dem Film gelungen. Sie sind erst die fünfte Frau in der 90-jährigen Oscar-Geschichte, die als Regisseurin in der Kategorie Bester Film nominiert war.
Es hat mich wirklich überrascht, dass es nicht schon viel mehr waren. Als Kathryn Bigelow – als erste Frau – 2010 den Oscar für den Besten Film bekommen hat, war das für mich ein großer Moment. Und eine Inspiration. Vielleicht bin ja auch ich für junge Frauen ein Ansporn, es selbst zu versuchen, Drehbücher zu schreiben und Filme zu machen. Ich würde mich jedenfalls sehr über viele neue Frauen im Filmbusiness freuen. Ich will ja nicht zu optimistisch klingen, aber derzeit tut sich einiges, Gott sei Dank. Dieses Jahr wurde mit Rachel Morrison zum ersten Mal auch eine Frau in der Kategorie Beste Kamera (für „Mudbound“, Anm. d. Red.) nominiert. Das hat mich besonders gefreut.

Sie begeisterten sich früh fürs Theater und haben als Studentin bereits Stücke geschrieben. Was hat Sie inspiriert?
Ich habe schon als kleines Mädchen Tagebuch geschrieben. Weil ich damit etwas in meinem Leben festhalten wollte, das sonst wohl für immer verloren gegangen wäre. Ich bin mir ganz sicher: Ich wurde mit einer Vorahnung von Verlust geboren. Später kam hinzu, dass ich mich in den unterschiedlichsten Lebenssituationen immer auch als Zuschauer fühlte. Ich stand sozusagen gleichzeitig neben mir und habe alles von außen angeschaut. Auch diese Eindrücke wollte ich dann festhalten. Und diese Gedanken und Erlebnisse habe ich mit der Zeit immer weitergesponnen und versucht, ihnen in Geschichten oder Stücken eine Form zu geben. Und: ich habe schon früh mit dem Lesen begonnen. Die Bücher konnten gar nicht dick genug sein.

Also war es nur konsequent, Englische Literatur und Philosophie zu studieren?
Ich hatte – und habe Gott sei Dank immer noch – einen unbändigen Wissensdurst. In der Literatur hat mich vor allem Shakespeare begeistert. Und John Milton. Ich konnte Miltons „Das verlorene Paradies“ fast auswendig. Und bei den Philosophen hatte ich sehr intensive Phasen: Platon, Aristoteles, Kant, Descartes, Nietzsche… Am meisten beeindruckt hat mich aber Montaigne. Er ist auch heute noch mein Lieblingsphilosoph. Seine Gedanken sind so wunderbar frei und unabhängig. Bei ihm gab es diesen fundamentalen Humanismus und diese tiefen Einsichten darüber, wie Menschen tagtäglich leben.

Die Dialoge in „Lady Bird“ sind sehr ausgefeilt und mit Zitaten aus der Weltliteratur – allen voran Tolstoi – gespickt, wirken aber nie verkopft. Im Gegenteil, es schwingt jede Menge Gefühl mit.
Gut, dass Sie das so empfinden. Denn da sprechen Sie einen wunden Punkt an. Während meines Studiums dachte ich, es wäre eine intellektuelle Schwäche, dass ich den emotionalen Bezug zu einem Text brauche. Denn nur so konnte ich mich damit auseinandersetzen und versuchen, ihn zu begreifen. Ich dachte, ich müsste viel strenger mit mir selbst sein, mich rigoros von meiner emotionalen Bindung abtrennen. Aber irgendwann fiel es mir wie Schuppen von den Augen und ich hatte eine regelrechte Erleuchtung: Nein, ich musste das überhaupt nicht! Das war für mich von entscheidender Bedeutung für mein Leben. Ich durfte emotional sein – und es war gut so! Diese Erkenntnis hat sich dann natürlich sofort auf mein Schreiben ausgewirkt.

Die sogenannte „emotionale Intelligenz“ ist für Sie also etwas ganz Konkretes?
Oh ja, auf jeden Fall! „Das Herz hat Gründe, die der Verstand nicht kennt“ – Pascal, auch ein ganz Großer. Heute ist mein Denken sehr gefühlsbetont, ja sogar überschwänglich. Ich muss nicht mehr unbedingt alles haarklein analysiert und bewiesen haben. Denn was ist letztlich schon beweisbar? Ich hoffe sehr, dass diese „Erziehung des Herzens“ mein Leben lang andauert. Sie ist wie ein unterirdisch fließender, großer Strom, auf dem ich treibe. Und dabei hoffentlich immer mehr lerne, lebensklüger werde, reifer und tiefer. Denn genau das versuche ich ja auch als Schauspielerin und Autorin künstlerisch auszudrücken.

Interview: Ulrich Lössl

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