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Guido Westerwelle bei der Buchpräsentation am Sonntag in Berlin.

Guido Westerwelle

„Ich will nur noch leben“

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Der ehemalige Außenminister Guido Westerwelle hat über seinen Kampf gegen den Krebs ein bewegendes Buch geschrieben. Die Krankheit hat ihn stark verändert.

Schmal ist er geworden. Die Haut seines Gesicht eher fahl als blass. Rot geränderte Augen hinter der schwarz gefassten Brille. Die früher so schneidend klare Stimme ist leise geworden. Fast sanft. Guido Westerwelle packt die Seitenlehnen des Stahlrohrsessels, in dem er die letzte knappe Stunde verbracht hat. Vorsichtig schiebt er sich mit den Armen hoch. Die Beine brauchen Unterstützung beim Aufstehen. Der Beifall im Rangfoyer des Theaters am Schiffbauerdamm ist verklungen. Bei abgeschalteten Kameras bleibt dem 53-jährigen eine kurze Verschnaufpause vor dem letzten Teil seines Auftritts. Aber selbst die bereitet ihm sichtlich Mühe. Dann geht’s raus an einen kleinen Tisch zum Signieren.

Buchvorstellungen gehören zum gesellschaftlichen Spiel der politisch-publizistischen Klasse in Berlin. Doch die hier ist etwas Besonderes. „Zwischen zwei Leben“ heißt der Text, den Westerwelle sich abgerungen hat – gemeinsam mit dem Journalisten Dominik Wichmann. Sie berichten darin über Guido Westerwelles Krankheit. Leukämie. Umgangssprachlich auch Blutkrebs genannt. Wer sich auf die gut 230 Seiten einlässt, wird auch viel über die medizinischen Zusammenhänge erfahren. Beschrieben mit kühler Präzision. Ein bewusster Gegensatz zur aufwühlenden Schilderung eines Schicksals, das man seinem ärgsten Feind nicht wünschen würde.

„Wie geht es Ihnen?“, eröffnet die Fernsehmoderatorin Dunja Hayali die Talkshow der anderen Art durchaus konventionell. Aber Guido Westerwelle bewegt sich in einer Phase seines Lebens, da es mit den Höflichkeitsfloskeln nicht so leicht sein Bewenden hat. „Eigentlich ganz gut“, antwortet er. Aber er kämpfe gerade mit einer „Abstoßungsreaktion“. Der frühere FDP-Vorsitzende hat neues Rückenmark transplantiert bekommen. Damit wird sein Blutkreislauf neu aufgebaut, der von der Krankheit befallen war. Er hat nun die Blutgruppe seines Spenders. Es läuft gut. Eigentlich. Aber es kann eben immer wieder Rückschläge geben. Wie diesen.

Westerwelle hat die Republik gespalten

In seinen besten Zeiten (heute ist er sich nicht mehr so sicher, ob es die besten waren), hat Guido Westerwelle die Republik gespalten wie kaum ein anderer. Wenn er heute daran zurückdenkt, fragt er sich manchmal, womit er seine Zeit „verschwendet“ hat. Als lebende Erinnerung an damals sitzt vor ihm in der ersten Reihe Sabine Christiansen. In ihrer Talkshow hat er seine legendäre Schuhsohle hergezeigt, in die eine „18“ geschnitzt war – jene Prozentzahl, die er bei der Bundestagswahl 2003 hatte erreichen wollen. Eine Volkspartei neuen Typs sollte die FDP werden. Sein wichtigster Partner: Jürgen Möllemann.

Der zeitweilige Bildungs- und Wirtschaftsminister schreckte auch vor einem bösen Spiel mit dem Antisemitismus nicht zurück und verstrickte sich in illegale Finanzierungsmachenschaften, an denen die FDP bis heute nagt. Als Möllemann nicht mehr weiter wusste, brachte er sich um. Westerwelle fiel damit in die erste politische Krise seines Lebens, die auch eine persönliche war. Auch darüber sprach er mit Dominik Wichmann.

Die beiden hatten einander 1999 kennengelernt bei einem Interview für das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“. Wichtiger als der Text war die Illustration. Westerwelle präsentierte sich mit skeptisch-spöttischem Blick im weißen Anzug, in den kitschigen Kissen einer venezianischen Gondel sitzend. Eine Anspielung an Luchino Viscontis Film „Tod in Venedig.“ Der Satz „Ich bin schwul“ sei ihm damals noch nicht über die Lippen gekommen, erinnert sich Westerwelle heute. „Aber jeder, der wollte, konnte die Botschaft aus den Bildern herauslesen.“ Dass Wichmann sich auf den Deal einließ und nicht weiter ging als Westerwelle damals wollte, hat das Vertrauensverhältnis der beiden begründet.

Bis heute siezen sich die beiden Männer. Aber Westerwelle öffnete sich dem Journalisten wie er es bislang niemandem gegenüber getan hatte. Außer seinem Mann Michael Mronz. Und den Ärzten im Kölner Universitätsklinikum, die aus ihm einen (fast) neuen Menschen machten. Stunden um Stunden redeten die beiden miteinander im Haus des Paares Westerwelle/Mronz auf Mallorca. Der Journalist bekam das Tagebuch, das der Todkranke zur Selbstvergewisserung begonnen hatte.

Wichmann hörte, las und schrieb. Wie in einem Rausch sei das gewesen. Anders hätte er sich dem Mann nicht anverwandeln können, dem er nun seine Stimme gab, erinnert sich Wichmann. Es wurde eine Veränderung daraus – ähnlich wie das neue Blut, das in Westerwelles Adern fließt. Er bleibt als zwar Autor der Alte, aber er wird auch ein neuer Mensch, weil er sich in einer ganz anderen Weise als bisher auf sich selbst einlässt und damit auch für andere öffnen kann. Der kühl kalkulierende Polemiker Guido Westerwelle wird zu einem Menschen, der mit seinem Schicksal andere zu rühren vermag.

Die Enttäuschung war groß

Es war das rechte Knie, das Guido Westerwelle das Leben gerettet hat. Jedenfalls bis jetzt. Am Neujahrstag 2014 ist er auf Mallorca gejoggt. Wie so viele Male zuvor. Diesmal ließ ihn ein stechender Schmerz nicht weiter machen, obwohl er versuchte, ihn niederzukämpfen. Er machte Pause mit dem Laufen. Ein paar Monate später, froh, New York ohne die Amtsbürde des Außenministers genießen zu können, versuchte er es wieder mit dem Joggen. Vorbei. Nach der Rückkehr absolvierte er den lange aufgeschobenen Arztbesuch. Der Meniskus war hin. Nicht dramatisch. Eine minimalinvasive Operation war angesagt. Doch mit der vorausgehenden Blutuntersuchung ging das erste Leben des Guido Westerwelle zu Ende. „Leider müssen wir Ihnen noch mal Blut abnehmen“, sagte der behandelnde Arzt. „In dem Blutbild von gestern scheint ein Messfehler zu sein.“ Es war keiner. Wenig später wurde der Verdacht zur Gewissheit: Leukämie. Guido Westerwelle neues Leben begann. Ein Leben mit der Aussicht des Todes. Warten, Bangen, Tränen. Und immer wieder und trotz allem: Hoffnung.

In der Nacht der Wahlniederlage 2013 war er irgendwann in Tränen ausgebrochen. Er hatte viel getrunken. Die Enttäuschung war groß. Mit der Tränen fiel eine Last. Eine Ausnahmeemotion nach einem Ausnahmeereignis. In der folgenden Zeit wird der einst so starke kühle Mann immer wieder heulen. Er wird es bekämpfen. Er wird lernen, es zuzulassen. Und trotzdem stark zu sein, in seiner Schwäche.

Loslassen, sagen ihm jene Ärzte, die Guido Westerwelle in sein neues leben begleiten, an der Spitze der Kölner Onkologe Michael Hallek. Der Kontrollfreak, der einst nichts in seiner Partei dem Zufall überlassen mochte, er musste nun lernen, anderen zu vertrauen. Nicht mal so, sondern bedingungslos. Er war in jeder Hinsicht wehrlos, angeschlossen an das Schlauchsystem der Intensivstation. Und irgendwann war klar, dass die ganze Plackerei mit der Chemotherapie sein Leben nicht würde retten können. Westerwelles Blut war irreparabel von der Krankheit befallen. Er brauchte neues. Aber nicht mal eben so per Transfusion. Er musste es selbst produzieren. Guido Westerwelle brauchte eine Knochenmarktransfusion – eine der kompliziertesten Operationen der modernen Medizin. Die Einzelheiten sind in seinem Buch nachzulesen.

Der Phase der Verzweiflung folgte schnell die Hoffnung: Drei potenzielle Spender waren gefunden. Einer davon passte besonders gut. Der Patient schickte sich an, das Vorzimmer zu seinem neuen Leben zu beziehen und musste auf der Schwelle hören: „Er hat es sich anders überleg.“ – „Wie bitte?“ – „Der Spender ist abgesprungen.“ Und nun? Wieder warten. Raus aus dem Krankenhaus. Draußen ein bisschen Kraft tanken. Normalität spielen. Wieder machte sich bezahlt, das Westerwelle, aller äußeren Kühle zum Trotz über ein funktionierendes Netzwerk verfügt. Privat. Aber auch in der Politik. Zu den treuesten Freunden gehört Angela Merkel. Sie meldet sich in der ganzen schwierigen Zeit immer wieder bei ihm Per SMS mit dem Kürzel „AM“, telefonisch oder auch persönlich.

Ein neuer Spender ist gefunden

Der nächste Stimmungsaufschwung beginnt für Guido Westerwelle bei seinem Kölner Stamm-Italiener „Claudio“. Mitten im Essen mit der Bundeskanzlerin rührt sich das lautlos gestellte Handy. Einer der wenigen Menschen, erläutert er seinem Gast, „die ein Mittagessen mit dir stören dürfen: Michael Hallek, mein Arzt.“

So wird Angela Merkel Zeugin der Mitteilung, dass ein neuer Knochenmark-Spender gefunden ist. Dieser springt nicht ab. Aber als das neue Blut in den Adern des Patienten fließt, erlebt er die nächste, die wohl schlimmste Krise. „So muss es sich anfühlen“, sagt er heute, „das Sterben“. Jedenfalls dachte er das in seinem Fieberwahn. Es war nicht das Sterben, sondern nun wirklich der Beginn des neuen Lebens. Eines Lebens, das immer noch gefährdet ist.

Leukämie-Kranke leben nie auf der sicheren Seite, auch wenn neues Blut in ihren Adern fließt. Westerwelle muss aufpassen, vorsichtiger sein als die Mehrheit der Menschen. Damals in seinem alten Leben war er ein großer Hände-Schüttler. Er beherrschte diese Geste nicht nur als Zeichen der Begrüßung, sondern als eines der Machtausübung wie kaum ein anderer. Vorbei. „80 Prozent aller Keime werden durch Händedruck weitergegeben“, weiß er heute. Guido Westerwelle erweist seine Höflichkeit heute, indem er die rechte Hand kurz aufs Herz legt. Machtdemonstrationen mag er nicht mehr. „Ich will nur noch leben.“ Überleben.

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