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Alt werden war nie ein Thema für Hans-Christian Ströbele: "Immer habe ich gedacht ? geht doch!"

Hans-Christian Ströbele

"Ich will da bleiben, solange ich kann"

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Der ehemalige Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele über die Mühen des Alters, seine Leidenschaft für Wild-West-Filme und warum es so schwierig war, aus der Politik auszusteigen.

Die Antwort kam prompt. Und sie fiel positiv aus. „Lieber Herr Ströbele, würden Sie mir ein Interview über das Altern geben?“, hatte ich per SMS gefragt. Und Hans-Christian Ströbele hatte rasch geantwortet: „Ja, würde ich. Bitte rufen Sie nächste Woche an.“ Als ich im Büro des 78-Jährigen in Berlin-Moabit erscheine, ist er reservierter. „Ich muss ja nicht alles beantworten“, sagt er, leicht mürrisch. Nein, das allzu Persönliche und Emotionale behagt Ströbele nicht. Die Antworten fallen dann kürzer aus. Und während der Anwalt und langjährige grüne Bundestagsabgeordnete bei den heiteren Themen auf seinem Bürostuhl vorrutscht, rutscht er bei den weniger heiteren schon mal ein Stück zurück. Tatsächlich hat für Ströbele eine neue Lebensphase begonnen, nachdem er das Parlament im Herbst verlassen und sein Büro Unter den Linden geräumt hat. Sein Renteneintritt kommt über zehn Jahre später als üblich. Und nach wie vor hat Ströbele keine Lust auf Ruhestand. Als wir uns nach 90 Minuten bei langsam einbrechender Dämmerung im Flur verabschieden, ist er wieder ganz in seinem Element. Es geht um die Politik – und um die Zukunft. Das ist sein Leben.

Herr Ströbele, von unserem letzten Gespräch ist mir ein Satz in Erinnerung geblieben: „Der Körper ist für das Alter nicht ausgelegt.“
Und er ist leider richtig. Ich höre immer wieder von Ärzten, dass der ganze Knochenbau nicht dafür gemacht ist, dass Menschen 80, 90 und älter werden. Früher sind Menschen ja auch viel früher gestorben.

Verwundert Sie diese Erkenntnis? Empört sie Sie vielleicht sogar?
Ich bin schon sehr ungehalten darüber, dass sich verschiedene Defizite einstellen – und das in vielen Bereichen. Von den Sinnesorganen bis hin zum Denken. Das geht auch langsamer. Und dann habe ich Probleme mit meinen Beinen. Das ist mein eigentliches Problem. Deshalb habe ich einen Stock, immer wieder einen schicken neuen. (Nimmt den Stock, der neben ihm am Schreibtisch lehnt.)

Warum neu?
Weil die immer wieder kaputt gehen, vor allem die Griffe.

Der Griff, den Sie da haben, sieht so antik aus.
Ja, davon habe ich auch mehrere.

Wo gibt es die?
Auf dem Flohmarkt, hier an der Straße des 17. Juni. Da habe ich einen Händler, bei dem ich gucke, ob es einen Stock gibt, der in der Länge passt. Da gibt es nämlich Unterschiede. Mein bester Stock ist aus Metall. Der steht draußen. Der geht nicht kaputt.

Sie sagen, Sie seien wegen der Altersbeschwerden ungehalten – Sie haben also nicht damit gerechnet, dass sie sich einstellen?
Nee. Vor drei Jahren dachte ich noch, das geht immer so weiter. Zack aufs Fahrrad, irgendwo hingefahren, Fahrrad abgestellt, dann wieder hierher. Oder ganz früher – da habe ich Radio gehört und gleichzeitig Schularbeiten gemacht. Meine Eltern haben sich darüber immer aufgeregt. Noch als ich im Bundestag saß, habe ich am Bildschirm im Büro Debatten verfolgt und dabei irgendwas getippt. Das ging bis Mitternacht.

Und irgendwann ging es nicht mehr.
Ja. Das wurde dann immer schwieriger – so dass ich mich auf das Eine oder das Andere konzentrieren musste.

Sie haben mit Mitte 70 Probleme bekommen, die andere schon mit 15 haben. Klingt luxuriös.
Aber jetzt habe ich auch Probleme mit den Muskeln. Ich habe nie besonders viel Sport getrieben, weil ich in der Schule im Sport nicht gut war – außer ein bisschen Dauerlauf und Schwimmen. Fußball habe ich eher mit Brachialgewalt gespielt. Doch einen Bundesliga-Verein könnte ich trainieren. Wenn ich die Reportagen im Radio höre, dann denke ich immer: Das wird doch nichts. Ich empfehle dann den Fohlen-Sturm oder den Schalker Kreisel.

Sie haben als Schüler mit dem Sport aufgehört?
Nein, wir haben auch als Studenten Fußball und Volleyball gespielt – richtig auf der Wiese. Und dann war ich zu meiner Bundestagszeit Schiedsrichter. Da muss man ja auch viel laufen.

Wo war denn das?
Hier in Berlin fanden immer so Turniere statt. Da haben sie mich engagiert als Schiedsrichter. Richtig auf dem Fußball-Platz in Kreuzberg. Da spielte zum Beispiel eine islamische Mannschaft gegen eine jüdische Mannschaft. Oder irgendwelche Autonome gegen Grüne. Das war nicht immer unproblematisch. Die können ja richtig sauer werden. Mir haben sie viel verziehen. Trotzdem waren manchmal schwierige Entscheidungen zu treffen.

Ihr Onkel war Herbert Zimmermann, der das WM-Endspiel von 1954 kommentierte und von dem der berühmte Satz stammt: „Jetzt müsste Rahn schießen…“ Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?
Sehr positive. Herbert Zimmermann war der Bruder meiner Mutter und der einzige Onkel, den wir hatten. Er war selbst nicht verheiratet und hatte keine Kinder. Das war ein bisschen der Familienonkel. Wenn der erschien, war was los. Dann hat der mit uns Wettläufe gemacht oder im Winter Wettfahrten mit der elektrischen Eisenbahn. Ich war mit ihm hin und wieder auch auf Schalke. Er war ansässig in Hamburg und natürlich HSV-Fan und wohnte in der Nähe des Stadions. Da war ich auch mal zu Besuch, genau wie im Funkhaus. Manchmal hat er mich mitgenommen zur Oberliga, wie die Bundesliga damals noch hieß. Bei uns in der Schule war man entweder Schalke-Fan oder Dortmund-Fan. Die haben sich gegenseitig bekämpft. Das ist ja heute noch so. Ich bin nach wie vor Schalke-Fan. Unser Latein-Lehrer war das auch.

Ihr Onkel ist früh gestorben.
Ja, mit Anfang 50. Der ist mit dem Auto gegen einen Baum gefahren, mit seiner Lebensgefährtin.

Wie alt waren Sie da?
Ich war im Studium, hier in Berlin. Ich hörte das und bin hingefahren.

Wie war das gefühlsmäßig?
Schrecklich. Ich konnte es nicht glauben. Er war auch nicht gleich tot, sondern lag im Krankenhaus. Es ging ihm dann eine Zeitlang etwas besser. Doch dann ist er gestorben. Ob da medizinisch etwas falsch gemacht worden ist, darüber streiten sich die Gelehrten.

War er derjenige, der Ihnen aus der Familie am nächsten stand?
Ja, wir hatten natürlich Großeltern. Aber mein Onkel Herbert war etwas Besonderes. Er hat uns vier Kinder zum Beispiel mal alle eingeladen in seinen Mercedes und dann eine Tour durch den Schwarzwald gemacht, drei Tage lang. Zum Schluss waren wir in Baden-Baden.

Im Spielcasino?
Ja. Er kannte den Chef da. Deshalb durften wir da auch als Kleine rein. Wir sind durch ihn mit der großen Welt zusammen gekommen. (lacht) Deshalb habe ich ihn gut in Erinnerung. Und er war wahrscheinlich der beste Fußball-Reporter seiner Zeit und sehr leidenschaftlich. Wenn er kommentiert hat, dann schallte es immer durch die Wohnung: „Der Onkel!“ Anschließend haben wir das Radio eingeschaltet und zugehört. Zu der berühmten Weltmeisterschaft 1954 und seiner Kommentierung des Endspiels gibt’s da unten drei oder vier Aktenordner. Die heißen: „Der Onkel.“ Da geht’s nur um diese Reportage. Ich habe ja die Rechte von meiner Mutter geerbt.

Haben die Rechte Ihnen noch Geld gebracht?
Es gab mal eine Zeit, in der der Kommentar in aller Ohren war. In Hamburg war er mal Thema eines Musicals. Und dann gibt’s den Film „Das Wunder von Bern“. Wir haben Anfragen bekommen von Bierverlagen und von der Post. Ich habe immer überlegt, was wir machen und was nicht. Dabei ging es weniger ums Geld als um die Frage, ob das im Sinne des Onkels ist. Ein paar Mal haben wir Geld bekommen. Das haben wir dann wohltätigen Zwecken gespendet. Aber es waren keine Reichtümer. Fritz Walter kannte ich im Übrigen auch. Dem sind wir mal vorgestellt worden.

Was ist mit der Sportschau? Gucken Sie die?
Nein, schon gar nicht diese unendlich langen Interviews danach. Aber ein spannendes Spiel guck ich schon mal.

Und jetzt im Sommer die Fußball-WM?
Ja, aber meistens halte ich nicht für Deutschland. Wenn alle mit der Deutschland-Fahne rumlaufen, dann habe ich damit so meine Probleme. Daran hat sich nichts geändert. Afrikanischen Mannschaften habe ich hingegen schon öfter die Daumen gedrückt.

Zurück zu Ihrer Gesundheit. Wann hat das mit Ihrem Leiden in den Beinen eigentlich angefangen?
Das ist schon länger her. Aber gemerkt habe ich es erst vor zwei, drei Jahren. Das war am Anfang wenig und wurde dann immer intensiver. Das ist ein Nervenleiden. Wenn die Nerven die Muskeln weniger anreizen, dann gehen auch die Muskeln zurück, und zwar dramatisch. Jetzt versuche ich, das zu konterkarieren, indem ich in die Mucki-Bude gehe. Am Anfang habe ich das wie ein Wilder jeden Tag gemacht. Doch dann habe ich Schulterschmerzen bekommen. Es ist nicht gut, wenn man es übertreibt.

Sie haben mir kürzlich erzählt, dass Sie im Fitness-Studio immer wieder lustige Erlebnisse haben.
Ja, hier in Alt-Moabit sind da sehr viele mit Migrationshintergrund, zu manchen Tageszeiten 80 bis 90 Prozent. 

Die im Schnitt 50 Jahre jünger sind als Sie.
Ja. Ich bin ich der bunte Vogel, wenn ich mit meiner Krücke reinkomme. Manche fragen mich was oder unterhalten sich mit mir. Manche sind auch sehr hilfsbereit. Die meisten haben solche Muskelpakete (beschreibt mit der Hand sich wölbende Oberarme). Die ziehen 100 Kilo Gewicht.

Und wie viel Kilo ziehen Sie?
Zehn. (schüttelt sich vor Lachen) Ich muss das Gerät erst immer wieder neu einstellen. Auch auf dem Laufband rennen die wie die Wilden. Ich bin froh, wenn mir keiner was tut. Und alle duzen sich.

Wie finden Sie das?
Ein bisschen komisch. Ich bin das aber gewohnt aus APO-Zeiten. Da hat man alle Genossen geduzt.

So eine Mucki-Bude ist ein anderes soziales Umfeld als etwa der Bundestag.
Ich finde das anregend. Ich gucke mich ja um. Oder ich höre, ob ich die Sprache verstehe, die die sprechen. Das ist nicht immer der Fall. Das ist eine völlig andere Gesellschaft – eine, mit der ich sonst vielleicht in der U-Bahn oder auf der Straße in Berührung komme. Aber früher habe ich mich auch mal in eine ganz normale Kneipe gesetzt. Und dafür, dass ich so lange im Bundestag war, hatte ich relativ wenig Kontakt zu anderen Abgeordneten, außer den wenigen, mit denen ich fachlich zu tun hatte. Auf die Empfänge bin ich ja fast nie gegangen.

Sie haben jetzt zwei Veränderungen auf einmal zu verarbeiten. Die zunehmende körperliche Gebrechlichkeit und, durch den Verlust des Mandats, auch weniger öffentliche Aufmerksamkeit. Was schmerzt Sie mehr?
Das Körperliche. Aber das Eine hängt mit dem Anderen zusammen. Ich hätte wieder kandidiert, wenn es mir gesundheitlich besser gegangen wäre. Ich hätte gerne weiter gemacht.

Dann wären Sie am Ende der Legislaturperiode 82 gewesen.
Ja. Jetzt konzentriere ich mich auf Twitter, gebe ab und zu ein Interview und mache Veranstaltungen, zu denen ich eingeladen werde. Im Moment sind das vor allem Veranstaltungen zu 1968. Ich habe ein Interesse daran, die Zeit so zu schildern, wie sie wirklich war, und nicht, wie sie in Fernsehdokumentationen oft beschrieben wird.

Sie haben jetzt Ihr Leben lang Politik gemacht. Kann es sein, dass Sie damit auch Defizite an anderer Stelle ausgleichen?
Nein, es ist umgekehrt. Weil ich so intensiv Politik mache, leiden alle anderen Bereiche. Das finde ich auch überhaupt nicht gut und habe es immer mal zu durchbrechen versucht. Leider mit wenig Erfolg. Wenn man im Politikbetrieb drin steckt, kann man das schwer steuern und sagen: Ich mache nur noch die Hälfte.

Andere hören mit 60 auf, Sie hätten mit 78 weiter gemacht. Deshalb noch mal die Frage: Kompensieren Sie irgendetwas?
Nein. Ich würde darunter leiden, wenn ich die Politik nicht mehr verfolgen und mich da nicht hin und wieder zu Wort melden könnte. Aber natürlich habe ich mir mein Alter vor 20 oder 50 Jahren anders vorgestellt. Ich hatte ernsthaft vor, ruhig auf dem Land zu leben. Ich bin auch gern auf dem Land und habe gern mit Tieren zu tun. Das hat sich dann nicht ergeben. Und vor zehn Jahren hat sich die Frage nicht mehr gestellt. Politik zu machen, ist mein Antrieb. Es sollte auch für andere ein Antrieb sein, dabei zu helfen, die Gesellschaft zu verändern – hin zu menschlicheren Verhältnissen. Das ist meine Lebensphilosophie. Außerdem habe ich mich nie alt gefühlt. Als ich 50 wurde, als ich 60 wurde, als ich 70 wurde, immer habe ich gedacht – geht doch!

Aber mit 70 denkt man vielleicht: Wer weiß, wie viele Jahre ich noch habe.
Das ist mir nicht so wichtig.

Sie haben nie gedacht, ich will jetzt noch zehn Jahre haben, in denen ich es mir nett mache?
Nee, nett machen und im Sessel sitzen – das wird wohl nicht mehr passieren.

Sie empfinden es nicht als Mangel, nicht von Politik und Arbeit lassen zu können?
Nein, die politische Tätigkeit bringt mir ja auch Lust.

Sie haben einmal erwähnt, dass Sie Western mögen – für einen Kriegsgegner eine ungewöhnliche Leidenschaft.
Das ist amerikanische Politik pur. So denken die.

Jetzt geht aber der Anti-Amerikanist mit Ihnen durch ...
Nein, überhaupt nicht. Das ist die Art, in der man in den USA Probleme löst. Es gewinnen ja auch immer die Guten.

Im Moment regiert eher kein Guter.
Na gut, es gibt Zeiten, in denen das Böse überwiegt. Da muss dann erst der richtige Sheriff kommen, um mit einigen aufopfernden Helfern die Lage zu klären. Aber im Ernst: Ich sehe immer noch sehr gerne Western. Bei Italo-Western habe ich lange gebraucht, um den Witz an der Sache zu entdecken. Was ich überhaupt nicht sehen kann, sind Karl-May-Filme, weil die Karl May völlig verfälschen. Außerdem wurden sie nicht in den USA gedreht, sondern im ehemaligen Jugoslawien. Aber bei so Filmen wie „High Noon“ kann ich fast mitsprechen. Da gibt’s klare Fronten.

Für klare Fronten waren Sie im politischen Leben ja auch immer.
Ja. Und ich behaupte, dass es bisher meistens die richtigen Fronten waren.

Sie haben nie einen Colt gezogen?
Nein, außer bei der Bundeswehr. Ich war sehr gut im Schießen.

Parlamentarische Untersuchungsausschüsse, auf die Sie spezialisiert waren und in denen Zeugen vernommen werden, haben ja auch was von Western.
Ja, und Gerichtsverhandlungen.

Sind Sie zufrieden mit Ihrem Leben?
Grundsätzlich schon. Ich werde ja immer wieder gefragt, ob ich die RAF-Mandate noch einmal übernommen hätte. Dann sage ich: Ja, natürlich.

Manche sagen, Ihr größter Fehler sei die zu geringe Distanz zur RAF gewesen.
Die hatte ich auch nicht. Aber ich empfinde das nicht als Fehler. Sie müssen bedenken: Das Verhältnis, das man zu den Genossen in der APO hatte, war ja viel intensiver als zu Parteifreunden. Wir waren gemeinsam gegen den Rest der Welt. Jahrelang haben wir das gleiche gemacht. Ulrike Meinhof und Andreas Baader haben auf der Straße demonstriert – so wie ich. Ulrike Meinhof hat da sogar geredet.

Und Sie dachten nie, dass die auf einem grundsätzlich falschen Dampfer sind, weil sie Gewalt angewandt haben?
Ja, doch. Sonst hätte ich ja auch Gewalt angewendet. Es gibt schließlich Anwälte, die das gemacht haben. Manche waren irgendwann nicht mehr Anwalt, sondern sind in die RAF gegangen. Wenn ich geglaubt hätte, dass das der richtige Weg ist, dann wäre ich ihnen gefolgt.

Tragen Sie noch viele Geheimnisse aus der Zeit als RAF-Anwalt mit sich herum?
Da gibt es schon einige.

Und die nehmen Sie mit ins Grab?
Das überlege ich noch. Ich will ja unter anderem über die RAF-Zeit schreiben. Das Problem ist, dass ich Vieles als Anwalt erfahren habe. Und die anwaltliche Schweigepflicht gilt weiterhin. Ich weiß zum Beispiel von Fällen, in denen Angeklagte zu Unrecht verurteilt worden sind – weil ich weiß, wer es wirklich war. Aber ich darf es nicht sagen.

Mein Gewissen würde das belasten.
Ja.

Und was war Ihr größter Erfolg? Das Direktmandat in Kreuzberg?
Ja. Das hat mir einen ungeheuren Schub gegeben. Die Partei wollte, dass Werner Schulz in den Bundestag kommt. Dann zu erleben, dass eine relative Mehrheit in dem Wahlkreis anderer Meinung war, das hat mich schon sehr aufgebaut. Dieses Feedback, das man als direkt gewählter Abgeordneter bekommt, kann man gar nicht überschätzen. Das gilt umso mehr, wenn Leute einem sagen: „Ich finde so und so viele Sachen, die Du politisch vertrittst, ganz schrecklich. Aber Du bist so in Ordnung – ich wähl‘ Dich trotzdem.“ Ich habe damals doppelt so viele Erstimmen bekommen wie meine Partei Zweitstimmen. Das baut auf und gibt Kraft.

Haben Sie noch Pläne?
Ich habe den Plan, noch etwas zu schreiben – vor allem zur RAF-Zeit. Das ist ein großes Vorhaben. Dann gehe ich wie gesagt zu Veranstaltungen. Und ich twittere gern. 2002 musste mich mein Wahlkampfteam geradezu zwingen, mir ein Handy anzuschaffen. Ich habe immer gesagt: Was soll ich damit? Das hindert mich nur. Irgendwann haben sie dann gesagt, als Bundestagsabgeordneter musst Du auch Facebook und Twitter haben. Dann habe ich angefangen, zu twittern. Irgendwann habe ich festgestellt: Die Tweets, die ich selbst schreibe, die laufen.

Wie viele Follower haben Sie jetzt?
264.000.

Sie wurden von den Grünen zweimal verabschiedet und haben zweimal eher unwirsch reagiert: beim Wahlparteitag im vorigen Sommer in Berlin und jetzt beim Parteitag im Januar in Hannover.
Ja, sie haben mich sogar noch öfter verabschiedet, zweimal in der Partei, einmal in der Fraktion und einmal beim linken Flügeltreffen. Ich finde: Man kann es auch übertreiben.

Ich hatte eher den Eindruck, Sie wollten sich nicht verabschieden lassen, weil Sie ja noch da sind und da bleiben wollen.
Ja, das stimmt. Ich will da bleiben, solange ich will – und solange ich kann.

Das Gespräch führte Markus Decker

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