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"Manchmal versucht man, sich besser zu verkaufen, indem man mit Klischees spielt", sagt Shapira.

Shahak Shapira

"Ich werde jeden Tag beschimpft"

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Der Berliner Comedian Shahak Shapira hat gar keine Lust, immer wieder über sein Jüdischsein zu sprechen ? und muss es trotzdem immer wieder tun. Auch im Interview mit der FR.

Shahak Shapira ist gebürtiger Israeli und jetziger Wahlberliner. Der 30-jährige Comedian und Autor ist aber vor allem ein Sexsymbol. So beschreibt er sich zumindest selbst auf seiner Facebook-Seite. Mit 14 Jahren verließ er seine Heimat, um das zu tun, „was kein Israeli bei Verstand jemals tun würde: nach Sachsen-Anhalt ziehen“. Für internationales Aufsehen sorgte er mit seinem Kunstprojekt „Yolocaust“, ein Wortspiel aus dem im Internet gängigen Spruch „you only live once“ – „man lebt nur einmal“ – und dem Holocaust. Dabei kombinierte er am Mahnmal in Berlin aufgenommene Selfies mit Fotos aus Konzentrationslagern. Aktuell ist er mit seinem Programm „German Humor“ auf Tour.

Herr Shapira, Sie sagen: „Ich mag Religion nicht so gerne.“ Wieso ist das so?
Ich bin in Israel aufgewachsen, einem Land, das jeden Tag von Religionen zerrissen wird. Ich glaube das erste Mal, als ich angefangen habe, Religion zu hinterfragen, war ich neun oder zehn Jahre alt. Wir waren in Eliat am Roten Meer. Ein Ort mit viel Lebensfreude. Wir wollten direkt nach dem Frühstück an den Strand, deshalb hatte meine Mutter nur eine Shorts und einen Sport-BH an. Und sie wäre deswegen von einem Rabbiner mitten im Buffet fast verprügelt worden. Nur weil er ihr Outfit nicht angemessen fand. Das war da erste Mal, dass ich dachte: „Das ist ja ekelhaft, diese Leute benehmen sich hässlich zu anderen und benutzen Religion als Ausrede. Das ist nicht mal ehrlich.“ Das mochte ich nicht.

Sind Sie religiös erzogen worden?
Nein. Gar nicht. Mein Großvater, der den Holocaust überlebt hatte, sagte: „Ich glaube nicht an Gott.“ Er hat seine ganze Familie verloren. Viele Menschen, die den Holocaust überlebt haben, haben diese Einstellung: „Wenn es einen Gott gibt, was ist das für ein Gott?“ Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum Juden überhaupt noch an Gott glauben können, wenn man sich die Geschichte des „auserwählten Volkes“ anschaut.

Es nervt Sie, dass Sie in Interviews immer Fragen über Judentum und Antisemitismus beantworten müssen. Dabei haben Sie noch vor drei Jahren ein Buch geschrieben, auf dessen Cover Sie Kippa tragen. Der Titel lautete: „Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen! - Wie ich der deutscheste Jude der Welt wurde“ …
Das Cover und den Untertitel bereue ich bis heute. Aber jeder, der das Buch gelesen hat, weiß, dass es nicht wirklich darum geht.

Die Botschaft war eher, dass jeder selbst entscheidet, ob er ein rassistisches Arschloch ist oder nicht. Unabhängig davon, welchen Glauben er hat …
Ja. Manchmal versucht man sich besser zu verkaufen, indem man mit Klischees spielt. Das hätte ich nicht machen sollen. Ich wusste aber auch nicht, dass mir Leute Jahre später noch vorhalten, dass ich mit dem Judentum „kokettiere“. Das war vielleicht naiv. Mittlerweile rede ich kaum darüber. Und trotzdem soll ich in Interviews immer über Antisemitismus sprechen. Ich möchte das nicht. Ich würde gerne wie jeder andere Künstler für meine Arbeit und nicht für meine Herkunft wahrgenommen werden. Und ich weiß, dass ich jetzt Hallen ausverkaufen würde, wenn ich „mein Judentum“ verkaufen würde. Ich will aber keine Figur spielen. Ich will, dass die Leute meine Sachen sehen und mögen. Aber eben nicht um jeden Preis.

Auf dem Promo-Bild Ihres aktuellen Programms „German Humor“ liegen Sie oberkörperfrei – statt in Rosenblättern wie einst die Schauspielerin Mena Suvari im Film American Beauty – in einem Haufen von Hackfleisch mit Zwiebelringen um die Brustwarzen. Warum?
Leute verstehen oft meinen Vornamen nicht – und wissen auch nicht wie man ihn ausspricht. Deswegen sage ich immer Shahak: Wie Schach und Hack. Außerdem hat es alles, was Deutsche lieben: Hack, Zwiebeln und Freikörperkultur. Mein Programm hat viel damit zu tun, was Deutschland mir für einen Sinn von Humor gegeben hat. Einen, den ich benutze, um Dinge auszuhalten, die ich nicht aushalten könnte, wenn ich sie ernst nehmen würde. Es gibt aber kein Kernthema bei mir. Ich spreche über alles: Religion und Terror, warum mich Poetry Slams nerven, über meinen Beef mit irgendwelchen Rappern genauso wie über Bewertungen von Auschwitz auf Yelp oder Tripadvisor …

In einer Show erzählten Sie, dass ein Herr sich auf dem Empfehlungsportal Yelp darüber beschwerte, dass die Schilder in Auschwitz nur auf Englisch und Polnisch sind. „Das Deutsche fehlt hier.“ Ein anderer klagte: „Auschwitz war nicht so deprimierend, wie ich es erwartet hatte“ …
Ich bin zufällig auf diese Bewertungen gestoßen. Dabei entdeckte ich, dass Buchenwald mit fünf Sternen bewertet wird, Auschwitz nur mit viereinhalb. Viele Leute regen sich über diese Nummer auf, weil sie glauben, ich würde mich über den Holocaust oder die Opfer lustig machen. Das ist aber ein Witz über die Leute, die im Internet frühere KZ-Lager wie ein Hotel bewerten. In jeder Show hole ich mein Handy raus und gehe auf Tripadvisor und lasse jemanden aus dem Publikum vorlesen, was da gerade steht. Bei Tripadvisor gibt es auch einen Frage-und-Antwort-Bereich. Neulich schrieb einer: „Wir sind bald in Auschwitz und möchten mit einem Führer das Lager besichtigen. Kann man das irgendwie organisieren?“ Das kann man sich nicht ausdenken.

Bei Ihrem Kunstprojekt „Yolocaust“ im Jahr 2017 kombinierten Sie auf einer Webseite Selfies von fröhlich posierenden Menschen vor dem Berliner Holocaust-Mahnmal mit historischen Aufnahmen realer KZ-Opfer, so dass die Mahnmal-Besucher auf Leichenbergen herumtanzten. Wie sind Sie überhaupt auf diese Idee gekommen?
Ich habe diese Bilder vor dem Holocaust-Mahnmal auf verschiedenen sozialen Medien verfolgt. Sogar auf der Dating-App Tinder gibt es sie. Es sind unfassbar viele Bilder. Diese Ignoranz hat es verdient, verarscht zu werden. Mehr ist das nicht. Da wird gerne mehr reininterpretiert. Das alles hat auch nichts mit meiner Herkunft zu tun. Ich hatte eine Idee für ein Kunstprojekt und das habe ich gemacht. Kunst verändert nicht die Welt. Ich bringe Dinge ins Gespräch. Ich wehre mich dagegen, wenn Leute sagen, Humor ist eine Waffe.

Mit 14 Jahren haben Sie Israel mit Ihrer Mutter verlassen und zogen nach Deutschland, genauer gesagt in den Burgenlandkreis, nach Sachsen-Anhalt, weil der Freund Ihrer Mutter dort lebte. Wie war das für Sie?
Erst fand ich das aufregend. Und dann kamen wir halt an in Sachsen-Anhalt und dann war das nicht mehr so aufregend. Ich dachte: „Wow, das ist klein. Mitten im Nirgendwo. Und das Nirgendwo ist sehr groß.“

Das war auch noch mitten in der NPD-Hochburg Laucha. Klassenkameraden riefen „Ausländer raus!“ oder „Sieg Heil!“ und machten Auschwitz-Witze …
Ich hatte keine Freunde. Ich zog mich in mein Zimmer zurück, fing an mit Photoshop zu spielen, brachte mir selbst Design bei. Mit 17 Jahren hatte ich schon ein Kleingewerbe angemeldet und so beispielsweise Webseiten für Lackierer gebaut. So habe ich mein erstes Auto finanziert. Sofort als ich mein Abitur hatte, bin ich weggezogen nach Berlin. Einen Monat lang habe ich Medieninformatik studiert. Da war mir aber zu viel Informatik in den Medien. Und dann bin ich fast Pilot bei der Lufthansa geworden.

Ach was … Und wieso sind Sie doch kein Pilot geworden?
Ich habe die Tests alle bestanden. Aber ich hatte einen Punkt zu viel in Flensburg und konnte deswegen meine Ausbildung nicht anfangen. Du darfst nicht mehr als sechs Punkte haben, ich hatte sieben. Ich hätte etwas warten müssen, aber dann hatte ich keine Lust mehr, Pilot zu werden. Ich bekam ein Stipendium für eine Privatuni in Berlin, die „Miami Ad School“ für Werbung. Dann habe ich im Ausland gelebt und gearbeitet: Schweden, USA, Brasilien. Ein Jahr war ich auch in Hamburg bei der Werbeagentur Jung von Matt. Dann aber ging ich zurück nach Berlin und bin Freelancer geworden.

Und wie kam die Comedy in Ihr Leben? Sie haben den US-Comedy-Star Dave Chappelle schon als Jugendlicher auf MTV gesehen und bewundert …
Das war das erste Mal, das ich Comedy gesehen habe. Ich wusste, dass ich Comedy machen will, aber habe auf die richtige Situation gewartet. Als ich mein erstes Buch geschrieben hatte, musste ich Lesungen machen. Ich habe das Konzept einer Lesung nie verstanden. Also für das Eintrittsgeld kannst du das ganze Buch kaufen und selbst alleine lesen. Also habe ich angefangen, Witze einzubauen, Songs auf der Gitarre zu spielen. Und irgendwann war es nur noch Stand-up.

Vergangenes Jahr bekamen Sie Drohungen, nachdem Sie zusammen mit der Satire-Partei „Die Partei“ interne Inhalte aus AfD-Facebook-Gruppen veröffentlicht hatten. Ihre Mutter stand zwei Wochen unter Polizeischutz. Wie schlimm war das?
Ich werde jeden Tag beschimpft. Ich habe mich daran gewöhnt. Leider. Aber wenn jemand deine Mutter als „Judenschlampe“ bezeichnet, und sagt, dass man sie vergasen sollte, da wirst du wütend. Als meine Mutter zur Staatsanwältin ging, sagte diese doch tatsächlich zu ihr: „Es würde vielleicht helfen, wenn Ihr Sohn sich nicht so prominent in den Medien äußern würde.“ Ich kann nur Comedy darüber machen, sonst komme ich damit gar nicht klar. Deutschland ist für mich manchmal nur mit Humor auszuhalten.

Sein Programm „German Humor“ gibt der Comedian aktuell auf einer Tour zum Besten: Hamburg (10. Januar), Frankfurt (16. Januar), Düsseldorf (17. Januar), Köln (26. Januar).

Alle Tourdaten unter www.facebook.com/ShahakShapira.

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