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Jeremy Irons stand bislang in mehr als 70 Filmen für Kino und Fernsehen vor der Kamera.

Jeremy Irons

„Ich bin sowas von unintellektuell“

Schauspieler Jeremy Irons wundert sich über sein Image in der Öffentlichkeit. Im FR-Interview spricht er über seine Art, durchs Leben zu kommen, das Gelingen einer Ehe und warum er gerade die Hosen gestrichen voll hat.

Von Ulrich Lössl

Jeremy Irons sitzt auf der Terrasse des Luxushotels Baur au Lac am Zürichsee. Er ist in Zürich wegen der Europa-Premiere seines neuen Films „Die Poesie des Unendlichen“ (derzeit im Kino). Er ist schlank wie immer, trägt einen Vollbart, der gut mit dem dunklen Silbergrau seiner noch vollen Haare harmoniert. Er trägt ein blau-rot kariertes Holzfäller-Hemd, beige Cordhosen und schwarze Schaftstiefel. Irons sieht aus wie eine sehr entspannte Mischung aus Landgraf und Dandy. Zur Begrüßung lächelt er sein unverwechselbares, sanftes Wolfslächeln. Dann dreht er sich eine Zigarette, zündet sie an und inhaliert einen tiefen Zug. Noch einen Schluck Espresso – jetzt ist er bereit fürs Interview.

Mr. Irons, Sie scheinen sich hier sehr wohl zu fühlen.
Da haben Sie recht. Ich genieße es sehr, hier zu sein. Eine Bekannte aus Budapest ist vor einigen Jahren in die Schweiz gezogen. Und erzählte mir, dass es hier sehr gesittet zugeht – im Vergleich zu Ungarn. Das kann ich nur bestätigen. Vor allem Zürich finde ich wunderbar kosmopolitisch.

Tina Turner und Phil Collins haben ihren Hauptwohnsitz auch in der Schweiz.
(Grinst) Die sind sicher aus steuerlichen Gründen in die Schweiz ausgewandert. Nicht mein Ding.

Sie leben sehr zurückgezogen auf Ihrem Familiensitz Kilcoe Castle bei Cork in Irland. Steuerlich auch nicht gerade ungünstig.
Aber ich habe auch ein paar Häuser in England.

Als Multi-Millionär …
Ach, das bin ich schon lange nicht mehr. Ich bin nicht reich. Vielleicht wohlhabend …

Müssten Sie jemals im Leben wieder arbeiten, wenn Sie nicht wollten?
(Lacht) Wenn ich meinen Lebensstandard halten wollte, auf jeden Fall. Oder ich müsste ein paar Immobilien verkaufen. Ich lebe sehr gerne in meinem Schlösschen auf dem Land. Ich liebe die Natur, die Abgeschiedenheit, die Ruhe. Stadtluft kann ich nur begrenzt ertragen. Und ich weiß natürlich, dass ich ein sehr privilegiertes Leben führe. Wenn ich Glück habe, arbeite ich zwei, drei Monate im Jahr, der Rest ist Freizeit.

Sie spielen gerne in Independent-Filmen mit. Warum eigentlich?
Weil ich dort oft die viel interessanteren Geschichten und Rollen finde. Außerdem helfe ich gerne Regisseuren, von deren Talent ich überzeugt bin. Und manchmal hilft es schon, wenn ich für eine Rolle zusage, damit sie grünes Licht für ihr Projekt bekommen. Da ich ein Schauspieler bin, der schon lange dabei ist und der ein gutes internationales Renommee hat, ist das oft eine Hilfe. Abgesehen davon, arbeite ich sehr gerne mit einer verschworenen Gruppe von Künstlern, die bei kleineren Filmen wie „Die Poesie der Unendlichkeit“ fast immer ankämpfen muss gegen viel zu wenig Drehzeit und das kleine Budget. Die aber gerade deswegen alles daran setzt, dass der Film gut wird. Dadurch fühle ich mich als Schauspieler lebendiger und mehr gefordert.

Nach welchen anderen Kriterien wählen Sie sonst noch Ihre Filme aus?
Ich mag Filme, die etwas zu sagen haben. Und die bestenfalls auch noch unsere Herzen berühren. Wie die faszinierende Geschichte, die wir in „Die Poesie der Unendlichkeit“ erzählen. Dieses Mathematik-Genie aus Indien – Srinivasa Ramanujan –, das Dev Patel so einfühlsam spielt, gab es ja wirklich. Und er kam tatsächlich aus den Slums von Madras an die ehrwürdige Cambridge-Universität in England und hat dort mit seinem unendlichen Wissen alle vor den Kopf gestoßen. Ich spiele den exzentrischen Mathematik-Professor G.H. Hardy, der Srinivasa Ramanujan unter seine Fittiche nimmt. Was mir übrigens diebischen Spaß gemacht hat.

Warum?
Weil mich viele Leute auch im wirklichen Leben für einen Intellektuellen halten. Da habe ich ihnen jetzt mal einen gegeben (lacht). Ich habe übrigens nicht die geringste Ahnung, warum ich den Eindruck erwecke, ich wäre wahnsinnig belesen und superklug. Ich bin nämlich alles andere als das. Und ich bin auch kein Kopfmensch. Ich lebe aus dem Bauch heraus, reagiere total instinktiv.

Aber hat ein gut funktionierender Instinkt nicht viel mit emotionaler Intelligenz zu tun?
Okay, das lasse ich gelten. Aber ich bin wirklich sowas von unintellektuell. Ich habe auch keinen philosophischen Kompass oder etwas Ähnliches. Ich webe mir die Fäden meiner Existenz so zusammen, wie sie kommen. Wissen Sie, wie ich durchs Leben komme?

Verraten Sie es mir.
Wie ein Fisch. Ich schwimme wie ein Fisch durch den Fluss der Zeit. Dabei vermeide ich so gut ich kann die Angelhaken, und vor allem: von den größeren Fischen gefressen zu werden.

Das hat Sie weit gebracht. Hat aber auch etwas Schlüpfriges an sich …
Nein, das sehe ich nicht so. Eher etwas Elegantes, Flexibles, Energiegeladenes …

Alles Eigenschaften, die Sie auch als Schauspieler auszeichnen.
Vielen Dank, sehr nett. Dabei wollte ich eigentlich nie Schauspieler werden, sondern Zigeuner. Nach der Schule habe ich tatsächlich mit dem Gedanken gespielt, beim Zirkus unterzukommen. Als ich mir allerdings die Lebensumstände der Zirkusleute näher angeschaut habe, wusste ich, dass ich dafür leider nicht gemacht war. Die meisten von ihnen haben sich nämlich – zu viert! – einen schmutzigen Wohnwagen geteilt. Das war nichts für mich. Da hatte das Mittelklasse-Komfortdenken mich schon zu sehr versaut. Aber was ich dennoch in mir spürte, war der unbändige Wunsch aus den lähmenden und geisttötenden Konventionen des britischen Alltagslebens auszubrechen. Oder besser: Gar nicht erst hineinzugeraten. Deshalb habe ich mich zunächst auch als Folk-Sänger versucht und bin mit Schlafsack und Gitarre durch die Lande gezogen. Habe in Pubs und an Straßenecken Lieder von Leonard Cohen, Bob Dylan und auch ein paar Eigenkompositionen gesungen und eine Art Zigeunerleben geführt. Irgendwie bin ich dann beim Theater gelandet. Und die Bohème-Atmosphäre am Theater war ganz nach meinem Geschmack: Bis spät in die Nacht hinein proben oder auftreten und nicht vor Mittag aus den Federn kommen. Am Theater habe ich dann auch bald meine Frau kennengelernt.

Sie sind seit bald 40 Jahren mit der Schauspielerin Sinéad Cusack verheiratet.
Jetzt fragen Sie mich aber bloß nicht nach dem Rezept einer guten Ehe. Das gibt es nämlich nicht. Ich kann nur so viel sagen: Man muss es eben wollen, lange verheiratet zu sein. Und man muss es genießen können. Natürlich ist das oft auch schwierig, denn im Laufe der Jahre verändert man sich ja. Und mit einem selbst auch die Bedürfnisse. Alles im Leben beruht auf Entscheidungen. Ich habe mich ganz bewusst für uns entschieden. Und unsere Ehe hat mir unheimlich viel gebracht – und mich auch vor so manchem bewahrt.

Was genau meinen Sie damit?
Die Tatsache, dass ich schon so lange mit einer Schauspielerin verheiratet bin, die vollkommen ohne Allüren und außerdem sehr bodenständig ist, hat mich sicher davor geschützt, den oft nur allzu süßen Verlockungen von „Ruhm und Reichtum“ nachzugeben. Sinéad und ich haben immer ein Leben geführt, das nicht von hohen Gagen finanziert werden musste.

Aber ein bisschen Ruhm hat doch noch keinem geschadet.
Ein bisschen Ruhm gibt es nicht – genau das ist ja das Gefährliche. Ruhm kann einem sehr schnell zu Kopf steigen und ebenso schnell die Sicht auf die wahren Dinge des Lebens vernebeln. Ich habe schon etliche große Talente dadurch zugrunde gehen sehen. Das einzig Positive, das ich einem hohen Bekanntheitsgrad abgewinnen kann, ist, dass man bessere Rollen angeboten bekommt und vielleicht ein paar Leute mehr ins Kino gehen, weil sie einen kennen.

In einem Interview haben Sie gesagt, amerikanische Filmschauspieler seien viel besser als englische …
… weil die meisten Schauspieler in den USA ein viel besseres und vor allem umfassenderes Training haben. Englische Schauspieler werden überwiegend am Theater ausgebildet. Und diese ganz bestimmte Art von Darstellungskunst versuchen sie dann im Laufe der Jahre zu perfektionieren. Was für die Arbeit beim Film nicht gerade sehr förderlich ist. In Amerika ist man da mehr der Realität verhaftet. Viele große Filmschauspieler dort haben zum Beispiel im Fernsehen ihre ersten Erfahrungen gesammelt und dann ziemlich schnell auch beim Film. Sie haben dadurch gelernt, dass man als Schauspieler vor allem ein „Ereignis“ sein muss. Man muss etwas vor der Kamera kreieren, was die Leute sehen wollen, was die Menschen mitreißt. So großartige Schauspieler wie Sean Penn, Kevin Kline, Robert de Niro, Al Pacino und Meryl Streep haben das bis zur Perfektion verinnerlicht.

Wie haben Sie es geschafft, nicht in die Falle der permanenten Selbstwiederholung zu tappen?
Dazu bin ich wohl zu leidenschaftlich gerne Schauspieler – und zwar einer, der sich sehr schnell langweilt. Deshalb hasse ich es, mich zu wiederholen oder gar selbst zu imitieren. Ich liebe nichts mehr als die Abwechslung.

Gibt es eine Rolle, die Sie noch unbedingt spielen wollen?
Don Quijote – das wäre ein Traum. Aber lassen Sie mich noch auf Pacino und de Niro zurückkommen. Ich hatte das Glück, mit beiden arbeiten zu dürfen. Und ich kann Ihnen versichern: Sie sind absolute Meister ihres Faches. Ich war nie glücklicher als bei den Dreharbeiten zu „Mission“. Und einer der Gründe war Robert de Niro. Der blieb nämlich – als lupenreiner method actor – die ganze Zeit in seiner Rolle. De Niro erwartete, dass man ihn dazu bringen würde, das zu tun, was er zu tun hatte. Wenn er zum Beispiel wütend sein sollte, dann wollte er, dass ihn sein Gegenüber so lange reizte, bis er tatsächlich wütend wurde. Das war jedes Mal ein wahnsinniger Kraftakt. Aber es hat uns andere auch zu Höchstleistungen beflügelt. Es sind sehr oft die komplizierten und schwierigen Schauspieler, die die Latte sehr hoch legen und einen damit anspornen, auch selber noch einen draufzulegen.

Ihr Sohn Max ist vor einigen Jahren in Ihre Fußstapfen getreten und mittlerweile als Schauspieler ziemlich erfolgreich. Welchen Rat haben Sie ihm mit auf den Weg gegeben?
Dass es bei weitem nicht genügt, nur den Text fehlerfrei aufzusagen, sich sexy zu bewegen oder in den Klamotten gut auszusehen. Wirklich großartige Schauspieler sind immer bereit, die Extra-Meile zu gehen und dabei über sich hinauszuwachsen. Und ich habe ihm auch geraten, lieber mehr Theater zu spielen als für Kinofilme auf Promotion-Tour zu gehen. Ansonsten halte ich mich aber zurück. Es ist sein Leben. Und sicher ist es auch nicht ganz leicht, Eltern zu haben, die beide als Schauspieler sehr erfolgreich sind. Aber er macht seine Sache sehr gut.

Muss man als Schauspieler auch Narziss sein?
Ja, auf jeden Fall. Ich bin sicher ein Narziss. Aber nicht im Sinne von: „Oh, wie wunderbar schön bin ich!“ Das wäre ein Hindernis. Sondern ich bin fasziniert von der Figur, die ich darstelle. Mein Körper ist mein Instrument. Und dieses Instrument muss ich verstehen – und lieben, um es effektiv benutzen zu können.

Sind Sie eitel?
Eine gewisse berufsbedingte Eitelkeit ist da durchaus vorhanden. Ich weiß immer, wie ich aussehe und wie ich auf andere wirke. Da bin ich so professionell wie möglich. Mir ist genau bewusst, wie meine Frisur sitzt und wie gut oder schlecht ich geschminkt bin. Privat bin ich aber überhaupt nicht eitel. Da schaue ich morgens beim Zähneputzen kurz in den Spiegel, kämme mich mit der flachen Hand. Und oft rasiere ich mich eine ganze Woche lang gar nicht.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit am liebsten?
Ich segle sehr gerne. Ich bin ein leidenschaftlicher Reiter – und Jäger. Ja, ich bekenne mich sogar zur Fuchsjagd, die in Großbritannien auf dem Index steht. Das ist eine jahrhundertealte Tradition, die man plötzlich aus sehr fadenscheinigen Gründen verbieten will. Und wenn ich etwas hasse, dann Bevormundung und Zensur. Auch im Beruf.

Und was ist, wenn Sie einen Regisseur haben, der Sie gängeln will?
Das ist die Pest. Es ist menschlich und meist auch künstlerisch sehr, sehr frustrierend und unbefriedigend. Das Gute ist, dass ich solche Dreharbeiten schnell wieder vergesse und nach vorne schaue. Diesbezüglich bin ich sehr pragmatisch. Auf der einen Seite versuche ich, meine Karriere sehr genau zu steuern. Auf der anderen Seite bin ich immer noch sehr emotional und offen. Da riskiere ich gelegentlich Kopf und Kragen. Das „Lolita“-Remake, das ich vor einigen Jahren gemacht habe, hat mich fast meine Karriere gekostet. Der Film war, nicht nur für den amerikanischen Markt, viel zu erotisch und – ein gigantischer Flop.

Dabei gehört Vladimir Nabokovs gleichnamiger Roman zur Weltliteratur.
Stimmt. Aber anscheinend kann man immer noch keinen Film verkaufen, in dem ein älterer Mann Sex mit einer Minderjährigen hat (lacht).

Was ist Ihre Hauptantriebskraft im Leben?
Die Lust, etwas zu riskieren. Wenn du etwas riskierst, bekommst du Extra-Lebenszeit geschenkt. Ich spiele zum Beispiel dieses Jahr nach langer, langer Zeit wieder Theater – in Bristol, im „Old Vic“, wo ich meine Karriere begonnen habe, in Eugen O’Neills Stück „Eines langen Tages Reise durch die Nacht“ den James Tyrone, eine Rolle, die schon Laurence Olivier gespielt hat. Große Schuhe, die es zu füllen gilt. Und bin deswegen total aufgeregt und verängstigt. Ehrlich gesagt, habe ich die Hosen gestrichen voll. Aber ich habe mich entschlossen, dieses Wagnis dennoch einzugehen. Und zwischen den Panikattacken habe ich auch echte Euphorie-Flashs.

Interview: Ulrich Lössl

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