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„Ich war sehr scheu“

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Carey Mulligan ist momentan im Film "Am grünen Rand der Welt" im Kino zu sehen.
Carey Mulligan ist momentan im Film "Am grünen Rand der Welt" im Kino zu sehen. © REUTERS

Die britische Schauspielerin Carey Mulligan spricht über Feminismus, ihre Zeit in Deutschland und warum sie sich manchmal selbst kneifen muss.

Von Ulrich Lössl

In der Verfilmung des Thomas-Hardy-Klassikers „Am grünen Rand der Welt“ (Besprechung im Feuilleton) spielt Carey Mulligan eine resolute Gutsherrin, die im viktorianischen England gleich drei gestandenen Männern den Kopf verdreht und erst nach einigen Irrungen und Wirrungen den Richtigen findet. Im wirklichen Leben ist Mulligan ihrem Mr. Right längst begegnet: Seit 2012 ist sie mit Marcus Mumford verheiratet, Frontman der britischen Folkrockband Mumford & Sons.

Zum Interview im Londoner Soho Hotel kommt sie in einem dunkelblauen Hosenanzug und einer lachsfarbenen Bluse. Ein schmaler goldener Ehering glänzt an ihrem Finger. Carey Mulligan ist eine sehr aufmerksame Gesprächspartnerin, die aber eine Weile braucht, bis sie sich warmgeredet hat – dann aber sehr offen und herzlich antwortet. Mit ihren erst 30 Jahren gehört sie schon jetzt zu den gefragtesten Schauspielerinnen der Welt, was sie aber in aller Bescheidenheit eher herunterspielt: „Ich bin schon froh, dass ich nicht der flavour of the month bin.“ Und man versteht nur zu gut, was ihr Regisseur Thomas Vinterberg meint, wenn er sagt: „Carey hat bei den Dreharbeiten jeden Mann – vom Beleuchter bis zum Co-Star – mit ihrem Charme um den Finger gewickelt. Inklusive mich.“

Mrs. Mulligan, sind Sie heute schon Bus gefahren?
Nein, warum?

Weil auf vielen Londoner Bussen Ihr Foto zu sehen ist. Doppeldeckergroß.
Oh Gott, tatsächlich?

Natürlich als Werbung für Ihren neuen Film „Am grünen Rand der Welt“. Wenn Sie sich selbst so abgebildet sehen, was geht da in Ihnen vor?
Da freue ich mich erst einmal, dass für den Film so ein großer Werbeaufwand gemacht wird und dadurch möglichst viele Zuschauer ins Kino gelockt werden. Denn ich finde, dass hat er verdient. Aber das bin ja nicht ich auf dem Bus, sondern das Portrait der Frau, die ich spiele. Wenn ich tatsächlich einmal ein Foto von mir auf einem Bus sehen würde, wäre das sehr befremdend. Und ich müsste mich wohl direkt in Psychotherapie begeben.

Warum eigentlich? Ist es nicht das, wovon man als Schauspielerin träumt?
Sie meinen, berühmt zu sein und überall erkannt zu werden? Um Gottes Willen! Das wäre wohl das Letzte gewesen, an das ich gedacht hätte, als ich Schauspielerin werden wollte.

Warum wollten Sie es dann werden?
Ich weiß, es klingt fürchterlich nach einem Klischee, aber seit ich mit sechs Jahren meinen Bruder in einer Theateraufführung von „Der König und ich“ gesehen habe, gab es für mich nichts anderes mehr: Ich wollte unbedingt Schauspielerin werden. Und nur Schauspielerin. Koste es, was es wolle. Was meine Eltern zunehmend an den Rand der Verzweiflung trieb. Als ich ihnen mit 16 Jahren sagte, dass ich jetzt ernst machen würde, war das eine mittlere Katastrophe.

Was genau hat Sie so fasziniert?
Einfach alles. Für mich strahlte die Welt des Theaters und später auch der Film etwas Magisches und Geheimnisvolles aus. In diese Welt wollte ich mit Haut und Haar eintauchen.

Und warum wollten Ihnen Ihre Eltern diese Flausen so gründlich austreiben?
Aus Angst und Unsicherheit, denke ich. Sie wollten eben, dass ihre Tochter „einen anständigen Beruf“ erlernt, von dem sie später auch würde leben können. Sie wollten unbedingt, dass ich – wie mein älterer Bruder – einen Universitätsabschluss mache. Aus heutiger Sicht verstehe ich natürlich ihre Sorgen. Aber damals war ich über diese „Auf-Nummer-sicher-gehen“-Einstellung stinksauer. Und nachdem ich drei Jahre lustlos herumstudiert hatte, habe ich die Uni endgültig geschmissen. Und es endlich mit der Schauspielerei versucht. Ich kann nämlich bei Dingen, die mir wirklich wichtig sind, ganz schön starrköpfig sein.

Aber mit der Schauspielerei lief es – freundlich gesagt – nicht gerade reibungslos.
(Lacht) Ja, man könnte auch sagen: Es war ein Desaster! Zumindest eine Zeit lang. Ich wurde von einer Schauspielschule nach der anderen abgelehnt und versagte beim Vorsprechen meist völlig, weil ich viel zu aufgeregt war. Ich fühlte mich wie ein kompletter Versager.

Da halfen nicht einmal die Briefe, die Sie an Kenneth Branagh und Julian Fellowes, den „Downton Abbey“-Erfinder, schrieben…
… erinnern Sie mich bloß nicht daran! Das ist mir bis heute noch peinlich. Es waren ganz schlimme Bittbriefe.

Aber Fellowes hat Ihnen doch Ihre erste Filmrolle in „Stolz und Vorurteil“ verschafft.
Ja, aber das war viel, viel später. Durch seine Fürsprache erhielt ich tatsächlich eine kleine Rolle in „Stolz und Vorurteil“. Und plötzlich stand ich da neben Keira Knightley und Judi Dench und konnte mein Glück kaum fassen. Das war vor zehn Jahren. Ehrlich gesagt muss ich mich auch heute noch ab und zu kneifen, um sicher zu sein, dass das alles kein Traum ist.

Nach Ihrem internationalen Durchbruch mit „An Education“ riss sich Hollywood um Sie…
… na ja, ich habe dort ein paar Filme gemacht …

… doch Sie sind trotzdem nicht mit fliegenden Fahnen nach Los Angeles gezogen. Im Gegenteil: Sie haben regelrecht einen Hang zu dänischen Filmemachern entwickelt. War das Zufall?
Nein, nicht ganz. Denn alle drei – Lone Scherfing, Nicolas Winding Refn und auch Thomas Vinterberg – unterscheiden sich von ihrer Arbeitsweise und Persönlichkeit doch sehr von sogenannten Hollywood-Regisseuren.

Inwiefern?
Sie sind alle sehr direkt und sagen einem auf den Kopf zu, was sie denken und fühlen. Und das kommt mir sehr entgegen. Denn ich bin genauso gestrickt. Diese Art von Offenheit schafft Vertrauen. Und als Schauspieler braucht man nichts so sehr wie Vertrauen. Lone, zum Beispiel, hat mir bei den Dreharbeiten zu „An Education“ bei einer Szene gesagt: „Das war überhaupt nicht witzig. Streng‘ dich mal gefälligst an.“ Sie meinte das aber nicht etwa böse, sondern wollte mich dadurch eher anspornen. Und bei Thomas wusste ich immer, wenn er nach dem Dreh von etwas begeistert war, dann musste ich mir keine Sorgen machen. Denn dann fand er das wirklich klasse. Ganz im Gegensatz zu anderen Regisseuren, die eher herumdrucksen, wenn ihnen etwas nicht gefällt. So nach dem Motto: „Das war toll, aber könntest du das vielleicht doch noch einmal so oder so versuchen?“ Da weiß man nie genau, woran man ist – und das stresst mich ungemein. (Lacht) Nicolas wiederum kann manchmal wirklich brutal sein. Als ich zum Vorsprechen für „Drive“ kam, begrüßte er mich mit den Worten: „Hey, Carey, du bist aber viel fetter geworden, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben“. In Hollywood würde ein Regisseur lieber sterben als seine Schauspieler auf diese Weise zu begrüßen. Aber ich glaube, das gehört zu Nicolas‘ Spiel. Er stößt Leute gerne vor den Kopf und schaut dann, wie die reagieren. Hinter dieser Maskerade ist er sehr sensibel und hilfsbereit. Wir sind mittlerweile gut befreundet.

Es heißt, dass Oliver Stone seine Schauspieler beim Drehen gerne ein bisschen quält. Was waren Ihre Erfahrungen bei „Wall Street: Geld schläft nicht“?
Quälen würde ich mich bei meiner Arbeit von niemandem lassen. Ich bin schließlich keine Masochistin. Natürlich sind auch mir schon Leute begegnet, deren Ego kaum durch die Tür passte. Aber denen bin ich, wenn ich konnte, immer ausgewichen. Ich verstehe mich nun mal besser mit Menschen, die trotz ihres Erfolgs auf dem Teppich geblieben sind. Ich werde oft gefragt, wie mich der Erfolg verändert hat. Da kann ich nur sagen, dass ich anfangs viel zu scheu war, um ihn richtig genießen zu können. In der Oscar-Nacht, als ich für „An Education“ nominiert war, bekam ich vor lauter Aufregung und Nervosität gar nicht richtig mit, was da so um mich herum passierte.

Und ein paar „Vogue“- und „Vanity Fair“-Cover später, als etablierter Filmstar?
Da war ich meistens weitab vom Geschehen, an irgendwelchen Drehorten in Australien oder sonst wo. Wissen Sie, ich hatte großes Glück. Denn durch den großen Erfolg mit „An Education“ hat man mich in Hollywood mit offenen Armen empfangen. Und ich musste nicht – wie viele meiner Kolleginnen – Klinkenputzen gehen oder mich Produzenten oder Regisseuren andienen.

Hollywood war also nie Ihr Traumziel?
Ganz sicher nicht. Natürlich bin stolz auf die Filme, die ich dort gemacht habe. Aber ich wollte nie in Los Angeles leben.

„Weit weg von der verrückt machenden Menschenmenge“ heißt Thomas Hardys Buch wörtlich übersetzt. Könnte das auch Ihre derzeitige Lebenssituation beschreiben?
Wie kommen Sie denn darauf?

Leben Sie nicht sehr zurückgezogen auf einer Farm im südenglischen Devon?
Das stimmt, wenn ich mit meinem Mann nicht in London wohne, leben wir tatsächlich in ländlicher Abgeschiedenheit auf einer Farm in Devon. Aber ich sehe das nicht als Flucht vor Leuten, die mich in den Wahnsinn treiben. Es ist vielmehr die Liebe zur Natur, zum Ursprünglichen, zur Weite.

War diese „Liebe zur Natur“ einer der Gründe, warum Sie bei „Am grünen Rand der Welt“ mitspielen wollten? Immerhin spielen Sie da eine Gutsherrin, auf einer Farm …
Sie meinen, ich hätte da schon mal fürs richtige Leben geübt? Nein, ein Grund, warum ich den Film unbedingt machen wollte, war Thomas Vinterberg, dessen Filme „Das Fest“ und „Die Jagd“ mich ungeheuer beeindruckt haben. Und dann hatte ich auch noch nie zuvor die Hauptrolle in einer so wunderbar epischen Love Story gespielt. Doch dieser Film ist ja nicht nur eine romantische Liebesgeschichte. Die Gutsherrin Bathsheba Everdene ist eine sehr moderne und sehr komplexe Frauenfigur. Sie auf meine Weise zu interpretieren, das war letztlich der ausschlaggebende Grund.

Nach der depressiven Hausfrau in „Drive“, der selbstmordgefährdeten Schwester in „Shame“, der dünkelhaften Folk-Sängerin in „Inside Llewyn Davis“ war es also an der Zeit, mal eine starke und selbstbestimmte Frau zu spielen?
Vielleicht. Bathsheba ist eine sehr moderne Frau, die im viktorianischen England eigentlich nichts zu suchen hat. Sie hat große Ambitionen, die sie mit viel Eigensinn bis hin zur Starrköpfigkeit durchzusetzen weiß. Darin sind wir uns übrigens nicht ganz unähnlich. Außerdem ist sie authentisch, wahrhaftig und lässt sich in einer männerdominierten Welt nicht vorschreiben, was sie zu tun oder zu lassen hat. Sie führt ihre Farm mit viel Geschick und Durchsetzungsvermögen.

Eine echte „Powerfrau“ also.
Ja, absolut. Bathsheba gefällt mir einfach. Sie ist kompliziert – aber sind wir das nicht alle? Und sie hat die Fähigkeit, aus Erfahrungen zu lernen, sich im Laufe ihres Lebens weiterzuentwickeln. Auch dabei kann ich mich ganz stark mit ihr identifizieren. Sie ist außerdem noch sehr empfindsam – was für eine Mischung!

Der Film stellt auch die Frage, ob man sein Schicksal selbst in die Hand nehmen kann oder doch alles eher Zufall ist. Was glauben Sie?
Ich habe immer versucht, das Beste aus meinen Möglichkeiten zu machen. Und es war mir immer wichtig, meine Mitmenschen gut zu behandeln. Aber ich glaube nicht, dass man mehr kontrollieren kann als das.

Was ist denn Ihr ausgeprägtester Charakterzug?
Keine Ahnung. In vielen Dingen des Lebens war ich eine Spätentwicklerin. Und ich war oft zurückhaltend und scheu. Ich bin auch heute noch ein sehr privater Mensch, der sich in der Öffentlichkeit eher bedeckt hält. Mein ausgeprägtester Charakterzug … Vielleicht mein Durchhaltevermögen. In Bezug auf meine Arbeit war ich immer sehr ambitioniert und wusste genau, was ich wollte und was nicht. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Ich wollte als Schauspielerin nicht etwa die Welt aus den Angeln heben, sondern eben immer gerade so viele Engagements haben, dass ich davon leben konnte.

Es gibt Leute, die meinen, dass Schauspieler einem doch immer nur etwas vormachen. Was antworten Sie denen?
Dass das ein großes Missverständnis ist. Ich bin zwar in Wirklichkeit keine Gutsherrin aus dem 19. Jahrhundert, aber die Gefühle, die ich auf der Leinwand zeige, kommen ganz tief aus meinem Herzen. Und sind so was von echt. Natürlich gibt es auch Schauspieler, die nur so tun als ob. Aber das spürt man als Zuschauer doch sofort. Wenn ich so jemanden auf der Leinwand oder auf der Bühne sehe, fühle ich jedenfalls gar nichts. So-tun-als-ob ist die größte Sünde, die man als Schauspieler begehen kann. Gott sei Dank wird sie auch meistens sofort bitterlich bestraft.

In Ihrem nächsten Film „Suffragette“ stehen Sie gemeinsam mit Meryl Streep vor der Kamera. Für viele Schauspielrinnen ist sie ein Vorbild. Auch für Sie?
Es war natürlich faszinierend, gemeinsam mit ihr vor der Kamera zu stehen. Und natürlich kann man dabei auch sehr viel lernen. Aber wenn ich ehrlich bin, sind meine Vorbilder eher Kate Winslet, Marion Cotillard und Cate Blanchett. Bei „Suffragette“ hat mich vor allem das Thema interessiert. Es ist ein sehr wichtiger Film für mich. Er handelt von der Frauenbewegung am Beginn des 20. Jahrhunderts in England. Ich muss gestehen, dass ich über die Anfänge des Feminismus vorher nicht viel wusste. Ich habe viel dabei gelernt.

Was denn zum Beispiel?
Ich hatte vorher keine Ahnung, was die Frauen damals für uns Frauen von heute durchmachen mussten. Wie sie unter Einsatz ihres Lebens für die Rechte der Frauen kämpften, für ein einheitliches Wahlrecht zum Beispiel. Diese Frauen waren bereit, alles aufs Spiel zu setzen: ihre Arbeit, ihr Zuhause, ihre Kinder, ihre Freiheit. Ein total packender Film. Und leider sind wir Frauen auch 100 Jahre später immer noch nicht in der Position, überall gleichberechtigt zu sein. Viele Frauen werden für die gleiche Arbeit immer noch schlechter bezahlt als Männer. Viele Frauen auf der Welt haben nicht mal das Wahlrecht – schauen wir doch nur nach Saudi Arabien …

Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?
Ja, absolut. Für mich ist eine Feministin jemand, der daran glaubt, dass alle Menschen dieselben Rechte haben sollten. Männer wie Frauen. Doch bis dahin ist es leider noch ein weiter Weg.

Sie haben als Kind längere Zeit in Deutschland gelebt.
Ja, ich habe als Kind, im Alter von drei bis sieben Jahren, mit meinem Bruder und meinen Eltern erst in Hannover und dann in Düsseldorf gelebt. Da mein Vater als Hotel-Manager arbeitete, konnten wir auch immer in diesen tollen Luxus-Hotels wohnen. Das war für uns Kinder natürlich ein wahres Eldorado. Wir sind wie wild durch die Gänge gestromert und haben uns mit Vorliebe in den Zimmern versteckt, aus denen die Gäste gerade ausgecheckt hatten. Bis mein Vater das spitzkriegte. Da gab es ein großes Donnerwetter. Und das Höchste für mich war, beim Zimmerservice Wiener Schnitzel zu bestellen.

Sie sprachen damals auch fließend Deutsch …
… was ich leider überhaupt nicht mehr kann. Ich habe es aus Faulheit zu sehr schleifen lassen und mich dann als Teenager gar nicht mehr darum gekümmert. (Auf Deutsch:) Jammerschade! Meine Mutter und mein Bruder sprechen es noch fließend. Aber ich habe mir fest vorgenommen es wieder zu lernen. Das – und Autofahren. Denn das kann ich bis heute noch nicht wirklich gut (lacht). Aber Deutschlernen steht ganz oben auf meiner To-Do-Liste. Versprochen!

Interview: Ulrich Lössl

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