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Sofia Coppola auf dem Filmfestival in Cannes im Mai.

Sofia Coppola

"Ich schöpfe aus meiner Lebenserfahrung"

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Die US-amerikanische Regisseurin Sofia Coppola spricht im Interview über Leidenschaft, Feminismus in Hollywood und das Spiel der Verführung.

Lautlos wie eine Katze betritt Sofia Coppola die Suite des Hotels Bayerischer Hof in München. Sie ist an die Isar gekommen, weil das Münchner Filmfest sie mit der Retrospektive ihrer sechs Spielfilme ehrt. Aber natürlich auch, um ihren neuen Film zu promoten: „Die Verführten“ (Kinostart 29. Juni). Auf den Filmfestspielen in Cannes bekam sie dafür den Preis für die beste Regie. „Die Verführten“ ist eine Neu-Adaption von Thomas P. Cullinans Roman „A Painted Devil“, den Don Siegel mit Clint Eastwood schon 1971 verfilmte.

Mrs. Coppola, „alle meine Filme sind sehr persönlich“, sagten Sie mal. Was ist denn das ganz Persönliche an „Die Verführten“?
In diesem Film habe ich bei der Charakterisierung der Figuren sehr aus meiner Lebenserfahrung geschöpft. Ich habe an ganz bestimmte Personen gedacht, die ich kenne. (Lacht) Aber ich werde Ihnen jetzt nicht verraten, wer genau diese Menschen sind. Außerdem habe ich mit meinen 46 Jahren schon selbst die verschiedenen Altersstufen meiner Protagonisten durchlebt, also konnte ich da und dort auch eine sehr persönliche Färbung einbringen. Mir sind Details sehr wichtig. Wie reagiert zum Beispiel ein kleines Mädchen, wenn sie zum ersten Mal einen attraktiven erwachsenen Mann sieht?

Don Siegels Filmadaption des Romans, mit Clint Eastwood in der Hauptrolle, ist ein lupenreiner Macho-Film …
… der mir trotzdem gefällt (lacht). Vor allem wie er gemacht ist. Einer der Gründe, warum ich diesen Stoff verfilmen wollte, war, dass ich es sehr interessant fand, dieser Macho-Attitüde eine feminine Sichtweise entgegenzusetzen. Machtspiele zwischen Männern und Frauen haben ja immer ein gewaltiges Potenzial und sind absolut zeitlos. Ich erzähle diese Geschichte nun überwiegend aus der Perspektive der Frauen und Mädchen. Ich mag solche Filme. Sie sind mir sehr wichtig. Deshalb muss man mir ja noch lange nicht das Etikett „Feministin“ umhängen. Das wäre mir nämlich zu klischeehaft.

Wie wäre es mit „selbstbewusste Filmemacherin“?
Fabelhaft. Ja, das kann ich akzeptieren. Ich will als Filmemacherin und auch als Kinogeherin eben nicht nur Filme sehen, die aus dem Blickwinkel von weißen heterosexuellen Männer gedreht wurden. Das ist mir viel zu einseitig. Ich will im Film – wie auch im wirklichen Leben – Vielfalt, Neues, Aufregendes, Andersartiges.

Wie schwierig ist es für Sie, in Hollywood Integrität zu bewahren?
Ich bin fest davon überzeugt, dass man Integrität einfach hat – oder nicht. Und ich kann eben nicht anders. Wenn ich einen Film mache, dann muss ich voll und ganz hinter ihm stehen können. Das heißt auch, dass ich mir die Kontrolle darüber nicht aus der Hand nehmen lasse. Bitte keine faulen Kompromisse! Integrität habe ich bei meinem Vater gesehen und höchstwahrscheinlich auch von ihm geerbt. Aber einen Film genau so machen zu können, wie man ihn sich künstlerisch vorstellt, das ist immer sehr schwer. Das ist immer ein Kampf, den ich mit Leidenschaft führe, solange es Sinn macht. Ich habe mich allerdings auch schon mit Studiobossen überworfen und bin aus Projekten ausgestiegen (wie zuletzt bei dem Projekt einer Realverfilmung von „Die kleine Meerjungfrau“; A.d.Red). Aber bei „Die Verführten“ war alles so, wie ich es wollte. Deshalb bin ich auch sehr glücklich darüber. Denn worum geht es beim Filmemachen, wenn nicht darum, seine künstlerischen Visionen umzusetzen?

Sie haben schon sehr früh Ihren ganz eigenen, oft sehr intim wirkenden Stil gefunden.
Es war mir sehr wichtig, sehr schnell eine eigene Handschrift zu haben. Und die formt ja bekanntlich das Leben. Ich war immer offen für andere Menschen und Dinge und habe mich dadurch sicher auch beeinflussen lassen. Außerdem habe ich schon immer sehr viel gelesen, Musik gehört und mich für Kunst interessiert. Auch das viele Reisen – zuerst im Schlepptau meiner Eltern und dann alleine oder mit Freunden – hat mich sicher sehr geprägt.

Sie waren schon als Kind sehr oft bei Dreharbeiten Ihres Vaters dabei. Was haben Sie denn in der Filmschule Francis Ford Coppola gelernt?
(Lacht) Alles! Ich habe meinem Vater jahrelang beim Filmemachen über die Schulter schauen können. Da habe ich wirklich alles gelernt, was man in Punkto Film lernen kann. Natürlich haben wir auch sonst immer sehr viel über das Filmemachen geredet. Über die technischen und theoretischen Dinge. Aber nichts geht über die Praxis. Als ich meinen ersten Film machte, wusste ich tatsächlich, was ich zu tun hatte.

Es gehört sehr viel Mut dazu, in die Fußstapfen eines so berühmten Vaters zu treten.
Sicher gehört dazu Mut, aber jedes Kind muss sich doch von den Eltern emanzipieren. Das ist also nichts besonderes.

War es eigentlich immer ein Vorteil den Namen Coppola zu tragen?
Das kann ich nicht sagen. Es gab Vor– und Nachteile. Aber ich heiße nun einmal so. Ich kann ihn ja schwerlich ändern. Mir war wichtig, dass ich durch meine Arbeit überzeuge. Und das ist mir bisher, glaube ich, ganz gut gelungen.

Beschreiben Sie sich bitte mal als Regisseurin.
Ich komme extrem gut vorbereitet ans Set und freue mich auf die Zusammenarbeit mit Cast und Crew. Für diesen Film hatten wir nur 26 Drehtage, also haben wir alle sehr hart und hochkonzentriert gearbeitet. Trotzdem war die Atmosphäre sehr herzlich. Ich bin jemand, der beim Drehen nie herumschreit, denn das würde das Betriebsklima sehr schnell vergiften. Ich versuche auch, nie in Hektik zu verfallen. Mir liegt sehr viel daran, dass sich alle am Set wohlfühlen, besonders die Schauspieler. Denn die sollen ja den ganzen Dreh über offen, verletzbar und sensibel bleiben, weil das ihrem Spiel zugute kommt. Natürlich feiern wir zwischendurch auch mal alle, wenn es die Zeit erlaubt. Während dieser Dreharbeiten war zum Beispiel Halloween. Da haben wir uns alle verkleidet und „Trick or Treat“ („Süßes oder Saures“) gespielt.

Stellen Sie sich vor, Sie gehen zu einem Dinner mit Ihren Freundinnen. Würden Sie etwas an sich selbst ändern, wenn Sie wüssten, dass da auch ein Mann anwesend ist?
Sie meinen, ob ich dann etwas anderes anziehen würde? Nein, mein Outfit hängt eher von der Stimmung ab, in der ich mich jeweils befinde. Ich würde mich beim Dinner auch nicht anders verhalten als in einer reinen Frauenrunde – glaube ich zumindest. Aber es ist natürlich klar, dass sich die Dynamik ändert, wenn ein Mann anwesend ist. Und wenn Sie auf „Die Verführten“ anspielen: Ich war noch nie so lange von der Gesellschaft eines Mannes ausgeschlossen wie die Frauen und Mädchen im Film. Ich hatte also noch nie diesen erotischen Notstand (lacht).

Sie sind mit dem französischen Musiker Thomas Mars verheiratet, haben mit ihm zwei kleine Töchter – verschieben sich da nicht die Prioritäten im Leben?
Sie meinen zum Nachteil meiner kreativen Arbeit? Natürlich ist mir meine Familie das Wichtigste, aber man kann durchaus beides haben: ein erfülltes Privat- und Berufsleben. Das habe ich bei meinen Eltern gesehen, das erlebe ich auch jetzt selbst. Es ist meist eine Frage der Organisation. Wenn mein Mann mit seiner Band auf Tournee geht, dann bin eben ich zu Hause bei den Kids. Wenn ich drehe, ist es umgekehrt. Oder wir besuchen uns jeweils. Und manchmal kann man Beruf und Privatleben auch nicht synchronisieren. Aber auch das ist okay. (Lacht) Als ich, zum Beispiel, den Anruf bekam, dass ich in Cannes den Regiepreis gewonnen habe, war ich mit meinen Töchtern gerade auf dem Weg nach Coney Island zum baden.

Was ist denn Ihre seelische Grundtönung?
Süße Melancholie. Ich glaube, ich bin gern melancholisch. Und ich bin immer noch ziemlich schüchtern. Ich öffne mich nur sehr engen Freunden wirklich.

Woher rührt denn Ihre Melancholie?
Vielleicht weil ich weiß, dass alles einmal eine Ende hat. Nichts ist ewig. Ein Beispiel: Meine Mutter hat einen wunderschönen Garten, in dem ich mich, wenn ich Zeit habe, sehr gerne aufhalte. Aber auch da verblühen Blumen und Pflanzen beginnen zu welken.

Der Originaltitel des Films ist „The Beguiled“, was soviel heißt wie „der oder die Bezauberte/n oder Getäuschte/n“. Diese Ambiguität geht im deutschen Titel „Die Verführten“ leider verloren. Wer wird denn Ihrer Meinung nach nun bezaubert oder verführt: Der Mann von den Frauen – oder die Frauen von dem Mann?
Genau diese Ambiguität versuche ich ja den ganzen Film über in der Schwebe zu halten. Da soll sich jeder Zuschauer ruhig selbst einen Reim darauf machen. Um nichts in der Welt würde ich verraten, was ich denke.

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