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Udo Jürgens war häufiger Gast in Rainer Holbes ZDF- „Starparade“.
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Udo Jürgens war häufiger Gast in Rainer Holbes ZDF- „Starparade“.

Udo Jürgens im Interview

„Ich war nicht so wichtig, wie ich mir vorkam“

Zum 80. Geburtstag von Udo Jürgens spricht Rainer Holbe mit dem Sänger und Komponisten über gemeinsame Zeiten, die Weisheit des Alters und die Schlagkraft, die Lieder haben können.

Von Reiner Holbe

Im März 1966 ging Udo Jürgens beim „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ mit seinem Lied „Merci Chérie“ an den Start. Als er mit einem Stimmenvorsprung von 100 Prozent gewann, begann eine einmalige Karriere. Seitdem hat er mehr als 100 Millionen Tonträger verkauft, ab Oktober ist er mit der Tournee „Mitten im Leben“ unterwegs. Zuvor, am 30. September, feiert er seinen 80. Geburtstag. Moderator Rainer Holbe hat ihn während seiner Karriere begleitet, allein 13 Mal war Udo Jürgens in Holbes ZDF-„Starparade“ zu Gast. Für das FR-Interview trafen nun beide wieder zusammen.

Udo, wie fühlst du dich vor der „Mitten im Leben“-Tournee, vor den 26 ausverkauften Hallen in Deutschland und Österreich?
Ich habe mich auf eine Tournee immer optimal vorbereitet. Und diesmal ganz besonders. Das bin ich allein meinem Alter schuldig: Entweder gehe ich noch auf eine Bühne oder gar nicht. Wie immer habe ich auch ein paar neue, gute Lieder, die ich gerne zum Klingen bringen möchte. Momentan mache ich Ferien in Portugal, aber mein Flügel ist ganz in meiner Nähe. Ich freue mich darauf, wenn es dann am 24. Oktober endlich losgeht.

Ein Mensch der 80 Jahre alt wird, hat Höhen und Tiefen erlebt. Wie war das an jenem Abend am 5. März 1966, als du im Park vor dem Luxemburger Nationaltheater die Abstimmung der nationalen Jurys abwarten musstest, die den Sieger des „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ zu ermitteln hatten?
Es war ein außerordentlich spannendes Erlebnis. Es ging um viel, um nicht zu sagen um den Wendepunkt in meiner Kariere. Es ging um Sein oder Nichtsein, schließlich hatte ich schon zum dritten Mal Österreich bei diesem Wettbewerb vertreten. Und ich wusste genau, wenn es diesmal nicht klappt, wird es nie wieder was. „Merci chérie“ ist danach die Nummer eins in Amerika geworden und auch in vielen anderen Ländern gespielt worden. Es war – ohne zu übertreiben – ein internationaler Erfolg.

Die Leute lieben dich auch deshalb, weil sie in deinen Liedern wie in einem Lebensbuch blättern können. Die meisten Texte sind autobiografisch, von „Und dabei könnt sie meine Tochter sein“ bis „Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden“, ein Chanson, das du deiner Tochter gewidmet hast. Ist es nicht manchmal schwer, sich so tief ins Herz schauen zu lassen?
Wenn du Schriftsteller bist oder Liedertexter, dann musst du dir ins Herz schauen lassen, oder du musst einen anderen Beruf ergreifen. Wenn du nicht selbst von deinen Erfahrungen im Leben berichtest, dann wirst du niemals wahrhaftig sein. Nur wer offen ist und sich in sein Herz schauen lässt, wird sein Publikum berühren. Nur so werden die Texte ihren Weg finden. Das ist dann das Wahrhaftigste, was es gibt.

Wenn du singst „Ich reiß sicher keine Bäume mehr aus – doch ich will und werde noch welche pflanzen“, dann ist das ja eine Anspielung auf den kommenden runden Geburtstag: 80 Jahre – nicht nur für einen Musiker ein stattliches Alter.
Das ist ein hohes Alter, und ich bin mir dessen vollkommen bewusst. Wenn ich jedoch intellektuell nicht auf der gleichen Höhe wäre, wie ich es mit 50 Jahren gewesen bin, dann würde ich das alles nicht mehr machen. Wenn ich mir keine Texte merken würde, keine Erinnerungen mehr hätte, dann würde ich auch auf keiner Bühne mehr stehen. Mein Kopf ist klar, das merkst du ja vielleicht auch an der Art unseres Gesprächs. Außerdem gibt es da noch das Klavier. Wer mit zehn Fingern spielt und parallel dazu etwas völlig anderes macht, dem ist der Applaus der Gehirnforscher sicher. Dies alles zu koordinieren, ist die beste Übung für unsere kleinen grauen Zellen. Wenn du Klavier spielen kannst, bist du gewappnet gegen so unnötige Erscheinungen wie Demenz und Alzheimer.

Möglich, dass familiäre Strukturen bei dir eine nicht unwesentliche Rolle spielen?
Das kommt hinzu. 80 Jahre sind ein hohes Alter, und ich leugne nicht, dass es auch bei mir bestimmte Symptome dafür gibt. Man wird kurzatmig, alles verändert sich. Aber meine geistige Struktur ist solide. Wenn ich einen Raum betrete oder spazierengehe, dann bin ich nicht ein alter gebückter Mann, der durch das Leben schleicht. Da kommt dir ein aufrechter Mensch entgegen. Und so lange du aufrecht gehen kannst, kannst du auch eine Bühne betreten.

Viele Lieder – die alten und die neuen – sind Zeitkritik wie „Der gläserne Mensch“ in dem du die Überwachung durch BND und NSA aufs Korn nimmst. Oder in „Die riesengroße Gier“, bei dem Investmentbanker ihr Fett weg bekommen. Vor 30 Jahren hätte mit diesen Themen niemand etwas anfangen können. War damals vieles besser?
Nein, es war nicht alles besser. Das war eine Zeit, als endlich nach einem katastrophalen Krieg Frieden war und sich eine merkwürdige Ruhe über das Land legte. Es war eine geistige Ruhe, die man auch daran erkannte, dass die dümmsten Lieder geschrieben wurden, die es je gab. Nach der wunderbaren Zeit der dreißiger Jahre, als jüdische Autoren und Komponisten ihre intelligenten und witzigen Couplets auch noch selbst interpretierten, sind wir einer törichten Schlagerseligkeit verfallen. Ich möchte den Kollegen von damals nicht zu nahe treten, war ich anfangs doch auch einer von ihnen. Doch ich habe bald gemerkt, da geht etwas zu Ende und etwas anderes wird kommen. Es kam eine neue Zeit, in der Lieder eine andere Bedeutung erhielten. Mit Texten, die etwas mit unserem Leben, unserer gesellschaftlichen Struktur zu tun hatten, mit den wahren Sorgen, die ein Volk umtreibt. Diese Stimmung konnte ich mit Liedern wie „Das ehrenwerte Haus“ beflügeln. Reinhard Mey hat einmal gesagt, dass diese Veränderung ohne die Vorreiterrolle von Udo Jürgens nicht möglich gewesen wäre, mit Liedern, die zwar auch Schlager waren, aber doch mit ganz anderen Inhalten.

In „Der Mann ist das Problem“ teilst du heftig bei den Geschlechtsgenossen aus: „Wer pocht auf seine Ehre, und wer linkt zugleich den Staat / Wer geht in Freudenhäuser und erfand das Zölibat / Wer spielt mit Handgranaten / Und wer steckt den Urwald an / Wer hält sein Auto sauber / Und verdreckt den Ozean / Es ist der Mann, ja, ja der Mann.“ Da wird es Applaus von den Frauen geben!
Das ist natürlich auch satirisch gemeint. Doch als Mann muss man damit leben, dass die eigenen Geschlechtsgenossen der Gewalt eine große Bühne geschaffen haben. Es gibt aber auch positive Eigenschaften des Mannes. Heute schreiben Gott sei Dank auch Frauen großartige Bücher, doch der Grundstein zur Weltliteratur wurde vor Jahrtausenden von Männern wie Seneca, Cicero und Homer gelegt. Männer haben Großartiges geleistet, aber natürlich sind sie – wenn sie nicht gebildet sind – allein durch ihre Stärke und ihre Aggressivität eine absolute Gefahr. Ein ungebildeter Mann ist gefährlich. Das weiß man nicht nur durch Beobachtungen auf dem Fußballplatz. Und aus diesem Grund sind es vor allem die Männer, die für all die katastrophalen Dinge verantwortlich sind: Faschismus, Nationalsozialismus, Rassismus. Da ist der Männlichkeitswahn, der Anspruch auf das Absolute, der in der Vergangenheit zu schrecklichen Fehlentwicklungen geführt hat.

Das klingt wie die Beschreibung der Apokalypse.
Wir müssen jetzt erkennen, das ein Land wie Indien, das uns immer als friedfertig und religiös mustergültig beschrieben wurde, auch ein Land der Vergewaltiger ist, in dem eine schreckliche Ungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen herrscht. Und diese Brutalität zieht sich durch den ganzen Orient, ja fast durch die ganze Welt. Überall dort übernehmen Frauen die früheren Rollen als Sklavinnen. Deshalb bin ich der Meinung, dass ein Lied wie „Der Mann ist das Problem“ seine Berechtigung hat. Es schildert unbequeme Wahrheiten. Und es gibt darin keinen Satz, den ich zurücknehmen würde.

Als „Griechischer Wein“ Premiere hatte, haben wir das Lied bei einem Griechen in Berlin gefeiert. Damals haben dein Bruder Manfred Bockelmann und seine damalige Frau Christiane Krüger mit am Tisch gesessen. Wie wichtig ist dir Familie?
Das ist mir sehr wichtig, und ich beweine ein wenig die Entwicklung in unserer Zeit, in der Familie so etwas wie eine Abschnittsangelegenheit geworden ist. In allzu vielen Partnerschaften – auch Manfred und ich sind davon betroffen – brauchen wir zwei oder drei Anläufe, bis wir endlich den Menschen finden, mit dem wir schließlich alt werden wollen.

Hast du dafür als „alter weiser Mann“ eine Erklärung?
Ich führe dieses Dilemma auf die Überbeanspruchung unserer Sinne zurück, auf die Tatsache, dass Stille ein Fremdwort ist. Es sind die elektronischen Medien, die uns in Sekundenschnelle zu Zeugen einer Katastrophe machen, die uns im Grunde gar nichts angeht. Es geht uns effektiv nichts an, wenn in Australien ein Autobus in einen Graben fällt und dabei alle Insassen ums Leben kommen. Das ist tragisch, aber es geht uns nichts an. Trotzdem müssen wir uns das ein paar Mal im Fernsehen ansehen, wenn wir die Nachrichtensendungen eingeschaltet haben. Wir werden überladen mit Berichten über die Katastrophen der ganzen Welt, die wir gar nicht verkraften können. Dazu kommen unsere eigenen, alltäglichen Erlebnisse, die wir irgendwie in unseren privaten Kosmos einzuordnen haben. Wir sind überfordert. Und das führt dazu, dass wir von unseren Partnern zu viel verlangen, dass wir uns scheiden lassen und neue Verbindungen eingehen, die wieder schlecht enden. Es ist der Zeitgeist, der uns diese Situation beschert uns das Leben so schwer macht. Trotz allem bin ich der Meinung, dass Familie von entscheidender Wichtigkeit ist und bin glücklich darüber, dass ich sowohl mit meinen Kindern und Enkeln, als auch mit meinem Bruder Manfred ein sinnvolles Familienleben leben kann.

Du bist in einem Salzburger Café einmal dem Schriftsteller Thomas Bernhard begegnet, einem Menschen, den du schon immer bewundert hast.
Ich bin ihm zwei Mal begegnet, einmal in Salzburg und einmal in Wien. Und beide Male haben wir uns lange unterhalten. Er war ein heiterer Mensch, der ständig gelacht hat und ein Schmunzeln im Gesicht trug. Wir haben uns prächtig verstanden, und er hat mir glaubhaft versichert, dass er beim Schreiben gewisse Lieder von mir hört. Ich erzähle das nicht, um mich wichtig zu machen. Eher deswegen, weil mich diese Treffen mit einem intellektuellen Menschen sehr beeinflusst haben.

Wer sich mit deiner Biografie befasst, wird zu dem Schluss gelangen: Ein Leben wie in einem Roman. Den Roman gibt es inzwischen: „Der Mann mit dem Fagott“ – die Geschichte einer Familie mit teilweise bekannten Protagonisten wie dem ehemaligen Oberbürgermeister von Frankfurt, Werner Bockelmann, deinem Onkel. Der Stoff wurde für das Fernsehen verfilmt – doch dein Leben ist nicht zu Ende. Ist eine Fortsetzung der Familiensaga geplant?
Mit Sicherheit nicht. Das müsste dann eine Geschichte über mich werden, eine Autobiografie, in der allein die zwei Scheidungen einen zu großen Raum einnehmen würden. Und die Gefahr wäre groß, dass ich mich darin in einem besseren Licht erscheinen ließe. „Der Mann mit dem Fagott“, das ich mit Michaela Moritz geschrieben habe, ist eine Familiengeschichte mit historischen Hintergründen. Ich halte es für wichtiger als eine Promi-Geschichte über mich, die dann in den Buchhandlungen in einer Reihe mit Franz Beckenbauer und Boris Becker aufgestellt würde. Und das möchte ich nicht.

Du hast mir einmal in einem früheren Interview von deinen Eltern erzählt, von denen du – obwohl sie schon lange nicht mehr leben – immer noch träumst. Ich zitiere: „Manchmal treten sie nicht als Vater und Mutter auf, ich sieze sie zum Beispiel. Sie sind mir aber immer nah, haben sie mich doch mein ganzes Leben geprägt.“ Träumst du noch immer von ihnen?
Ja, das ist ein seltsames Phänomen, aber ich bin sicher nicht der Einzige, der so etwas erlebt. Ich war jedoch nie ein verhätscheltes Muttersöhnchen, das nicht loslassen kann. Meine Eltern wurden von mir und meinen Brüdern sehr bewundert, denn sie haben uns Kunst und Literatur nahe gebracht. Es muss der geistige Kontakt sein, der immer noch fortbesteht und der so in meinem Kopf herum spukt, dass ich noch immer von ihnen träume.

Spätestens im letzten Drittel seines Lebens entwickelt der denkende Mensch ein Gefühl für Endlichkeit. Wie gehst du damit um?
Das ist ein schwer zu beschreibendes und manchmal auch schwer zu ertragendes Gefühl: Die Nähe des Endes, das man in meinem Alter ja nicht mehr leugnen kann. Man kann nur hoffen, dass es bis zum Ende noch viele Jahre gibt, die mit Sinn zu erfüllen sind. Altwerden ist eine herrliche Sache, wenn man sie mit klarem Verstand erleben darf. Ich finde es sehr interessant, die eigene Vergangenheit mit dem Wissen von heute zu betrachten. Und mir wird dabei klar, dass ich die Wichtigkeit meiner Person im Alter von 40 oder 50 Jahren total überschätzt habe. Ich war nicht so wichtig, wie ich mir damals vorkam. Ich war nur erfolgreich. Und ich darf nicht den Fehler machen, Erfolg mit Wichtigkeit gleichzusetzen. Das sind Dinge, die ich heute begreife. Und die mich auch demütiger gemacht haben.

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