„Ich habe nichts von einem Macho“, sagt Daniel Craig.
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„Ich habe nichts von einem Macho“, sagt Daniel Craig.

Daniel Craig

„Ich bin nicht besonders mutig“

Nach den jüngsten Dreharbeiten sagte der Schauspieler Daniel Craig noch, er werde sich lieber die Pulsadern aufschneiden als nochmal James Bond zu spielen. Alles nicht so ernst gemeint, sagt er nun - und erzählt, wie er es von Liverpool nach Hollywood geschafft hat.

Von Ulrich Lössl

Seit der smarte Brite vor zehn Jahren in „Casino Royale“ die James-Bond-Rolle übernommen hat, verkörpert er 007 wieder so, wie ihn sein Erfinder, der englische Schriftsteller Ian Fleming, angelegt hat. Und wie ihn Sean Connery 1962 im allerersten Bond-Film „James Bond jagt Dr. No“ darstellte: maskulin, eiskalt, körperlich topfit und geistig unberechenbar. Jetzt ist Daniel Craig in seinem vierten Bond-Film „Spectre“ (von heute an im Kino) zu sehen. Wird es auch sein letzter Bond sein? Craig hat sich in Interviews mit der britischen Presse als extrem Bond-müde gezeigt. Und sich dann doch wieder ein Hintertürchen offen gehalten. Eine gute Gelegenheit noch einmal nachzuhaken. Beim Interview im Berliner Luxushotel Adlon erlebt man einen aufgeräumten Daniel Craig, frei von Allüren und direkt.

Mr. Craig, ist jetzt wirklich Schluss mit Bond?
Wer weiß? Im Moment kann ich es weder ganz ausschließen, noch kann ich Garantien abgeben, einen weiteren Bond-Film zu machen.

Aber dass Sie sich lieber die Pulsadern aufschneiden würden, als noch einmal als James Bond vor der Kamera zu stehen – wie Sie einem englischen Journalisten anvertraut haben – , das ist vom Tisch?
Das war doch als Scherz gemeint. Das Interview, auf das Sie anspielen, habe ich zwei Tage nach dem letzten Drehtag gemacht. Da war ich einfach geistig und körperlich völlig fertig. Nach acht Monaten Dreharbeiten, in denen ich für „Spectre“ fast in jeder Szene vor der Kamera stand, hatte ich das Gefühl, dass ich dringend eine Bond-Pause brauche. Ich will mich jetzt einfach eine Zeitlang mit etwas ganz anderem befassen. Auch um dann irgendwann in mich zu gehen um herauszufinden, wie viel Bond noch in mir steckt.

Was haben Sie persönlich mit James Bond gemeinsam?
So gut wie nichts, hoffe ich. Bond ist ein eiskalter Killer, der über Leichen geht. Er ist ein Draufgänger, der vor nichts und niemandem Angst hat. Ich hingegen bin nicht gerade besonders mutig, und ich verliere auch schon mal meine Contenance, wenn ich wütend bin. Und ich glaube auch nicht, dass ich viel von einem Macho in mir habe.

Gerade die Tatsache, dass Sie charakterlich weit auseinander liegen, macht Ihre Interpretation der Bond-Figur doch so reizvoll.
Es freut mich, dass Sie das auch so sehen. So bleibt immer ein kleiner Restzweifel, hoffe ich. Dadurch wird die Figur ambivalenter und weniger berechenbar. Sicher ist und bleibt Bond die Ikone, die er nun einmal ist. Aber ich habe definitiv versucht, ihn weniger sexistisch und frauenverachtend darzustellen, als er in früheren Inkarnationen war. Mit diesem tradierten Bond-Image etwas zu spielen und es auszureizen, das hat bei jedem Film großen Spaß gemacht.

Ist es nicht leichter eine Figur zu spielen, die man schon so gut kennt?
Das stimmt schon. Ich weiß mittlerweile genau, wie Bond tickt, wie er sich bei Gefahr verhält oder wie er mit Frauen umgeht. Aber man muss sich als Schauspieler auch immer noch einen Rest Unvertrautheit mit der Rolle bewahren. Sonst wird es langweilig.

Stimmt es, dass Sie sich in Ihrer Bond-Interpretation von Harrison Fords Indiana Jones haben inspirieren lassen?
Ja, besonders wie er Indiana Jones in „Jäger des verlorenen Schatzes“ spielt. Da hält er geradezu traumwandlerisch die Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Humor. Man hat immer Angst, dass er in die eine oder andere Richtung abdriftet, was er aber nie tut. Das finde ich ungeheuer spannend.

Passen Bond und andere Kino-Superhelden eigentlich noch ins 21. Jahrhundert?
Als Protagonisten für Action-, Unterhaltungs- und Spaßfilme haben sie auf jeden Fall auch heute noch eine Berechtigung. Aber als Typus des modernen Mannes haben sie wohl etwas Staub angesetzt. Ich glaube schon, dass sich das klassische Heldenbild – und somit auch das Männerbild – gerade ziemlich verändert. Das heißt nicht, dass der Mann von heute in Richtung Weichei tendiert. Er kann schon auch hart zupacken, wenn es mal nötig ist. Aber er ist auch sensibel und verantwortungsbewusst.

Als Sie vor zehn Jahren als neuer Bond gecastet wurde, hat man Sie mit Häme überschüttet. Es war ein regelrechtes Craig-Bashing. Heute gelten Sie bei vielen als bester Bond-Darsteller neben Sean Connery …
Dass die letzten drei Bond-Filme so extrem erfolgreich waren, ist sicher gut fürs Selbstbewusstsein. Aber Selbstvertrauen hatte ich auch schon vor den Bond-Filmen. Ein Schauspieler ohne Selbstbewusstsein ist wie ein Tiger ohne Zähne. Und ohne einen gewissen Biss kann man im Filmbusiness nicht überleben. Natürlich ist es alles andere als aufbauend, wenn man von Leuten, die noch keinen Meter Bond-Film gesehen haben, ins Lächerliche gezogen wird oder gar vehement dafür gehasst wird, nur weil man der neue Bond ist. Aber was hätte ich machen sollen? Den Schwanz einziehen und mich verkriechen? Oder mich auf meine Arbeit konzentrieren und das Beste aus mir herausholen? Ganz ab-gesehen davon bin ich als Bond-Darsteller doch nur ein kleines Rädchen im Getriebe. Da sind so viele hochtalentierte Leute am Werk. Und als dann die Stimmung zu meinem Gunsten kippte, empfand ich das schon als eine Erleichterung. Aber nur kurz. Bei jedem neuen Bond-Film baut sich der Druck sofort wieder auf.

Sie hatten Versagensängste?
Die hat wohl jeder Künstler von Zeit zu Zeit. Wichtig ist, dass man sie überwindet und – bestenfalls – in etwas Kreatives ummünzt.

Was hat Ihnen dabei geholfen?
Ich wusste, dass ich schauspielern kann. Ich hatte schon vor den Bond-Filmen mit vielen sehr interessanten Regisseuren zusammengearbeitet und eine Handvoll wirklich guter Filme gemacht. So etwas hilft. Natürlich ist James Bond ein ganz besonderer Charakter, von dem jeder eine ganz bestimmte Vorstellung hat. Und da steht man dann am Set und denkt: „Jetzt muss ich es bringen!“

Sie sagten mal, Konkurrenzkämpfe seien Ihnen zuwider. Verraten Sie mir, wie man ein Hollywood-Star wird, wenn man anderen immer den Vortritt lässt?
(Lacht) Es ist ja nicht so, dass ich still in der Ecke sitze und nichts zu sagen habe. Natürlich setze ich mich mit Leib und Seele für eine Rolle ein, die ich haben will. Aber das Hauen und Stechen, das Intrigieren und Mobben – das mache ich einfach nicht mit. Ein Schauspiellehrer hat mir vor vielen Jahren den besten Rat bezüglich meines Berufes gegeben. Er sagte: „Werde nie bitter. Fange nie an, Kollegen um ihren Erfolg zu beneiden. Konzentriere dich auf das, was du erreicht hast und erreichen kannst.“ Damit bin ich bis jetzt immer sehr gut gefahren.

Sie sind durch die Bond-Filme zum Multimillionär geworden. Verdirbt so viel Geld den Charakter?
Über Geld rede ich grundsätzlich nicht. Aber eines ist sicher: Nicht Geld verdirbt den Charakter, sondern die Gier danach. Und da brauchen Sie sich um mich keine Sorgen zu machen. Ich bin nämlich ziemlich bodenständig. Zwar ist es ganz gewiss ein sehr befriedigendes Gefühl, dass ich mir in diesem Leben höchstwahrscheinlich keine finanziellen Sorgen mehr machen muss. Und dass ich auch für meine Familie ausgesorgt habe. Und ich weiß, dass ich das letztlich den Bond-Filmen zu verdanken habe. Dafür bin ich auch sehr dankbar. Aber alles hat seinen Preis.

Wie meinen Sie das?
Den Verlust der Anonymität empfinde ich manchmal schon als sehr beengend. Als ich Ende der 90er Jahre hier in Berlin den Film „Obsession“ gedreht habe, kannte mich kein Mensch, und ich konnte mich ungehindert und vor allem unbeobachtet überall bewegen. Das kann ich heute nicht mehr. Aber ich gebe gerne zu, dass das ist ein Luxusproblem ist.

Sie scheinen die Metamorphose vom Schauspieler, der sich gerade mal so mit seinen Filmen über Wasser halten konnte, zum Superstar aber ganz gut verkraftet zu haben.
Mittlerweile kann ich damit umgehen. Aber als es mit dem Bond-Hype so richtig los ging, das hat mich schon etwas aus der Kurve getragen. Darauf war ich auch nach 15 Jahren im Filmbusiness absolut nicht vorbereitet. Das hat mich ziemlich konfus gemacht. Und ich konnte, ehrlich gesagt, mit dem sogenannten Ruhm und Reichtum lange Zeit überhaupt nichts anfangen. Geschweige denn Spaß damit haben.

Dabei waren Sie schon an die 40 …
… zum Glück, denn letztlich hatte ich dann doch genügend Lebenserfahrung, um nicht total ins Schwimmen zu geraten. Ich musste erst wieder zu meiner inneren Balance zurückfinden.

Im Herzen ist Ihnen der Junge aus einem Liverpooler Arbeiterviertel also immer noch näher als der Hollywood-Superstar?
(Lacht) Auf jeden Fall. Und das wird wohl auch immer so bleiben.

Trotzdem haben Sie den Sprung an die Spitze geschafft.
Das kann ich manchmal selber kaum glauben. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass es einmal so gut für mich laufen würde. Doch vielleicht war ich gerade deshalb immer ziemlich unverkrampft bei der Arbeit. Mein Ziel war eigentlich nur, von der Schauspielerei leben zu können. Und das war lange Zeit schwer genug.

Was gab Ihnen die Zuversicht, nicht aufzugeben?
Mein Stehvermögen habe ich mir in einem Liverpooler Rugby-Verein geholt. Das war im wahrsten Sinn des Wortes ein Crash-Kurs in Sachen Blut, Schweiß und Tränen. Denn im Gegensatz zum American Football waren wir nicht mit Schutzkleidung gepanzert, sondern gingen ziemlich ungeschützt aufeinander los. Da kann man nicht tricksen oder kneifen. Da steht man seinen Mann – oder geht unter. Ein tolles Überlebens-Training. Ein toller Sport.

Warum sind Sie nicht Sportler, sondern Schauspieler geworden?
Ich wusste schon mit 16, dass ich unbedingt Schauspieler werden wollte. Zum einen hat es bei mir in der Schule nie richtig geklappt, zum anderen hing ich damals gefühlsmäßig ziemlich durch. Ich würde sogar sagen, dass ich regelrecht depressiv war.

Wie kamen Sie aus dem Tief wieder heraus?
Letztlich gab mir meine Mutter den entscheidenden Kick. Sie sagte mir eines Tages ziemlich deutlich, ich sollte mein Glück endlich am Schopf packen und es mit der Schauspielerei versuchen, wenn mir so viel daran läge – oder ein für alle Mal die Klappe halten. Dann hat sie mir ein paar hundert Pfund in die Hand gedrückt – und ab ging’s nach London. Das war 1985. Ich schlief zunächst bei Freunden auf dem Sofa, bis die mich wieder auf die Straße setzten. Dann in billigen Absteigen. Oder im Hyde-Park. Ich lebte fast wie ein Landstreicher, was mir aber überhaupt nichts ausmachte. Ich fühlte mich frei und ungebunden. Das zumindest habe ich mir damals eingeredet. Die Wahrheit war: Ich wurde von Tag zu Tag verzweifelter und hatte furchtbare Existenz-Angst. Ich bin dann auch bald wieder zurück nach Liverpool.

Und wie ging es dann weiter?
Mich haben zwei total verschiedene Welten geprägt: Die harte Arbeitswelt meines Vaters, ein Ex-Seemann, der als Stahlarbeiter schuftete, und die meiner Mutter, die Kunsterzieherin war. Es war also an der Zeit, mich zu entscheiden: Malochst du dein Leben lang in der Fabrik – oder wagst du deinen Traum zu leben? Also bin ich mit 17 endgültig nach London abgehauen – und zum Glück bald auf einer Schauspielschule und wenig später sogar am Theater untergekommen.

Ist es richtig, dass Sie nächstes Jahr wieder Theater spielen?
Ja, im Herbst und zwar Off-Broadway in dem Shakespeare-Stück „Othello“. Das ist, seit ich vor zwei Jahren mit meiner Frau (der Schauspielerin Rachel Weisz; d. Red.) in Harold Pinters „Verrat“ am Broadway zu sehen war, das erste Mal. Mit David Oyelowo in der Titelrolle und mit mir als Jago. Ich freue mich schon sehr darauf.

Wie wichtig ist Ihnen die Arbeit am Theater?
Ich spiele gerne Theater – wenn es sich ergibt. Und auch diese Arbeit sehe ich ganz pragmatisch. Es wird ja oft von Filmstars behauptet, dass sie Theater spielen, um wieder einmal „ganz andere Muskeln zu trainieren“. Was für ein Bullshit. Der Grund, warum ich „Othello“ mache, ist, weil ich mit dem Regisseur Sam Gold schon lange befreundet bin und ihn sehr schätze.

Sie standen schon mit vielen Welt-Stars vor der Kamera. Wer hat Sie am meisten beeindruckt?
Mit Harrison Ford bei „Cowboys & Aliens“ zusammenzuarbeiten war schon etwas ganz Besonderes für mich. Bei einigen meiner Kollegen gilt er ja als unnahbar und schwierig. Ich habe nichts davon bemerkt. Ich bin glänzend mit ihm ausgekommen. Er nimmt die Schauspielerei – wie ich übrigens auch – sehr genau und ist dabei konzentriert und hochprofessionell. Das trifft übrigens auch auf Christoph Waltz zu.

Christoph Waltz ist in „Spectre“ Ihr Antipode. Wie sind Sie mit ihm privat ausgekommen?

Unser Kontakt hat sich überwiegend aufs Berufliche beschränkt. Christoph ist ein einzigartiger Schauspieler. Ein echter Könner. Und wenn man so jemanden hat, den man anspielen kann, dann ist das immer auch für einen persönlich ein Gewinn. Er hat die Messlatte sehr hoch gelegt, und ich hoffe, dass auch ich daran gewachsen bin. Das trifft übrigens auch auf unseren Regisseur Sam Mendes zu.

Stimmt es, dass Sie sich für ihn schon als Regisseur für „Skyfall“ stark gemacht haben?
Ja, ich war nicht ganz unbeteiligt daran, dass Sam den Job als Regisseur bekam. Sam und ich sind mit denselben Bond-Filmen aufgewachsen und haben fast identische Referenzpunkte. So eine Übereinstimmung ist beim Drehen natürlich Gold wert.

Aber hat Ihnen Sam Mendes nicht händeringend davon abgeraten, James Bond zu spielen?
(Lacht) Ja, als ich Sam um Rat gefragt habe, ob ich als Bond-Darsteller bei „Casino Royale“ einsteigen sollte, hat er mir tatsächlich abgeraten. Er fand James Bond damals viel zu pomadig und total unmodern. Für Sam war 007 sozusagen ein Auslaufmodell. Tja, ich habe ihm dann wohl gezeigt, dass es auch anders geht. Seitdem hat er sich für seine krasse Fehleinschätzung schon oft bei mir entschuldigt.

Letzte Frage: Wie trinken Sie Ihren Martini-Cocktail am liebsten?
(Lacht) Weder geschüttelt, noch gerührt. Viel lieber trinke ich Single Malt-Whisky.

Interview: Ulrich Lössl

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