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"Ich musste vielen Teufeln die Hand schütteln"

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Er habe sich immer akribisch auf seine Treffen mit Despoten vorbereitet, und alle Berichte über ihre Kriegsverbrechen gelesen, sagt Annan.
Er habe sich immer akribisch auf seine Treffen mit Despoten vorbereitet, und alle Berichte über ihre Kriegsverbrechen gelesen, sagt Annan. © Paulus Ponizak

Kofi Annan über die Schwierigkeit, einem Despoten ruhig gegenüberzutreten, den Vorteil einer leisen Stimme und die Freude darüber, für Morgan Freeman gehalten zu werden.

Kofi Annan über die Schwierigkeit, einem Despoten ruhig gegenüberzutreten, den Vorteil einer leisen Stimme und die Freude darüber, für Morgan Freeman gehalten zu werden.

Nach dem Interview steht Kofi Annan am Fenster seiner Stiftung und blickt auf den Genfer See. Er wirkt in Gedanken versunken, man könnte meinen, er denke noch mal über das Leid in der Welt nach, während er auf die Idylle vor den französischen Alpen blickt. Dann sagt er, dass er eigentlich keine große Lust hatte, sich dort hinzustellen, er habe es nur gemacht, weil der Fotograf so freundlich darum gebeten hat. „Fotografen“, sagt er leise und lächelt dabei, „Fotografen sind die letzten wirklichen Diktatoren.“ Das ist auch Koketterie, denn der 74-Jährige weiß durchaus um die Aura des integeren Weltenretters, die ihn, den ehemaligen UN-Generalsekretär, bis heute umweht – trotz aller Fehlschläge, Widersprüche, stagnierenden Reformen.

Mr. Annan, was ist das größte Zerrbild von Ihnen in der öffentlichen Wahrnehmung?

Viele glauben wohl immer noch, dass ich zu weich, zu nachgiebig gewesen sei.

Sie sehen sich anders?

Ja. Schauen Sie, ich bin nun mal jemand, der prinzipiell sehr leise spricht. Und das wird von vielen so interpretiert, als könne ich keine harten Entscheidungen treffen. Meine Kritiker haben mich oft gefragt, ob ich all den Despoten, die ich als UN-Generalsekretär treffen musste, überhaupt auf Augenhöhe begegnen konnte. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich 1998 von New York in den Irak aufbrach, um mit Saddam Hussein zu verhandeln. Als ich morgens mein Haus verließ, um zum Flughafen zu fahren, wartete bereits eine Gruppe von Journalisten auf mich, was sehr ungewöhnlich war. Einer fragte mich geradeheraus: „Mr. Annan, haben Sie überhaupt den Mumm, jemanden wie Saddam zu treffen und mit ihm zu sprechen?“ – „Was für eine dumme Frage!“, habe ich geantwortet. Und genau diesen Satz hat er dann in seinen Artikel eingebaut.

In Ihren Memoiren beschreiben Sie Ihre Treffen mit Tyrannen und Diktatoren, auch jene mit Slobodan Milosevic. Der ehemalige Präsident Jugoslawiens, der später wegen Völkermords vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagt war, schwärmte in Gesprächen mit Ihnen von seiner Zeit als Banker in New York und fragte Sie, ob es dieses oder jenes Restaurant in Manhattan noch gebe. Was geht Ihnen in solchen Momenten durch den Kopf, wenn Sie wissen: Das ist derselbe Mann, der für zahlreiche Massaker an der bosnischen Bevölkerung verantwortlich ist?

Milosevic mochte über nette Restaurants in New York reden, so viel er wollte. Ich habe mich davon nicht beirren lassen. Ich habe Despoten wie ihm zwar immer zugehört, ihm dann aber gleichzeitig klarzumachen versucht, dass die Internationale Gemeinschaft seine Verbrechen nicht duldet.

Das ist schon ein gewaltiger Spagat – erst macht Milosevic Small Talk über Bars in Manhattan, dann konfrontieren Sie ihn mit Vorwürfen, er habe Völkermord auf dem Balkan verantwortet.

Das stimmt. Ich muss zugeben, das waren sehr seltsame Begegnungen. Ich hatte mich vor diesen Treffen immer akribisch vorbereitet, hatte all die Berichte über seine Kriegsverbrechen gelesen. Ich wusste, was für schreckliche Dinge er und andere getan hatten, oder was die Internationale Gemeinschaft ihnen zur Last legte. Und dann sitzt Milosevic vor mir, redet über Restaurants und versucht mir so vorzugaukeln: „Ich bin auch nur ein Mensch wie Du.“

Haben sich viele Despoten so verhalten?

Es ist ein weit verbreitetes Verhaltensmuster, ja. Obwohl es auch einige gab, die bewusst versuchten, sich als ganz harte Burschen zu präsentieren. Aber die meisten waren wie Milosevic darum bemüht, so etwas wie Gewöhnlichkeit und Normalität auszustrahlen. So konnten sie am Ende des Gespräches immer sagen: „Können Sie sich vorstellen, dass jemand wie ich zu solchen Abscheulichkeiten fähig ist?“ Das gehört zu ihren Abwehrmechanismen, die ich allerdings früh durchschaut habe.

Im internationalen politischen Betrieb dürfte es kaum jemanden geben, der mit so vielen Despoten an Konferenztischen gesessen hat wie Sie. Wie hat Sie das geprägt?

Ich weiß nicht, ob es mich so sehr geprägt hat. Ich kann nur hoffen, dass es eher umgekehrt war – dass ich diese Leute unter Druck gesetzt habe. Aber ich gebe zu, all diese Begegnungen haben auch bei mir Spuren hinterlassen. Manchmal war ich einfach fassungslos. Ich fragte mich: „Wie konnten sie nur all diese Gräueltaten begehen und mir jetzt so ruhig gegenübersitzen, als wäre nichts passiert, als hätten sie selbst nichts damit zu tun?“ Manchmal bestritten sie alle Vorwürfe. Aber ich wusste es besser, hakte nach, drängte sie zurück. Dennoch war ich oft perplex, mit welcher Kaltschnäuzigkeit sie sich als Unschuldslämmer darstellten. Sie drehten den Spieß einfach um, waren auf einmal Opfer und nicht die Täter. Was mich am meisten verstörte, war, dass viele keinerlei Reue zeigten. Es waren immer die anderen, nie sie selbst.

Die New York Times hat über Sie geschrieben, Sie seien der Abgesandte der Weltgemeinschaft gewesen, der zur dunklen Seite geschickt wurde.

Das war ich wohl. Hinter all den guten Manieren, die Leute wie Milosevic oder Hussein in den Gesprächen zur Schau stellten, gab es diese andere, sehr dunkle Seite. Das Böse hat viele Gestalten – es kommt oft mit guten Manieren daher. Ich habe mir meinen Blick auf ihre Unmenschlichkeit dadurch nicht verstellen lassen. Ich musste vielen Teufeln die Hand schütteln – und dafür gab es immer nur einen Grund: Ich wollte Leben retten, jene Menschen, die unter diesen Despoten zu leiden hatten, die mit dem Tod bedroht waren. Ich hatte keine Wahl.

Neben den Tätern haben Sie immer wieder auch deren Opfer getroffen, in Bosnien, im Kosovo, in Ruanda …

Das waren sehr schmerzhafte Begegnungen, die ich nicht vergessen kann. Es kann dir das Herz zerreißen. Einmal stand eine vertriebene, schon sehr alte Frau im Kosovo vor mir. Sie fragte mich: „Was geschieht hier? Warum werde ich in meinem Alter vertrieben? Ich habe doch niemandem etwas getan.“ Sie stand am Wegesrand und wartete darauf, dass man ihr ein Zelt gab, damit sie zumindest einen provisorischen Platz zum Schlafen hatte. Und das in ihrem Alter! Es ist kaum auszuhalten, so etwas mitanzusehen. Und dann traf ich oft unmittelbar danach diejenigen, die für dieses Leid verantwortlich waren. Ich bewegte mich zwischen Extremen.

Fiel es Ihnen schwer, in den Gesprächen mit den Tätern die diplomatische Contenance zu wahren?

Ich hatte oft viel Wut, viel Frustration in mir.

Sie sprechen auch jetzt, während Sie all das schildern, sehr leise. Ist es hilfreich, leise zu sprechen, um seine Wut zu kontrollieren und sich nicht auf eine offene Konfrontation einzulassen?

Wenn man leise spricht, heißt das ja nicht, dass man dadurch seine Wut verbirgt. Im Gegenteil: Ich konnte meine Wut oft deutlicher artikulieren, gerade weil ich leiser sprach und der andere so gezwungen war, mir sehr genau zuzuhören. Das war wirkungsvoller, als schreiend mit der Faust auf den Tisch zu hauen. Das hätte mein Gegenüber ja nur ermutigt, ebenfalls loszubrüllen und auf den Tisch zu hauen.

Ihr Name ist eng mit zwei Katastrophen verbunden, die sich während UN-Missionen ereigneten: der Genozid 1994 in Ruanda mit mehr als 800?000 Toten, ein Jahr später der Völkermord in Srebrenica, als 8?000 Bosnier in den UN-Schutzzonen ermordet wurden. Sie waren zunächst verantwortlich für die UN-Friedenssicherungs-Einsätze, danach UN-Sonderbeauftragter für Jugoslawien. In Ruanda hatten Sie die Warnung eines UN-Kommandanten vor Ort vor der sich anbahnenden Gewalt nicht ernst genug genommen. In Ihrem Buch beschreiben Sie sehr offen Ihr Hinundhergerissensein in dieser angespannten Situation.

Man hat immer Zweifel, was richtig und was falsch ist. Ich habe diese Zweifel in meinem Buch deshalb offen artikuliert, weil wir Lehren aus der Geschichte ziehen müssen. Aber man muss auch den damaligen Kontext sehen: Nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion standen die Vereinten Nationen Anfang der Neunzigerjahre vor einer völlig neuen Situation. Der UN-Sicherheitsrat war zwar nicht mehr durch die Ost-West-Spaltung blockiert, das bot neue Möglichkeiten, aber andererseits auch neue Unsicherheiten. Die friedenssichernden Missionen beispielsweise wuchsen innerhalb einer relativ kurzen Zeit von 100 auf bis zu 71?000 UN-Soldaten an. Und sie kamen auf einmal in unberechenbaren Bürgerkriegssituationen wie in Somalia, Ruanda oder Bosnien zum Einsatz. Das war nicht mit vorherigen Beobachtereinsätzen in Kriegen zwischen Staaten zu vergleichen, wo es ein relativ strukturiertes Umfeld gab.

Noch einmal zu Ruanda: Sie zitieren in Ihrem Buch das Telegramm des damals in Kigali stationierten UN-Befehlshabers Romeo Dallaire. Er forderte ein entschiedenes Vorgehen der UN-Soldaten, um die Waffenlager der Hutu-Milizen auszuheben, die seiner Information nach die systematische Ermordung der Tutsi-Minderheit planten. Sie hatten das damals abgelehnt. Drei Monate später wurden schätzungsweise 800?000 Tutsi von den Hutu-Milizen ermordet. Dallaire warf Ihnen später vor, ein früheres Eingreifen der UN hätte die Eskalation verhindert oder zumindest eingedämmt. Sie haben eben von den Lehren der Geschichte gesprochen: Wie würden Sie sich heute in einer vergleichbaren Situation verhalten?

Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten, weil wir heute wiederum in einer anderen, komplexeren Welt als damals leben. Und ich bin heute ein anderer Mann, als ich es damals war. Ich habe einiges durchgemacht. Meine Entscheidung stand damals unter dem Eindruck der desaströsen Ereignisse im Zusammenhang mit dem UN-Einsatz in Somalia. Nach dem Tod von 18 US-Soldaten hatten die Vereinigten Staaten 1993 dort ihr UN-Truppen-Kontingent abgezogen. Das vom Bürgerkrieg zerrissene Somalia versank daraufhin noch weiter im Chaos. Die Regierungen waren nach Somalia nicht mehr bereit, Risiken einzugehen. Dann spitzte sich die Lage in Ruanda zu. Als mich Dallaires Bitte erreichte, standen ihm nur sehr begrenzte UN-Truppen vor Ort zur Verfügung. Wir waren besorgt, dass, wenn sich etwas Ähnliches wie in Somalia in Ruanda ereignen würde, die UN-Truppen abgezogen werden würden. Das hatte sich dort ja schon abgezeichnet: Nachdem im April 1994 zehn belgische UN-Soldaten getötet worden waren, hatte Belgien sein gesamtes UN-Bataillon abgezogen. Und Dallaire war in seiner Warnung noch davon ausgegangen, dass die Ausschreitungen sich auf die Hauptstadt Kigali beschränken würden.

Eine fatale Fehleinschätzung.

Das wissen wir heute, aber wir wussten damals nicht, dass der Völkermord landesweit geplant war.

In Srebrenica waren Sie es dann, der 32?000 UN-Soldaten zusätzlich forderte, um die Menschen vor Ort schützen zu können. Die „UN-Schutzzonen“ wurden nach Srebrenica zu einem zynischen Begriff, einem Synonym für die Hilflosigkeit und das Scheitern der UN, weil der Völkermord vor den Augen der Blauhelme geschah. Sie schreiben nun: „Ich hätte es von den Dächern schreien müssen, wir brauchen mehr Soldaten, um diese Schutzzonen zu verteidigen.“ Man muss sich jedoch auch fragen: Selbst wenn Sie es gemacht hätten oder das jetzt in vergleichbaren Situationen täten – was brächte es?

Das stimmt. Ich bin mir nicht sicher, ob Regierungen zum gegenwärtigen Zeitpunkt mit robusten Mandaten ausgestattete UN-Truppen schicken würden, um solche Schutzzonen zu verteidigen. Wir schickten damals einen Bericht an den UN-Sicherheitsrat, in dem wir eine ziemlich große Truppe forderten, die in der Lage wäre, die Schutzzonen zu verteidigen. Wir bekamen die Truppen nicht. Wenn wir heute eine ähnliche Situation hätten, wäre es nicht anders.

Eine bittere Bilanz.

Fest steht, dass es für die Vereinten Nationen nicht leichter geworden ist, Konflikte beizulegen. In der Internationalen Gemeinschaft gibt es heute weder den erkennbaren politischen Willen noch die Mittel, das durchzusetzen. Erschwerend kommt hinzu, dass Regierungen heute weniger denn je bereit sind, Risiken einzugehen. Sie verlangen sogar, dass UN-Einsätze risikofrei sind.

Wobei die Frage nach Art und Legitimation von UN-Militäreinsätzen bis heute Kontroversen auslöst. 1999 hatten Sie die Nato-Luftschläge gegen die jugoslawische Armee in Kosovo-Krieg befürwortet – obwohl der UN-Sicherheitsrat nicht zugestimmt hatte. Als die USA und Großbritannien im Jahr 2000 in den Irak einmarschierten – ebenfalls ohne UN-Mandat –, nannten Sie das „illegal“. Auch wenn man beide Kriege nicht miteinander vergleichen kann, ist doch in beiden Fällen der UN-Sicherheitsrat umgangen worden – einmal mit, einmal ohne Ihre Zustimmung. Wie gehen Sie mit diesem Widerspruch um?

Ich würde nicht von einem Widerspruch reden. Jede Krise ist anders, und diese beiden sind nicht miteinander zu vergleichen. Dem Kosovo-Konflikt war der Zusammenbruch des ehemaligen Jugoslawien vorausgegangen. Wir wussten, wozu die Führer in der Region fähig waren, wir hatten Srebrenica erlebt. Ähnliche Gräueltaten waren auch im Kosovo zu befürchten. Ich fragte mich: „Lehnen wir uns zurück und erlauben, dass dieselbe Welle der Gewalt sich im Kosovo ausbreitet? Oder sollten wir diesen Männern Grenzen setzen, die Menschen im Kosovo schützen, statt die Fortsetzung des Mordens mit anzusehen?“ Deshalb habe ich die Kosovo-Militärschläge unterstützt. Ich habe Lehren aus den Erfahrungen der Vergangenheit gezogen. Es gibt Zeiten, da muss man Gewalt einsetzen, um den Frieden zu sichern. Was im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass sich eine Gruppe von Staaten selbst das Recht geben kann, ein anderes souveränes Land anzugreifen – zumal aufgrund einer fragwürdigen Beweislage. Die Massenvernichtungswaffen im Irak gab es nicht, allenfalls Indizien. Ich bin nach wie vor fest davon überzeugt, dass der UN-Sicherheitsrat die einzige Institution ist, die ein solches Vorgehen legitimieren könnte. Weil er im Namen von uns allen antritt. Wenn man dem UN-Sicherheitsrat nicht erlaubt, seine Rolle zu spielen, wenn der Irak-Krieg als Präzedenzfall gewertet würde, dann würden wir auf eine sehr chaotische Welt zusteuern.

Der Nato-Einsatz im Kosovo war auch ein Präzedenzfall.

Noch mal: Ich unterscheide zwischen der spezifischen Situation in Kosovo oder jener in Irak, wo eine Gruppe von Ländern auf der Grundlage von fragwürdigen Beweisen entschied, dieses Land ist gefährlich, und dann losschlägt. Das kann man nicht rechtfertigen. Es muss durch den UN-Sicherheitsrat verabschiedet sein, sonst kann jeder machen, was er will.

Vor einem Jahr haben Sie Ihren Ruhestand unterbrochen und sich als UN-Sondervermittler für Syrien einspannen lassen. Sie wussten schon damals, dass der UN-Sicherheitsrat über die Konfliktlösungsstrategien ebenso uneins war, wie Assad und die Opposition untereinander zerstritten waren. Als Sie nicht weiterkamen, gaben Sie Ihr Amt als Sondergesandter auf. Warum haben Sie sich überhaupt darauf eingelassen?

Um das zu beantworten, knüpfe ich an eine Ihrer frühen Fragen nach meinen Begegnungen mit den Opfern an. Das sind Momente, die ich nicht vergessen habe. Es fällt mir schwer, stillzuhalten, wenn ich im Fernsehen jeden Tag mitverfolgen muss, wie Frauen, Kinder und Männer in Syrien ermordet werden. Als mich die UN um Hilfe baten, konnte ich nicht Nein sagen. Ich hatte in meinem Gesprächen mit dem UN-Sicherheitsrat schon gesagt: Das ist eine Mission Impossible. Ich war darauf vorbereitet und entschlossen, es dennoch zu probieren. Wenn mich die UN unterstützt hätten, bis zum Ende vereint geblieben wären, den Druck auf die Konfliktparteien aufrechterhalten hätten, hätte der Waffenstillstand Bestand gehabt. Wie auch immer: Er hielt nicht. Ich unternahm noch weitere Versuche, wir verabschiedeten ein Kommuniqué, das eine Übergangsregierung vorsah. Die Kämpfe begannen von Neuem, die Spaltung war wieder da. Da wurde mir klar: Wir bewegen uns nirgendwo hin.

Sie haben dann aufgegeben. Als UN-Generalsekretär hätten Sie das nie tun können.

Nein, niemals. Aber leicht ist es mir nicht gefallen. Ich mache mir große Sorgen um Syrien, weil sich alles noch dramatisch verschlimmern kann – wenn sich die die Internationale Gemeinschaft nicht zusammenrauft und einen alternativen Weg aus dem Desaster aufzeigt. Wenn wir die Dinge weiter aus dem Ruder laufen lassen, befürchte ich das Schlimmste.

Das klingt deprimiert. Sehen Sie Ihre bisherigen Bemühungen mit Füßen getreten?

Einen kleinen Lichtblick sehe ich. Mein Eindruck ist, dass der UN-Sicherheitsrat langsam zu verstehen beginnt, dass sich die Gewalt auf die gesamte Region ausbreiten könnte. Diese Erkenntnis bringt sie hoffentlich dazu, entschiedener zu handeln.

Mr. Annan, Sie haben In Ihrer Zeit als UN-Generalsekretär versucht, die träge Welt-Organisation zu modernisieren, haben Allianzen mit NGOs gefördert oder den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag durchgesetzt. Und Sie haben die Staatengemeinschaft mit den Millennium-Entwicklungszielen auf den Kampf gegen extreme Armut eingeschworen. In Zeiten der andauernden Finanzkrise halten immer mehr Länder ihre Verpflichtungen im Kampf gegen die Armut nicht mehr ein. Sehen Sie ein schleichendes Scheitern ihres Prestigeprogramms?

Nein, wir haben Fortschritte gemacht und viele Menschen aus der extremen Armut befreit. Millionen, vor allem in Indien, China, Brasilien und anderen, kleineren Ländern. Die Versorgung mit sauberem Trinkwasser, Ausbildung für Mädchen – da hat sich vieles bewegt. Aber Sie haben schon recht, wegen der Finanzkrise werden viele Zusagen nicht mehr eingehalten. Das ist nicht das Ende von allem. Wir kommen weiter voran, zurzeit allerdings etwas langsamer, als das geplant war.

Im Gegensatz zu der meist vornehmen Zurückhaltung vieler politischer Memoiren enthüllen Sie auch mal die teils sehr saloppen Umgangsformen zwischen den Mächtigen der Welt, beispielsweise zwischen Bush und Blair im Vorfeld des G8-Gipfels in St. Petersburg …

Da hatte Bush das Pech, dass das Mikrofon in dem Raum nicht abgestellt war, und so alles publik wurde, was er da gesagt hat. So kam heraus, dass er den englischen Premier mit „Yo, Blair“ zu sich heranwinkte. Man muss immer aufpassen, wenn Mikrofone im Raum stehen.

Was Bush, vor dem Hintergrund des Krieges zwischen Hisbollah und Israel, in Ihrer Abwesenheit über Sie sagte, war ja schon fast schmeichelhaft. Da wünschte er sich Sie auf einmal als eine Art Superdiplomaten: „Was ist mit Kofi? Was wir brauchen, ist, dass Syrien die Hisbollah dazu bringt , mit dem Scheiß aufzuhören, und dann ist alles vorbei. Ich hätte Kofi beinahe aufgefordert, sich ans Telefon zu setzen, Assad anzurufen und dafür zu sorgen, dass etwas passiert.“

Ja, so hat er das tatsächlich gesagt. Ich wünschte, ich oder sonst jemand könnte mal eben mit einem Anruf erreichen, dass „etwas passiert“. Aber Sie wissen ja vermutlich auch wofür SG, die Initialen des Secretary General wirklich stehen.

Nein.

Für „Scape Goat“, für Sündenbock. Denn wenn Sie in den komplexen Gemengelagen nicht dafür sorgen, dass etwas passiert und im positiven Sinne vorankommt, sind immer Sie an allem schuld. Der Generalsekretär soll die Konflikte irgendwie lösen, aber dabei nicht die Mitgliedsstaaten behelligen. Es ist ein schwieriger, ein rauer Job.

Trotz gescheiterter UN-Missionen und all der Anfeindungen sind Sie im Vergleich zu all Ihren Vorgängern und zu Ihrem Nachfolger der populärste UN-Generalsekretär – eine Art moralische Instanz. Wundert Sie das?

Ich mache mir darüber keine großen Gedanken, ich habe lediglich all die Jahre versucht, mein Bestes zu geben.

Es scheint noch eine andere Wahrnehmung von Ihnen zu geben: Sie sollen oft mit Morgan Freeman verwechselt werden.

Das stimmt. Ich kann Ihnen sagen, was für eine Erleichterung es ist, mit Morgan Freeman verwechselt zu werden. So kann ich anonym bleiben und ein weitgehend normales Leben leben. Das ist mir erstmals in Italien passiert. Nachdem ich aus dem Amt ausgeschieden war, hatte ich mich ins Haus eines Freundes am Comer See zurückgezogen. Irgendwann machte ich mit meiner Frau einen Spaziergang ins Dorf, im Tabakladen wollte ich eine Zeitung kaufen, wo eine Gruppe von Männern saß und mich anstarrte. Dann kam einer auf mich zu, mit einem Zettel und einem Stift: „Sie sind Morgan Freeman, nicht wahr? Kann ich bitte ein Autogramm haben.“

Und mit welchem Namen haben Sie unterschrieben?

Ich lachte und unterschrieb mit „Morgan Freeman“.

Haben Sie je mit ihm darüber gesprochen?

Ja, wir haben uns darüber kaputtgelacht.

Interview führte Martin Scholz

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