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„Ich bin mir meiner Halbwertszeit bewusst“

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George Clooney am 19. Mai auf einer Pressekonferenz in Valencia.
George Clooney am 19. Mai auf einer Pressekonferenz in Valencia. © AFP

Begegnung mit einem Charme-Monster: Hollywood-Star George Clooney äußert sich im Interview über Optimismus, Weltpolitik, Technikhörigkeit und darüber, ob es stimmt, dass er sich nie schminken lässt.

Von Ulrich Lössl

Nach einer Begegnung mit George Clooney, 54, ist man immer etwas besser gelaunt als zuvor. Das liegt vor allem daran, dass das Charme-Monster – wie Julia Roberts ihren Herzensfreund gerne nennt – nicht nur mit seiner extrem positiven Ausstrahlung punktet, sondern auch durch Selbstironie und schlitzohrige Intelligenz. Und dann diese Killergrübchen … Zum Interview im Londoner Nobelhotel „Claridge’s“ kam George Clooney in Blue-Jeans, T-Shirt und einer schwarzen Lederjacke, die er wohl aus dem Fundus seines neusten Films „A World Beyond“ abgestaubt hatte. In dem Fantasy-Film spielt er einen verbiesterten Erfinder, der vor vielen Jahren aus einer futuristischen Parallelwelt hinausgeworfen wurde. Zusammen mit einer junge Träumerin und einem Androiden-Mädchen macht er sich noch einmal auf, um die Welt zu retten …

Mr. Clooney, ist es schon so weit – Sie spielen jetzt in Kinderfilmen?
(Lacht) Sieht ganz danach aus. Aber ich würde „A World Beyond“ eher als einen Familienfilm bezeichnen. Ich stelle mir vor, wie sich Eltern gemeinsam mit ihren Kindern diesen Film im Kino anschauen und zwei Stunden eine gute Zeit haben. Und wenn sie sich dann auf dem Nachhauseweg noch über den Inhalt unterhalten, würde mich das natürlich ganz besonders freuen. Aber das wäre ein Bonus.

Was war denn der Hauptgrund, warum Sie bei diesem Film mitspielen wollten?
Im Drehbuch stand, ich sollte einen Mann spielen, der 55 Jahre alt, verbittert und äußerlich etwas heruntergekommen wirken sollte. Kurz: der seine beste Zeit längst hinter sich hat. Ich habe mir gedacht, das trifft doch genau auf mich zu.

Sie scherzen.
Okay, noch ist es nicht ganz so weit. Der eigentliche Grund, warum ich bei „A World Beyond“ mitmachen wollte, ist die positive Botschaft, die der Film hat. Sehen Sie, ich bin in den 60er Jahren aufgewachsen, einer Zeit, in der Amerika viele ernste Probleme hatte: die Ermordung der Kennedy-Brüder und die von Martin Luther King. Es gab Rassenunruhen, die Bürgerrechtsbewegung und die Feminismus-Debatten, den Vietnamkrieg. Und über allem hing das Damoklesschwert des Kalten Kriegs. Wir alle hatten große Angst vor der Atombombe. Aber zur selben Zeit gab es auch die Apollo-Mission und die Mondlandung. Es gab also auch Positives, etwas, auf das wir stolz sein konnten. Es war eben auch eine Frage der Perspektive, ob man sich von den Übeln in der Welt herunterziehen oder von den großen Leistungen beflügeln lassen wollte.

Und Sie meinen, die heutige junge Generation hat diese Fähigkeit verloren?
Zum Glück nicht alle. Aber in der heutigen Zeit sehe ich schon sehr viel Passivität oder Flucht in den Konsum. In meiner Kindheit und Jugend galt die Maxime, dass jeder Einzelne die Welt verändern – das heißt verbessern – kann. Diese idealistische Einstellung vermittelt auch der Film. Das finde ich sehr inspirierend.

Das heißt, Sie waren schon immer ein optimistischer Mensch?
Ich war nie ein Zyniker. Dabei ist Zyniker zu sein ja sehr einfach. Da gilt man als cool, als einer, der den vollen Durchblick hat. Ist man optimistisch, gilt man als naiv oder gar dumm. Das kann ich nicht nachvollziehen. Natürlich bin ich mir sehr bewusst, was in der Welt so vorgeht. Aber für mich hat das Positive immer mehr Gewicht. Ich erinnere mich noch gut daran, wie einmal in Cincinnati, Ohio, ein paar Skinheads auf dem Marktplatz richtig Krawall machten. Und mein Vater, der als Nachrichtenmann beim Fernsehen arbeitete, sagte zu mir: „Natürlich muss man die Leute in den Medien über so etwas informieren. Aber geh‘’mal auf den Kirchturm und schau’ dir von dort oben die Krawallmacher an. Wie klein die dann werden. Man muss Dinge immer in der richtigen Relation sehen.“ Das hat mir sofort eingeleuchtet. Ich jedenfalls gebe die Hoffnung nie auf. Jeder Einzelne von uns kann etwas dazu beitragen, dass die Welt ein besserer Ort wird.

Sind Sie deshalb in den letzten Jahren immer politischer geworden?
Ich habe mich eigentlich schon immer sehr für die Dinge interessiert, die in den USA passieren, und auch der Rest der Welt war mir alles andere als egal. In diesem Sinne war ich eigentlich schon von jeher politisch. Und ich habe aus meinen Überzeugungen auch nie einen Hehl gemacht.

Aber nur wenige Hollywood-Stars verwenden einen Teil ihrer Millionen-Gagen, um ein Frühwarnsystem wie „Satellite Sentinel“ zu finanzieren, das an der Grenze von Süd- und Nord-Sudan die Kriegstreiber im Norden wenigstens etwas in Schach halten soll.
Ich bin nun mal ein überzeugter Humanist und Kriegsgegner. Da musste ich einfach Stellung beziehen, wenn seit Jahren in der Krisenregion Darfour ein Genozid stattfindet. Mir ist schon klar, dass wir den Kampf gegen Krieg, Ungerechtigkeit oder auch Umweltverschmutzung nie wirklich gewinnen können. Aber versuchen müssen wir es trotzdem. Mitmachen, nicht die Hände in den Schoß legen – das ist für mich wichtig und macht den Unterschied.

„Echte Träumer kann man nicht in Ketten legen“ – eine weitere Botschaft des Films. Finden Sie das auch?

Absolut.

Gingen in Ihrem Leben die meisten Träume in Erfüllung?
Ich habe schon einige Träume platzen sehen, so ist das nicht. Aber die wirklich wichtigen Träume gingen schon in Erfüllung. Soll ich ganz ehrlich sein?

Ich bitte darum!
Nicht in hundert Jahren hätte ich mir träumen lassen, dass ich einmal so ein schönes, erfolgreiches und erfülltes Leben haben würde. Und so eine wunderbare Frau wie Amal finden und sogar heiraten würde. Ich bin jedenfalls so glücklich wie noch nie zuvor. Und nicht nur privat, auch beruflich läuft zurzeit alles bestens.

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„Ein guter Schauspieler ist auch immer ein guter Business-Mann.“ Würden Sie diesen Satz unterschreiben?
Auf jeden Fall. Alle großen Schauspieler sind gute Geschäftsmänner. Ansonsten kann man in diesem Geschäft nicht lange überleben. Zu Beginn meiner Karriere war ich oft bettelarm. Ich konnte mir nicht mal einen Hamburger leisten. Aber ich habe mich irgendwie durchgewurstelt – und natürlich auch viel Glück gehabt.

Und als dann die Rollenangebote kamen …
… wurde mir schnell klar, dass du als Schauspieler in neun von zehn Fällen deren Interpretation abliefern musst und nicht deine. Soviel zur künstlerischen Integrität. Ich habe lange darunter gelitten. Erst mit der Zeit kamen die besseren Filme. Ich war schon gut über 30, als es bei mir richtig losging. Und da merkte ich plötzlich, wie viel Spaß man beim Filmemachen eigentlich haben kann. Auch wenn viele dieser Filme an der Kinokasse nicht sehr erfolgreich waren, war ich doch sehr stolz darauf, ein Teil davon zu sein.

Es überrascht etwas, dass der Mann, der zweimal zum „Sexiest Man Alive“ gekürt wurde, anfangs nicht immer von seinem guten Aussehen profitieren konnte.
Als es mit der Schauspielerei bei mir ernst wurde, war mein Typ überhaupt nicht gefragt. Ich entsprach mit meinen kantigen Gesichtszügen eher den leading men der 50er Jahre. (Grinst) Seit einiger Zeit scheint mein Aussehen allerdings eher für mich zu arbeiten als gegen mich. Noch!

Sie sind seit einigen Jahren nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Regisseur, Autor und Produzent tätig. Bereiten Sie so langsam, aber sicher Ihren Ausstieg aus der Schauspielerei vor?
Ich bin mir bewusst, dass gerade ein Hollywood-Schauspieler nur eine gewisse Halbwertszeit hat. Während dieser Phase ist er gefragt und – hoffentlich – gut im Geschäft. Aber irgendwann lässt das Interesse an ihm nach, das Telefon klingelt erheblich weniger oft als früher, bis schließlich gar niemand mehr anruft. Das geht jedem so, der sich im Filmbusiness herumtreibt. Und meist passiert das früher, als man denkt. Und was dann? Darauf will ich einfach vorbereitet sein. Ganz abgesehen davon finde ich die Arbeit als Regisseur ungeheuer interessant. (Grinst) Aber keine Angst, ich halte schon noch für ein paar Filme mein Gesicht in die Kamera.

Zum Beispiel beim neuen Film von Jodie Foster „Money Monster“ und „Hail, Caesar“ von den Coen-Brüdern …
… beides Projekte, bei denen ich viel Spaß hatte.

Britt Robertson, Ihr Co-Star aus „A World Beyond“, war sehr verblüfft, dass Sie vor der Kamera kein Make-up benutzen. Stimmt das?
Ja, das habe ich mir von meinem Lieblingsschauspieler Spencer Tracy abgeschaut, der sich auch nie schminken ließ. Ich habe mich noch bei keinem meiner Filme schminken lassen. Und früher hat das kaum einer gemerkt. (Lacht) Doch jetzt in meinem Alter …
Diesmal hatte ich einen Typen, der sich um meine Haare kümmern sollte. Aber auch ihm habe ich die meiste Zeit freigegeben. Für die Szene, in der ich aus dem Wasser steige, habe ich mich vorher mit einer Wasserflasche selber nass gemacht …

Eitel sind Sie nicht gerade.
Ich verbringe jeden Morgen genau zwei Minuten vor dem Spiegel. (Lacht) Beantwortet das Ihre Frage?

Gehen Sie ins Fitness-Studio?
Nein, aber ich spiele viel Basketball, um in Form zu bleiben. Aber das hat nichts mit Eitelkeit zu tun, sondern damit, dass ich mich gerne fit fühle.

Haben Sie viele Ihrer Stunts im Film selbst gemacht?
Nicht mehr so viele wie früher. Da konnte eine Rolle gar nicht physisch genug sein. Aber bei „A World Beyond“ bestand meine körperliche Herausforderung darin, dass ich als alter Ex-Doktor einem anderen alten Ex-Doktor (gemeint ist sein Gegenspieler „Dr. House“ Hugh Laurie) Paroli bieten musste. Das konnte ich noch ganz gut.

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Sie sind berüchtigt für die Streiche, die Sie Ihren Kollegen spielen …
… ach, diesmal habe ich mich da eher zurückgehalten.

Brad Pitt haben Sie einmal an den Kotflügel seines Autos einen Sticker geklebt, auf dem stand: „Ich bin schwul und ich gehe zur Wahl.“
(Lacht) Ich finde so etwas komisch. Sie nicht?

Wie fand es denn Mr. Pitt?
Er hat sich ausgeschüttet vor Lachen. Man veralbert ja nur Menschen, die man wirklich mag. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich sehr gute Freunde habe, die mit mir durch dick und dünn gehen. Viele von ihnen kenne ich schon ein halbes Leben lang. Es gibt doch nichts Schöneres, als mit ein paar Freunden ein paar Bier zu trinken und dabei über Gott und die Welt zu reden. Oder Basketball zu spielen oder eine Runde Poker.

Haben Sie einen Lieblingsstreich?
Als mich mein Freund Matt Damon vor einigen Jahren in meinem Haus am Comer See besucht hat, um sich auf eine Rolle vorzubereiten, habe ich eine Schneiderin damit beauftragt, ihm jede Nacht seine Hosen ein bisschen enger zu nähen. Es hat ein paar Tage gedauert, bis Matt – der sich, um für die Rolle abzunehmen, nur von Salat und Wasser ernährte – das merkte. (Lacht) Er war schon ganz verzweifelt, weil er dachte, er würde immer fetter werden …

Wie gehen Sie denn eigentlich damit um, dass Sie sich in der Öffentlichkeit kaum noch frei bewegen können?
Das gehört doch zum Spiel dazu. Ich vergesse nie, dass ich – gerade durch meine Bekanntheit – ein sehr privilegiertes Leben führen kann. Ich kenne Schauspieler, die tausendmal talentierter sind als ich und trotzdem seit Jahren am Hungertuch nagen. Das Leben ist nicht fair. Aber alles hat seine Grenzen. Wenn ich nicht mehr mit Freunden ein Bier trinken gehen kann, ohne dabei fotografiert zu werden, oder wenn man mich und meine Frau auf Schritt und Tritt verfolgt – dann ist das auf die Dauer ziemlich anstrengend. Sie werden es nicht glauben, aber auch bekannte Persönlichkeiten haben das Recht auf ein Privatleben.

Heißt das, Sie sind bei Begegnungen mit Fremden sehr misstrauisch geworden?
Sagen wir „vorsichtiger“. Zum Glück gibt es aber immer noch neue Menschen in meinem Leben. Alles andere wäre ja auch fatal. Ich will doch nicht in einer Art Luxus-Ghetto mein Leben fristen. Aber es kommt noch etwas anderes hinzu: Wenn ich Menschen begegne, bekomme ich sie gewöhnlich von der Schokoladenseite zu sehen. Sie behandeln mich immer sehr nett und zuvorkommend. Das ist mir aber fast immer sehr suspekt. Doch es gibt einen einfachen Trick, wie man etwas Wesentliches über ihren Charakter erfährt, ohne dass sie es merken: Man geht mit ihnen essen – und beobachtet, wie sie die Bedienung behandeln. Dann heißt es plötzlich nicht mehr „George, du bist der Größte“, sondern „Hey Kellner, der Salat ist total versalzen. Unverschämtheit! Bring’ mir sofort einen neuen. Aber zack-zack!“

Und schon haben sie sich disqualifiziert.
Ja, das geht meist sehr schnell. Ich hasse es, wenn einige Leute glauben, andere ausnützen zu müssen oder auf sie herunterschauen zu können.

Sie haben sich vor kurzem in der Nähe von London ein Haus gekauft. Heißt das bye-bye Hollywood?
Sicher nicht in nächster Zeit. Aber auf lange Sicht ist das schon ein Haus, in dem ich mir vorstellen kann, zusammen mit meiner Frau alt und grau zu werden. Das „alt“ und „grau“ bitte nur auf mich beziehen.

Und was wünschen Sie sich für Ihre nahe Zukunft?
Für meine nahe Zukunft wünsche ich mir, dass wir endlich mit unserer Technologiehörigkeit aufhören. Verstehen Sie mich nicht falsch, (zückt sein Handy) ich finde, diese Mobiltelefone sind eine sehr kluge und praktisch Erfindung. Aber müssen wir ständig damit hantieren? Überall, wo ich gehe und stehe, starren Leute auf diese Dinger. Sogar beim gemeinsamen Essen in einem Restaurant. Das finde ich ziemlich krank, wenn ich ehrlich bin. Als ich vor einigen Jahren einmal mit Präsident Obama eine Wohltätigkeitsveranstaltung besuchte, hielten sich die meisten Leute ihr Smartphone wie ein Brett vor den Kopf. Sie sind weder dem Präsidenten noch mir wirklich begegnet – sie haben uns fotografiert. Dasselbe findet bei Konzerten statt. Da filmen die Leute das Konzert, statt es zu genießen. Statt da zu sein, den Moment zu leben – und zu erleben. Irgendwann werden sie ihr ganzes Leben abgefilmt haben und es sich in der Rückschau ansehen. (Lacht) So nach dem Motto: „Oh, ich habe ein Kind! Nein, zwei!“ Neue Technologien sind toll – aber man sollte sich nicht von ihnen beherrschen lassen.

Sie sagten mal, dass Sie sich lieber live im Fernsehen einer Rektaluntersuchung von einem Arzt mit kalten Händen unterziehen würden, als eine Seite bei Facebook zu haben. Stimmt das immer noch?
Dreimal dürfen Sie raten!

Interview: Ulrich Lössl

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