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Seit über 50 Jahren im Filmgeschäft: Schauspiel-Legende Dustin Hoffman.
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Seit über 50 Jahren im Filmgeschäft: Schauspiel-Legende Dustin Hoffman.

Dustin Hoffman

„Ich bin ein Mann der Straße“

Hollywood-Legende Dustin Hoffman spricht im Interview mit der FR über 50 Jahre Schauspielerei, die Vorzüge des Älterwerdens und warum er sich niemals langweilt.

Von Ulrich Lössl

Vor knapp 50 Jahren ließ sich der College-Absolvent Benjamin Braddock in „Die Reifeprüfung“ von Anne Bancroft alias Mrs. Robinson verführen. Den jugendlichen Liebhaber spielte Dustin Hoffman so überzeugend, dass er dafür gleich seine erste Oscar-Nominierung bekam. Der Film war auch der Startschuss zu einer bis heute andauernden internationalen Karriere. Zum Interview erscheint Dustin Hoffman etwas erkältet und lutscht ein Hustenbonbon nach dem anderen. Seine leicht nasale Stimme ist deshalb etwas tiefer als sonst und klingt wie in Whisky getränkt. In dem Animationsfilm „Kung Fu Panda 3“ (ab Donnerstag, 17. März, im Kino) spricht er – im Original – wieder den Zen-Meister Shifu.

Mr. Hoffman, was hat Sie daran gereizt, bei diesen Animationsfilmen mitzumachen?
Jeffrey Katzenberg hat mich vor zehn Jahren gefragt, ob ich Interesse daran hätte, für den ersten „Kung Fu Panda“-Film Shifu zu sprechen. Er lud mich in die Dreamworks-Studios ein, zeigte mir eine riesengroße Zeichnung von Shifu und erzählte mir, was sie so vorhatten. Und mir gefiel die Prämisse, dass es im Film um einen Panda-Bären geht, der – nach vielen Hindernissen – schließlich zu sich selbst findet.

Nach dem Motto: „Entdecke dein Potenzial und entwickle es“?
Ganz genau. Das hören wir hier in den USA täglich. Und diese Filme zeigen ja sehr schön, wie jemand über sich hinauswächst und erkennt, dass niemand anders als er selbst es ist, der sich irgendwelche Beschränkungen auferlegt. Das finde ich sehr interessant.

Shifu ist ein geistiger Führer und Meister des Wissens. Interessieren Sie sich auch privat für fernöstliche Philosophie? Praktizieren Sie vielleicht Yoga – oder gar Kung Fu?
Für Kung Fu bin ich wohl schon etwas zu alt, und leider mache ich auch kein Yoga. Sehr zum Leidwesen meines Sohnes, der sogar eine Yoga-Ausbildung hat. Er versucht mich immer dazu zu überreden, es doch auch mal mit Yoga zu versuchen oder wenigstens zu meditieren. Meine Frau hat vor einiger Zeit mit dem Meditieren begonnen und will es mir jetzt auch beibringen. Ich bin schon sehr gespannt darauf, ob das etwas für mich ist.

Haben Sie überhaupt eine spirituelle oder religiöse Ausrichtung?
Nein, nicht sehr. Ich interessiere mich natürlich sehr für religiöse und philosophische Themen, aber in meinem Leben spielen sie eigentlich keine Rolle. Ich halte mich weder an einen religiösen Kodex noch an spirituelle Richtlinien.

Was hat Ihnen dann dabei geholfen, ein so erfolgreiches und erfülltes Leben zu leben?
Ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung! (Lacht) Ich halte mich als Schauspieler für einen freak accident (zu Deutsch etwa: „Laune der Natur“, „verrückter Zufall“)

Wie das denn?
Ich habe die Schauspielerei nie intellektuell oder methodisch betrieben. Ich bin im Grunde meines Herzens ein Mann der Straße. Ich liebe die Atmosphäre einer Stadt, einer Metropole wie New York zum Beispiel. Ich liebe den Lärm der Stadt, das Vibrieren, die Bewegung, die Energie. Ich liebe es, an einer Straßenkreuzung zu stehen und die Menschen zu beobachten. Das fasziniert mich heute noch genauso wie am Anfang meiner Schauspielerkarriere.

Sie haben in den vergangenen 50 Jahren viele unterschiedliche Charaktere dargestellt. Hat Ihnen die Schauspielerei dabei geholfen, Ihr eigenes Leben besser zu verstehen?
Das ist eine gute Frage. Und meine Antwort ist: Ja, auf jeden Fall! Ich habe oft sogar mehr von den Film-Figuren gelernt, als von real existierenden Menschen. Das lag sicher daran, dass ich mich immer mit Haut und Haar auf diese Filmcharaktere eingelassen und eine Zeitlang nicht mit, sondern in ihnen gelebt habe. Das war eine große Schule des Lebens. Denn auch wenn ich nichts von ihnen in meinem eigenen Charakter finden konnte, trieb es mich doch immer dazu, mich ganz intensiv mit diesen – zunächst fremdartigen – Persönlichkeits-Aspekten auseinanderzusetzen. Als ich zum Beispiel den Film „Rain Man“ machte, habe ich mich zwei Jahre mit dem Thema Autismus befasst. Und unter anderen mit Autisten und deren Angehörigen sowie vielen Ärzten gesprochen. Oder als ich „Asphalt-Cowboy“ machte, da habe ich wochenlang mit Menschen verbracht, die auf der Straße lebten. Das hat meinen Horizont ungemein erweitert.

Haben Sie als „Rain Man“, als „Ratso“ Rizzo in „Asphalt-Cowboy“ oder „Tootsie“ für die Dauer der Rolle Ihre eigene Identität verloren?
Nein. Ich bin der festen Überzeugung, dass man immer nur man selbst sein kann. Aber man kann sein Selbst wohl fast unendlich erweitern. Das hängt wiederum sehr stark von den Figuren ab, die man darstellen darf. Ich habe immer nach solchen starken Figuren gesucht.

In einem früheren Interview haben Sie mir mal gesagt, dass Sie so lange leben wollen, bis Sie sich ganz und gar selbst begreifen können. Damals waren Sie davon noch weit entfernt. Sind Sie sich inzwischen näher gekommen?
(Lacht) Ich fürchte nein. Ich lerne noch viel Neues über mich und die Welt dazu.

Was haben Sie denn heute gelernt?
Ich habe gelernt, dass ich keine Angst davor haben muss, zuzugeben, dass ich von etwas keine Ahnung habe. Ich habe gestern mit einem meiner Söhne zu Abend gegessen. Dabei haben wir uns über sehr persönliche Dinge unterhalten. Er hat mich in dem einen oder anderen Fall auch um Rat gefragt. Heute Morgen habe ich das Gespräch noch einmal Revue passieren lassen und meiner Frau davon erzählt. Und sie gefragt, ob es das Richtige war, was ihm geraten habe. Ich war da nämlich sehr im Zwiespalt. Und das passiert mir eigentlich oft, dass mein inneres Selbst mit meinem äußeren Selbst im Streit liegt.

Wie meinen Sie das genau?
Nichts wird so oft missinterpretiert oder falsch bewertet wie Äußerlichkeiten. Als ich mit der Schauspielerei begann, wurde man nur nach seiner Arbeit beurteilt. Nach dem, was man geleistet hatte. Heutzutage kommt es nur darauf an, irgendwie berühmt zu werden – ganz egal, wie. Wenn man also Kinder großzuziehen hat, ist es eine große Herausforderung, ihnen die wahren und echten Werte zu vermitteln, auch wenn fast die ganze Welt um sie herum auf Oberflächlichkeiten abfährt. Gegen diese falschen Maßstäbe muss man als Eltern ständig ankämpfen.

Bei Ihnen spürt man diese große Lust aufs Leben. Woher nehmen Sie die Kraft dazu?
Auch das weiß ich nicht so genau. Was ich allerdings weiß, ist, dass ich oft sehr glücklich bin, dann wieder depressiv, dass ich mal himmelhochjauchzend, dann wieder zu Tode betrübt bin, dass ich die ganze Vielfalt des Lebens sehr intensiv und bewusst erlebe. Allerdings gibt es etwas, was ich nie war: gelangweilt. Ich habe mich noch keine Sekunde im Leben gelangweilt. Und ich verstehe auch überhaupt nicht, wie man sich langweilen kann. Die Welt um uns herum ist doch so aufregend und anregend! Mir geht zum Beispiel das Herz auf, wenn ich erlebe, wie meine Enkel die Welt mit offenen Augen und dieser unbändigen kindlichen Neugier betrachten. Das haben wir früher doch wohl alle gemacht – im Laufe der Zeit dann aber vergessen. Und wenn man, wie ich, im dritten Akt des Lebens angekommen ist, besinnt man sich wieder darauf. Und erkennt die vielen Geheimnisse und Wunder des Lebens. Auch wenn ich mit der Religion nicht wirklich viel am Hut habe, bin ich mir doch sicher, dass es ein großes, wohldurchdachtes Design gibt. Die Welt, in der wir leben, die Sterne, der Kosmos – das alles ist kein Zufall.

Denken Sie ab und zu auch mal an den Tod?
Ich bin 78 Jahre alt. Und ich habe den leisen Verdacht, dass ich die meiste Zeit meines Lebens bereits hinter mir habe. Ich fühle mich aber zum Glück immer noch sehr vital und stehe jeden Morgen auf und könnte Bäume ausreißen. Und solange das so bleibt, sehe ich der Zukunft sehr neugierig und freudig entgegen. Ich glaube auch, dass das wirkliche Alt-werden über Nacht geschieht. Da steht man eines Tages auf und ist krank, kann den Fuß nicht mehr bewegen oder das Gedächtnis lässt einen plötzlich im Stich. Dann geht es oft schnell zu Ende.

Sind Sie auf das Ende vorbereitet?
Kann man sich darauf wirklich vorbereiten? Ich weiß nicht. Aber ich habe keine Angst vorm Sterben. Nicht mehr. Im Gegenteil: Ich wäre stinksauer, wenn ich nicht sterben würde. Ewig zu leben – so etwas schürt doch nur Neid. Und wenn es mich eines fernen Tages erwischt, dann sage ich mir: „Dustin, du hast viel mehr schöne und glückliche Tage in deinem Leben gehabt als schlechte und unglückliche. Du bist also eindeutig im Plus. Was also schert dich der Tod?“

Kann man gute Schauspielerei mit dem Improvisieren beim Jazz vergleichen?
Es ist interessant, dass Sie das erwähnen. Denn ursprünglich wollte ich ja Jazzpianist werden. Leider war ich nie gut genug, um davon leben zu können. Allerdings macht es mir auch heute noch große Freude, Jazz zu spielen – in meiner beschränkten Art und Weise eben. Und Sie haben natürlich Recht: Die Schauspielerei hat sehr viel mit dem Improvisieren beim Jazz zu tun. Improvisieren bedeutet ja nicht, dass jeder das macht, was ihm gerade einfällt. Sondern man improvisiert in einem vorgegebenen Rahmen und im Zusammenspiel mit den anderen. Wie sagte Miles Davis so treffend: „Spiel‘ nicht, was da ist. Sondern das, was nicht da ist!“ Und: „Es gibt keine falschen Noten. Die Note, die danach kommt, auf die kommt es an. Die macht das Ganze stimmig – oder eben nicht.“ Und das trifft zu hundert Prozent auch auf die Schauspielerei zu.

Wenn Sie mit fremden Menschen ins Gespräch kommen – worauf achten Sie?
Mich interessieren besonders die verschiedenen Verkleidungen, mit denen wir alle durchs Leben gehen. Und es macht mir großen Spaß, hinter diese Masken zu schauen, die wir doch alle tragen. Wir würden natürlich nie zugeben, dass wir uns verstellen. Wir nennen es stattdessen „soziale Kompetenz“. (Lacht) Wenn ich also fremden Menschen begegne, versuche ich immer, den Menschen hinter der Verkleidung zu erkennen. Was mich mitunter sehr abstößt, ist, wenn hinter der Maske niemand ist. Sondern nur gähnende Leere. Und was ich gar nicht ertragen kann, sind Menschen ohne Humor. Vor allem die, die nicht über sich selbst lachen können. Wir sind doch alle irgendwo Witzfiguren, die durchs Leben irren …

Sie scheinen bei vielen Hollywoodstars sehr beliebt zu sein.
Ich habe zu den meisten einen sehr freundschaftlichen Kontakt. Und da spielt es keine Rolle, ob sie alt oder jung sind. Obwohl ich natürlich mit Leuten wie Robert Redford, Gene Hackman oder Robert Duvall mein halbes künstlerisches Leben verbracht habe. Und bei den Dreharbeiten bemühe ich mich immer um ein gutes Arbeitsklima. Denn nach meiner Erfahrung ist nur ein entspannter, angstfreier Schauspieler auch in der Lage, vor der Kamera sein bestes abzurufen.

Deshalb haben Sie wohl damals bei den Dreharbeiten zu „Meine Frau, ihre Schwiegereltern und ich“ auch Barbra Streisand bei Laune gehalten …
Ach, die gute Barbra. Die kenne ich ja schon seit Anfang der 60er Jahre. Sie hat wohl bei vielen den Ruf, etwas divenhaft und schwierig zu sein, was ich allerdings nicht bestätigen kann. Sie will nur ab und zu ein bisschen aufgemuntert werden. Also habe ich ihr jeden Morgen gesagt was sie für tolle Brüste hätte. Das hat sie richtig in Stimmung gebracht. Sie mag nämlich ihre Brüste sehr.

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