"Half Nelson" brachte ihm 2006 den Durchbruch als Schauspieler, jetzt gibt Ryan Gosling mit "Lost River" sein Regiedebüt.
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"Half Nelson" brachte ihm 2006 den Durchbruch als Schauspieler, jetzt gibt Ryan Gosling mit "Lost River" sein Regiedebüt.

Ryan Gosling

„Ich lebe gern unter dem Radar“

Hollywood-Schauspieler Ryan Gosling spricht im Interview über seine erste Regie-Arbeit „Lost River“, private Sehnsüchte und erfüllte Träume.

Von Ulrich Lössl

Ob der 34-jährige Schauspieler sich diese attraktive und traumwandlerische Verlorenheit von James Dean oder Steve McQueen abgeschaut hat, bleibt sein Geheimnis. Und auch auf seine strahlend blauen Augen und das unnachahmliche Gosling-Grinsen müssen wir bei diesem Interview verzichten. Denn wegen laufender Dreharbeiten sprechen wir mit Ryan Gosling diesmal am Telefon, von einem Luxushotel in Los Angeles aus. Ein Gespräch, das weit über seinen Fantasy-Noir-Film „Lost River“ (Kinostart: 28. Mai) hinausreicht.

Sie haben sich für Ihr Regiedebüt „Lost River“ einen sehr düsteren Mystery-Thriller ausgesucht.
Sicher gibt es im Film sehr dunkle und verstörende Momente. Aber in erster Linie erzählt er doch die Geschichte einer Familie, die darum kämpft, ihr Dach über dem Kopf zu behalten und die trotz harter Schicksalsschläge nicht auseinanderbricht.

Ist der Film sehr autobiografisch?
Ja, allerdings nicht in dem Sinn, dass meiner Familie das alles passiert wäre, sondern eher in emotionaler und atmosphärischer Hinsicht. Als Kind entdeckte ich beim Stromern durch die Wälder eines Tages tatsächlich eine Straße, die direkt ins Wasser hineinführte. Meine Mutter erzählte mir, dass es unter dem Wasser eine Stadt gab, weil man das Gebiet vor etlichen Jahren überflutet hatte, um einen Schiffskanal zu bauen. Dass ich damals in einem Fluss geschwommen bin, in dem es eine Unterwasserstadt gibt – das finde ich auch heute noch faszinierend.

Stimmt es, dass Sie sich bei der fiktiven Stadt Lost River von Detroit haben inspirieren lassen?
Ja, vor allem von einem Detroit des Verfalls und des Niedergangs. Der Verfall dieser einst so stolzen Arbeiterstadt, wo all diese tollen Autos produziert wurden, dieser Wiege des Motowns, der Heimat von Eminem, ist für mich ein Symbol vom Niedergang der USA. Dort gibt es so viele zerstörte Stadtviertel, aber auch Enklaven voller Leben, wo sich die Menschen nicht kleinkriegen lassen von den ziemlich inhumanen Verhältnissen um sie herum. Dort leben Menschen, die kein fließendes Wasser haben oder keinen Strom. Nicht mal Straßenbeleuchtung gibt es da. Von der Kriminalität möchte ich erst gar nicht reden … Und trotzdem gibt es da Menschen, die den unbedingten Willen zum Überleben haben. Meine Stadt Lost River habe ich zwischen diesen harten Realitäten und wilden Fieberträumen angesiedelt. Und natürlich ganz bewusst diese surreale Ästhetik gewählt. Genau wie die trancehaften Bilder, die bedrohlich-düsteren Szenarien. Aber gleichzeitig gibt es in meinem „urbanen Märchen“, wie ich den Film gerne nenne, auch sehr reale, humane, zärtliche Momente.

Ihre Kindheit war doch hoffentlich fröhlicher als die der jungen Menschen im Film? Oder lebten Sie auch in einem Abbruchhaus?
(Lacht) Das nicht gerade. Aber meine Eltern waren alles andere als wohlhabend. Als Teenager habe ich mit meiner Mutter tatsächlich eine Zeitlang in einem Wohnwagen in einem Trailer-Park in Florida gelebt.

War das zu der Zeit, als Sie – zusammen mit Britney Spears, Christina Aguilera und Justin Timberlake – in der Disney-TV-Show „The Mickey Mouse Club“ auftraten?
Ja. Aber leider konnte ich nicht so gut tanzen und singen wie die anderen, was mich mit der Zeit ziemlich frustrierte. Deshalb habe ich es dann auch mit der etwas ernsthafteren Schauspielerei versucht, was zum Glück ganz gut funktionierte. Und das war – ganz nebenbei – auch noch gut für mein angeknackstes Selbstvertrauen. Ich konnte mich nämlich bestens hinter fremden Charakteren verstecken und trotzdem – sozusagen heimlich – Dinge von mir preisgeben. (Lacht) Das mache ich eigentlich auch heute noch.

Warum haben Sie in „Lost River“ nicht selbst mitgespielt?
Weil ich mich als Regisseur ganz und gar auf das Filmemachen konzentrieren wollte. Immerhin konnte ich Eva überreden mitzuspielen (mit der US-Schauspielerin Eva Mendes ist er seit 2011 zusammen; das Paar hat eine sieben Monate alte Tochter, Anm. d. Red.). So ist wenigstens ein Familien-Mitglied auf der Leinwand präsent.

Warum sind Sie eigentlich so pressescheu?
Ich bin nun mal ein schüchterner und sehr zurückhaltender Mensch. Und ich lebe sehr gern unter dem Radar. Dieser Showbusiness-Zirkus hat mich noch nie wirklich interessiert. Viel zu viel Oberflächlichkeit und falscher Schein. Da verbringe ich meine Zeit viel lieber mit meiner Familie oder mit Freunden. Oder auch allein. Ich finde es nämlich sehr wichtig, dass man sich auch mal Zeit für sich selbst nimmt. Ich spiele dann Gitarre, schaue mir alte Hollywood-Filme an oder träume einfach so vor mich hin. Um mich als Schauspieler und auch als Mensch weiterentwickeln zu können, ist es für mich von entscheidender Wichtigkeit, echtes Leben zu leben – und mich nicht etwa im Hollywood-Glamour zu suhlen.

Sie haben zwei weitere, sehr interessante Frauenrollen an sehr unterschiedliche Schauspielerinnen vergeben: Christina Hendricks und Saoirse Ronan …
… die ich beide fantastisch finde, jede auf ihre Art. Ich habe lange nach ihnen gesucht. Christina kenne ich natürlich – wie vermutlich der Rest der Welt – aus der hervorragenden TV-Serie „Mad Men“. Ich finde, sie spielt die Mutter dieser beiden Söhne mit sehr viel Herz und Gefühl. Und natürlich mit jeder Menge Sinnlichkeit. Diese Mischung war mir sehr wichtig. Und Saoirse ist eine der besten Schauspielerinnen ihrer Generation. Schauen Sie sich nur Filme wie „Abbitte“, „In meinem Himmel“ oder „Grand Budapest Hotel“ an.

Mussten Sie Trost spenden, als vergangenes Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes die meisten Kritiker den Film in der Luft zerrissen und später auch in den USA mit viel Häme übergossen haben?´
Die schlechten Kritiken bezogen sich ja nicht auf die Leistung der Schauspieler, sondern auf mich als Regisseur. Ehrlich gesagt habe ich mich schon etwas darüber gewundert, mit welcher Häme, mit welchem Hass dies geschah.

Wie haben Sie darauf reagiert?
Eigentlich gar nicht. Ich bin sehr froh, dass der Film jetzt weltweit in die Kinos kommt. Denn so kann sich jeder, der ihn sieht, sein eigenes Urteil bilden. Aber natürlich ging mir das alles unter die Haut.

„Lost River“ ist auch ein Abgesang auf den großen amerikanischen Traum. Gibt es in Ihrem Leben viele zerplatzte Träume?
Sicher haben sich einige Träume nicht erfüllt. Aber mein größter Traum ist tatsächlich wahr geworden: Ich wollte nie einen Job haben, bei dem ich den ganzen Tag in einem Großraumbüro sitzen und auf einen Computerbildschirm starren muss. Und ich wollte immer Filme machen. Als Teenager war mein Videorekorder mein bester Freund. Deshalb habe ich irgendwann auch allen Mut zusammengenommen und bin ich nach Los Angeles gegangen, um Schauspieler zu werden.

Wer hat Sie denn in Ihrer Jugend am meisten geprägt?
Sie werden lachen: mein Onkel. Als ich ein kleiner Junge war, zog mein Onkel für ein Jahr bei uns ein. Er verdiente seinen Lebensunterhalt damals als Elvis-Imitator. Und das war für unsere verschlafene, kanadische Vorstadt eine Sensation. Mein Onkel hat seinen Traum total Elvis-mäßig durchgezogen. Also mit Elvis-Frisur, weißen, mit Strass-Steinen besetzten Hosenanzügen – die ganze Las-Vegas-Show-Attitüde eben. Meine Tanten waren seine Background-Sängerinnen, ein weiterer Onkel sein Leibwächter (lacht). Mich hat das wahnsinnig beeindruckt. Ein Jahr lang war er unser Elvis.

Und dann?
Dann hörte er auf, und alles war wieder sehr langweilig in unserem Städtchen. Dieses Wunder, andere Menschen so leidenschaftlich und doch auch so schutzlos unterhalten zu können, hat mich schwer beeindruckt.

Sie gelten in Hollywood als Einzelgänger …
… ach, wer das behauptet, der kennt mich eben nicht. Ich suche mir die Menschen, mit denen ich zusammen sein will, vielleicht nur sorgfältiger aus. Seit ich acht Jahre alt war, bin ich im Showbusiness tätig und habe schnell gemerkt, wie hohl oberflächliche Beziehungen sein können. Meistens sind sie nichts anderes als eine große Zeitverschwendung.

Sie sagten mal, dass alle Figuren, die Sie auf der Leinwand dargestellt haben, eigentlich Sie selbst sind. Wenn das stimmt, dann sind Sie doch – strenggenommen – gar kein Schauspieler, oder?
(Lacht) Da ist was dran. Was ich damit meinte, ist, dass ich mir immer Rollen aussuche, die mit mir persönlich, mit meinem Charakter zu tun haben. Deshalb bin ich auch immer ein großes Stück weit ich, den man da auf der Leinwand sieht. Und das ist auch der Grund, warum ich schon viele Rollen abgelehnt habe, denn da war nichts in mir, was ich hätte einbringen können.

Im Film „A Place Beyond The Pines“ spielen Sie einen Bankräuber. Heißt das, dass Sie es tatsächlich draufhätten, auch im wirklichen Leben eine Bank zu überfallen?
Sie werden lachen: Ich habe mir schon als Kind vorgestellt, wie es denn wäre, eine Bank auszurauben. Als ich es dann im Film machen konnte, war ich vor Begeisterung total aus dem Häuschen. Trotzdem sollte man mich nicht mit der Filmfigur verwechseln. Und schon gar nicht mit dem Leben, das diese Figur im Film führt. Ach, es fällt mir sehr schwer, über die Schauspielerei zu sprechen. Sagen wir, ich spiele einfach, wie ich esse und trinke. Aus einem starken Bedürfnis heraus. Aus einem Reflex.

Das scheint ein großer Vorteil für Sie zu sein. Sie spielen manchmal wie ein Jazzmusiker – man weiß nicht, was Sie als nächstes machen.
Oh, danke sehr. Das ist ein großes Kompliment. Ich habe früher ja mal in einer Rock-Band Musik gemacht. Und diese Erfahrung hilft mir, glaube ich, auch bei der Schauspielerei. Wenn du vor der Kamera stehst, musst du schnell herausfinden, welchen Part du im Ensemble spielst. Da geht es um Rhythmus, um Dynamik – und nur selten um ein Solo.

„Angst ist ein großer Motivator“, haben Sie mal gesagt. Sind Sie auch heute noch von Ängsten getrieben?
Interessante Frage. Auf jeden Fall mehr als früher. Als Teenager war ich viel zu jung und zu dumm, um Angst zu haben. Ich habe mich damals eben ausprobiert. Fehler gemacht, herumgealbert. Ohne Konsequenzen. Das ist das Glück der Jugend. Das Reflektieren über das, was ich beruflich so machen wollte, setzte bei mir viel später ein. Und damit kamen dann auch die Probleme. Denn wenn man zu viel über etwas nachdenkt, kann man sich auch selbst den Wind aus den Segeln nehmen. Man ist dann gehemmt, unsicher, irritiert. Und das ist im Showbusiness garantiert keine gute Voraussetzung, um Erfolg zu haben.

Und was die Angst als Antriebskraft betrifft …
… kann es sehr befreiend sein, wenn man sich auf etwas einlässt, das man weder kennt noch kontrollieren kann. Daran kann man wachsen – aber auch ins Bodenlose abstürzen.

Sind Sie ein risikofreudiger Mensch?
Ich denke schon. Sonst hätte ich „Lost River“ wohl nicht gemacht.

Wie gehen Sie denn mit beruflichen Schwierigkeiten um? Weichen Sie da eher aus oder gehen Sie auf Konfrontationskurs?
Wenn es mir wirklich wichtig ist, dann stehe ich schon meinen Mann, auch wenn es Schwierigkeiten gibt. Aber ich bin eigentlich niemand, der gerne Unruhe hereinbringt.

Dabei war Ihr Spitzname früher einmal „Trouble“. Wann hat Sie denn zum letzten Mal jemand so genannt?
Das ist schon einen halbe Ewigkeit her. Das war noch zu meiner Schulzeit. Ich weiß gar nicht, warum ich den Spitznamen eigentlich bekommen habe. Denn ich habe gar nicht so viel Ärger gemacht … Als Kind habe ich sehr viel Zeit mit mir allein verbracht. Ich wuchs in einer Kleinstadt in Ontario, Kanada, auf und bin dort oft in den Wäldern herumgestromert.

Vor zwei Jahren wollten Sie aus dem Filmbusiness aussteigen. Was hat Sie dann doch davon abgehalten?
Ich hatte tatsächlich das Gefühl, dass die Schauspielerei für mich ziemlich ausgereizt war. Ich fühlte mich müde, verbraucht, uninspiriert. Und vor allem dem ganzen Business-Aspekt ziemlich entfremdet. Was mich dann doch wieder zum Filmemachen zurückgebracht hat, war die Möglichkeit, mit „Lost River“ meinen ersten eigenen Film realisieren zu können. Was mich noch zusätzlich sehr motivierte, war der Zuspruch, den ich von solchen Ausnahmeregisseuren wie Nicolas und Derek bekommen habe. Genau wie von meinem Kameramann Benoît Debie. Und natürlich von so wunderbaren Schauspielern wie Christina Hendricks, Saoirse Ronan und last but not least von meiner Lebensgefährtin Eva Mendes, die alle bereit waren, bei diesem Projekt mitzuspielen.

Und wenn Sie wieder mal der Hollywood-Frust packt, dann könnten Sie es doch noch mal als Musiker versuchen, oder nicht?
Ich weiß nicht recht … Ich spiele zwar auch jetzt noch Gitarre, aber so richtig gezündet hat meine Karriere als Musiker nie. Aber ich muss auf die Musik ja nicht ganz verzichten. Denn beim Film ist sie auch ein wesentlicher Bestandteil. Vielleicht schreibe ich sogar mal Filmmusik … Beim Filmemachen kommen ja auch viele weitere künstlerische Aspekte zusammen: Architektur, Fotografie, bildende Kunst und dann natürlich vor allem die Arbeit mit den Schauspielern. Da dreht man eine Menge Teller gleichzeitig. Und das inspiriert mich auf verschiedenen kreativen Ebenen.

Haben Sie schon einen weiteren Film in Planung?
An einigen Dingen arbeite ich gerade simultan, aber ich weiß noch nicht, womit ich als Nächstes an die Öffentlichkeit treten werde. Aber ich habe definitiv vor, weiterhin Regie zu führen. Schließlich will ich nach und nach zu meinem eigen Stil finden.

Das heißt, Sie werden sich langsam von Ihren Vorbildern wie David Lynch, Derek Cianfrance und Nicolas Winding Refn befreien?
Ich hoffe es. Aber diese Regisseure sind ja nicht die schlechtesten Referenzen. Irgendwo musste ich ja anfangen.

Sie gehen uns aber auch als Filmschauspieler nicht verloren …
… (lacht) zumindest nicht demnächst. Einen Film mit Terrence Malick habe ich schon abgedreht. Ebenso den Thriller „Nice Guys“ mit Russell Crowe und Kim Basinger und „The Big Shot“ mit Brad Pitt. Und drücken Sie mir die Daumen, dass es mit der Fortsetzung von „Blade Runner“ klappt. Da bin ich gerade mit Ridley Scott im Gespräch … Das wäre auch so ein Traum, den ich nicht nur träumen, sondern unbedingt wirklich erleben will …

Interview: Ulrich Lössl

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