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Farben und Empfindungen spielen eine große Rolle.

Josephine Henning

"Ich lebe einen coolen Traum"

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Die frühere Fußball-Nationalspielerin Josephine Henning hat in der Malerei ihre Erfüllung gefunden. Demnächst werden in Trier die ersten Werke der gebürtigen Mainzerin ausgestellt, die auch ins Innenleben einer Leistungssportlerin blicken lassen.

Es war ein eher leiser Abschied, den Josephine Henning aus dem Frauenfußball genommen hat. Diesen Sommer hörte sie bei den Arsenal Ladies auch auf Vereinsebene auf, nachdem sie bei der deutschen Nationalmannschaft schon im Vorjahr einen Schlussstrich gezogen hatte. „Ich bin darüber mehr als happy“, sagt die 29-Jährige heute. Denn inzwischen ist sie Künstlerin. Genau genommen widmet sie sich der Acrylmalerei auf großformatigen Leinwänden. Was früher ein Hobby war, „um einen natürlichen Ausgleich zu finden“, wie die in Mainz geborene, in Trier aufgewachsene Josephine Henning erzählt, soll bald dazu dienen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

„Als Fußballerin hat man für später nicht ausgesorgt“, erklärt eine, die mit drei verschiedenen Vereinen (Turbine Potsdam, VfL Wolfsburg und Olympique Lyon) immerhin viermal die Women’s Champions League gewann. Ein bemerkenswerter Ertrag, der jedoch im weiblichen Segment nicht mit jenen Millionengagen verbunden ist, die im Männerbereich an solch erfolgreiche Akteure ausgeschüttet werden. Deswegen war es für die Defensivspezialistin unabdingbar, die duale Karriere voranzutreiben – und sie hat sich für einen eher seltenen Spurwechsel entschieden. 

Kicker, die sich der Kunst verschrieben? Den meisten fällt der frühere HSV-Torhüter Rudi Kargus ein, der ein anerkannter Kunstmaler geworden ist. Der Nationaltorwart, inzwischen 66, lernte an der Kunstschule Blankenese expressive Malerei, behandelte gesellschaftskritische Inhalte und hat sich in ein Atelier zwischen Norderstedt und Quickborn zurückgezogen. Er hat lange um Akzeptanz für seinen Rollenwechsel kämpfen müssen, der ja auch einen Kulturwandel darstellt. Kargus trug in aktiven Zeiten fast knielange kurze Hosen, dazu eine wallende Mähne. Als er noch vor der tobenden Menge im Volksparkstadion Elfmeter abwehrte, konnte sich damals niemand vorstellen, dass so einer mal die Muße aufbringt, sich in die Metaebene der Malerei hineinzudenken. 

Josephine Henning weiß, dass auch sie sich im unbekannten Metier Zeit geben muss. „Ich will mir etwas Neues aufbauen. Aber wenn es nicht klappt, ist nicht im Winter sofort wieder Schluss.“ Sie ist sich außerdem bewusst, dass mehr dazugehört, als nur ein Bild zu malen. „Ich muss mich organisieren, mich selbst vermarkten, um meine Werke auch zu verkaufen.“ Vorerst fiebert sie dem 28. Oktober entgegen. Dann beginnt um 18 Uhr im historischen Frankenturm von Trier ihre erste Vernissage, in der vorwiegend Werke der letzten zwei Auslandsjahre aus London und Lyon ausgestellt werden. Bei Livemusik soll vor erwarteten 100 Gästen das Interesse an 21 „offenen Stories“ – 20 Bilder und eine Installation – geweckt werden, in denen Farben, aber auch Empfindungen eine große Rolle spielen. 

Und natürlich auch der Mensch, der sich auf einem Werk beispielsweise auf einer Schaukel an einer riesigen Palme unter einem Stück offenen Himmel befindet. „Es geht auf dem Bild um Entschleunigung, aus dem Alltag rauszukommen.“ Die Sehnsucht nach der längeren Pause. Weil die Motive figurativ und nicht abstrakt gehalten sind, kann das auch derjenige interpretieren, der sich nicht als Kunstkenner ausweist.

Bis zum 9. November läuft ihre Ausstellung, in der die ehemalige Sportlerin meist selbst präsent sein wird. Sie selbst möchte die Geschichte hinter den Bildern erzählen. „Es soll authentisch sein.“ Weil es eben manchmal auch ein Stück von ihr selbst ist. Sich selbst hat sie nie gemalt, aber ihr erstes richtiges Bild zeigt ein kleines Kind, das vor einer Pfütze durch die eigenen Beine den Betrachter anschaut. „Coucou“, französisch für Kuckuck, hat sie es genannt, und es gibt die Neugierde wieder, die in ihr selbst steckt.

Josephine Henning könnte sich zwar auch vorstellen, ihre Erfahrung aus dem Fußball in Kindercamps weiterzugeben, aber die Kunst passt irgendwie ja auch besser in die Familiengeschichte: Mutter Sabine arbeitet als Theatermalerin, Vater Jörg Mayer war Schauspieler am Trierer Theater. Und wo in anderen Elternhäuser die Kinder schon mal vor den Fernseher gesetzt werden, „gab es bei uns den Pinsel in die Hand“. Wenn sie denn mal Hausarrest bekommen habe, sei das keine Strafe gewesen, „weil ich dann etwas malen konnte“.

Schon in jungen Jahren zeichnete sie gerne und viel. In ihrer Wolfsburger Zeit legte sie zunächst ihren Bachelor im Gesundheitsmanagement ab („ein Vernunftstudium“). Als sie 2014 für Paris St. Germain antrat, begann sie ein Fernstudium in Grafikdesign und Interior-Design. Sie zeichnete erste Logos, ließ der Fantasie immer häufiger einfach freien Lauf. Mit dem Wechsel nach London und Lyon ließ sie ihre zweite Leidenschaft schon nicht mehr los; da verwandelte sich das Wohnzimmer in eine Staffelei. Dass sich auf einmal im Ausland ganz neue Inspirationen ergaben, erklärt sie so: „Zuhause scheint man alles zu kennen, in der neuen Umgebung, mit der neuen Sprache nimmt man viel mehr wahr.“ Sie erinnert sich an eine Inspiration, als eine Frau beim Betrachten der sehenswerten Kathedrale von Metz Tränen in den Augen hatte. „Diesen Moment habe ich später in einem Bild festgehalten.“ Speziell in Frankreich habe sie das Gefühl gehabt, „dass die Menschen offener für Kunst sind, sie einen ganz anderen Stellenwert hat“. Das Reisen will sie auch nie mehr missen.

Sie bekennt sich jetzt hierzulande öffentlich als Künstlerin, um raus aus der Schublade zu kommen, in die Leistungssportler gerne gesteckt werden: dass sie alles für den Körper, aber nur wenig für den Kopf tun. „Die Leute denken dann oft, man kann nur eins im Leben. Ich will Schluss machen mit solchen Klischees und Horizonte erweitern.“ Sie spürt nach eigener Aussage eine innere Zufriedenheit, „ich habe das Gefühl, es entwickelt sich etwas“. Manchmal verschließt sie sich fast tagelang im Atelier, wenn sie es für nötig hält. „Ich liebe das. Ich lebe einen coolen Traum.“ Von außen erhält sie viel Zuspruch. Ein bisschen Kopfzerbrechen bereitet nur, ein passendes (und bezahlbares) Atelier in Trier zu finden. Derzeit laufen die letzten Vorbereitungen für die Vernissage in Räumen eines Hinterhofs an der Trierer Güterstraße.

Bei der Stilfrage ist sie nicht festgelegt: „Es ist der Popart ähnlich. Ich arbeite dazu viel mit Spachtel, Schwamm oder Spray. Der Mix ist mein Ding.“ Die Preise gebe es „auf Anfrage“, aber auf Nachfrage kommt heraus, dass sie die meisten Bilder im unteren vierstelligen Bereich verortet hat: „Ich kann sie ja nicht verschenken.“ Die Umsetzung von der ersten Idee erfolge ja nicht in drei Tagen, sondern dauere eher drei Wochen. Vieles erfolgt dabei spontan, wie sie sagt. Kunst ist eben kreativ.

Es muss kein Widerspruch sein, dass ihr als Fußballerin andere Eigenschaften zugeordnet waren. Die „Josi“, wie sie alle nannten, war eine verlässliche Abwehrspielerin. Keine Übersteiger, kein Schnickschnack. Statt dessen: solides Stellungs-, sicheres Passspiel. Und sie konnte im Zweikampf auch ordentlich dazwischenhauen. Ihre Position passte aus ihrer Sicht zum Charakter. „Innenverteidiger sind häufig stille, nach innen gekehrte Persönlichkeiten, die vor allem im Sinn haben, ihre Mannschaft zu beschützen.“

Als vor der Frauen-WM 2011 die Protagonisten für eine kurze Phase zu gläsernen Figuren von öffentlichem Interesse wurden, machte sie zwar die ersten Lehrgänge mit, rauschte aber bei der endgültigen Zusammenstellung noch durchs Rüttelsieb. Die Entscheidung der Bundestrainerin Silvia Neid konnte sie damals „total verstehen, ich war noch ganz neu.“ Sie hat die Stimmung im Land trotzdem eingesogen und war angetan von der Begeisterung, den auch der Frauenfußball entfachen kann. 

Auch wenn sich nicht jede Story mit dem Sport beschäftigte: die Schuhsammlung einer Lira Bajramaj (heute Alushi), der Lebensweg einer Celia Okoyino da Mbabi (heute Sasic) oder die Verrücktheiten einer Nadine Angerer waren auf einmal von öffentlichem Interesse. Mit diesen Mitspielerinnen gewann Josephine Henning dann 2013 die Europameisterschaft in Schweden. Getoppt wurde alles drei Jahre später mit der Goldmedaille beim Olympischen Fußballturnier. Und auch wenn sie beim Finale in Rio de Janeiro gegen Schweden im berühmten Maracanã vor 50 000 Zuschauern nicht zum Einsatz kam, beschreibt sie dieses Erlebnis im Rückblick als das wichtigste und schönste. „Olympiasieger bleibt man ein Leben lang.“ 

Danach übernahm Steffi Jones das Traineramt von Silvia Neid, was der Frauen-Nationalmannschaft definitiv nicht gut tat. Die Europameisterschaft 2017 geriet mit dem Viertelfinalaus zum Reinfall. Josephine Henning war in den ersten beiden Gruppenspielen dabei, erzielte beim 2:1 gegen Italien noch ihr zweites Länderspieltor, dann kam sie nicht mehr zum Zuge. In diesem missratenen Projekt hätten „alle dringesteckt“, sagt sie, „das war keine gute Leistung von allen.“ Die den Spielerinnen zugeteilten Comic-Figuren – sie bekam aus „Toy Story“ den Buzz Lightyear zugeordnet – schienen wichtiger als Laufwege und Spielsystem. Josephine Henning beendete nach 42 Einsätzen danach ihre Nationalmannschaftszeit – aber ganz und gar nicht im Groll, wie sie betont: „Ich blicke mit Stolz und Dankbarkeit auf meine Karriere zurück.“

Nur die wenigsten Mitspielerinnen wussten während der aktiven Zeit wirklich von ihrer zweiten Begabung. Wo andere die Freizeit an der Playstation vertrödelten, hat sie lieber gemalt, aber nur selten darüber gesprochen. „Ich wollte nie, dass man mir unterstellt, nicht alles für den Fußball zu geben.“ So manch eine zeigte sich bei einer zufälligen Besichtigung ihrer Bilder sodann beeindruckt. „Sie sagten mir: Das musst du doch ausstellen.“ Ihre Lyoner Mitspielerin Ada Hegerberg, die norwegische Topstürmerin, begeisterte sich derart, dass Josephine Henning eines ihrer ersten Werke an Europas Fußballerin des Jahres verkaufte. Auftragsarbeiten hat sie bislang nur in Ausnahmefallen erledigt. Zuletzt war ein Fußballmotiv dabei: Torwarthände auf einem Himmel-Hintergrund. Sie kann sich auch vorstellen, im Zuge der Frauen-WM 2019 in Frankreich tätig zu werden. Ansonsten fehlt ihr zwar der Kontakt zu den Mitspielerinnen, nicht aber der Fußball an sich. Aufzuhören, um lieber den Pinsel zu schwingen als einen Pass zu spielen, dafür war die Zeit einfach reif. 

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