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„Ich lasse mich von Sehnsüchten leiten“

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Jodie Forster bewirbt ihre vierte Regiearbeit „Money Monster“.
Jodie Forster bewirbt ihre vierte Regiearbeit „Money Monster“. © imago/APress

Die US-amerikanische Schauspielerin und Regisseurin Jodie Foster über künstlerische Integrität, Existenzangst und warum sie nichts von Frauen-Quoten hält.

Von Ulrich Lössl

Jodie Foster ist mit ihrer vierten Regiearbeit „Money Monster“ (ab Donnerstag im Kino) ein kleines Meisterstück gelungen. Sie hat bewiesen, dass ein Thriller, der die absurden Machenschaften der US-Finanzwelt aufs Korn nimmt, extrem spannend und zugleich intelligent sein kann. Zum Interview im Berliner Hotel Adlon erscheint Jodie Foster in einem grauen Hosenanzug mit weißer Seidenbluse. Neugierig und offen mustert sie ihren Gesprächspartner. Sie ist hochkonzentriert, spricht schnell und pointiert – und lacht auch gerne mal.

Mrs. Foster, Sie haben für Ihren Film erst grünes Licht bekommen, als Sie solche Hollywood-Superstars wie George Clooney und Julia Roberts an Bord hatten. Was sagt uns das über die Hollywood-Filmindustrie?
Dass man in Hollywood immer weniger bereit ist, ein finanzielles Risiko einzugehen. Aber ganz stimmt das so nicht: Ich hätte den Film auch ohne diese Stars machen können. Allerdings sähe er dann ganz anders aus, weil ich so nur ein Budget von etwa drei Millionen Dollar gehabt hätte, anstatt 13 Millionen. Dann hätte es eben keine Außenaufnahmen gegeben, keine Helikopter, Waffen, Bomben, keine Polizisten, keine Spezialeffekte, und ich hätte auch nicht mit so vielen Kameras filmen können. So, wie „Money Monster“ jetzt aussieht, spielt der Film in der Mainstream-Liga, was mir natürlich sehr gefällt.

War es schwierig George Clooney für den Film zu gewinnen?
Nein, überhaupt nicht. Ihm gefiel das Drehbuch und die Story. Und ganz besonders auch der journalistische Aspekt des Films und dass er live im TV spielt. Sein Vater war ja viele Jahre Nachrichten-Moderator und hatte selbst eine Live-TV-Show. Und George war es auch, der Julia Roberts für meinen Film gewinnen konnte. Wir hatten sie zwar angefragt, aber eigentlich nicht damit gerechnet, dass sie zusagt.

Hätten Sie ihre Rolle auch selber gespielt?
Nein, denn ich wollte mich diesmal ganz aufs Regieführen konzentrieren. Und so gut, wie Julia ihre Sache macht, hätte ich das sowieso nicht hingekriegt. Ich bin sehr glücklich mit dem Film und der Besetzung.

Sie sagten, dass Sie als Regisseurin immer nur Themen verfilmen wollen, die Sie persönlich betreffen. Heißt das, Sie haben einen Hass auf Wall-Street-Banker und beim Spekulieren mit Aktien viel Geld verloren?
Wer hat bei dem Finanz-Desaster vor acht Jahren kein Geld verloren? Aber ich habe keinen Hass auf Banker und ich will meinen Film auch nicht als Kapitalismus-Kritik verstehen. Was mich an dem Thema interessiert, ist vor allem der menschliche As-Aspekt. Und dann wollte ich natürlich auch einen spannenden und intelligenten Film machen. Und einen, der für unsere Zeit relevant ist.

Sie haben mit der TV-Produzentin Patty, die Julia Roberts spielt, eine sehr starke Frauen-Rolle eingebracht.
Ja, ohne Patty wäre unser – von George Clooney gespielter – TV-Host Lee Gates wohl auf verlorenem Posten.

Ist das der feminine oder gar feministische Aspekt, den Sie als Frau ganz bewusst einbringen?
Es wäre sehr schön, wenn man sich meinen Film ohne diese Label im Kopf ansehen könnte. Ich würde gerne als Künstlerin, als Filmemacherin beurteilt werden – und nicht als Frau. Diesen Gender-Aspekt finde ich nämlich etwas überbewertet. Ich bin dafür, dass vor allem Talent, Wissen, Können und Eignung für einen Job wichtig sind. Deshalb halte ich auch nichts von der Frauen-Quote.

Aber es fällt schon auf, dass es so gut wie keine Filmemacherinnen gibt, denen Hollywood zutraut, einen wirklich großen Big-Budget-Film zu machen.
Dafür gibt es eine Reihe sehr komplizierter Gründe. Und es ist sicher nicht so, dass es in Hollywood eine Verschwörung von Männern gibt, die Frauen partout keine großen Filme anvertrauen wollen würden. Andererseits sind da immer viele Millionen Dollar im Spiel und da wollen sich die Studios eben so gut es geht absichern.

Das heißt doch, man traut Frauen nicht zu, diese Filme erfolgreich ins Kino zu bringen, oder?
Das stimmt. Das ist zwar nicht meine Meinung. Aber das trifft zu.

Wenn das keine Bevormundung ist …
Ach, manche Frauen wollen diesen Karriere-Weg ja gar nicht gehen. Auch das sollte man bei diesen oft sehr simpel geführten Diskussionen nicht vergessen. Es ist, wie gesagt, sehr kompliziert. Und zum Glück hat sich in den letzten Jahren ja schon sehr viel im Filmbusiness getan. Als ich anfing, gab es so gut wie gar keine Frauen am Set. Keine hinter der Kamera oder in den anderen technischen Bereichen. Die einzigen Frauen, die ich je zu Gesicht bekam, waren im Bereich Make-Up tätig. Nach und nach kamen dann mehr Frauen dazu, was sich sehr positiv auf das gesamte Arbeitsklima beim Drehen auswirkte. Und jetzt gibt es sehr viel mehr Autorinnen und Produzentinnen als früher. Und sogar viel mehr weibliche Studio-Bosse. Und auch das hat im Bereich Mainstream in Bezug aufs Regieführen für Frauen nichts verändert.

Und was ist der Grund dafür?
Das hat mit der sehr vertrackten Psychologie der Geschlechter-Rollen zu tun.

Inwiefern vertrackt?
Es ist zum Beispiel immer noch so, dass viele Männer mit Frauen in leitenden oder sogar übergeordneten Funktionen große Schwierigkeiten haben. Wie gesagt, ein sehr komplexes Thema.

Was ist denn typisch an den Filmen, bei dem Sie Regie führen?
Sie sind temporeich, es wird immer viel gesprochen und es sind alles Ensemble-Filme. Das ist meine Art, mich auszudrücken, mein persönlicher Geschmack. Natürlich liebe ich auch epische Filme wie „Lawrence von Arabien“. Aber so einen Film würde ich selbst nie machen. Ich rede ja auch im wirklichen Leben sehr gern und sehr schnell. Ich halte mich durchaus für eine Intellektuelle. Und ich hoffe sehr, dass sich diese Geisteshaltung auch in meinen Filmen niederschlägt. Für mich ist es eine große Befriedigung, mein Geld mit Filmen zu verdienen, die ein gewisses Niveau nicht unterschreiten.

Als Schauspielerin sind Sie meist in Mainstream-Movies zu sehen, als Regisseurin machen Sie eher Independent-Filme. Woher kommt das?
Das stimmt. Mit „Money Monster“ habe ich diese Kategorisierung wohl zum ersten Mal verlassen, was ein ziemliches Wagnis für mich ist. Ich glaube, dass ich als Schauspielerin besser zu Mainstream-Movies passe. Da spiele ich eine Figur, die meist sehr stringent, sehr klar ist. Es sind oft Frauen, die versuchen, ihre Ängste zu überwinden. Als Regisseurin fächere ich meine Filme immer viel weiter auf. Außerdem mag ich originelle, verschrobene und komplexe Themen, und die finden sich eben meist nur im Independent-Kino. Ich experimentiere auch sehr gerne. Und obwohl ich als Schauspielerin ja schon seit fast 50 Jahren dabei bin, habe ich als Regisseurin bisher nur vier Filme gemacht. Da gibt es noch viele neue Herausforderungen.

Stimmt es, dass Ihnen die Schauspielerei nicht mehr viel gibt und Sie in Zukunft nur noch Regie führen wollen?
Ich hoffe schon, dass ich noch ab und zu als Schauspielerin arbeiten werde. Aber ehrlich gesagt, finde ich das Regieführen, das Entwickeln von Projekten mittlerweile viel spannender und auch erfüllender. Als Schauspielerin hatte ich in den letzten Jahren immer öfter ein Burnout. Es gab Zeiten, da habe ich vier Jahre keine Rolle angenommen. Aber um auf Ihre Frage zu antworten: Ja, mein Fokus liegt jetzt ganz klar auf dem Regieführen.

In „Money Monster“ zeigen Sie, wie man nach dem Ende einer dramatischen Geiselnahme wieder zur Tagesordnung übergeht, als sei nichts passiert.
Was ja leider der Realität entspricht. Und ich meine das gar nicht zynisch. Das ist der kulturelle Stand in unserer westlichen Welt. Durch das Fernsehen fühlen wir uns zwar irgendwie informiert, ganz sicher unterhalten und vielleicht sogar global miteinander verbunden – aber natürlich ist das nur eine groß angelegte virtuelle Illusion. Und wenn die eine Katastrophe vorbei ist, gehen wir eben weiter zur nächsten.

„Gier ist gut“ – dieses Mantra von Gordon Gekko aus dem „Wall Street“-Film gilt heute wohl mehr denn je. Ist Gier in unser aller DNA festgeschrieben?
Ich glaube schon, dass Gier so etwas wie ein Ur-Instinkt ist. Aber wie bei anderen Instinkten sollte man ihm eben nicht unkontrolliert seinen Lauf lassen. Dazu haben wir ja ein moralisches Bewusstsein, einen ethischen Kompass. Aber mein Film ist nicht anti Geld. Wir haben mit Geld eben ein Wertesystem etabliert, mit dem wir die Dinge in unserem Leben evaluieren.

Es sieht so aus, dass in den USA der Wert eines Menschen sehr oft von der Höhe seines Bankkontos abhängt. Und dass jeder den anderen übertreffen will.
Ich glaube, dass diese Besessenheit, so viel Geld wie möglich haben zu wollen, mittlerweile ein globales Phänomen ist. Leider. Und leider ist es auch richtig, dass wir in Amerika immer das Gefühl haben, wir befinden uns permanent im Wettstreit mit potenziellen Konkurrenten. Wir haben definitiv diese Sieger-Verlierer-Mentalität, die oft krankhafte Züge trägt. Das ist wirklich absurd.

Woher kommt das?
Das liegt vielleicht daran, dass wir nicht von einer alten, historisch gewachsenen Kultur herkommen, wie zum Beispiel Europa eine hat. Daraus erwächst für jede Generation das drängende Bedürfnis, sich immer wieder neu zu beweisen und zu definieren. Das hat gute wie auch schlechte Seiten. Sehr negativ – und weit verbreitet – ist es natürlich, sich nur über Geld zu definieren.

Geld macht also doch nicht glücklich?
Ich bin mir nicht sicher. Aber ich bin glücklich, dass ich arbeiten und mich in meiner künstlerischen Arbeit so ausdrücken kann, wie ich will. Dass ich eine gesunde Familie habe, dass meine beiden Söhne ein gesichertes Leben führen können und wir alle ein schönes Zuhause haben. Im Gegensatz zu mir, als ich aufwuchs. Ich hatte täglich mit Existenzängsten zu kämpfen. Ich habe ja schon sehr früh für das finanzielle Auskommen meiner Familie sorgen müssen. Meine Mutter war geschieden und hat mir außerdem immer gesagt, dass eine Frau es in dieser Welt eigentlich nicht schaffen kann, alleine eine Familie zu ernähren. Das war eine ziemlich krasse Hypothek. Ich bin sehr froh, dass ich diese Angst nicht mehr haben muss. Dafür habe ich jetzt andere.

Welche denn?
Meine wohl größte Angst ist, nicht zu leben. Dass ich nicht mehr in der Lage bin, ein volles und erfülltes Leben zu leben. Dass ich also schon tot bin, bevor ich sterbe. Dass ich mittelmäßig und banal werde. Davon handelt ja auch mein vorletzter Film „Der Biber“. Als ich diesen Film machte, steckte ich tief in einer spirituellen Lebenskrise. Und der Film hat mir sicher dabei geholfen, darüber hinwegzukommen.

Wie haben Sie es geschafft, sich Ihre künstlerische Integrität zu bewahren?
Oh, ich habe schon auch mal Filme aus strategischen Überlegungen heraus gemacht. Aber ich habe mich auch dabei nicht zu weit von mir entfernt. Und der Grund dafür ist, dass für mich nichts wichtiger ist als Authentizität. In meiner künstlerischen Arbeit vertraue ich nur meinem Intellekt und meinem Gefühl. Ich frage mich immer, ob das, was ich mache wahr ist und echt oder falsch und unecht. So klopfe ich jede Rolle in meinen Filmen ab. Ich kann gar nicht anders. Und ich gebe auch schon mal Projekte auf, wenn sie diesen Test nicht bestehen. Und obwohl mir natürlich die intellektuelle Herangehensweise dabei sehr wichtig ist, bin ich mir sicher, dass ich meine Gefühle nicht vernachlässige.

„Schicksal ist nur eine hochtrabende Bezeichnung für ein ganz bestimmtes psychologisches Muster“, sagten Sie mal. Was genau meinen Sie damit?
Jeder von uns fühlt sich doch zu gewissen Dingen oder Menschen hingezogen oder interessiert sich für ganz bestimmt Fragen des Lebens, über die er nachdenken und die er vertiefen will. Und das passiert bewusst und unterbewusst. Dann trifft man Entscheidungen, die man auslebt oder auch nicht. Und wenn wir uns diese Prozessfindungen über eine Zeit hinweg anschauen, erkennen wir, dass wir unser eigenes Schicksal selbst geschaffen haben. Und das nur, weil wir Fragen stellen und am Leben Interesse haben.

Wachsen daraus dann die Sehnsüchte, die Sie im Leben antreiben?
Das ist einen gute Frage. Ja, ich denke, ich lasse mich eher von meinen Sehnsüchten leiten, als von meinen Ängsten.

Wagen Sie doch noch einen Blick in die Zukunft. Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
Wenn ich eines in all den Jahren im Filmbusiness gelernt habe, dann, dass man besser nicht zu weit im Voraus planen sollte. Aber ich habe definitiv vor, mich in der nächsten Zeit um Filmprojekte im Fernsehen zu kümmern. Ich habe auch schon ein paar Serien entwickelt, aber noch ist nichts spruchreif. Aber diese sehr guten und innovativen TV-Serie, wie sie in den letzten Jahren gemacht wurden, kommen meiner Auffassung sehr nahe, wie man eine komplexe und intelligente Geschichte auf sehr spannende und unterhaltsame Art erzählen kann. Und das ist es doch, was sich jeder Regisseur wünscht: sich so, wie er gestrickt ist, mitteilen zu können und mit dem Publikum zu kommunizieren.

Wenn Ihr Leben ein Film wäre – wie wäre der Titel?
Es gibt einen Film von Anthony Minghella, den ich sehr liebe, der heißt „Truly, Madly, Deeply“. Das wäre ein guter Titel.

Interview: Ulrich Lössl

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