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David Garrett

"Ich lass? das lieber"

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Stargeiger David Garrett über Plaudereien in sozialen Netzwerken, die Preisgabe privater Details und warum seine Konzerte unpolitisch sind.

Im Sommer 2016 musste David Garrett ganz stark sein. Seine Ex-Freundin hatte ihm höchst öffentlichkeitswirksam vorgeworfen, sie beim Sex misshandelt zu haben. In dieser Zeit sah sich der Stargeiger, dem von Kritikern bis dahin eher vorgeworfen worden war, er fidele sich durch die Sphären der musikalischen Belanglosigkeit und verkörpere so etwas wie den Hochverrat an der Klassik, plötzlich mit heftiger Kritik an seiner Person konfrontiert: Der nette Junge an der Fidel ein Monster im Bett? Das Verfahren wurde zwar recht bald eingestellt, aber der vermeintliche Sex-Skandal war in der Welt. In diesem Frühjahr wiederum mussten Garretts Fans „ganz stark sein“, wie es auf diversen Online-Portalen hieß. Er hatte mehrere Auftritte absagen müssen, nachdem bei ihm im Januar ein Bandscheibenvorfall diagnostiziert worden war. Da sei „das Herumwirbeln schwierig geworden“, wie Stern.de Mitte Mai etwas unglücklich vermeldete. Aber jetzt wirbelt der 38-Jährige wieder. Während des Gesprächs in Berlin allerdings nicht, da sitzt er ganz entspannt auf dem Sofa in seiner Suite. 

David Garrett, Sie haben in zehn Jahren zehn Alben veröffentlicht, weltweit Tourneen gespielt und fürs Kino den Teufelsgeiger Paganini verkörpert. Jetzt legen Sie ein Best-of-Album vor. Sind Ihnen die Ideen ausgegangen?
Naja, Sie haben es ja eben selbst gesagt: Zehn Alben in zehn Jahren, die alle sehr unterschiedlich und alle sehr erfolgreich waren. Da erscheint mir die Aussage, mir sei wohl gerade mal nichts eingefallen, doch ein bisschen widersprüchlich. Es ist vielmehr so, dass ich mir zwischendurch eine Auszeit nehmen musste ...

Wegen Ihrer Rückenprobleme ...
Genau, und in dieser Zeit hatte ich Ruhe und Gelegenheit, darüber nachzudenken, was in den vergangenen zehn Jahren passiert ist. Und das war unglaublich viel, alles war so hektisch, so schnell, dass ich das ein oder andere gar nicht so richtig wahrnehmen oder auch genießen konnte. Und aus dieser Reflektion heraus habe ich dann entschieden, eine Art musikalischen Rückblick zu machen. Es ist ja auch eine Leistung, über so lange Zeit den Kontakt zu den Fans und das Niveau des Erfolgs zu halten. Jeder weiß, wie schnell eine Karriere zu Ende sein kann, von daher ist das Album für mich auch so eine Art Jubiläumsgeschenk. 

Mussten Sie für den Erfolg jemals Zugeständnisse machen?
Nein, nie. Nicht ein einziges Mal! Die Plattenfirma hat mir da nie reingeredet. Ich habe mit meiner Band eingespielt, hab das abgegeben und dann war das die Platte. Das ist ein Riesenluxus, dieses Vertrauen entgegengebracht zu bekommen. Aber dieses Vertrauen musste ich mir auch hart erarbeiten.

Weil Sie gerade die harte Arbeit erwähnen: Sie mussten im Frühjahr eine längere Pause machen wegen eines Bandscheibenvorfalls. Manche Mediziner sind überzeugt: Der Rücken gibt nach, wenn man sich eine zu große Last aufgeladen, zu viel Druck hat. 
Ich glaube nicht, dass das viel damit zu tun hatte, dass ich mental überlastet war. Ich habe einfach viel zu viel geübt. Und das wohl meist in einer Körperhaltung, die mir nicht gut getan hat. Da waren ein paar Kleinigkeiten, die über die Jahre den Körper sehr belastet haben, die Schulter, den Rücken. Und, ja, vielleicht war es auch übertriebener Ehrgeiz. 

Also doch zu viele Konzerte?
Nein, es war vor allem das private Üben. Das habe ich übertrieben. Selbst wenn ich unterwegs war, habe ich im Auto geübt, im Badezimmer, überall, wo die Geige mit hinkonnte. Das war zu viel. Und da war irgendwann die Konzentration nicht mehr da. Nach ein paar Stunden kann man das ja auch nicht mehr erwarten – und dann sackt der Körper während des Übens zusammen. Aber das habe ich erkannt und meine Lehren daraus gezogen. Ich arbeite präventiv daran und habe mir auch viel Zeit genommen, einen neuen Ansatz zu finden. 

Kamen während dieser Auszeit auch Zweifel auf? Oder das Bedürfnis, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen, einfach mal nicht mehr mitmachen?
Das kommt für mich jetzt noch nicht infrage. Dafür habe ich daran zu viel Spaß. Und das ist mir ja auch aufgefallen, als ich nicht mehr auf der Bühne stehen konnte: Dass ich das total vermisse. 

Und wenn Sie gemerkt hätten: Ach, ist das schön daheim, warum mache ich das eigentlich?Wozu Tourneen spielen? Hätten Sie überlegt, in der Zukunft was anderes zu machen? 
Nein, ich habe konzentriert und fokussiert darauf hingearbeitet, wieder Musik machen zu können. Das ist doch ein gutes Indiz dafür, dass mein Leben so verkehrt nicht sein kann, oder?

Es geht auch nicht um die Frage des richtigen oder falschen Lebens, sondern eher um die Bedingungen, unter denen man kreativ ist. Der Koch Franz Keller etwa hat vor einigen Jahren seine Michelin-Sterne zurückgegeben, weil er keine Lust mehr hatte auf den Druck. Und jetzt züchtet er im Hunsrück Schweine und andere Tiere, die im Restaurant seines Sohnes auf den Tisch kommen.
Absolut nachvollziehbar, vor allem auch, weil man sich, wenn man auf einem bestimmten Niveau arbeitet, auch selbst sehr unter Druck setzt. Das muss ja nicht einmal der Druck sein, den andere auf einen ausüben. Oder die Sterne. Das sind schon wir selbst. Und dann ist man vielleicht erlöst, wenn man das abgegeben hat. Sicher, ich war und bin sehr ehrgeizig. Ich habe aber nicht das Gefühl, mich selbst zu sehr unter Druck zu setzen. Andererseits hat es mir total gut getan, dass auch mein Team in dieser Situation gesagt hat: Nimm das Tempo raus, mach‘ einfach gar nichts, und zwar so lange du musst und willst. Und melde dich, wenn es wieder läuft. 

Haben Sie sich manchmal gefragt: Was wäre, wenn es nicht mehr läuft? 
Oh ja, natürlich! Dadurch, dass ich auch ganz frei war, keine Engagements hatte und nicht reisen musste, konnte ich mir ganz in Ruhe überlegen, wo es musikalisch noch hingehen könnte …

Ich meinte eher abseits der Musik…
(Überlegt) Ich hab in diesen Wochen vor allem genossen, so viel Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden zu verbringen. Das war phänomenal, das hatte ich schon seit Jahren nicht mehr. Es war schön, zu erleben, wie gerade in diesen Ruhephasen das Gehirn anfängt zu arbeiten, wie sich die Kreativität regt. Und so Fragen kommen wie: Was willst du machen, was interessiert dich, was wäre spannend? Also, auf die Musik bezogen. Und da ist Einiges bei rausgekommen, worauf ich mich sehr freue, das umzusetzen und im Studio daran zu arbeiten.

Klingt eher nicht nach Nichtstun…
Oh, das mach’ ich auch. Ich sitze oft abends draußen, halte Ausschau nach Sternschnuppen, lasse meine Gedanken treiben. Das hat ja auch etwas wahnsinnig Erdendes, da hoch zu schauen und auf sich wirken zu lassen, wie unglaublich weit weg das alles ist. Und was uns hier auf der Erde alles umgibt, das auch manchmal so weit weg scheint. An so einem Abend wurde mir auch klar: Das Leben ist nicht vorbei, nur weil es gerade mal knirscht. Und selbst wenn ich nie wieder auf der Bühne hätte stehen können, würde es irgendwie weitergehen. So ein Blick da hoch rückt alles in die richtige Perspektive, auch eine Bandscheibe.

Wenn Sie sagen, Sie haben die Zeit mit Familie und Freunden sehr genossen: Ist Einsamkeit doch der Preis des Ruhms?
Nee, überhaupt nicht. Ich hatte immer jemanden um mich herum, meine Mama ist ja Balletttänzerin und hat mir sehr geholfen bei der Physio, ohne sie hätte ich das wohl auch nicht so schnell wieder in den Griff bekommen. Und was die von Ihnen erwähnte Einsamkeit angeht: Das werde ich in den nächsten Wochen ja sehen, wie das so ist und ob mir das fehlt. 

Vor einigen Jahren haben Sie sich in eine Escort-Dame verliebt, die Sie gebucht hatten, weil Sie sich einsam fühlten, wie Sie später sagten. Der Wirbel nach der Trennung hat Ihnen eine riesige mediale Aufmerksamkeit jenseits Ihrer Geigenkünste beschert, es war sogar vom Sex-Skandal die Rede… 
…Naja, das war ja nun wirklich kein Sex-Skandal!

Aber Ihre Ex-Freundin hatte Ihnen nach der Trennung vorgeworfen, Sie seien beim Sex sehr grob gewesen. Das Verfahren wurde damals zwar recht bald wieder eingestellt, aber als die Vorwürfe aufkamen, mussten Sie sich immer wieder erklären und rechtfertigen. Konnten Sie aus dieser Zeit in der Rückschau wertvolle Erfahrungen ziehen? 
Das war natürlich keine leichte Zeit. Ich habe vor allem gelernt, nicht immer so offen über mein Privatleben zu sprechen. Das ist Punkt eins. Und Punkt zwei wäre, vielleicht auch ein Stück weit … (überlegt lange) vorsichtiger zu sein, mit wem ich mich umgebe. Da kann eine Extraportion Skepsis sicher ganz hilfreich sein. Auf der anderen Seite bin ich immer noch ein sehr positiver Mensch, das hat mich jetzt nicht so erschüttert, dass ich mich total verändert habe. Ich gehe immer noch offen auf die Menschen zu und erwarte das von denen auch. 

Ist diese Haltung auch eine Frage der Reife? Sie sind jetzt 38 Jahre alt. Also: Jung, und trotzdem gibt es schon vieles, auf das Sie zurückblicken können.
Man wird auf jeden Fall ruhiger mit der Zeit, also innerlich. Das eigene Wohlsein liegt mir mehr am Herzen als die Arbeit. Früher haben mir manche Sachen den Puls hochgehen lassen, meist Kleinigkeiten, bei denen ich heute sage, was für eine Zeitverschwendung! Es ist schön, heute diese Gelassenheit zu spüren. Zu merken, ich muss mich nicht über alles aufregen. 

Und es auch nicht jedem recht machen?
Das war eigentlich nie mein Problem. Wenn es um die Musik ging, war ich immer eigensinnig, fast stur. Und habe meine Projekte sehr entschlossen verfolgt und mich eigentlich auch nie vom Weg abbringen lassen. 

Wie halten Sie es mit den sozialen Netzwerken, vor allem nach dem Streit mit Ihrer Ex-Freundin, die ja viele Episoden dieses Liebesdramas auf Social-Media-Kanälen gespielt hat? 
Also, ich schau da so selten rüber, dass das für mich eigentlich kein Ballast ist. Würde da weiterhin viel Negatives drin stehen, würde mich das heute auch nicht mehr so belasten wie vielleicht früher noch. Ich habe das am Anfang der Social-Media-Entwicklung gemacht, als zum Beispiel Twitter ganz neu war. Und dann aber auch schnell gemerkt, dass die Menschen das immer ganz unterschiedlich annehmen. Die Momente, die man da teilt, die erlebt man selbst ja ganz anders als jemand, der sich das anschaut. 

Wie meinen Sie das?
Einmal wollte ich mal aus dem Urlaub Hallo sagen, einfach so, und dann musste ich mir Kommentare anhören wie: Warum trägt er diese komischen Klamotten? Und: Oh, da kann man ja seine Nippel sehen. Keine Ahnung, was das soll! Und dann sagt das Management: Kannste ja wieder löschen. Und dann heißt es, nachdem das gelöscht worden ist: Warum hat er das jetzt wieder gelöscht! Das war mir irgendwann einfach zu viel. Ich habe das mal ausprobiert, weil ich da Lust drauf hatte und mir das auch Spaß gemacht hat – aber ich bin wohl zu nah an mir dran, ich lass’ das lieber. Da kann ich nur verlieren. Wenn jemand aus meinem Team ganz neutral was von mir postet, dann ist das besser. 

Sie selbst können heute auf 20 Jahre Karriere zurückblicken. Wie ist es für Sie zu sehen, welche Karrieremöglichkeiten sich in der Zwischenzeit aufgetan haben, wenn man sich gut verkaufen kann?
Ich bin teilweise ganz fasziniert davon, dass manche Leute keinen richtigen Beruf und trotzdem ganz viele Follower haben. Vielleicht bin ich da auch schon zu alt, um das nachvollziehen zu können. Aber, wenn man immer eine Kamera dabei hat und sich filmt, dann hat man doch kein eigenes Leben mehr. Dann ist doch alles nur noch ein Film. Aber, ich habe ja das Glück, etwas zu können, was ich mein Leben lang machen kann. Das fühlt sich wahnsinnig gut an. Die Musik ist einerseits so flüchtig, aber hat doch Beständigkeit. Und ist nur zum Teil an ein Image gekoppelt – oder daran, wie ich aussehe. 

Im Grunde sind Sie mit Ihrem Repertoire, das sich über so viele Jahrhunderte erstreckt, auch unabhängig vom Zeitgeist.
Eben. Klassische Musik wird es immer geben. Und auch die Liebe zur klassischen Musik wird es immer geben. Gerade über die letzten 20 Jahre, in denen die CD als Musikmedium ihre Probleme bekommen hat, sind Live-Konzerte total in den Vordergrund gerückt. Man möchte Künstler live erleben. Sonst gäbe es nicht so viele Konzerte in allen Sparten. Ich will nicht sagen, diese Entwicklung bringt eine Garantie für mein Leben als Künstler, aber kommt dem doch recht nahe.

Musik wird oft als die Sprache bezeichnet, die jeder versteht. Insofern passt der Tournee-Titel „Unlimited“ sehr gut. Andererseits hat die Idee der Grenzenlosigkeit in jüngster Zeit ihre Leichtigkeit, ihre Unschuld verloren. Grenzen werden wieder dicht gemacht, nicht nur in Europa. 
In dem Moment, in dem ich mich für den Titel Unlimited entschieden hatte, war das für mich vor allem ein musikalischer Begriff. Und der speist sich aus meiner grundsätzlichen Einstellung, mir musikalisch keine Grenzen zu setzen. Über den politischen Hintergrund habe ich mir bei diesem Wort keine Gedanken gemacht. Aber wenn Sie diesen Begriff auf das Politische ausweiten wollen, kann ich nur sagen: Für mich ist es völlig normal, Menschen zu unterstützen, ihnen Hilfe anzubieten. Das sind für mich Eigenschaften, die jeder haben und auch pflegen sollte. Aber manchmal habe ich das Gefühl, da draußen geht etwas verloren. So viele schlechte Nachrichten, überall auf der Welt, und heutzutage kommt noch dazu, wenn etwas passiert, gibt es zwei Minuten später Fotos und Videos, alles ist sofort da. Ich glaube aber nicht, dass der Mensch sich grundsätzlich verändert hat. Das Gute und das Schlechte hat es schon immer gegeben, wir bekommen halt nur mehr davon mit. Und ich als Musiker sehe meine Aufgabe vor allem darin, die Sorgen des Alltags für zwei Stunden verschwinden zu lassen. Gute Musik zu hören ist wie Urlaub vom Leben. Und diesen Urlaub will ich meinen Fans nicht verderben.

Wohingegen Fans einem Star schon auch mal den Urlaub vermiesen können. Oder den Abend in der Disko… 
Ach, da bin ich entspannt geworden. Ich vermisse auch nicht die Zeit, in der mich keiner erkannt hat. 

Sie könnten ja sagen, Sie sehen nur aus wie David Garrett…
Ich sage mir: Es ist so, wie es ist. Und sehe das als Riesenkompliment, so viele Menschen erreicht zu haben. Mit einem Instrument, das 302 Jahre alt ist und vier Saiten hat. So viele Menschen, weltweit, das ist dann auch eine Verpflichtung, offen zu sein und sich nicht zu verstecken. 

Interview: Boris Halva

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