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Kompromisse? Will Senna Gammour schon lang nicht mehr eingehen. „Das habe ich mir jetzt einfach auch mal verdient“, sagt sie.

Senna Gammour

„Ich komme nicht mal mit meiner eigenen Vagina klar“

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Mit Girlband auf der Bühne stehen? Das liegt hinter Senna Gammour. Heute prägt sie einen modernen Feminismus. 

Einen Ghostwriter lehnte sie vehement ab. „Wenn ich ein Buch schreibe, dann soll es meine Sprache haben. Das habe ich den Leuten vom Verlag gleich gesagt“, sagt Senna Gammour. Die 39-Jährige trägt an diesem Tag einen stylischen weißen Jogginganzug zu schwarzen Highheels und Bauchtasche. Sie sitzt etwas erhöht an einem Tisch im Buchladen Hugendubel in der Frankfurter Innenstadt. 

Vor ihr aufgereiht stehen 300 Fans, die meisten sind weiblich und irgendwo zwischen 17 und 30 Jahre alt. Sie warten geduldig in einer langen Selfie- und Signierschlange. Gammours Buch mit dem Titel „Liebeskummer ist ein Arschloch“ liegt vor ihr. Schon in der ersten Woche ist das Buch auf Platz 1 der Taschenbuch-Spiegel-Bestseller-Liste gelandet. Eine junge Frau ruft ihr zu, dass sie die 200 Seiten in 18 Stunden gelesen habe. Sie habe gerade Liebeskummer. „Das Buch soll wie eine ältere Schwester sein“, sagt Gammour und lächelt. In fetten Buchstaben steht auf der Rückseite, die wichtige Botschaft an die Mädchen und Frauen in der Datingwelt: „Du bist keine Option, du bist eine Priorität.“

Das Cover ist rosa, wenig später wird sie im Gespräch erzählen, dass ihre eigene Welt sehr oft aber eben nicht rosa war. Aufgewachsen ist die Tochter marokkanischer Gastarbeiter in einer Hochhaussiedlung in der Frankfurter Nordweststadt. Ihr Vater stirbt, da ist sie zwölf Jahre alt. Ihre Mutter muss alleine die vier Kinder groß ziehen. Berühmt wird Gammour erst mal nicht als Autorin, sondern als Teil der erfolgreichen deutschen Casting-Girlband Monrose. Es folgen einige Nummer-Eins-Hits und, wie sie erzählt, ein Jetset-Leben. Als sich die Band im Jahr 2011 trennt, erfährt die Popsängerin zeitgleich, dass ihr Freund, den sie heiraten wollte, sie betrügt – und ihre Mutter an Krebs erkrankt ist. Beruflich versucht sie sich als Moderatorin, aber so richtig gut läuft es in der TV-Welt nicht für sie. 

Gammour muss von vorne anfangen. Nichts sei ihr im Leben geschenkt worden. „Mir sind immer wieder Steine in den Weg gelegt worden, die ich aufheben musste.“ Was sie aber nie verloren habe, sei der Mut weiterzukämpfen. Seit zwölf Jahren lebt Gammour in Berlin. Man hört’s: Immer wieder beendet sie Sätze mit einem robusten „Wa“. Im Herzen ist sie aber eine Frankfurterin geblieben. „Wir Frankfurter Mädchen stehen immer wieder auf. Wir wollen den Himmel erobern“, sagt sie. Ihre berufliche Rettung wird, wie sie sagt, Instagram. Dort postet sie nicht nur hübsche Bilder von sich, sondern eben auch Videos, in denen sie mit viel Humor jungen Frauen Dating- und Beziehungstipps gibt. Anfangs sind es gerade mal knapp 1000 Follower, vermutlich vor allem alte Monrose-Fans. Mittlerweile folgen dem Profil von „Miss Gammour“ allerdings fast 800.000 Fans. 

Daraus macht sie was: 2016 beginnt Gammour mit einer Mischung aus Musik- und Comedyshow aufzutreten, eben unter dem Titel „Liebeskummer ist ein Arschloch“. Gerade ist sie mit Teil zwei der Tour „No More Fuckboys“ durch Deutschland, die Schweiz und Österreich unterwegs. „Fuckboys“ – das ist Gammours ganz eigene Bezeichnung für Kandidaten, die einem notorisch Liebeskummer bescheren. Dass das nicht nur die Künstlerin selbst kennt, beweisen nicht zuletzt die Ticketverkäufe: Bis auf Zürich sind alle Shows bereits seit Wochen ausverkauft. Der Verlag Ullstein findet Gammour denn auch so unterhaltsam, dass er ihr eines Tages nach einer Show einen Autorenvertrag anbietet. Unterhaltsam ist auch ihr Auftritt in ihrer alten Heimatstadt Frankfurt. Es ist mehr so eine Art freie Rede als eine richtige Lesung. Wenn Gammour sich über ihre eigenen Witze kaputtlacht, krümmt sie sich leicht nach vorne und hält ihren Bauch. 

Als sie mit der Girlband bekannt wurde, gab es noch kein Instagram. 2006 war das, in einer Zeit, in der junge Menschen ihre Idole eben noch in einer Castingshow auf RTL II fanden und nicht auf den Sozialen Medien. Schon bei „Popstars“ war Gammour nie das süße Popmäuschen, das viele ihrer Konkurrentinnen mimten. Sie war immer die Laute, die, wie sie auch im Buch schreibt, jahrelang von vielen in die „Asi-Schublade“ geschoben wurde. Eben nur, weil sie das ausspreche, was sie denkt. „Ich glaube auch, dass viele denken, ich bin dumm. Das ist noch so eine Schublade. Diese Leute haben vielleicht einen Ausschnitt aus einer ‚Popstars’-Folge gesehen, schon wussten sie Bescheid: Oh mein Gott, das ist Bushido in weiblich!“, schreibt sie in ihrem Buch. Und sie sagt: „Ich habe aufgehört, mich zu erklären.“ 

Aziza, 21 Jahre alt, und die 17-jährige Anissa sind Fans der ersten Stunde. Sie sagen, dass das, was sie an „Senna“ am liebsten mögen sei: „Dass sie nur die Wahrheit spricht.“ Gammour ist gegenüber ihren Fans sehr herzlich: Zweieinhalb Stunden lacht sie, posiert für Videos und Selfies, hält Smalltalk, umarmt die Fans. Egal, wie alt sie sind – eine ältere Dame etwa bittet an dem Tag um ein Autogramm – Gammour nennt sie alle liebevoll „Schatzi.“ Am Ende sagt sie immer: „Ey gib mir Feedback“ und „Schreib mir, welches Kapitel, dir am besten gefallen hat.“ 

Gammour macht auch gerne Komplimente. „Was eine schöne Frau“, sagt sie zu einem Fan. Die junge Frau fragt ihr Idol daraufhin leise, ob sie vielleicht lesbisch sei. Gammour lacht amüsiert. „Nee, ich bin nicht lesbisch. Ich komme schon mit meiner eigenen Vagina nicht klar. Was soll ich da mit einer zweiten anfangen?“ Ein anderes Mädchen bittet Gammour, ihr Steuergesetzbuch zu signieren. „Ich will Steuerberaterin werden, und ich glaube, wenn du das signierst bringt mir das Glück für die Prüfung.“ Gammour unterschreibt. Mit einem taubstummen Jungen übt sie „Liebeskummer ist ein Arschloch“ in Gebärdensprache auszudrücken. Sie lacht, als er ihr erklärt, dass das Zeichen für Arschloch in der Gebärdensprache zwei Stinkefinger sind. 

Sechs Monate lang habe sie jeden Tag zehn Stunden mit einer Korrektorin zusammengearbeitet. „Das war eine Art Selbsttherapie und ich habe mich Flashback zurückerinnert, wie ich früher hier im Hardrock Café gearbeitet habe und immer am Hugendubel vorbeigelaufen bin, aber nie reingegangen bin. Aber schon da habe ich irgendwie gefühlt, ich glaube in mir steckt noch mehr.“ Im Buch geht es nicht nur um Dating und Männer, sondern Gammour erzählt in einem Kapitel auch von ihrer Zeit vor dem Showbusiness. Wie sie sich gegen das Abitur und für die Musik entschieden hat. Wie sie gekellnert oder Büros in Frankfurt geputzt hat. Bis sie eben mit ihrer ersten Karriere als Popstar durchstartete. 

Und auch wenn sie auf dem Cover ihres Buches perfekt gestylt ist, an diesem Tag viel mehr Make-up trägt als sie bräuchte, Filter auf Instagram und Botox gegen ihre Zornesfalte benutzt – ein inhaltsleeres Püppchen ist sie keinesfalls. Aber reicht das schon für einen modernen Feminismus? Ganz so sicher ist Gammour da selbst nicht. „Ich muss meine Achselhaare nicht wachsen lassen. Ich lasse mich waxen, nicht für den Typen, sondern für mich“, sagt sie im Interview mit der „Welt“ und fragt: „Digga, bin ich eine Feministin?“ In die richtige Richtung geht es ja schon mal: „Sei unabhängig, das hat mir meine Mutter beigebracht“, sagt Gammour und das rät sie auch ihren Fans in ihrem Buch: „An die Frauen dieser Welt: Hört auf abhängig zu sein. Lernt einen Beruf, verdient euer eigenes Geld, Männer kommen und gehen.“ Und wenn Leute ihre Mutter heute fragten, warum ihre Tochter noch nicht verheiratet sei, antworte diese auch immer: „Meine Tochter muss ihr Glück nicht von einem Mann abhängig machen.“ 

Gammour betont aber auch, dass es Konflikte geben kann: „Ich bin eine Frau mit Migrationshintergrund, die aber ein westliches Leben führt, schwule Freunde hat, Bikinifotos postet.“ Ihre Mutter sei traditionell religiös, mag es auch nicht, dass Senna sich gerne leicht bekleidet zeigt. Stolz sei sie trotzdem: „Denn meine Mutter weiß, dass ich für das Glück, das ich jetzt habe, sehr hart arbeiten musste. Das habe ich mir jetzt einfach auch mal verdient.“

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