Schauspieler Daniel Craig.
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Schauspieler Daniel Craig.

Daniel Craig im FR-Interview

"Ich bin kein gewalttätiger Mensch"

Zweimal Bond und einmal Cowboy: Der Schauspieler Daniel Craig im FR-Interview über echte Kerle, Segen und Fluch des Internet-Zeitalters und die Folgen der Finanzkrise.

Zweimal Bond und einmal Cowboy: Der Schauspieler Daniel Craig im FR-Interview über echte Kerle, Segen und Fluch des Internet-Zeitalters und die Folgen der Finanzkrise.

Demnächst wird er in einer Comic-Verfilmung zu sehen sein, in Steven Spielbergs Version von „Tim und Struppi“. Daniel Craig verkörpert darin allerdings als Pirat wieder jene Figur, für die er bekannt geworden ist – die des ganzen Kerls. Den spielt der 43-jährige Brite immer gern, ob nun als James Bond oder als Schatzjäger-Kollege von Lara Croft. Auch in seinem neuesten Film „Cowboys & Aliens“ zeigt Craig vollen Muskeleinsatz – zum Beispiel dabei, sich auf einem Pferd zu behaupten, denn ansonsten, sagt er, wäre es ja kein Western.

Mr. Craig …

Oh bitte, nennen Sie mich Daniel. Ich würde ja nicht mal meinen Vater mit Mr. Craig anreden.

Also gut, Daniel. Von all den Debatten über die Krise der Männlichkeit sind Sie bislang verschont geblieben. In Ihren Filmen dürfen Sie regelmäßig ungehemmt echte Kerle spielen, die Muskeln zeigen, prügeln und Blut spucken. Warum kommen Sie damit durch?

Das kann ich Ihnen auch nicht sagen. Es ist aber nicht so, dass ich krampfhaft versuche, ein echter Kerl zu sein.

Was zeichnet denn heute einen echten Kerl aus?

Wahrer Mut – den erkennt man, wenn man damit konfrontiert wird. Wobei das keine spezifisch männliche Eigenschaft ist, das können Sie bei Männern wie Frauen beobachten. Im Gegensatz zu früher müssen Männer heute vielen Vorstellungen entsprechen. Sie sind Ehemann, Kind, Krieger, Liebhaber, Versorger. Als Mann musst du heute fähig sein, all diese Dinge unter einen Hut zu bekommen. Das macht es manchmal schwierig.

Gelingt Ihnen das?

Sagen wir so: Ich versuche, in meinem Leben tapfer, aufrichtig und authentisch zu sein.

Sie haben im Theater angefangen und stehen, wenn Sie nicht in Hollywood-Produktionen zu sehen sind, immer wieder auf der Bühne. Da müssen Sie mit Sprache überzeugen. Was reizt Sie im Vergleich dazu an den sehr körperbetonten, wortarmen Film-Einsätzen?

Ich kann nur sagen, dass ich sie genieße. Wenn man einen Cowboyfilm macht, kann man sich nicht darum drücken, physische Präsenz zu zeigen. Wenn du es nicht schaffst, in diesem Genre auf ein Pferd zu steigen und einfach loszureiten, bist du definitiv im falschen Film.

Seit Ihren Erfolgen als James Bond sind Sie vor allem ein Inbegriff einer neuen Art britischer Coolness. Fiel es Ihnen schwer, diese Aura gegen den dreckigen Cowboy-Charme einzutauschen?

Ich habe einfach geschauspielert. Ich würde sagen: Das gehört zu meinem Job, oder? Aber es stimmt schon: Als man mir diese Rolle anbot, war ich auch erstmal überrascht. Aber ich habe mich gleichzeitig gefreut, denn ich wollte schon immer mal einen Cowboy spielen.

Sie sind in Liverpool aufgewachsen, haben Sie da als Kind auch Cowboy und Indianer gespielt?

Oh ja, sehr oft.

Was waren Sie am liebsten – Cowboy oder Indianer?

Ich wollte immer beides sein.

Sehr diplomatisch. In Ihrem neuen Film kommt es auch zu einer seltsamen Versöhnung zwischen Cowboys und Indianern angesichts einer außerirdischen Bedrohung. Die Aliens fallen über Nordamerika her, wie es seinerzeit die Europäer mit den Ureinwohnern gemacht haben. Ist das ein bisschen Kritik an der Unterwerfung der Indianer?

Nein. Nein. Nein. Gut, wir haben die Geschichte umgeschrieben. Ein bisschen. Dieser Science-Fiction-Plot bot uns die schöne Gelegenheit, Apachen und Cowboys zusammenzubringen, um gegen einen gemeinsamen Feind zu kämpfen. Aber es gibt keine politische Botschaft. Der Film heißt „Cowboys & Aliens“ – das sagt doch alles.

Warum so defensiv? Science-Fiction-Filme waren oft Metaphern, die gesellschaftliche und historische Ereignisse kommentierten.

Wenn Sie darüber etwas schreiben wollen, will ich Sie davon nicht abhalten. Aber dann müssten wir wohl über einen anderen Film als über „Cowboys & Aliens“ reden.

Jetzt machen Sie das Popcorn-Kino gerade dümmer, als es manchmal ist: Harrison Ford spielt einen verbitterten, ehemaligen Colonel, der früher Indianer bekämpft hat. Jetzt reitet er mit einem Apachen-Häuptling gegen krötenartige Außerirdische. Das kann man pathetisch oder platt finden – aber es hat doch eine gewisse Symbolkraft. Sie hätten die Indianer ja auch weglassen können.

Okay. Okay. Aber dieser Schulterschluss hat auch etwas mit der traditionellen Erzählweise von Western zu tun – dass die Menschen angesichts eines übermächtigen Gegners ihre Gegensätze überwinden, dass gemeinsames Handeln am Ende zum Sieg führt. Vielen Western liegt diese Idee zugrunde. Nehmen Sie „Die glorreichen Sieben“. Da reitet eine Gang, angeführt von Yul Brynner, in eine kleine mexikanische Stadt ein und hilft den Bewohnern im Kampf gegen eine Banditen-Bande. Gemeinsam sind sie stark. Davon einmal abgesehen, würde ich wirklich gerne mal einen Film über die Unterdrückung der amerikanischen Ureinwohner machen. Das ist ein Abschnitt in der amerikanischen Geschichte, der mich von jeher sehr, sehr fasziniert hat.

Woher kam dieses Interesse?

Ich habe tatsächlich sehr viel darüber gelesen. Es begann damit, dass ich als kleiner Junge unzählige Cowboy-Filme gesehen habe. Anfangs waren es John-Wayne-Western, in denen es eine klare Trennung zwischen Cowboys und Indianern, zwischen den Guten und den Bösen gab. Als ich älter wurde, faszinierten mich dann mehr realistische Western wie „Little Big Man“.

In dem Dustin Hoffman einen Weißen spielt, der unter Indianern lebt und gegen die US-Armee kämpft.

Ja, es waren Western, in denen die Unterdrückung der Ureinwohner Nordamerikas thematisiert wurde. In dem Kontext bekamen Indianer auch mal eine Heldenrolle, das hat mich sehr beeinflusst – eine Zeit lang sehnte ich mich danach, einen Indianer, einen Apachen, zu spielen.

Seite 2: Daniel Craig über seine Zusammenarbeit mit Harrison Ford und die Freiheit des Internets

Sie haben zuletzt einen Blockbuster nach dem anderen abgedreht: Im Oktober sind Sie in Steven Spielbergs „Tim und Struppi“-Verfilmung zu sehen, kurz darauf in der Hollywood-Version von Stieg Larssons „Verblendung“ – und demnächst beginnen die Dreharbeiten für den nächsten Bond-Film. Haben Sie keine Angst, sich in der Blockbuster-Welt zu verschleißen?

Darüber zerbreche ich mir nicht den Kopf. „Verblendung“ ist zwar eine große Produktion, aber eben kein Popcorn-Film. Der Film ist erst ab 16 freigegeben. Es ist ein Film für Erwachsene. Es war für mich die Gelegenheit, mit David Fincher zu arbeiten, der für mich einer der versiertesten zeitgenössischen Regisseure ist. Ich habe keinen spezifischen Plan, der auf mehrere Jahre ausgelegt ist. Es ist auch nicht so, dass ich mich verbissen von kleineren Film-Produktionen fernhalte. Ich schaue mir alle Drehbücher an, die man mir auf den Tisch legt. Aber ich bin auch nicht blöd. Ich weiß, dass es weltweit gerade ökonomisch den Bach runter geht. Wenn das so weiter geht, muss ich mir womöglich überlegen, was ich künftig mache. Wer weiß, vielleicht ende ich irgendwann als Straßenmusiker.

Sie spielen oft sehr gewalttätige Männer. Was fasziniert Sie an solchen Rollen?

Ich bin selbst kein gewalttätiger Mensch.

Das haben wir auch nicht behauptet.

„Cowboys & Aliens“ ist ein Western, in dem Genre kommt nun mal Gewalt vor. Ich kenne nur eine Art zu schauspielern – ich will authentisch sein. Ich spiele meine Rollen immer so, als ob es echt wäre. Wenn ich sagte, Cowboys waren doch gar nicht so hart und brutal, wäre das wohl eine Lüge. Ich versuche, wahrhaftig zu spielen. Aber ich bin keine aggressive, gewalttätige Person.

Sie haben in Interviews mal gesagt, dass Ihnen Waffen Angst machen.

Ich bin mir sehr bewusst, was Waffen anrichten können. Ich weiß, wie mächtig man sich mit ihnen fühlt und wie gefährlich sie sind – vor allem in den falschen Händen.

Reden wir über Ihre Zusammenarbeit mit Harrison Ford, dem man nachsagt, mitunter sehr bärbeißig auf jüngere Kollegen zu reagieren, etwa auf Brad Pitt. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das erste Mal mit ihm vor der Kamera standen?

Ich war nervös vor unserem ersten Treffen. Harrison ist für mich ein Film-Star aus der alten Hollywood-Ära. Ich habe mir seine Filme angesehen, so lange ich denken kann. Er hat einige meiner Lieblingsfilme gemacht. „Blade Runner“ habe ich unzählige Male gesehen. Ich weiß aber noch, wie ich diesen Film in einem Kino gesehen habe, in dem ich ganz alleine saß. Da muss ich zwölf oder dreizehn gewesen sein.

Einige Szenen des neuen Films sind eine Hommage an Harrison Fords berühmteste Rolle, Indiana Jones. In lebensbedrohlichen Situationen greift dieser Held zuerst nach seinem Hut und rettet dann die Frau.

Ja, ich verneige mich vor Indiana Jones! Wir hatten viel Spaß, diese Szenen in den Film einzuschleusen. Es war ein Gag, am Ende ist er so im Film geblieben. Wenn man ihn besser kennenlernt, weiß man: Harrison ist zuerst mal ein Schauspieler. Wenn er nicht am Set arbeitet, ist er ein sehr bodenständiger Mensch – und ein echter Kerl. Er kann Flugzeuge und Hubschrauber fliegen.

Hat er Sie mal mitgenommen?

Ja, er hat mir das angeboten, nachdem wir beide ein paar Drinks intus hatten.

Aber er ist hoffentlich nicht nach den Drinks geflogen?

Nein, wo denken Sie hin? So was würde er nie machen. Er ist sehr verantwortungsbewusst, wenn er sich ins Flugzeug setzt. Dann wird er fast zu einem anderen Menschen. Er hat mich ab und zu nach getaner Arbeit vom Set zurückgeflogen in einem Hubschrauber.

Und, wie war’s?

Ein echter Nervenkitzel.

Mr. Craig …

Daniel, bitte.

Entschuldigung, die Macht der Gewohnheit. Sie haben in der Vergangenheit mehrfach darüber geklagt, dass Sie als neuer James Bond im Internet beschimpft und verunglimpft wurden.

Das stimmt. Das ist insofern nicht ohne Ironie, weil ich, wenn ich kurz nach solchen Äußerungen online ging, auf schlimme Weise bestätigt wurde. Alle Kommentare zu meinen Äußerungen waren abermals von Hass geprägt. Das sprachliche Niveau dieser Beschimpfungen spottet jeder Beschreibung.

Anders Behring Breivik, der Attentäter des Doppelanschlags von Oslo und Utøya, hatte sich ebenfalls jahrelang mit Hass-Tiraden in Blogs geäußert. Selbst liberale Denker wie der norwegische Schriftsteller Jostein Gaarder fordern nach diesen Anschlägen, rechtsextreme Websites und Blogs schärfer als bisher zu überwachen. Teilen Sie diese Ansicht?

Jesus, nein! Meinungsfreiheit, die freie Stimme, die freie Presse sind das Fundament einer demokratischen Gesellschaft. Man muss es differenzieren. Denn Freiheit bringt auch Verantwortung mit sich. Ich denke, die Gesetzgebung müsste diesen Internet-Gesellschaften besser vorbereitet gegenübertreten. Sie müsste diese neue Technologie besser steuern, von der bis heute niemand wirklich ein umfassendes Verständnis zu haben scheint.

Ist die Freiheit des Internets unantastbar?

Alle behaupten ständig, im Internet habe jeder eine freie Stimme. Fakt ist, dass niemand im Internet eine freie Stimme hat. Die Machthaber in Syrien und anderen Despoten-Staaten benutzen das Netz ebenso wie jene Reform-Kräfte, die sich darin frei artikulieren wollen. Aber die Machthaber missbrauchen das Netz. Wenn das Internet in positiver Weise genutzt wird, kann es eine revolutionäre Kraft sein. Wenn ich persönlich ins Internet gehe, begegnen mir vor allem Hass und Lästereien. Das Internet ist nicht so frei, wie immer behauptet wird. Das ist eine völlig falsche, beschönigende Wahrnehmung des Internets. Freiheit heißt auch: mein Telefon abzustellen, meinen Computer abzuschalten, mich abzukoppeln. Ich will mich abschalten können. Das ist meine Vorstellung von Freiheit.

Das Gespräch führte Martin Scholz

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