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Neben ihrer Schauspieltätigkeit auch immer wieder als Musikerin aktiv: Katja Riemann.

Katja Riemann

„Ich kann richtig gut Schlager singen“

Schauspielerin Katja Riemann spricht im Interview über ihre Liebe zur Musik, ihre Lust an der eigenen Begeisterung und warum Frauen nicht unbedingt besser als Männer sind.

Von Christina Bylow

Frau Riemann, im Film „Mängelexemplar“, der am Donnerstag ins Kino kommt, spielen Sie eine Frau, die unter Depressionen leidet – die Mutter innerhalb eines Frauentrios aus Tochter-Mutter-Großmutter. Alle drei sind ebenso verrückt wie liebenswert.
Finden Sie nicht, dass dieser Film ein schweres Thema wie die Depression, die einen Menschen ja in den Tod schicken kann, auf eine humorvolle Weise erzählt – ohne dabei die Tiefe zu vergessen?

Ich habe den Film auch als Geschichte über völlig überlastete Mütter gesehen – man kann viel aus diesem Film herauslesen oder in ihn hineinsehen.
Die Mütter. Dahinter steckt immer noch die Frage, wie wir das alles in einem Leben untergebracht kriegen, die Frau, die Mutter, die Berufstätige, die Geliebte. Und in diesem Film sind ja auch nirgends Väter. Obwohl doch, Detlev Buck läuft durchs Bild.

Sie kennen das aus Ihrer eigenen Kindheit.
Ja, wir drei Kinder waren nach der Scheidung unserer Eltern mit meiner Mutter allein. Sie war Grundschullehrerin. Wir hatten nicht viel Geld, aber ich empfand uns nicht als arm. Weil wir unsere Bücher hatten, unsere Instrumente, den Garten.

Sie haben Ihre nun erwachsene Tochter gemeinsam mit dem Vater großgezogen – trotz Trennung. Das ist immer noch eher die Ausnahme. Was ist wichtig, damit das gelingt?
Ich finde es betrüblich, wenn man das, was man miteinander hatte, die Liebe, die Zeit, die man gemeinsam verbracht hat, einfach wegwirft und der Zorn in den Vordergrund tritt. Wenn man sein Kind liebt, dann sollte es nicht zum Druckmittel oder Ball Erwachsener werden, denn letztlich sind die Kinder jene, die am meisten darunter leiden, wenn die Eltern sich so bescheuert und pubertär verhalten. Ich glaube aber, dass das nicht mehr die Ausnahme ist.

Kommen wir auf den Film zurück: Die Tochter weiß von der Depression der Mutter gar nichts, sie wirft ihr nur Lieblosigkeit vor.
Das darf sie auch. Kinder dürfen ihren Eltern gegenüber vorwürflich sein, auch anklagend. Wo, wenn nicht bei den Eltern, dürfen sie das – ohne, dass die Liebe schwindet. Wenn bei irgendjemandem auf der Welt, dann darf man gegenüber Mama oder Papa ungerecht sein, vor allem bei Mama, und sie lieben dich trotzdem – wenn sie gesund sind. Aber fürsorglich, liebend, zugewandt zu sein, war das, was diese Frau namens Luzy, die ich spiele, nicht konnte, als ihr Kind klein war. Weil sie erkrankt war an der Depression. Und das Schöne an diesem Film ist ja, dass sie noch einmal eine zweite Chance bekommt, sich um ihr Baby zu kümmern. Sie weiß, wie sich Depression anfühlt, sie weiß, woran ihre Tochter fast zerbricht, und kann ihr helfen und sie begleiten.

Offensichtlich mochten Sie diese Figur.
Sofort. Und ich mochte auch Laura Lackmann, die Regisseurin, nicht nur im Imperfekt gesprochen. Wir haben uns über diesen Film miteinander befreundet, ich verehre sie richtig, finde sie schlau, talentiert, lustig und wahnsinnig liebenswert, und ich glaube, von ihr werden wir noch viel hören. Wir werden auch wieder zusammen arbeiten dieses Jahr.

Sie sprechen von den Regisseurinnen, mit denen Sie arbeiten, immer mit Respekt und zeigen viel Loyalität. Mit Margarethe von Trotta haben Sie drei Filme gemacht. Arbeiten Sie lieber mit Regisseurinnen als mit Regisseuren?
Ich habe gerade mit der Regisseurin Sherry Hormann darüber gesprochen. Mit ihr arbeite ich jetzt zu meiner großen Freude. Und auch in diesem neuen Projekt sind fast nur noch Frauen involviert, Sherry Hormann inszeniert, Gabriela Sperl produziert, und das gefällt mir sehr. Mit Feo Aladag werde ich auch demnächst arbeiten, sie hat ein tolles Drehbuch geschrieben zur Situation der Geflüchteten in Berlin. Ich glaube, ich bin eine der wenigen Filmschauspielerinnen, die gleichermaßen viel mit Frauen wie mit Männer gearbeitet hat. Aber mir ist immer ein bisschen unwohl, wenn ich beantworten soll, ob es Unterschiede in der Arbeitsweise gibt. Klar, Frauen und Männer sind verschiedene Leute, aber beim Film geht es um das Künstlerische, um Interpretation, Vision und auch um das Regiehandwerk.

Mehr als 300 in Deutschland arbeitende Regisseurinnen haben sich 2014 zur Initiative „Pro Quote Regie“ zusammengeschlossen. Sie sagen, dass Regisseurinnen weniger Fördergelder bekommen, mit schmaleren Budgets arbeiten müssen, überhaupt unterrepräsentiert sind.
Ich war erst skeptisch, denn wir sind ja per se nicht besser, weil wir Frauen sind. Aber trotzdem wäre es schön, wenn wir nicht besser sein müssten, um die gleichen Bedingungen zu haben und die gleichen Ziele zu erreichen. Und das ist ja tatsächlich der Ist-Zustand. Man sieht das auch an den Abschlussarbeiten der Filmhochschulen.

Hat Ihr Elan, mit dem Sie auf die Arbeit von Regisseurinnen hinweisen, mehr mit Wahlverwandtschaft zu tun als mit Politik?
Ich glaube, es hat mit meiner Begeisterungsfähigkeit zu tun und damit, dass ich kein Problem damit habe, jemandem zu sagen, dass ich ihn oder sie toll finde. Es ist ja eine Bereicherung, dass ich jemanden wie Laura Lackmann kennenlernen durfte. Dass sie jetzt in meinem Leben ist und vice versa. Das ist mir eine große Ehre. Ich finde sie toll, genauso wie Margarethe von Trotta, die ich alle paar Tage mal ansimse, ob alles in Ordnung ist. Sie lebt ja in Paris. Ich hoffe, dass sie irgendwann nach Berlin zieht, dann bin ich ein bisschen entspannter.

Seit Sie das erste Mal eine Schlagzeugerin gespielt haben im Film „Bandits“ 1997 sind Sie auch als Musikerin auf der Bühne. Die Jazzsongs in „Die abhandene Welt“ singen Sie selbst. Sie haben Heine gelesen, Sibylle Berg. Es gab auch literarische Abende mit Musik. Was reizt Sie daran?
Die Kombination aus Literatur und Musik, ist, wenn man sie thematisch positioniert, für mich eine Essenz von Kunst. Es hat ja etwas Ewigmenschliches, fast Altertümliches, jemandem etwas vorzulesen, vorzuspielen. Das gehört in unserer Gesellschaft eigentlich der Vergangenheit an.

Gibt es für Sie große Unterschiede zwischen der Schauspielerei und dem Singen?
Es kommt darauf an, wie man es betreibt. Beides sind ja darstellende Künste. In der Schauspielerei kreierst du eine Figur und agierst im besten Fall aus ihr heraus. Es ist immer eine Synergie aus der Erfindung und genau diesem Moment meines Lebens. Es ist ja meine Lebenszeit, die ich der Rolle zur Verfügung stelle. Und beim Singen bist du nicht in der Figur, sondern im besten Fall in der Geschichte dieses Liedes. Das kann die simpelste Geschichte sein. Ray Charles hat einmal gesagt, es geht immer um die Geschichte, die du erzählen willst, wenn du singst. Um die Haltung, das Gefühl dahinter, das das Publikum dann erreicht. Sonst ist es selbstverliebt. Es geht nicht ausschließlich um Virtuosität und Technik. Es geht darum, was du in der Musik findest, was sie in dir bewegt und wie du das vermittelst. Deshalb kann man ja dasselbe Stück auch so mannigfaltig spielen.

Was ist denn Ihre Musik – und was mögen Sie nicht?
Ich habe gerade im Regiedebüt von Karoline Herfurth – wieder eine Frau – eine Schlagersängerin gespielt, eine kleine Rolle und sagte zu ihr: „Ich spiele das sehr gern, aber ich möchte die Schlager selber einsingen.“ Woraufhin Karoline sagte: „Deshalb frag ich ja Dich.“ Hab ich mich gefreut. Und dann habe ich mir naturgemäß sehr viel Schlager angehört, bis es mir aus den Ohren blutete, bis ich die Haltung dahinter begriff. Und was soll ich Ihnen sagen – man soll sich ja nicht selbst loben – aber ich kann richtig gut Schlager singen… Wer hätte das gedacht!

Sie arbeiten für Ihre Text-Musik-Programme mit klassischen Musikern zusammen, auch mit Daniel Hope und Sebastian Knauer. Was lernen Sie von solchen Musikern?
Ach, ich weiß das gar nicht, manchmal ist Lernen auch ein indirekter Vorgang. Erstmal ist da Bewunderung, wenn ich ihnen zuhöre. Ich habe sie einmal nach einem Konzert gefragt, ob sie die Bluenotes dazu erfunden hätten, das könne doch nicht in den Noten stehen, doch, es steht schon alles da, antworteten sie grinsend, aber die Art und Weise, wie sie das Notierte spielen, macht den Unterschied und hat mich tief erfüllt und bereichert. Durch solche unmittelbaren Erfahrungen oder Erlebnisse lernt man ja auch, oder?

Bewundern Sie die Autonomie solcher Musiker? Als Schauspieler ist man immer abhängig.
Nein, Musiker sind auch abhängig, im Orchester braucht jeder den anderen. Man sollte zwischen darstellenden und bildenden Künstlern unterscheiden, Bildhauer und Maler sind autonom. Mein Mann ist ja Bildhauer, der steht monatelang allein vor seinem Stein. 30 Tonnen Granit... Am Ende dann noch zwölf Tonnen. Er liebt das. Doch Bildhauern, und ich kenne inzwischen einige, sitzt natürlich das Wort nicht ganz vorne auf der Zunge. Die Verbindung von bildenden und darstellenden Künstlern macht Sinn, finde ich, man befruchtet sich gegenseitig. Es gibt viele Schauspielerinnen, die mit Malern oder Bildhauern zusammen sind. Angela Winkler, Meryl Streep, Barbara Sukowa. Die Frauen reden, die Männer schweigen, ich vereinfache, aber die Männer brauchen uns, allein schon für ihren Kreislauf (lacht) – und wir brauchen auch jemanden, der sagt: Ja, aha. Und dann ist der Satz schon zu Ende.

Sind Sie die Außenministerin in Ihrer Beziehung?
Nein, und ich bin auch nicht die Übersetzerin oder die Agentin nach außen, gar nicht. Wir haben ähnliche Annäherungen an unsere Kunst, obwohl man als Schauspieler mit sich selbst umgeht und der Bildhauer einen Abstand hat zwischen sich und seinem Werk. Bei Schauspielern liegt das Missverständnis nahe, ihn mit der Rolle zu verwechseln und umgekehrt. Hab ich immer mal wieder erlebt. Ist aber bei Schriftstellern unter Umständen auch so.

Von Außenstehenden werden Sie mit Ihren Rollen verwechselt?
Ja, von außen. Ob ich auch so bin, ob ich das auch so machen würde wie diese oder jene Figur. Dabei führt das nirgendwo hin. Diese Fragen stelle ich mir gar nicht in der Vorbereitung. Je weiter eine Figur entfernt ist von meinem eigentlichen Sein, umso besser. Wenn man in den Beruf einsteigt, ist eine Identifikation mit der Rolle manchmal gut und wichtig, aber irgendwann spielst du eben nicht mehr die Mädchen mit dem Diminutiv im Namen, Gretchen, Lieschen, Käthchen, Evchen, und wie sie alle heißen.

Ihre Bewunderung für junge Leute ist auffallend, andere sehen die Jungen als Konkurrenz oder belächeln sie.
Es gibt so viele liebenswerte und talentierte junge Kollegen und ich arbeite sehr gern mit ihnen. Jungsein ist wahnsinnig intensiv, weil alles zum ersten Mal passiert. Die erste Not, die erste Verzweiflung, der erste Zusammenbruch, das erste Engagement, der erste Schnee. Da ist alles intensiver, der Geschmack, die Temperatur. Wenn man aber schon so alt ist und so verrottet wie wir hier – (lacht) nein – sich die Freude, den Genuss, die Neugier, die Empfindsamkeit gegenüber Menschen und Situationen zu bewahren – das macht das Leben doch lebenswert und komplex.

Mit dem branchenüblichen Jammern über das Älterwerden geben Sie sich nicht ab.
Man wird ja nicht nur als Schauspielerin älter, man wird auch als Koch älter oder als Taxifahrer.

Aber Taxifahrer und Köche werden wegen ihres Alters nicht abgestempelt. Schauspielerinnen werden oft „alt gemacht“.
Ich habe das nicht erlebt, dass ich abgestempelt werde oder wurde zu irgendwas. Vielleicht steht das irgendwo, aber das lese ich dann nicht. In meinem tatsächlichen Leben, sowohl in meinem Privatleben als auch in meinem Beruf, habe ich nicht das Gefühl, dass mich irgendjemand abstempelt. Und was ich dazu zu sagen hätte, habe ich in meiner kleinen Rede bei der Gala des Deutschen Filmpreises voriges Jahr gesagt. Ich sollte den Preis für den Besten Hauptdarsteller überreichen. Da habe ich die Filmakademie vorher angerufen und gefragt, ob ich den Preis nicht auch der Besten Hauptdarstellerin überreichen könnte. Warum ist das überall so, dass die Frauen den Männern den Preis überreichen sollen und die Männer den Frauen? Ich weiß doch viel besser, was es heißt, eine Hauptdarstellerin zu sein, als ein Hauptdarsteller. Ich wollte dort von einer Situation erzählen, ohne Vorwürflichkeit. Die Vorwurfshaltung, die in einer bestimmten deutschen Mentalität verankert ist, die geht mir so dermaßen auf die Nerven. Dieses vorwürfliche Anklagen und Jammern, sich selbst dabei selbstredend ausnehmend. Und so habe ich gesagt: „Im Lauf eines Schauspielerinnenlebens werden wir wahrscheinlich alle irgendwann einen Brief erhalten, in dem es heißt: „Liebe Frau Riemann/Schmidt/Schulze, wir möchten Ihnen die Rolle der Mutter anbieten.“ Und die Mutter hat dann auch gar keinen Rollennamen mehr. Denn es ist die Mutter! Wollen wir hoffen, dass wir als Schauspielerinnen im Laufe unserer Karriere mehr werden als Mütter.“

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