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"Ich bin immer noch der Junge aus Liverpool"

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Paul McCartney vor einer Schar von Journalisten.
Paul McCartney vor einer Schar von Journalisten. © (c) 2012 MPL Communications Ltd/ Photographer: Michelle Beatty

Paul McCartney über die Klänge seiner Kindheit, Fünf-Finger-Übungen am Klavier, das Älterwerden und warum er die Queen dem britischen Premier David Cameron vorzieht

Von Martin Scholz

Der Mann in dem hell leuchtenden rosa Hemd sieht nicht aus wie jemand, der in wenigen Monaten 70 wird. Vor 20 Jahren trug er noch eine bereits graumelierte Vokuhila-Frisur, heute sind seine Haare nachgedunkelt. Nein, Paul McCartney sieht nicht alt aus. Nur wenn er länger redet, weit ausholt mit seinen Erklärungen und ihm dabei manchmal die Stimme ein bisschen wegbricht, merkt man, dass hier ein älterer Mann spricht. Aber das ist seine Sprechstimme.

Wenn er singt, egal ob auf der Bühne oder im Studio, kann er offenbar immer noch eine scheinbar zügellose Energie abrufen. McCartney sitzt am Ende eines langen Tisches im Souterrain eines Designer-Hotels in der Nähe des Londoner Hyde Park. Vor ihm eine Gruppe Journalisten aus den unterschiedlichsten Ländern. Wenn einer der Fragesteller zu lange abschweift, kann es passieren, dass der Ex-Beatle ungeduldig an seinen Nägeln kaut. Er ist hierher gekommen, um zu erklären, warum er wieder mal etwas gemacht hat, das man von ihm so nicht erwartet hätte. Für sein neues Album „Kisses On The Bottom“ (es erscheint am 3.Februar), hat er Jazz- und Swing-Songs aus den 40ern wie „Bye, Bye Blackbird“ neu aufgenommen. Es sind Lieder, die ihm sein Vater einst vorgespielt hatte, damals in Liverpool. Lieder, die ihn viel später zu Klassikern wie „When I´m 64“ inspiriert haben. Eine Reise in die Vorvergangenheit also, in die Zeit vor den Beatles.

Mr. McCartney, als Sie Anfang 20 waren, haben Sie mal gesagt: Sollte ich diesen Job noch machen, wenn ich die 30 überschritten habe, wäre das Mitleid erregend. Am 18. Juni werden Sie 70…

Der Satz, den Sie zitieren, gibt die Sicht eines jungen Mannes wieder. Aber damals dachte ich tatsächlich: „30, Mann das ist wirklich alt.“ Heute denke ich: „30 – das ist atemberaubend jung.“ Ich erinnere mich noch an die frühen Jahre, als John Lennon und ich uns über einen 24-Jährigen lustig machten, der mit John aufs Art College ging. Der Bursche tat uns damals verdammt leid – denn er sah, wie wir fanden, wirklich alt aus mit seinem Drei-Tage Bart. Wir fanden ihn erbärmlich. Wir waren 16 und dachten: „Wir sind cool, und er ist alt.“ Ich merkte dann aber schnell, dass das nicht stimmte. Der 24-Jährige war, wie sich später herausstellte, sehr nett und sehr jung. Aber ich muss zugeben: Ich hätte mir damals nie vorstellen können, dass ich in meinem jetzigen Alter noch auf diesem Level singen und auftreten würde.

Was treibt Sie an, immer noch in Stadien aufzutreten, neue Alben aufzunehmen?

Was soll ich sagen?! Es hört einfach nicht auf, mir Spaß zu machen. Letztes Jahr war ich auf Tournee in Südamerika, die Zuschauer waren völlig entfesselt, das war mit das Beste, was ich je erlebt habe. Wenn ich dann auf die Bühne gehe, und auf diese überwältigende Weise empfangen werde, dann fällt es mir sehr schwer in Rente zu gehen. Obwohl ich inzwischen ja über 30 bin. (lacht)

Haben Sie eine Vorstellung, wie lange Sie das noch machen werden?

Sehen Sie, jedes Mal, wenn ich auf Tournee gehe, fragt irgendwer: „Ist das Ihre letzte Tournee?“ Ich weiß ja nicht, ob sich manche insgeheim wünschen, dass es meine letzte wäre. Vielleicht ist es auch nur ein Gerücht, dass skrupellose Promoter immer wieder in die Welt setzen. „Kommt, seht euch McCartney ein letztes Mal an. Letzte Chance, ihn live zu erleben.“ Ich mache so lange weiter, wie mich die Leute sehen wollen. Bis heute beende ich jedes meiner Konzerte mit dem Satz „See you next time.“ Und das meine ich so.

Reden wir ein bisschen über Väter und Söhne. Ihre neue CD ist eine Hommage an die Jazz- und Vaudeville-Musik der 40er und 50er Jahre, die Ihr Vater Jim oft hörte und selbst interpretierte. Er spielte Trompete und Klavier, gab eine Zeitlang mit einer eigenen Band Konzerte…

…aber er selbst hielt sich für einen schlechten Musiker. Er sagte immer: Ich bin doch nur ein Amateur. Er hat sich die Songs immer selbst beigebracht, er lernte Lieder und Melodien einfach durchs Hören.

In Ihrer Autobiographie „Many Years From Now“ schreiben Sie, Sie hätten es sich sehnlichst gewünscht, dass Ihr Vater Ihnen als Musiker etwas beigebracht hätte. Warum hat er das nie gemacht?

Eben weil er sich selbst nicht für gut genug hielt. Als ich begann, mich für Musik zu interessieren, habe ich ihn wirklich oft gebeten: „Dad, kannst du mir nicht ein paar Lieder beibringen?“ Er sagte jedes Mal: „Nein, nein, du sollst Musik richtig lernen.“ Damit hat er es mir zunächst sehr schwer gemacht, denn das bedeutete: Ich musste zum Klavierunterricht gehen. Ich habe dann in meinem Leben dreimal versucht, Musik „richtig“ zu lernen – und habe es nie geschafft.

Warum nicht?

Weil ich im Unterricht nie jene Klänge hörte, die mir ständig in meinem Kopf herumschwirrten. Als ich das erste Mal Musikunterricht nahm, saß da immer eine alte Lady vor mir – eine typische Klavierlehrerin. Ich meine: Sie gab mir Hausaufgaben! Ich hasste das. Mit 16 nahm ich trotzdem einen neuen Anlauf – diesmal mit einem jüngeren Lehrer. Aber auch er brachte mich zurück zu den Fünf-Finger-Übungen. Nur hatte ich zu dem Zeitpunkt bereits den Song „When I´m 64“ geschrieben…

Auch eine Hommage an Ihren Vater, die Sie erst später auf dem „Sgt. Pepper“-Album mit den Beatles aufnahmen.

Ja. Aber in dem Musikunterricht wollte ich damals natürlich keine Rückschritte machen, aber genauso kam es mir vor. Mit 21, als ich schon bei den Beatles war, versuchte ich ein letztes Mal, „richtig“ Musik zu lernen. Bei einem Lehrer der renommierten Guildhall School of Music in London. Er war ein guter Lehrer, aber es wurde wieder nichts. Letztendlich glauben wohl alle Musiklehrer, dass sie dir erst mal grundlegende Kenntnisse vermitteln müssen. Und das war nichts für mich. Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits Lieder wie „Eleanor Rigby“ geschrieben, und da wollte ich erst recht nicht wieder mit Fünf-Finger-Übungen anfangen. Wenn ich heute als junger Mensch noch mal mit Musikunterricht anfangen würde, hätte ich vermutlich mehr Glück.

Warum?

Weil Musiklehrer ihre Schüler heute anders behandeln und nicht mehr so streng sind. Sie bringen ihnen heute Lieder, die angesagter sind. Musik „richtig“ zu lernen, war also nichts für mich. Aber mein Vater war ein großartiger Mensch. Wenn ich diese alten amerikanischen Swing- und Jazz-Lieder aus den 40er und 50ern höre, die ich für meine neue CD aufgenommen habe, muss ich immer an meinen Vater denken. Dann sehe ich ihn vor mir, wie er sich bei uns zu Hause in Liverpool ans Klavier setzte und losspielte. Am Neujahrstag hat er das immer gemacht. Das hatte bei uns Tradition. Ich fand immer, dass er ein sehr guter Musiker war – obwohl er selbst stets das Gegenteil behauptete. Ich liebte seinen Stil. Und ich war fasziniert von den Harmonien, die er spielte - ohne genau zu wissen, wie sie entstanden.

Sie selbst haben oft gesagt, wie groß der Einfluss von Little Richard oder Elvis auf Sie war. In wieweit haben diese Jazz- und Swing-Klänge Sie geprägt?

Sie waren immer irgendwie unbewusst im Hintergrund, wenn John und ich unsere Songs schrieben. Das waren eben die Lieder, die wir beide oft zu Hause gehört hatten. Und das machte sich bemerkbar, wenn wir unsere eigenen Lieder schrieben. Der Beatles-Song „Honey Pie“ beispielsweise ging auf die Hollywood-Ära zurück. „Here, There and Everywhere“ orientiert sich ebenfalls stark an diesen alten Songs. Viele Beatles-Songs sind in ihren Strukturen von diesen alten Liedern beeinflusst – einfach deshalb, weil John und ich sie so gut kannten. Das hat uns zusammengeschweißt. Wir haben uns immer vor diesen Liedern verneigt, wenn wir eigene Songs schrieben und diese Einflüsse mit Rock´n´Roll vereinten.

Bei den Beatles pendelten Sie zwischen Extremen, mal schrien Sie sich die Lunge aus dem Leib bei „Long Tall Sally“, mal säuselten Sie „Yesterday“. Bei den Jazz- und Swing-Liedern zeigen Sie sich jetzt die ganze Zeit von Ihrer soften Seite. Es ist aber eine andere Sanftheit als bei Pop-Balladen – Sie singen sehr leise, müssen dabei trotzdem eine Spannung halten. So hat man Sie noch nicht oft gehört. Fiel Ihnen dieser Genre–Wechsel leicht?

Am Anfang hatte ich, ehrlich gesagt, keine Ahnung, wie ich mit diesen Liedern umgehen sollte. Da stand ich dann mit Jazz-Größen wie Diana Krall und John Clayton in den legendären Capitol Studios in Los Angeles, wo Sinatra, Nat King Cole und Dean Martin gearbeitet hatten, und war zunächst ein bisschen eingeschüchtert. Ich stand mit Diana quasi Wange an Wange und legte beim ersten Versuch mit einer sehr lauten Stimme los: „Heaven, I´m in Heaven“ – ich war wirklich sehr laut. Als ich die Aufnahme kurz danach anhörte, dachte ich nur: „Oh mein Gott, das klingt ja furchtbar.“

Peinlich?

Ich fühlte mich sehr unwohl, all diese großartigen Jazz-Musiker um mich herum spielten großartig – nur mein Gesang war einfach furchtbar.

Wie haben Sie sich da rausgewunden?

Ich habe mich an meinem frühen Idol Fred Astaire ein Beispiel genommen. Sein Gesangsstil ist sehr interessant. Viel denken ja, Astaire sei ein lausiger Sänger gewesen - aber das stimmt nicht. Er konnte Songs gut verkörpern, er konnte sie verkaufen – und zwar mit dieser kleinen Stimme, mit der er leise direkt ins Mikro sang. Leise, aber ausdrucksstark. Auf diese Weise habe ich versucht, dem Album eine Signatur, eine Atmosphäre zu geben. Es ist ein bisschen wie mit diesem neuen Film, „The Artist“. Ich finde ihn großartig. Das ist die Ära, die ich liebe.

Was genau fasziniert Sie daran?

Dieser Reichtum an Ausdrucksformen, das ist für mich eine Ära der intelligenten Kunst. Wie auch immer: Am Ende der Aufnahmen habe ich erkannt: Leise singen strengt viel weniger an, denn die hohen Noten sind auf einmal gar nicht mehr so hoch. Durch diese Gesangstechnik habe ich meine Blockade abgebaut, bekam einen Zugang zu diesen Songs.

Mr. McCartney, für viele Ihrer Landsleute sind Sie weit mehr als der erfolgreichsten Pop-Stars aller Zeiten. In Großbritannien werden Sie als nationale Ikone verehrt, nur die Queen ist noch populärer als Sie. Gefällt Ihnen diese Wahrnehmung?

Das ist zunächst einmal sehr eigenartig. Wissen Sie, tief in meinem Innern bin ich immer noch ein Junge aus Liverpool. Aber, wenn die Menschen mich auf diese Art wertschätzen, kann ich ja schlecht sagen: „Britische Ikone? Nein danke! Will ich nicht sein.“ Auch wenn das die Wahrheit ist. Ich wollte so was nie sein. Ich sehe diese Art der Verehrung so: Es ist eine Art, mir zu sagen, 'Das hast du gut gemacht, Junge'. Insofern musst du es akzeptieren und dankbar dafür sein.

Wenn es um britische Strahlkraft geht, sind an Sie immer besondere Erwartungen geknüpft. Zurzeit wird spekuliert, man könnte auch sagen, gehofft, dass Sie im Sommer bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London auftreten. Haben Sie sich darüber schon Gedanken gemacht?

Man müsste mich zuerst einmal fragen. Es ist ja nicht so, dass ich jetzt einfach die Organisatoren anrufen und sagen könnte: Hey, ich will bei den Olympischen Spielen auftreten.

Wenn sich jemand so etwas herausnehmen könnte, dann vermutlich Sie, oder?

Meinen Sie? Okay, dann ruf ich doch mal an. Nein, im Ernst. Es ist interessant, dass Sie das Thema jetzt ansprechen, denn ich werde mich morgen mit den Verantwortlichen zusammensetzen und darüber sprechen. Es gibt offenbar Vorstellungen, was ich machen könnte. Ich weiß noch nichts Genaues. Wir werden es bald wissen.

In diesem Jahr steht noch ein anderer Tag von nationaler Bedeutung an: das 60-jährige Kronjubiläum der Queen. Sie waren schon vor zehn Jahren beim Konzert am Buckingham Palace dabei. Werden Sie wieder mitmachen?

Kann schon sein. Die Leute fangen gerade erst an, darüber zu sprechen. Ich bin ein großer Fan der Queen. Sie macht einen großartigen Job.

Das kann man auch anders sehen: Viele lästern, die Monarchie sei nicht mehr zeitgemäß.

Ich weiß, ich kenne das Gejammer: „Oh je, die Monarchie“. Ich sage den Kritikern dann immer: „Was ist denn die Alternative dazu? Wollt Ihr lieber David Cameron?“ So sehr wir ihn auch lieben mögen, weiß ich nicht, ob ich möchte, dass Cameron ganz Großbritannien repräsentiert. Egal. Wenn man mich fragt, bei der Feier zum Queen-Jubiläum aufzutreten, kann ich mir vorstellen, dass ich mitmache. Ich erinnere mich noch gut an meinen letzten Auftritt zu ihrem 50-jährigen Kronjubiläum. Wir Musiker standen in einer Reihe in ihrem Garten und warteten darauf, dass sie kam, um jedem die Hand zu schütteln. Irgendwann stand sie direkt neben mir. Ich dachte mir: „Na gut, ich kenne sie schon seit Jahren, da kann ich mich ihr gegenüber ein bisschen unverkrampfter geben.“

Was meinen Sie damit?

Ich sagte: „Majestät, wo wollen wir dieses Fest denn im nächsten Jahr wiederholen?“ Daraufhin die Queen: „Aber nicht in meinem Garten!“

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